{"id":1216,"date":"2018-01-29T09:43:48","date_gmt":"2018-01-29T08:43:48","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1216"},"modified":"2018-02-10T09:47:48","modified_gmt":"2018-02-10T08:47:48","slug":"marxisten-wollen-uns-nicht-die-zahnbuersten-wegnehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1216","title":{"rendered":"Marxisten wollen uns nicht die Zahnb\u00fcrsten wegnehmen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Ein strukturell pervertiertes System aus kommerziellen Beziehungen und Besitz sei der Kapitalismus, schreibt Papst Franziskus in seiner Enzyklika \u00bbLaudato si\u00ab. Was als radikale Kapitalismuskritik erscheint, zielt beim Oberhaupt der katholischen Kirche einzig auf die ungerechte Verteilung in der globalisierten neoliberalen \u00d6konomie. Auch die Kritik des viel beachteten Buches \u00bbDas Kapital im 21. Jahrhundert\u00ab von Thomas Piketty hebt auf die Verteilungsfrage ab. Nicht gestellt wird die Frage, ob in einer von Privateigentum dominierten Eigentumsform Ungleichheit \u00fcberhaupt vermeidbar ist.<\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Der Bremer Sozialpsychologe Gerhard Vinnai tut in seinem neuen Buch genau dies. Er nimmt die Kritik des Privateigentums wieder auf, nachdem sie mit der Implosion des Realsozialismus an den Rand gedr\u00e4ngt worden ist. Er h\u00e4lt sie f\u00fcr notwendig, aber er erkennt an, dass auch die liberalen Verteidiger_innen des Privateigentums bedenkenswerte, ja teils \u00fcberzeugende Argumente vortragen. Er pl\u00e4diert somit nicht schlicht f\u00fcr die Abschaffung des Eigentums, sondern an Hegel und Marx ankn\u00fcpfend f\u00fcr seine Aufhebung. \u00bbVielmehr geht es vor allem darum, seine Vorteile, also vor allem seine Freiheit stiftende Funktion, zu bewahren oder in h\u00f6her entwickelten Eigentumsformen aufzuheben\u00ab, stellt er fest.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Freiheit stiftende Funktion? Das klingt nach den Apologeten des b\u00fcrgerlichen Eigentums, nach John Locke, Immanuel Kant und anderen. Mit deren Argumenten setzt sich Vinnai knapp und pr\u00e4zise auseinander. Seine Kritik lautet: Die Verbindung von Freiheit und Eigentum gelte allenfalls f\u00fcr die Produktionsmittelbesitzer, nicht jedoch f\u00fcr die Masse jener, die ihre Arbeitskraft verkaufen m\u00fcssen. Zudem werde bei den b\u00fcrgerlichen Theoretikern nicht zwischen Eigentum an den Produktionsmitteln und anderen Formen von Eigentum unterschieden. Aristoteles, Rousseau, Kant oder Fichte gingen \u00fcberdies von einem Ideal einer Gesellschaft aus, in der das Privateigentum relativ gleichm\u00e4\u00dfig verteilt ist.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Der Kapitalismus untergr\u00e4bt das Privateigentum<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">In der heutigen kapitalistischen Klassengesellschaft ist das jedoch nicht der Fall, schreibt Vinnai. Zentralisations- und Konzentrationsprozesse f\u00fchrten dazu, dass viele Eigent\u00fcmer enteignet werden, weil sie der von freien Marktkr\u00e4ften entfesselten Konkurrenz nicht gewachsen seien. Hunderttausende Bauern m\u00fcssten ihr Eigentum an ihrem Produktionsmittel &#8211; dem Land &#8211; aufgeben, viele Kleinunternehmen und Mittelst\u00e4ndler w\u00fcrden von Gro\u00dfunternehmen und Monopolisten verdr\u00e4ngt. F\u00fcr die Masse der Bev\u00f6lkerung verbleibe nur der Privatbesitz an Konsumg\u00fctern und Geld. Vinnai macht auf ein viel zu wenig beachtetes Paradox aufmerksam: Zwar hat der Kapitalismus dem privaten Eigentum in gro\u00dfem Stil zum Durchbruch verholfen, aber er schafft dieses zugleich in wachsendem Ma\u00dfe wieder ab.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Dennoch, so der Autor, sei der Hinweis auf die Verkn\u00fcpfung von Freiheit und Privateigentum ernst zu nehmen. Sie k\u00f6nne sehr real sein, wenn sie die freie Verf\u00fcgung \u00fcber Besitzt\u00fcmer garantiere. Personen k\u00f6nnten in Abgrenzung zum Staat oder anderen Individuen ihr Leben so gestalten, wie sie es wollen. Gleichzeitig, so stellt Vinnai fest, ist das eine \u00bbreduzierte Freiheit\u00ab, weil es sich um die Freiheit des Menschen als isolierter und auf sich zur\u00fcckgezogener Monade handelt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Warum gibt es aber so wenig Kritik am Privateigentum an den Produktionsmitteln, das sich in den H\u00e4nden weniger konzentriert? Neben der Diskreditierung kollektiver Eigentumsformen durch den osteurop\u00e4ischen Staatssozialismus sieht Vinnai vor allem einen psychologischen Grund: \u00bbDie Kritik des Privateigentums wird in unserer Gesellschaft vor allem dadurch erschwert, dass die psychische Verfasstheit der Menschen in ihr nicht vom Privateigentum zu trennen ist.\u00ab Der Autor meint hiermit das Eigentum an H\u00e4usern, B\u00fcchern, Kleidung oder anderen Objekten, die es dem Individuum erlauben, sich in ihnen wie in einer Art Spiegel zu sehen. Wer ich bin, das zeigt sich darin, wie ich meine Wohnung, mein Haus oder den Garten gestalte; Kleidung wird zur Darstellung des eigenen Selbst. Und Objekte dienten zudem als Erinnerungsobjekte, die biografische Erfahrungen abst\u00fctzten. Wer kennt das nicht? Ein bestimmtes Buch erinnert an den Strandurlaub in Kroatien, eine Schallplatte an eine verflossene Liebe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Sigmund Freud beschrieb den Menschen als \u00bbProthesengott\u00ab, der sich \u00bbHilfsorgane\u00ab zulege, mit deren Hilfe er sich seine \u00bbGottes\u00e4hnlichkeit\u00ab zu beweisen suche. Ein aktuelles Beispiel ist die Nutzung von Smartphones. Ihr Gebrauch, insbesondere der sozialer Netzwerke, sei gerade bei J\u00fcngeren nahezu untrennbar mit bewussten und unbewussten Vorstellungen vom eigenen Selbst verbunden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Diese seelische Bindung an das Privateigentum differenziere nicht; sie setzt bildlich gesprochen das Eigentum am Gro\u00dfkonzern BMW mit dem an einem BMW X3 gleich. In Vinnais Worten: \u00bbDie bewusste oder unbewusste Gleichsetzung von allem Privateigentum muss zur angstvollen Ablehnung jeder gr\u00fcndlichen Eigentumskritik f\u00fchren, solange sie als Bedrohung des eigenen Besitzes und der mit ihm verbundenen Existenz erscheint.\u00ab Politische Bewegungen, die die Vergesellschaftung eines besonderen Eigentums &#8211; des an den Produktionsmitteln &#8211; anstreben, haben es somit schwer. Ihnen wird der Vorwurf gemacht, selbst das Eigentum an der Zahnb\u00fcrste abschaffen zu wollen.<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Die Seele kennt keine Eigentumsschranken<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Allerdings sieht der Verfasser Ansatzpunkte, wie die seelischen Bindungen an das Privateigentum zu lockern sind. Er erkennt Widerst\u00e4ndiges in der Seele, vor allem in ihren unbewussten Anteilen. Mit Bezug auf den anarchistischen Theoretiker David Graeber verweist er auf den sogenannten elementaren Kommunismus. Gemeint ist damit, dass auch im westlichen Kapitalismus kommunistische Elemente enthalten sind: spontane Hilfeleistungen, Gastfreundschaft oder Hilfe im Katastrophenfall etwa. Am ausf\u00fchrlichsten veranschaulicht Vinnai das Potenzial f\u00fcr Widerst\u00e4ndiges anhand des Internets. Das Privateigentum an Musik, Texten oder Filmen wird durch das legale wie illegale Herunterladen tendenziell au\u00dfer Kraft gesetzt. Beim Sharing von Autos, Wohnungen oder Bohrmaschinen geht es nicht um Eigentum, sondern um die zeitliche Nutzung. Soziale Netzwerke wie Facebook sind ihm zufolge Tendenzen des Wunsches nach Aufhebung einer mit dem Privateigentum verbundenen Isolierung. Vinnai schreibt gar, dass Facebook auf eine merkw\u00fcrdige Art gewisserma\u00dfen einen kommunistischen Traum zu erf\u00fcllen verspreche. Aber er bleibt auch skeptisch &#8211; und erweist sich nicht nur an dieser Stelle als Dialektiker im besten Sinne: Freilich k\u00f6nne diese Entwicklung auch der Kommerzialisierung neuer R\u00e4ume Vorschub leisten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Vinnais knappes Buch ist somit aus mehreren Gr\u00fcnden wichtig. Es r\u00fcckt die Kritik des Privateigentums in den Mittelpunkt kritischer Gesellschaftstheorie, die nicht nur einen diskriminierungsfreien Kapitalismus anstrebt, sondern seine \u00dcberwindung. Die Eigentumsfrage ist deshalb so wichtig, weil sich an ihr festmachen l\u00e4sst, wie produziert wird und wer sich die Produkte der Arbeit aneignet. \u00dcberdies kn\u00fcpft sein Text an der inzwischen breit gef\u00fchrten Debatte \u00fcber Ungleichheit an und treibt diese weiter, ja radikalisiert sie gewisserma\u00dfen. Am wichtigsten aber: Vinnai macht klar, Privateigentum ist nicht gleich Privateigentum: Marxist_innen wollen uns nicht die Zahnb\u00fcrste wegnehmen. Damit befindet sich der Text in der besten Tradition kritischer Gesellschaftstheorie von Marx, Freud und Fromm. Manches, beispielsweise die Frage, wie eine \u00d6konomie ohne Geld konkreter aussehen k\u00f6nnte, h\u00e4tte man sich ausf\u00fchrlicher gew\u00fcnscht. Auch eine Rezeption von Bourdieus Schrift \u00bbDer Einzige und sein Eigenheim\u00ab w\u00e4re lohnend gewesen. Aber das sind lediglich Abz\u00fcge in der B-Note.<\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"font-family: Verdana, sans-serif;\">Gerhard Vinnai: Die T\u00fccken des Privateigentums. Der Einfluss auf die Psyche und notwendige Alternativen. VSA-Verlag, Hamburg 2017. 144 Seiten, 11,80 EUR.<\/span><\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak634\/index.htm\">analyse &amp; kritik<\/a> Nr. 634 \/ 23.1.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein strukturell pervertiertes System aus kommerziellen Beziehungen und Besitz sei der Kapitalismus, schreibt Papst Franziskus in seiner Enzyklika \u00bbLaudato si\u00ab. 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