{"id":1144,"date":"2017-04-12T16:06:19","date_gmt":"2017-04-12T14:06:19","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1144"},"modified":"2018-03-22T22:20:03","modified_gmt":"2018-03-22T21:20:03","slug":"humor-aus-dem-leitz-ordner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1144","title":{"rendered":"Humor aus dem Leitz-Ordner"},"content":{"rendered":"<h2>Zu Besuch bei Gerhard Henschel, dem Autor der Martin-Schlosser-Romane<\/h2>\n<p>Nacht f\u00fcr Nacht im Keller eines Einfamilienhauses in einer nieders\u00e4chsischen Kleinstadt s\u00fcdlich von L\u00fcneburg: Der Schriftsteller Gerhard Henschel legt Leonard Cohen oder William Byrd auf, setzt sich an seinen Schreibtisch und f\u00e4ngt an zu schreiben. \u00bbNach drei bis vier Stunden habe ich anderthalb Buchseiten fertig, nach anderthalb Jahren einen weiteren Roman\u00ab, erz\u00e4hlt Henschel. Seine Romanchronik sucht in der Literaturgeschichte ihresgleichen. Anhand des Lebens seines Protagonisten Martin Schlosser &#8211; Henschels Alter Ego &#8211; entfaltet der 1962 Geborene eine Chronik der Bundesrepublik Deutschland. Soeben ist der siebte Teil seines autobiografischen Mammutprojektes erschienen. Er tr\u00e4gt den Titel \u00bbArbeiterroman\u00ab &#8211; und beginnt so:<!--more--><\/p>\n<p>\u00bbIn meinem Arbeitszimmer konnte ich um halb f\u00fcnf Uhr morgens mein Spiegelbild betrachten: Martin Schlosser, 25, Studienabbrecher, M\u00f6chtegernschriftsteller, wohnhaft in Oldenburg, Nadorster Stra\u00dfe 157. Niemand kennt ihn. Zurzeit muss er seinen Unterhalt noch als Hilfskraft in der Spedition Rhenus verdienen, doch er schreibt an seinem ersten Buch, schon seit anderthalb Jahren, und bald wird es fertig sein &#8230;\u00ab<\/p>\n<p>Und es geht weiter mit Selbstzweifeln:<\/p>\n<p>\u00bbWas sollte werden, wenn ich mich get\u00e4uscht hatte? In mir selbst? \u203aMartin, wird der nicht n\u00e4chstes Jahr f\u00fcnfzig? Soweit ich wei\u00df, krebst der noch immer als Hilfsarbeiter rum. Feilt wahrscheinlich jede Nacht an dem Opus Magnum, das er f\u00fcr seine Schublade schreibt &#8230;\u2039\u00ab<\/p>\n<p>Knapp 30 Jahre sp\u00e4ter empf\u00e4ngt Gerhard Henschel Journalisten in seinem Haus in Klein B\u00fcnstorf, einer Eingemeindung des knapp 10 000 Einwohner z\u00e4hlenden St\u00e4dtchens Bad Bevensen. Martin Schlosser alias Gerhard Henschel hat es also geschafft: Sein Opus Magnum ist inzwischen auf 4000 Seiten angewachsen, erscheint im renommierten Hamburger Hoffmann &amp; Campe Verlag und wird positiv rezensiert.<\/p>\n<p>Sein Haus befindet sich in einem Neubaugebiet ohne Stra\u00dfennamen, au\u00dferhalb von Bad Bevensen. Henschel hat hier schon einmal in einem ehemaligen Bauernhaus gewohnt. Nach wenigen Jahren in Brandenburg ist er vor knapp zwei Jahren zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern wieder hierhin gezogen. Ein Grund: Das neue Haus in Bad Bevensen bietet einen ger\u00e4umigen Keller. Und den braucht es. In ihm muss das Martin-Schlosser-Archiv seinen Platz finden.<\/p>\n<p>Denn Henschel ist ein leidenschaftlicher Archivar seines eigenen Lebens. In Hunderten von durchnummerierten Leitz-Ordnern hat er die schriftlichen Spuren seines Lebens und das seiner Familie abgelegt. T\u00e4glich kommen Unterlagen hinzu. \u00bbIch drucke E-Mails aus und archiviere sie. Papier ist das sicherste Speichermedium\u00ab, sagt er. Auch Bibliothekszettel, Rechnungen, die Schulhefte seiner Kinder oder den schriftlichen Nachlass von verstorbenen Familienmitgliedern archiviert er hier. In dem Archiv befinden sich auch die Liebestageb\u00fccher einer Schwester Henschels, Kinderzeichnungen, Fotoalben und &#8211; der Lieblingsordner &#8211; eine Sammlung von Beipackzetteln der Medikamente seiner Mutter. Und vor allem befindet sich hier der Briefwechsel seiner Eltern. Aus diesem komponierte Henschel den Briefroman \u00bbDie Liebenden\u00ab, der 2002 erschien und die Kritiker begeisterte. Der Schriftsteller Stephan Wackwitz urteilte \u00fcber dieses Werk des bis dato als Satiriker und Sachbuchautor bekannten Henschel: \u00bbEines der r\u00fchrendsten, artistischsten und intelligentesten B\u00fccher, die ich seit Langem gelesen habe.\u00ab Und die \u00bbNeue Z\u00fcrcher Zeitung\u00ab schrieb: Die Liebesgeschichte von Ingeborg und Richard Schlosser \u00bbentwerfe aus den banalen Gegebenheiten der Alltagssituation ein dichtes Bild der gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland von 1940 bis 1993.\u00ab Es ist die traurige Geschichte einer Ehe der Kriegsgeneration und des Wirtschaftswunders in der Bundesrepublik. Man hofft auf bessere Zeiten, schiebt Bed\u00fcrfnisse auf &#8211; so lange, bis man materiell alles hat, aber die Liebe zwischen Einmachgl\u00e4sern, Windeln und Hypotheken erkaltet ist.<\/p>\n<p>Der Briefroman ist auch der erste Roman von Henschel, in dem Martin Schlosser, das dritte Kind von Ingeborg und Richard, die B\u00fchne betritt. Die Idee dazu hatte Henschel allerdings schon vorher: \u00bb1996 las ich zum x-ten Mal \u203aTadell\u00f6ser und Wolff\u2039 von Walter Kempowski, und ich dachte mir, so etwas k\u00f6nne ich doch auch f\u00fcr meine Generation schreiben\u00ab, erz\u00e4hlt er.<\/p>\n<p>Kempowskis wohl bekanntestes Werk ist Teil der neunb\u00e4ndigen \u00bbDeutschen Chronik\u00ab, in der der 2007 verstorbene Autor anhand seiner Familie autobiografisch die Geschichte des Niedergangs des deutschen B\u00fcrgertums im 20. Jahrhundert beschreibt. W\u00e4hrend der \u00e4ltere Kempowski jedoch Zeitgenosse von Faschismus, Zweitem Weltkrieg, DDR und fr\u00fcher Bundesrepublik war, ist es beim j\u00fcngeren Henschel die \u00bbgro\u00dfe Sensationslosigkeit\u00ab der Bundesrepublik der 1970er und 80er Jahre in der Provinzstadt Meppen. Nicht nur die Idee zu seinem Romanwerk gab Kempowski Henschel. Auch f\u00fcr den lakonischen, sich aus kurzen Erinnerungspartikeln zusammensetzenden Erz\u00e4hlstil und f\u00fcr die Archivierlust d\u00fcrfte Kempowski Pate gewesen sein. Wenngleich Henschel noch eine weitere Pr\u00e4gung f\u00fcr die Sammelleidenschaft nennt. \u00bbMein Vater ist Kriegsheimkehrer gewesen, er hat alles gehortet und konnte nichts wegwerfen.\u00ab<\/p>\n<p>Sechs bis sieben Jahre brauchte Henschel, bis sein erster Martin-Schlosser-Roman 2004 erschien: \u00bbKindheitsroman\u00ab. Es folgten der \u00bbJugendroman\u00ab, \u00bbLiebesroman\u00ab, \u00bbAbenteuerroman\u00ab, \u00bbBildungsroman\u00ab, \u00bbK\u00fcnstlerroman\u00ab und jetzt der \u00bbArbeiteroman\u00ab. Konzipiert war das so zun\u00e4chst nicht. \u00bbUrspr\u00fcnglich hatte ich nur den \u203aKindheitsroman\u2039 geplant. Dann habe ich jedoch Spa\u00df an der Arbeit gefunden und gedacht, da k\u00f6nnte man noch etwas dranh\u00e4ngen und dann noch etwas.\u00ab Bis dato hat er den ersten 500 Seiten sechs B\u00e4nde und 3500 Seiten folgen lassen. Und der Autor sitzt bereits am Manuskript des n\u00e4chsten Teiles &#8211; dem \u00bbDorfroman\u00ab &#8211; und bereitet den \u00fcbern\u00e4chsten vor, er sichtet sein Archiv, w\u00e4hlt aus und baut sich ein Zeitger\u00fcst.<\/p>\n<p>Henschels archivarischer Eifer, seine systematische Arbeitsweise erinnern an die eines Buchalters, die Regalw\u00e4nde mit Hunderten aufgereihter Leitz-Ordner, die er w\u00e4hrend der Besichtigung zeigt, best\u00e4tigen diesen Eindruck. Doch seine B\u00fccher haben nichts von dem, was man f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit Akribie und Archiven assoziiert: Langeweile, Pedanterie, Trockenheit. Im Gegenteil: Eine vergn\u00fcglichere Lekt\u00fcre muss man lange suchen. Es zeigt sich, dass Henschel nicht nur bei Kempowski in die Schule gegangen ist, sondern auch bei Eckhard Henscheid, und er hat eine Vergangenheit als Satiriker im Umfeld der Neuen Frankfurter Schule und als Redakteur der Zeitschrift \u00bbTitanic\u00ab. Man kann sein Schaffen als die Geburt des lakonischen Humors aus dem Leitz-Ordner bezeichnen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sind die Romane Zeitreisen in die 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Werbespr\u00fcche, Fernsehserien, politische Ereignisse, Musik und B\u00fccher aus der Zeit werden eingeflochten. F\u00fcr Altersgenossen hat das einen enormen Wiedererkennungseffekt. \u00bbAuf jeder zweiten Lesung &#8211; und ich erkenne das sofort &#8211; kommt ein Ehepaar zu mir und erz\u00e4hlt, dass sie sich die Romane im Bett vorlesen\u00ab, erz\u00e4hlt er. Aber zu seinen Lesungen kommen auch 20 Jahre \u00e4ltere und j\u00fcngere Leser.<\/p>\n<p>20 Leitz-Ordner hat Henschel bereits in die Martin-Schlosser-Romane eingearbeitet, ein paar Hundert harren der Bearbeitung. Nat\u00fcrlich stellt sich die Frage nach der Authentizit\u00e4t, wie viel ist real, wie viel Fiktion? Henschels knappe Antwort: \u00bb120 Prozent sind real.\u00ab Ausgenommen die Namen &#8211; sofern es Familienmitglieder und Freunde sind, Personen der Zeitgeschichte tauchen mit ihrem richtigen Namen auf. Die Schriftstellerkollegen G\u00fcnther Willen und Michael Rutschky bekamen gar die M\u00f6glichkeit, Passsagen zu redigieren, in denen sie auftauchen. \u00bbIch glaube nicht, dass es viele Schriftsteller gibt, die ihre Figuren zur Mitarbeit auffordern.\u00ab<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kennen auch Henschels \u00bbgusseisernes Ged\u00e4chtnis\u00ab und sein Archiv Grenzen. Zum Beispiel konnte er f\u00fcr den \u00bbArbeiterroman\u00ab nicht mehr rekonstruieren, wie er von Meppen nach Nordhorn gekommen ist. \u00bbDann habe ich einen Kursbuchsammler angeschrieben, der sagte mir: mit dem Bus.\u00ab Seine Faktentreue geht also tats\u00e4chlich sehr weit. Doch nat\u00fcrlich verdichtet Henschel und l\u00e4sst Sachen aus. Beispielsweise, dass er als 13- bis 18-J\u00e4hriger die monatlich erscheinende Zeitschrift \u00bbDer Monat. Nachrichtenmagazin der Familie Henschel und Verwandtschaft\u00ab herausgab, f\u00fcr die er als alleiniger Autor t\u00e4tig war. Auflage: ein Exemplar, der Umfang immerhin 15 bis 30 Seiten. Berichtet wurde \u00fcber den Tod des Hamsters, Urlaubsreisen oder verlorene Z\u00e4hne. Der Autor hat sie f\u00fcr den Besucher bereitgelegt. \u00bbDas in die Martin-Schlosser-Romane aufzunehmen w\u00e4re zu viel gewesen.\u00ab<\/p>\n<p>Henschel hat f\u00fcr die Journalisten neben Ausgaben der Familienzeitschrift auch Fotoalben aus der Zeit seines j\u00fcngsten Romans herausgesucht. Wenn man in ihnen bl\u00e4ttert, sieht man Szenen, die man als Leser vor dem inneren Auge hatte: die Freundin Andrea, die auf einer Familienfeier einen Bauchtanz auff\u00fchrt, Andrea und Martin vor der frisch bezogenen Haush\u00e4lfte in Heidm\u00fchle. Am beeindruckendsten jedoch: die krebskranke Mutter im K\u00f6lner Krankenhaus. Henschels j\u00fcngstes Buch hat eine neue Note. Es ist phasenweise tieftraurig. Nicht nur die Mutter stirbt, sondern auch der Cousin Gustav. Zudem gleitet der verh\u00e4rmte Vater in Depressionen und Alkoholismus ab, Freundin Andrea trennt sich von Martin. \u00bbFamilientrag\u00f6dienroman\u00ab w\u00e4re auch ein guter Titel gewesen, w\u00e4re er nicht zu sperrig.<\/p>\n<p>\u00bbSo lange, als dat goot geit\u00ab wird Henschel Nacht f\u00fcr Nacht in sein Arbeitszimmer gehen und an den Schlosser-Romanen weiterschreiben &#8211; bis er sein Gegenwartsleben eingeholt hat. Und wer wei\u00df? Vielleicht wird in einem in 15 Jahren erscheinenden Roman stehen, mit welch neugierigen Fragen Journalisten Martin Schlosser w\u00e4hrend eines Hausbesuches nervten.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1047445.humor-aus-dem-leitz-ordner.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 8.4.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Besuch bei Gerhard Henschel, dem Autor der Martin-Schlosser-Romane Nacht f\u00fcr Nacht im Keller eines Einfamilienhauses in einer nieders\u00e4chsischen Kleinstadt s\u00fcdlich von L\u00fcneburg: Der Schriftsteller Gerhard Henschel legt Leonard Cohen oder William Byrd auf, setzt sich an seinen Schreibtisch und &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1144\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Zu Besuch bei Gerhard Henschel, dem Autor der Martin-Schlosser-Romane","footnotes":""},"categories":[172],"tags":[146],"class_list":["post-1144","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur","tag-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1144","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1144"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1144\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1145,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1144\/revisions\/1145"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}