{"id":1146,"date":"2017-04-28T16:08:48","date_gmt":"2017-04-28T14:08:48","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1146"},"modified":"2018-03-22T22:19:52","modified_gmt":"2018-03-22T21:19:52","slug":"gluecklich-ist-wer-vergisst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1146","title":{"rendered":"Gl\u00fccklich ist, wer vergisst"},"content":{"rendered":"<h2>Christoph Heins neuer Roman \u00bbTrutz\u00ab handelt vom Erinnern und Vergessen im Jahrhundert der Extreme<\/h2>\n<p>Gl\u00fccklich sei nur, wer vergessen k\u00f6nne, hei\u00dft es in einem Operettenlied, dessen Partitur die junge Geta Gejm in einer Sammlung von Klavierausz\u00fcgen findet. Dieses Lied studiert sie \u00fcbergl\u00fccklich ein, um es fortan ihren Eltern, ihrem Bruder Rem und seinem Freund Maykl Trutz vorzuspielen. Es ist ein Akt der Rebellion. Denn ihr Vater ist Waldemar Gejm, ein Mathematiker und Sprachwissenschaftler in der Sowjetunion, der sich der vergessenen Wissenschaft des Erinnerns verschrieben hat: der sogenannten Mnemonik. <!--more-->Diese Ged\u00e4chtniskunst, die mit Merkhilfen operiert und bereits im antiken Griechenland bekannt war, m\u00f6chte er spielerisch seinen Kindern beibringen. Doch im Gegensatz zu Rem und Maykl hat die kleine Geta keine Lust auf das, wenngleich spielereiche, so doch disziplinierte Training und auf Begriffe wie Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, Merkspanne oder Ged\u00e4chtniskapazit\u00e4t. Es ist eine Ironie, dass das Loblied auf das Vergessen zum Familienlied des Mnemonikers Gejm und seiner Familie wird.<\/p>\n<div class=\"Content-Ad\">Und es ist das zentrale Sujet des neuen Romans von Christoph Hein. Am Ende des Romans, Jahrzehnte sp\u00e4ter, wird Maykl Trutz, der sich als talentiertester Sch\u00fcler Waldemar Gejms erwies und zum Erinnerungsk\u00fcnstler wurde, angesichts der Todesnachricht seines Jugendfreundes Rem unter Tr\u00e4nen das Lied anstimmen: \u00bbGl\u00fccklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu \u00e4ndern ist.\u00ab<\/div>\n<p>Das Lied begegnet uns bereits in der Vorblende. Es wird auf der Beerdigung des 2007 verstorbenen Maykl gespielt. An dieser nahm der Ich-Erz\u00e4hler, offensichtlich Hein selbst, teil. Er berichtet einleitend, wie er im Zuge zu Recherchen zu einem anderen Buchprojekt Maykl Trutz kennenlernte, diesen mehrmals in seiner Wohnung besuchte, wo dieser ihm seine Lebensgeschichte erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p>\u00bbTrutz\u00ab beginnt vergleichbar mit Heins letztem Roman \u00bbGl\u00fcckskind mit Vater\u00ab ein wenig als Jugend- und Abenteuerroman. Erz\u00e4hlt wird in sehr geraffter Form die Geschichte von Maykls Vater Rainer. Der Bauernsohn aus Vorpommern erweist sich als lebensuntauglich, weil er seine Nase lieber in B\u00fccher steckt, als auf dem Feld zu rackern. Er sucht sein Gl\u00fcck woanders, kommt nach Berlin in einer Zeit, als Zigaretten einzeln und Schnaps in Gl\u00e4sern verkauft werden. Er wird von einem Auto angefahren. Ein Gl\u00fccksfall, weil die Fahrerin in der Kulturabteilung der sowjetischen Botschaft arbeitet. Sie protegiert den jungen Trutz, f\u00fchrt ihn in literarische und journalistische Zirkel ein.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich wird Rainer bald darauf freier Mitarbeiter einer Zeitung, f\u00fcr die er Theaterkritiken schreibt. W\u00e4hrend seiner journalistischen Arbeit lernt er seine sp\u00e4tere Frau Gudrun kennen, eine christliche Sozialistin und Gewerkschafterin. Ein erster freiz\u00fcgiger und ein zweiter die Enge des deutschen Provinzlebens beschreibender Roman erscheinen. Letzterer st\u00f6\u00dft den immer st\u00e4rker werdenden Nationalsozialisten \u00fcbel auf. Sie hetzen in ihren Publikationen gegen den jungen Autor Trutz, ver\u00f6ffentlichen gar seine Adresse. Als die gemeinsame Wohnung verw\u00fcstet wird, fliehen sie mit Hilfe der sowjetischen Freundin in das \u00bbVaterland aller Werkt\u00e4tigen\u00ab.<\/p>\n<p>Der vor den Faschisten geflohene parteilose Nachwuchsliterat will mit der Politik eigentlich nichts zu tun haben &#8211; und muss zusammen mit seiner Frau rasch verstehen, dass in der Sowjetunion unter Stalin jede Nachl\u00e4ssigkeit, jeder Spa\u00df und Witz, selbst jede Unaufmerksamkeit genauso gewertet wurde wie eine gr\u00fcndlich durchdachte \u00c4u\u00dferung und Entscheidung. Das Paar findet sich in einem System von Willk\u00fcr, Kontrolle und Amtsgewalt wieder. Rainer muss den Traum, als Schriftsteller arbeiten zu k\u00f6nnen, aufgeben. Stattdessen Plackerei in einer Brigade, die den Schutt beim Ausheben von Tunneln f\u00fcr die Metro wegr\u00e4umt. Gudrun findet Anstellung in einer staatlichen S\u00fc\u00dfwarenfabrik. Dort ergeht es ihr besser als ihrem Mann; sie wird von den Kolleginnen freundlich aufgenommen und umsorgt.<\/p>\n<p>Sohn Maykl wird 1934 geboren, die Trutzs lernen die Familie des Wissenschaftlers Gejm kennen. Als sie sich leidlich an die Umst\u00e4nde des Moskauer Exils gew\u00f6hnt haben, ger\u00e4t der Gro\u00dfe, der Stalinsche Terror ins Rollen. Die Einschl\u00e4ge in Gestalt willk\u00fcrlicher Verhaftungen kommen immer n\u00e4her, bis sie im Zuge der Massenverhaftungen 1937 selbst betroffen sind. Zum Verh\u00e4ngnis wird Trutz eine Rezension eines Reiseberichts von deutschen Schriftstellern aus dem \u00bbParadies der Werkt\u00e4tigen\u00ab. M\u00e4rchen, Satire, Naivit\u00e4t? Trutz besprach den Text f\u00fcr \u00bbDie Weltb\u00fchne\u00ab ironisch-distanziert. Die Besprechung wird ihm als sowjetfeindlich ausgelegt.<\/p>\n<p>Auch die Gejms sind von Repressalien betroffen. Die Sprachwissenschaft wird als antisowjetisch und trotzkistisch ausgelegt. Die Protagonisten von Heins Roman finden sich somit alle in Zwangsarbeitslagern wieder. Rainer Trutz stirbt in Workuta gleich am Tag seiner Ankunft, seine Frau, zun\u00e4chst noch durch ihre Kolleginnen gesch\u00fctzt, wird wie alle deutschen Emigranten nach dem \u00dcberfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion ins Hinterland deportiert. Dort stirbt sie &#8211; wie auch Waldemar Gejm, dem deutsche Vorfahren zum Verh\u00e4ngnis wurden.<\/p>\n<p>Hier setzt Hein fort mit dem Lebensweg des Sohnes Maykl. Nach dem Krieg wird dieser aus der Sowjetunion ausgeb\u00fcrgert, er kommt in die DDR, studiert zun\u00e4chst Geschichte, will jedoch nicht in die FDJ eintreten aufgrund dessen, was seinen Eltern in der Sowjetunion zustie\u00df. Er muss Archivar werden, zun\u00e4chst in Potsdam, dann aufgrund von Strafversetzungen in Weimar und schlie\u00dflich in Witttenberge.<\/p>\n<p>In Heins Buch sterben die Protagonisten beil\u00e4ufig und wegen nichtiger Gr\u00fcnde. Am beil\u00e4ufigsten Rainer Trutz. Nach einem Schlag mit einem polierten Holzkn\u00fcppel fiel Rainer Trotz um. \u00bbNoch bevor er zu Boden ging, war der Mann neben ihm, riss ihn das Tabakp\u00e4ckchen aus der Hand und verlie\u00df den Raum.\u00ab Das ist so brutal-lapidar erz\u00e4hlt, dass man als Leser zun\u00e4chst nicht richtig realisiert, dass die Figur, deren Lebensgeschichte man \u00fcber zwei Drittel des Buches gebannt gefolgt ist, nun tot ist.<\/p>\n<p>Doch wird so nur der Schrecken des 20. Jahrhunderts verdeutlicht, das der marxistische Historiker Eric Hobsbawm als \u00bbJahrhundert der Extreme\u00ab bezeichnet hat. Das wie zuf\u00e4llig wirkende Sterben in den Lagern verweist lediglich auf die unmenschlichen Bedingungen, die in der Stalinschen Sowjetunion herrschten. Heins n\u00fcchterne, schmucklose Sprache scheint auf den ersten Blick dieser Au\u00dfergew\u00f6hnlichkeit des historischen Geschehens nicht angemessen. Doch der \u00fcber weite Strecken im Berichtston gehaltene Text entwickelt einen Sog in typischer Heinscher Manier.<\/p>\n<p>\u00bbTrutz\u00ab ist im Wesentlichen ein Buch \u00fcber die Nichtigkeit des Individuums, das dem politischen Weltgeschehen, das Faschismus und Stalinismus hilflos ausgeliefert ist. Erinnern oder Vergessen? In dem Buch hei\u00dft es: \u00bbNichts wird vergessen? Wie schrecklich! Ist das Vergessen nicht die Bedingung f\u00fcr neue Erfahrungen, neues Wissen?\u00ab Worauf der Mnemoniker Gejm erwidert: \u00bbUnser Ged\u00e4chtnis ist unser Verstand, unsere Sozialisation, es bestimmt unserer Handlungen, wir folgen im Denken und in dem, was wir tun, dem Ged\u00e4chtnis. &#8230; Wir erinnern uns, nur darum leben wir.\u00ab<\/p>\n<p>Geta als Individuum scheint ihr Widerstand gegen die Erinnerungskunst gl\u00fccklicher als jene gemacht zu haben, die alles behalten. F\u00fcr die kollektive Erinnerung an Faschismus und Stalinismus mag die Antwort freilich anders ausfallen. Christoph Hein hat mit \u00bbTrutz\u00ab zumindest ein Buch geschrieben, das sich dem Vergessen entgegenstemmt.<\/p>\n<p><em>Christoph Hein: Trutz, Roman. Suhrkamp, 477 S., geb., 25 \u20ac<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1049146.gluecklich-ist-wer-vergisst.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 26.4.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Heins neuer Roman \u00bbTrutz\u00ab handelt vom Erinnern und Vergessen im Jahrhundert der Extreme Gl\u00fccklich sei nur, wer vergessen k\u00f6nne, hei\u00dft es in einem Operettenlied, dessen Partitur die junge Geta Gejm in einer Sammlung von Klavierausz\u00fcgen findet. 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