{"id":1208,"date":"2017-12-03T19:51:17","date_gmt":"2017-12-03T18:51:17","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1208"},"modified":"2017-12-01T19:59:24","modified_gmt":"2017-12-01T18:59:24","slug":"im-unbewussten-gibt-es-keine-eigentumsschranken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1208","title":{"rendered":"Im Unbewussten gibt es keine Eigentumsschranken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Sozialpsychologe Gerhard Vinnai im Interview \u00fcber Notwendigkeit und Schwierigkeit der Kritik des Privateigentums<\/strong><\/p>\n<p>Gerhard Vinnai war bis 2005 Professor f\u00fcr analytische Sozialpsychologie an der Universit\u00e4t Bremen. Sein besonderes Interesse gilt der Verbindung von Psychologie und kritischer Gesellschaftstheorie. In den 1970er Jahren wurde er mit B\u00fcchern zur neomarxistischen Sportsoziologie bekannt. Sein neuestes Buch hei\u00dft \u00bbDie T\u00fccken des Privateigentums. Der Einfluss auf die Psyche und notwendige Alternativen\u00ab (VSA-Verlag). <!--more--><\/p>\n<p><strong>Herr Vinnai, die Kritik am Kapitalismus nimmt seit rund zehn Jahren, seit der Finanzkrise, zu. Auffallend ist jedoch, dass lediglich die Verteilung, kaum aber die Art und Weise, wie produziert wird, in der Kritik steht. Kapitalistische Eigentumsverh\u00e4ltnisse werden nicht in Frage gestellt. Woran liegt das?<\/strong><br \/>\nIch sehe sehe drei Gr\u00fcnde: Erstens blockiert die \u00dcbermacht privater Interessen und die mit ihnen verbundene private Kontrolle von Medien \u00f6ffnende Diskurse.<\/p>\n<p><strong>Wie muss man sich das vorstellen? Beschweren sich Eigent\u00fcmer von Zeitungen in der Redaktion, wenn Kritisches \u00fcber die Eigentumsverh\u00e4ltnisse gedruckt worden ist?<\/strong><br \/>\nDie Journalisten, die in privaten Medien arbeiten, haben \u00fcblicherweise die Normen des privaten Eigentums so verinnerlicht, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, dieses infrage zu stellen. Das erspart ihnen nat\u00fcrlich auch Konflikte mit den Eigent\u00fcmern und Werbekunden.<\/p>\n<p><strong>Und die weiteren Gr\u00fcnde?<\/strong><br \/>\nOffenbar haben zweitens die abschreckenden Z\u00fcge des Staatssozialismus Osteuropas das Kollektiveigentum diskreditiert. Und drittens kennzeichnet unsere Gesellschaft eine besondere Bindung der Subjektivit\u00e4t an das Privateigentum, was die kritische Distanz zu ihm erschwert.<\/p>\n<p><strong>Bindung der Subjektivit\u00e4t an das private Eigentum? Das m\u00fcssen Sie erl\u00e4utern. In Ihrem Buch scheint mir das Ihr wichtigstes Argument zu sein.<\/strong><br \/>\nDas Selbstbild, das mit biografischen und sozialen Erfahrungen verbunden ist, ist bei uns zu weiten Teilen mit dem private Eigentum verkn\u00fcpf. Diese sind immer mit einer Beziehung zur gegenst\u00e4ndlichen Welt verbunden, die in unserer Gesellschaft weitgehend Privatbesitz ist. Das Privateigentum erlaubt seinen Besitzern Vergegenst\u00e4ndlichungen eigener F\u00e4higkeiten in der eigenen Firma, der eigenen Wohnung oder dem eigenen Garten. Man kann sich so bis zu einem gewissen Grad durch die Gestaltung der Realit\u00e4t verwirklichen und sich wie in einer Art Spiegel wahrnehmen.<\/p>\n<p><strong>Kleider, Wohnungen und G\u00e4rten machen also Leute, k\u00f6nnte man sagen. Wo ist das Problem?<\/strong><br \/>\nDas Privateigentum trennt zwischen Mein und Dein, was zu mir und was nicht zu mir geh\u00f6rt. Dadurch wird die eigene Welt von der Welt der anderen abgetrennt, was soziale Solidarit\u00e4t und gemeinsames soziales Handeln sehr erschwert und das soziale Wesen des Menschen verk\u00fcmmern l\u00e4sst. Im Extremfall kann die enge Bindung der Psyche an das Privateigentum seine Abschaffung als Bedrohung durch den sozialen Tod erfahren lassen. Zudem wird die psychische Bindung an das eigene Privateigentum tendenziell auf die Einstellung zum Privateigentum im Allgemeinen \u00fcbertragen.<\/p>\n<p><strong>Sie unterscheiden also verschiedene Formen des Eigentums?<\/strong><br \/>\nJa, man kann das Privateigentum an Wirtschaftsunternehmen, das mit Formen der Ausbeutung verkn\u00fcpft ist, vom Privateigentum an Konsumg\u00fctern unterscheiden. Man kann Eigentum an Geld und Finanztiteln von dinglichem Eigentum wie Autos oder iPhones unterscheiden. Oder das Eigentum, das aus eigener Arbeit resultiert von jenem, das fremder Arbeit entspringt, deren Produkte als Ware angeeignet wurden. Verschiedenes Eigentum kann eine unterschiedliche N\u00e4he bzw. Distanz zu Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen oder der Leiblichkeit aufweisen, was in seine psychologische Bedeutung eingeht.<\/p>\n<p><strong>Ihr Buch ist ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Kritik des Privateigentums. Warum ist diese so wichtig?<\/strong><br \/>\nOhne die \u00dcberwindung bestimmter Formen des Privateigentums kann es keine \u00dcberwindung des Kapitalismus geben. Das Privateigentum an Wirtschaftsunternehmen, das die private Aneignung von gesellschaftlich produziertem Mehrwert erlaubt, sorgt daf\u00fcr, dass kapitalistisch verfasste Gesellschaften Klassengesellschaften sind, die sich durch besondere Formen der Ungerechtigkeit auszeichnen.<\/p>\n<p><strong>Sie sehen aber auch die positiven Seiten des Eigentums.<\/strong><br \/>\nJa, das Privateigentum kann f\u00fcr seine Besitzer Freiheiten in Gestalt von Gestaltungsspielr\u00e4umen stiften. In der eigenen Firma oder den eigen vier W\u00e4nden kann man seine F\u00e4higkeiten anders als im Rahmen fremdbestimmter Arbeit vergegenst\u00e4ndlichen. Zudem gew\u00e4hrleistet das Privateigentum Sicherheit und Schutz. Andere Eigent\u00fcmer oder der Staat d\u00fcrfen in den eigenen privaten Bereich nicht oder nur begrenzt eindringen. Geld kann auf verschiedene Weise ausgegeben werden und erm\u00f6glicht so die \u00abFreiheit des Konsums\u00bb. Diese positiven Seiten sind freilich durch den Umfang des privaten Besitzes beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p><strong>Marxisten wird vorgeworfen, Sie wollten das Eigentum abschaffen. Sie schreiben jedoch, der Kapitalismus schafft es ab.<\/strong><br \/>\nSchon Marx und Engels haben das im \u00abKommunistischen Manifest\u00bb treffend beschrieben. Die Konzentration von Privateigentum geht immer mit der Enteignung vieler einher. Im produzierenden Gewerbe, in der Landwirtschaft oder im Handel werden Kleinbetriebe zunehmend durch Gro\u00dfbetriebe aus dem Feld geschlagen, was ihrer Enteignung gleichkommt. Die Entwicklung des Kapitalismus bewirkt auch eine zunehmende Zerst\u00f6rung der Funktionen, die \u00fcblicherweise mit dem Privateigentum assoziiert werden. Der ideale private Eigent\u00fcmer nimmt als selbstst\u00e4ndiger Unternehmer Gestalt an, der als Leiter der Produktion und als kaufm\u00e4nnischer und technischer Direktor seines Unternehmens auf den Plan tritt. Seine Funktion wird in Aktiengesellschaften tendenziell \u00fcberfl\u00fcssig, wenn diese Funktionen Angestellten \u00fcbertragen werden.<\/p>\n<p><strong>Das Internet mit Unternehmen wie Facebook, stellen Sie fest, verspreche auf eine merkw\u00fcrdige Art, einen kommunistischen Traum zu erf\u00fcllen. Klingt ziemlich optimistisch.<\/strong><br \/>\nNun, das Internet hebt Trennungen und Schranken zwischen Menschen auf, die bisher mit dem privaten Eigentum verbunden waren. So verschwindet die private famili\u00e4re Autonomie durch soziale Medien zunehmend. Zugleich erlaubt das Internet einen tendenziell gleichberechtigten Zugang aller zu ihm. Diese Entwicklung wird vor allem von jungen, aber auch von vielen \u00e4lteren Menschen, als befreiend erfahren. Freilich kann man sie auch als eine blo\u00dfe Kollektivierung des Privaten interpretieren, die an die Stelle \u00f6ffentlicher politischer Zusammenschl\u00fcsse tritt.<\/p>\n<p><strong>Bef\u00fcrchten Sie nicht, dass Facebook, Google und Amazon das Internet weiter monopolisieren?<\/strong><br \/>\nDoch, nat\u00fcrlich besteht gleichzeitig die Gefahr, dass das Internet einer weiteren Durchkapitalisierung der Gesellschaft Vorschub leistet.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Beispiele, dass in der jetzigen Gesellschaft potenziell Widerst\u00e4ndiges enthalten ist?<\/strong><br \/>\nIm Kapitalismus wird die Vergesellschaftung der Menschen zunehmend vorangetrieben, sie werden zunehmend, trotz ihrer sozialen Isolierung, aneinander gebunden. Diese Kollektivierung wird vom Kapital und vom Staat gewisserma\u00dfen von oben verordnet. Diese Kollektivierung kann aber unter Umst\u00e4nden bestimmte Formen der Gegenwehr hervorbringen, sie kann gemeinsame Hilfeleistungen, Formen der Solidarit\u00e4t und des gewerkschaftlichen und politischen Handelns beg\u00fcnstigen, durch die eine falsche Vergesellschaftung tendenziell in eine richtigere verwandelt werden kann.<\/p>\n<p><strong>Was haben Sie genau vor Augen?<\/strong><br \/>\nIn der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft gibt es vor allem bei \u00c4lteren eine Tendenz zu gemeinsamem, generations\u00fcbergreifendem Wohnen oder eine Neigung zur gemeinsamen Nutzung von G\u00e4rten, Stichwort Urban Gardening.<\/p>\n<p><strong>Sie sind Sozialpsychologe. Lassen sich auch in der Psyche Widerst\u00e4nde gegen die Dominanz des Privateigentums finden?<\/strong><br \/>\nDie Psyche, die an das Privateigentum gebunden ist, hat immer auch Dimensionen, die diesem widerstreben. Die rauschhafte \u00abBr\u00fcderlichkeit der Fu\u00dfballarenen\u00bb wird unter anderem deshalb als attraktiv erfahren, weil sie bestimmte Formen des kollektiven Erlebens zul\u00e4sst. Im Unbewussten der Psyche, das mit der psychischen Verfasstheit der Kindheit verwandt ist, existieren keine oder nur sehr begrenzt Eigentumsschranken. In der Psyche ist deshalb latent immer ein W\u00fcnschen vorhanden, das auf eine \u00dcberschreitung von Eigentumsschranken dr\u00e4ngen kann. Die M\u00f6glichkeiten, die in den angedeuteten Potenzialen stecken, k\u00f6nnen aber nur in politischen und sozialen K\u00e4mpfen entwickelt und durchgesetzt werden.<\/p>\n<p><strong>Sehen Sie irgendwo K\u00e4mpfe, wo sich das Potenzial entfaltet?<\/strong><br \/>\nEs gibt in Betrieben Formen der wechselseitigen Unterst\u00fctzung, die mit der Austragung von K\u00e4mpfen verbunden sind, die eine blo\u00df private Interessenorientierung \u00fcberschreiten. Und es gibt K\u00e4mpfe, die sich gegen die Unterwerfung \u00f6ffentlicher R\u00e4ume unter eine private kommerzielle Nutzung wenden, das Tempelhofer Feld in Berlin ist ein Beispiel. Auch Jugendliche, die sich zu sehr eingeschr\u00e4nkt f\u00fchlen, unterlaufen Eigentumsschranken, indem sie H\u00e4user besetzen, im Internet illegal Sachen herunterladen oder fremde Hausw\u00e4nde bespr\u00fchen.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1071236.kritik-am-kapitalismus-im-unbewussten-gibt-es-keine-eigentumsschranken.html\">neues deutschland<\/a>, 25.11.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sozialpsychologe Gerhard Vinnai im Interview \u00fcber Notwendigkeit und Schwierigkeit der Kritik des Privateigentums Gerhard Vinnai war bis 2005 Professor f\u00fcr analytische Sozialpsychologie an der Universit\u00e4t Bremen. Sein besonderes Interesse gilt der Verbindung von Psychologie und kritischer Gesellschaftstheorie. 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