{"id":1178,"date":"2017-09-18T14:11:23","date_gmt":"2017-09-18T12:11:23","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1178"},"modified":"2018-03-22T22:12:15","modified_gmt":"2018-03-22T21:12:15","slug":"fertig-werden-mit-der-oekonomischen-scheisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1178","title":{"rendered":"Fertig werden mit der \u00f6konomischen Schei\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p>Der erste Blick f\u00e4llt auf eine ungeheure Menge von wei\u00dfen Konservendosen, fein s\u00e4uberlich aufgereiht in Regalen, wie man sie aus Superm\u00e4rkten kennt. Nat\u00fcrlich, diese Installation soll an den ersten Satz eines weltweit bekannten Buches erinnern: \u00bbDer Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform\u00ab, hei\u00dft es in \u00bbDas Kapital\u00ab von Karl Marx. <!--more-->Vor 150 Jahren erschien der erste Band mit dem Untertitel \u00bbKritik der politischen \u00d6konomie\u00ab in Hamburg. Anlass f\u00fcr das Museum der Arbeit in Hamburg, dem Buch eine Ausstellung zu widmen und die Frage aufzuwerfen, was der Text uns heute noch zu sagen hat.<\/p>\n<p>Durch einen Korridor, an dessen W\u00e4nden zentrale historische Daten der modernen kapitalistischen Gesellschaft notiert sind, gelangt der Besucher in den ersten von f\u00fcnf Abschnitten der Ausstellung: \u00bbSchreiben\u00ab. Dominiert wird dieser von Zitaten aus Briefen von Marx und Friedrich Engels, die die Entstehung von \u00bbDas Kapital\u00ab illustrieren. F\u00fcr Marx-Kenner wird vieles nicht neu sein, aber selbst bei diesen d\u00fcrfte die illustre Auswahl f\u00fcr erneute Erheiterung sorgen, bei allen anderen sowieso.<\/p>\n<p>Grandios etwa die falsche Prognose \u00fcber die Beendigung der Arbeit an dem Manuskript. In f\u00fcnf Wochen, so schreibt Marx 1851 an Engels, werde er mit der \u00bbganzen \u00f6konomischen Schei\u00dfe\u00ab fertig sein. Pustekuchen! Es dauerte noch 16 Jahre, bis er pers\u00f6nlich die Reise von London nach Hamburg antrat, um dem Verleger Otto Meissner (\u00bbnetter Kerl, obgleich etwas s\u00e4chselnd\u00ab) das Manuskript zu \u00fcberreichen. Aufgehalten hatte Marx sein Wissensdurst &#8211; immer wieder war noch dies und das zu lesen -, der Zwang, mit journalistischen Texten Geld zu verdienen, das Verfassen politisch intervenierender Arbeiten und schlie\u00dflich auch Krankheiten. Zum Schreiben musste Marx zumindest sitzen k\u00f6nnen, doch das war ihm aufgrund von \u00bbKarbunkeln am Hintern und in der N\u00e4he des Penis\u00ab, nicht immer m\u00f6glich.<\/p>\n<div id=\"ArticleContentAd\" class=\"Content-Ad\"><\/div>\n<p>Fertig geworden ist er mit dem Text nie. Als Marx die Belegexemplare aus Hamburg erhielt, fing er sofort mit Umarbeitungen an. Und so wie der Autor nie fertig geworden ist, ergeht es manchem Leser. So dem \u00d6konomen Thomas Kuczynski. Er erz\u00e4hlt in einem Video, dass er sich seit f\u00fcnf Jahrzehnten mit dem Marxschen Haupttext besch\u00e4ftigt und es bereut, h\u00e4tte er gewusst, wie viel Zeit sein Entschluss, Unstimmigkeiten in der Wertanalyse nachzusp\u00fcren, in Anspruch nehmen w\u00fcrde. Aber er f\u00fcgt hinzu, dass ihm auch nach 50 Jahren noch gelegentlich die Augen aufgehen, wenn er die eine oder andere Stelle in \u00bbDas Kapital\u00ab liest.<\/p>\n<p>Neben Kuczynski berichten noch weitere mehr oder minder prominente Leser von ihren \u00bbKapital\u00ab-Erfahrungen. Zum Beispiel der in Deutschland als Marx-Kenner bekannte Politikwissenschaftler Michael Heinrich. Sein Zettelkasten, bereits als Sch\u00fcler angelegt, ist nebst seinem ersten Exemplar von \u00bbDas Kapital\u00ab ebenfalls ausgestellt. Kritisch einzuwenden w\u00e4re, dass es nicht geschadet h\u00e4tte, auch Personen aus den USA, dem globalen S\u00fcden oder Lateinamerika \u00fcber ihre Pr\u00e4gungen durch Marx zu befragen. Denn auch die ausgestellten pers\u00f6nlichen Exemplare von \u00bbDas Kapital\u00ab stammen von deutschen Lesern. Kurios, dass das Exemplar vom Hamburger B\u00fcrgermeister Olaf Scholz hier neben Exemplaren von Adorno, Brecht und Dutschke zu sehen ist. Aber Scholz war ja mal Anh\u00e4nger des Stamokap-Fl\u00fcgels bei den Jungsozialisten.<\/p>\n<p>Besser gelungen mit Blick auf die internationale Perspektive ist das Text-Bild-Panorama, das chronologisch die zahlreichen Kapital-Lesarten innerhalb ihrer politischen Kontexte kurz vorstellt. Hier werden franz\u00f6sische Lesarten (Strukturalismus), italienische (Operaismus), lateinamerikanische (Theologie der Befreiung) und angels\u00e4chsische (analytischer Marxismus) erl\u00e4utert, um nur wenige Beispiele anzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Als h\u00f6chst anschauliche Einf\u00fchrung in die Marxsche Kritik der politischen \u00d6konomie ist der Abschnitt \u00bbBegreifen\u00ab anzusehen. In diesem werden grundlegende Kategorien wie Ware, Tauschwert, Gebrauchswert, Ausbeutung oder Fetischcharakter anhand von markierten Textstellen aus \u00bbDas Kapital\u00ab und plastischen Darstellungen erl\u00e4utert. Marx\u2019 Beispiele, um die Wertformen zu verdeutlichen, &#8211; Leinwand, Rock, Tee etc. &#8211; liegen auf Tischen aus. Klargestellt wird auch, dass es Marx nicht um eine bessere Verteilung innerhalb des Kapitalismus ging, sondern um dessen \u00dcberwindung. Seltsam ist es allerdings, dass im Text zum Begriff \u00bbAusbeutung\u00ab ein apologetischer Ton \u00fcberhand gewinnt. Die miserablen Arbeitsbedingungen in Sweatshops der Textilindustrie in Bangladesch werden als einzige Alternative f\u00fcr Frauen bezeichnet, aus agrarischen Strukturen auszubrechen, in denen noch viel geringere L\u00f6hne gezahlt w\u00fcrden. Das mag stimmen. Ausbeutung bleibt die Schinderei in den Fabriken aber dennoch. Und der Fokus auf den Aspekt Lohn zeugt davon, dass das Beurteilungskriterium gerade nicht den Horizont der kapitalistischen Gesellschaft \u00fcberschreitet.<\/p>\n<p>Darum geht es im letzten Abschnitt \u00bbDiskutieren\u00ab. Der Besucher ist aufgefordert, selbst an der Ausstellung mitzuwirken. Zum Beispiel, indem er auf Zetteln notiert, was f\u00fcr Alternativen zum Kapitalismus er sich vorstellen kann. Bezeichnend, dass die Anzahl der Zettel hier gering ist. Gr\u00f6\u00dfer ist sie, wenn es darum geht, die herrschenden Zust\u00e4nde zu kritisieren, etwa unter dem Stichwort \u00bbVerteilung\u00ab. Aber auf der anderen Seite lautet der Untertitel von \u00bbDas Kapital\u00ab ja auch nicht \u00bbEntwurf einer alternativen Gesellschaft\u00ab, sondern \u00bbKritik der politischen \u00d6konomie\u00ab. Die Hamburger Ausstellung ist ein gelungener Start in die Marx-Jubil\u00e4en &#8211; zumal in ihr auch k\u00fcnstlerische Auseinandersetzungen pr\u00e4sentiert werden. N\u00e4chstes Jahr wird in Trier, wo Marx vor 200 Jahren geboren wurde, eine gro\u00dfe Ausstellung er\u00f6ffnen. Schirmherr ist \u00fcbrigens der Bundespr\u00e4sident.<\/p>\n<p>\u00bbDas Kapital\u00ab: Museum der Arbeit, Hamburg, bis 4. M\u00e4rz 2018<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1063492.fertig-werden-mit-der-oekonomischen-scheisse.html\">neues deutschland<\/a>, 13.9.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste Blick f\u00e4llt auf eine ungeheure Menge von wei\u00dfen Konservendosen, fein s\u00e4uberlich aufgereiht in Regalen, wie man sie aus Superm\u00e4rkten kennt. 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