{"id":1206,"date":"2017-12-01T19:50:18","date_gmt":"2017-12-01T18:50:18","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1206"},"modified":"2018-03-22T22:11:53","modified_gmt":"2018-03-22T21:11:53","slug":"genossin-hilla-palm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1206","title":{"rendered":"Genossin Hilla Palm"},"content":{"rendered":"<h2>Mit \u00bbWir werden erwartet\u00ab schlie\u00dft Ulla Hahn ihren autobiografischen Romanzyklus ab<\/h2>\n<p>Uwe Timm, Peter Sch\u00fctt, Franz-Josef Degenhardt und Erika Runge &#8211; sie alle waren Mitglieder in der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). Manche bis zum Tod, andere bis 1989, einige nur wenige Jahre. Zu Letzteren geh\u00f6rt auch die in Hamburg lebende, als Lyrikerin bekannt gewordene Ulla Hahn. Ihr neuer Roman \u00bbWir werden erwartet\u00ab, der vierte und abschlie\u00dfende eines erfolgreichen und zum Teil verfilmten autobiografischen Romanzyklus, handelt von ihren Jahren als Parteikommunistin. <!--more-->Erz\u00e4hlt wird, wie die Protagonistin Hilla Palm, Hahns Alter Ego, Anfang der 1970er Jahre DKP-Mitglied wird und wie sie sich nach Jahren unterdr\u00fcckter Zweifel in einem schmerzhaften Prozess wieder von der Partei &#8211; und den Menschen &#8211; l\u00f6st.<\/p>\n<p>Hahns Buch steht somit in der Tradition der sogenannten Renegatenliteratur, in der Exkommunisten von ihrem Bruch mit der kommunistischen Weltbewegung erz\u00e4hlen. Aber Hahns Buch ist noch viel mehr. Es ist ein beeindruckendes Portr\u00e4t des 68er-Aufbruchs und seiner Zerfaserung in kommunistische Kleingruppen. Es ist ein Buch dar\u00fcber, wie man den Tod eines geliebten Partners verarbeitet. Und es ist ein Roman, der \u00fcber die Pr\u00e4gung von Klasse und Milieu, \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zum Vater sowie \u00fcber das Werden einer Schriftstellerin Auskunft gibt.<\/p>\n<p>Hilla Palm, Tochter eines Hilfsarbeiters und einer Hausfrau aus einem erzkatholischen Dorf am Niederrhein, erlebt zu Beginn des Romans mit ihrem Freund Hugo, einem gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Klassenverr\u00e4ter, K\u00f6ln im Jahr 1968. Man demonstriert, diskutiert in Wohngemeinschaften und verbringt in Zweisamkeit einen Urlaub in Rom. Dort erlebt das Liebespaar eine Demonstration der m\u00e4chtigen italienischen Kommunistischen Partei. Und \u00bburpl\u00f6tzlich, wie hochgerissen, schoss meine geballte deutsche Arbeiterkindfaust in den r\u00f6misch-kommunistischen Himmel\u00ab. Eine Szene, die die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus vorwegnimmt.<\/p>\n<p>Den Weg zur DKP findet die in Germanistik promovierende Hilla erst nach einem Schicksalsschlag. Ihr \u00fcber alles geliebter Freund stirbt durch einen Autounfall. \u00bbHass f\u00fcllte die Leere, den Abgrund, den Hugos Tod zwischen mir und der Welt gerissen hatte. Hass auf Gott \u00fcberwucherte die Trauer um meine Liebe, machte sie beinah ertr\u00e4glich. Dieser Hass hielt mich am Leben.\u00ab Und Tabletten, die sie lange nimmt, um sich zu bet\u00e4uben.<\/p>\n<p>Ihre Lebensfreude langsam wiedergewinnend, lernt Hilla auf einer WG-Party eine junge Frau kennen, die ihr &#8211; \u00bbwer tat denn heutzutage noch sowas!\u00ab &#8211; die Hand gibt und sich mit Vor- und Nachnamen vorstellt: Marga Wiedenbusch. Hilla freundet sich mit ihr an, und es stellt sich heraus, dass Marga eine aktive DKP-Genossin ist. Von ihr bekommt Hilla das Kommunistische Manifest zur Lekt\u00fcre; sie f\u00fchlt wie Millionen vor ihr die Freude, die aus dessen Erkenntnissen flie\u00dft. Sie glaubt sich gerettet, folgt Marga auf Treffen, auf denen keine gro\u00dfen Worte gemacht werden, sondern Politik f\u00fcr die kleinen Leute. Und sie wird schnell Genossin. Genossin Hilla Palm.<\/p>\n<p>In Hamburg, wohin Hilla zieht, um ihre Doktorarbeit fertigzustellen, st\u00fcrzt sie sich mit dem Eifer der \u00bbNeubekehrten\u00ab in die Parteiarbeit. Plakate m\u00fcssen geklebt, Sandk\u00e4sten erk\u00e4mpft und der Mietwucher bek\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p>In einer der wenigen Passagen, in denen die Ich-Erz\u00e4hlerin von einem sp\u00e4teren Zeitpunkt auf ihr fr\u00fcheres Ich zur\u00fcckblickt, fragt Hilla sich, ob sie Marga auch in eine K-Gruppe oder die SPD mit ihrer Stamokap-Fraktion gefolgt w\u00e4re. Durchaus m\u00f6glich, weil f\u00fcr sie \u00bbdie Sache\u00ab eng verbunden mit einer Person ist, die sie vertritt. Und Marga gibt ihr Halt und Sicherheit, also das, was die Protagonistin nach ihrem Verlust dringend brauchte.<\/p>\n<p>Wenig originell ist, dass das Engagement in der KP mit der Zugeh\u00f6rigkeit zur katholischen Kirche parallelisiert wird, der Glaube an Gott mit dem Glauben an den Marxismus. Die Katholikin Hilla hat das Glauben von Kindesbeinen an gelernt.<\/p>\n<p>Aber gelernt hat sie auch, im Glauben Zweifel aufkommen zu lassen, von Anfang an ist sie eine unsichere Kantonistin. Schon nach ihrer ersten Parteisitzung, noch in K\u00f6ln, will sie wieder austreten angesichts der Borniertheit der vorgebrachten Argumente. Sie bleibt, weil sie eine Verpflichtung f\u00fchlt gegen\u00fcber den alten Genossinnen und Genossen, die zur Zeit des Nazi-Faschismus gefoltert im Kerker sa\u00dfen. (Und auch, wie sie sp\u00e4ter erfahren wird, aufgrund von Manipulation.) Die alten Genossen &#8211; sie sind f\u00fcr Hilla Garant f\u00fcr die gute Sache, zu Legenden werden sie erst sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Die Zweifel werden im Laufe der Jahre st\u00e4rker. Wenn sie etwa mit den Verbrechen des Stalinismus konfrontiert ist. Oder wenn die Freundin Marga zur ausschlie\u00dflich strengen Genossin wird. Aber erst nach einer Reise in das gelobte Land DDR erhebt sich der Zweifel als Sieger aus ihrem Kampf. Ausl\u00f6ser zum Austritt ist schlie\u00dflich der Freitod Christof Kievenheims, Initiator eines eurokommunistischen Arbeitskreises, mit dessen Zielen Palm sympathisierte.<\/p>\n<p>Die ihr Leben beschreibenden Exkommunisten zeichnen h\u00e4ufig eine Kontinuit\u00e4tslinie, um den Bruch mit der Partei, der auch einer in ihrer Biografie ist, abzumildern. Bei Ulla Hahns Alter Ego ist es die Sprache, die Schrift. Schon am Schreibtisch, w\u00e4hrend sie ihre Dissertation tippt, kritzelt sie Zeilen auf Papier, die ihr Freiheit verschaffen. Es sind Gedichte, die sie aber zun\u00e4chst nicht so benennen mag. Der Bruch mit der Partei bedeutet auch die Emanzipation der Dichterin Hilla Palm.<\/p>\n<p>Vor dem Epilog ist ein Gedicht abgedruckt. Es ist eine Hommage an die alten Genossen und Genossinnen. Auch das eine Kontinuit\u00e4t: Offenbar ist trotz des Bruchs mit der DKP der Respekt vor deren alten Mitgliedern geblieben.<\/p>\n<p><em>Ulla Hahn: Wir werden erwartet. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, 640 S., geb., 28 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1069623.genossin-hilla-palm.html?sstr=Guido|Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 10.11.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit \u00bbWir werden erwartet\u00ab schlie\u00dft Ulla Hahn ihren autobiografischen Romanzyklus ab Uwe Timm, Peter Sch\u00fctt, Franz-Josef Degenhardt und Erika Runge &#8211; sie alle waren Mitglieder in der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). Manche bis zum Tod, andere bis 1989, einige nur &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1206\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[172],"tags":[],"class_list":["post-1206","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1206"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1206\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1207,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1206\/revisions\/1207"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1206"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1206"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}