{"id":1165,"date":"2017-07-05T17:39:52","date_gmt":"2017-07-05T15:39:52","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1165"},"modified":"2017-07-04T17:41:58","modified_gmt":"2017-07-04T15:41:58","slug":"milliarden-mini-imperialisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1165","title":{"rendered":"Milliarden Mini-Imperialisten"},"content":{"rendered":"<h2>Das Konzept der \u00bbimperialen Lebensweise\u00ab will erkl\u00e4ren, warum sich trotz zahlreicher Krisen nicht viel \u00e4ndert<\/h2>\n<p>Alltag &#8211; das ist das, was wir t\u00e4glich machen, ohne es zu hinterfragen. Viele fahren mit dem Auto zur Arbeit, telefonieren dabei mit dem neuesten Smartphone, fliegen mehrmals im Jahr mit dem Flugzeug in den Urlaub, essen in der Mittagspause einen Burger, kaufen bei Primark Kleidung oder im Bioladen Lebensmittel. Diese t\u00e4glich milliardenfach vollzogenen Handlungen basieren aber auf stofflich-materiellen und sozialen Voraussetzungen, \u00fcber die wir uns nur selten Gedanken machen. <!--more-->Zwar ist gerade in Deutschland das Umweltbewusstsein stark verbreitet, aber die Naturzerst\u00f6rung nimmt weiter zu. Obwohl die Unzufriedenheit mit dem Wirtschaftssystem seit der Krise von 2008\/09 in den kapitalistischen Metropolen gestiegen ist, flackerte der Protest dagegen nur gelegentlich auf.<\/p>\n<div class=\"Content\">\n<div class=\"Content-Ad\">Warum ist das so? Die Sozialwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen haben vor einigen Jahren versucht, diese Frage mit dem von ihnen entwickelten Konzept der \u00bbimperialen Lebensweise\u00ab zu erkl\u00e4ren. In ihrem unl\u00e4ngst erschienenen Buch verfeinern sie dieses. Der Kerngedanke dabei: Das allt\u00e4gliche Leben in den kapitalistischen Zentren werde wesentlich \u00fcber die Gestaltung der gesellschaftlichen und der Naturverh\u00e4ltnisse andernorts erm\u00f6glicht, \u00fcber den im Prinzip unbegrenzten Zugriff auf das Arbeitsverm\u00f6gen, die nat\u00fcrlichen Ressourcen und die Senken im globalen Ma\u00dfstab. In eigenen Worten zugespitzt: Die Bewohner des Globalen Nordens sind Mini-Imperialisten &#8211; wenngleich in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung je nach Einkommen, Schicht- oder Klassenzugeh\u00f6rigkeit. Sie unterwerfen nicht andere Staaten, beanspruchen aber \u00fcber ihre internationale Kaufkraft Energie, Waren und Ressourcen vor allem des Globalen S\u00fcdens. Wenngleich L\u00e4nder wie China, Indien und Brasilien l\u00e4ngst selbst Teil der imperialen Wirtschafts- und Lebensweise geworden sind.<\/div>\n<p>In Anschluss an den italienischen Marxisten Antonio Gramsci ist f\u00fcr Brand\/Wissen die imperiale Lebensweise somit ein wesentliches Moment in der Reproduktion kapitalistischer Gesellschaften. Denn obwohl die Lebensweise durch strukturellen Zwang gekennzeichnet ist (wenn ich auf dem Land lebe, kann ich aufgrund der In-frastruktur nur schwer auf ein Auto und fossile Energie verzichten) und die Handlungen andernorts Leid und Zerst\u00f6rung verursachen (der Klimawandel zeitigt schon jetzt verheerende Folgen), so bedeutet die imperiale Lebensweise doch auch die Erweiterung von Handlungsm\u00f6glichkeiten (ich kann per Flugzeug andere L\u00e4nder kennenlernen). In der Konsequenz tr\u00e4gt das dazu bei, dass die vorherrschenden Verh\u00e4ltnisse nicht nur akzeptiert, sondern von vielen sogar als \u00bbsubjektiv erf\u00fclltes Leben\u00ab empfunden werden.<\/p>\n<p>Was Brand und Wissen eher theoretisch darlegen, wird in dem Dossier \u00bbAuf Kosten anderer?\u00ab niedrigschwellig dargelegt, so Mitautor Thomas Kopp auf der Buchvorstellung in Berlin am Montag. Insbesondere die vielen \u00fcbersichtlichen Grafiken sorgen daf\u00fcr, dass dieser Anspruch eingel\u00f6st wird. Verschiedene Bereiche unseres allt\u00e4glichen Lebens werden analysiert. Neben den bekannteren Beispielen Ern\u00e4hrung und Mobilit\u00e4t geht es auch um Sorgearbeit, Digitalisierung und Wissen. So verdeutlicht das junge interdisziplin\u00e4re Autorenkollektiv I.L.A. auf anschauliche Weise, wie tief die imperiale Lebensweise in unserem Alltag verwurzelt ist.<\/p>\n<p>Die Niedrigschwelligkeit hat indes ihren Preis: Die herrschafts- und kapitalismuskritische Sicht, die bei Brand\/Wissen sehr pr\u00e4sent ist, ist hier seltener vorhanden. Die Wirtschaftsweise basiert laut den Autoren zwar auf Profit und Wachstum, wird aber nur selten beim Namen Kapitalismus genannt. Dennoch sei der I.L.A.-Band als Einf\u00fchrung sehr empfohlen. Gespannt darf man schon auf das Folgeprojekt sein. Dann soll es um Alternativen zur imperialen Lebensweise gehen.<\/p>\n<p><em>Ulrich Brand\/Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus, 224 S., 14,95 \u20ac; I.L.A. Kollektiv: Auf Kosten anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben f\u00fcr alle verhindert,128 S., 19,95 \u20ac, beide oekom-Verlag 2017.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Konzept der \u00bbimperialen Lebensweise\u00ab will erkl\u00e4ren, warum sich trotz zahlreicher Krisen nicht viel \u00e4ndert Alltag &#8211; das ist das, was wir t\u00e4glich machen, ohne es zu hinterfragen. 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