{"id":1222,"date":"2018-03-20T21:49:52","date_gmt":"2018-03-20T20:49:52","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1222"},"modified":"2018-03-22T22:11:18","modified_gmt":"2018-03-22T21:11:18","slug":"ich-ist-der-mittelteil-von-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1222","title":{"rendered":"Ich ist der Mittelteil von Nichts"},"content":{"rendered":"<h2>Im sechsten Band seines Romanzyklus\u2019 \u00bbOrtsumgehung\u00ab f\u00fchrt Andreas Maier sein Alter Ego an die Universit\u00e4t<\/h2>\n<p>Pusteln am ganzen K\u00f6rper und aufgedunsene Gliedma\u00dfen lassen den Protagonisten in Andreas Maiers neuestem Roman aussehen wie ein Michelinm\u00e4nnchen. Zudem plagen ihn Magenkr\u00e4mpfe, jedes Mal, wenn er von der Frankfurter Uni zur\u00fcck ins heimische Friedberg pendelt. Eine typische allergische Reaktion sei das, sagt ihm eine \u00c4rztin. Auf die Frage, worauf er denn allergisch reagiere, bekommt jener Andreas zu h\u00f6ren: auf sich selbst. Er solle weniger nachdenken und nicht dauernd alles problematisieren.<!--more--><\/p>\n<p>Leichter gesagt als getan, denn Andreas nabelt sich gerade von seiner Familie und seinem Herkunftsmilieu ab. Die Frage nach dem \u00bbWer bin ich eigentlich?\u00ab ist das zentrale Thema des Romans. Vorangestellt ist ihm die Sentenz \u00bbIch, das ist der Mittelteil des Wortes Nichts\u00ab. Was wie ein Kalauer wirkt, beschreibt die seelische Verfassung von Andreas recht gut. Selbstbewusstsein, ein Ziel und eine Vorstellung von seiner Identit\u00e4t hat er nicht. \u00bbIch selbst hatte mich damit eingerichtet, nur noch aus mehr oder minder unverbundenen, nebeneinander existierenden Personen zu bestehen\u00ab, hei\u00dft es an einer Stelle.<\/p>\n<p>\u00bbDie Universit\u00e4t\u00ab ist Teil eines von Maier 2009 begonnenen Projektes namens \u00bbOrtsumgehung\u00ab. Es ist autobiografisch angelegt und \u00e4hnelt damit vergleichbaren Projekten, die sich derzeit gro\u00dfer Beliebtheit erfreuen. Karl Ove Knausg\u00e5rd hat mit \u00bbMin Kamp\u00ab das prominenteste dieser Werke vorgelegt und unl\u00e4ngst wurde die deutsche \u00dcbersetzung von J. J. Voskuils siebenb\u00e4ndigem Romanwerk \u00bbDas B\u00fcro\u00ab beendet. Diese Anzahl wird Andreas Maier &#8211; sofern er nicht \u00bbim Hamsterrad der \u203aOrtsumgehung\u2039\u00ab (Maier) erm\u00fcdet &#8211; bald \u00fcbertrumpft haben. Soeben ist der sechste Teil des auf elf B\u00e4nde angelegten Romanzyklus\u2019 erschienen. Allerdings sind Maiers B\u00fccher deutlich schmaler: \u00bbDas Zimmer\u00ab (2010), \u00bbDas Haus\u00ab (2011), \u00bbDie Stra\u00dfe\u00ab (2013), \u00bbDer Ort\u00ab (2015), \u00bbDer Kreis\u00ab (2016) und jetzt \u00bbDie Universit\u00e4t\u00ab &#8211; sie liegen alle bei 150 bis 200 Seiten.<\/p>\n<p>Der unterschiedliche Umfang deutet darauf hin, dass bei Maier nicht wie bei Knausg\u00e5rd oder bei Peter Kurzeck das ausufernde Erinnern im Zentrum steht. Der 1967 im hessischen Bad Nauheim geborene Maier ist bei seiner Erinnerungsarbeit immer auch Analyst und Essayist, seine Prosa ist verdichteter, einen \u00bbFrankfurt-Knausg\u00e5rd, der sich kurzfasst\u00ab nannte ihn \u00bbDie Welt\u00ab j\u00fcngst.<\/p>\n<p>Bad Nauheim und Frankfurt am Main &#8211; damit sind die zentralen Orte des Maier\u2019schen Universums benannt. Friedberg in der hessischen Wetterau geh\u00f6rt noch dazu. Hier wuchs Maier auf, hier handeln die meisten der bislang erschienenen Teile der \u00bbOrtsumgehung\u00ab. Bisher hatte der Leser die Hauptfigur in sich r\u00e4umlich weitenden Kreisen durch Kindheit und Jugend begleitet, stilistisch wie atmosph\u00e4risch mitunter an Thomas Bernhard erinnernd, \u00fcber den Maier auch seine Dissertation geschrieben hat.<\/p>\n<p>Im neuesten Roman finden wir Andreas als Philosophiestudenten in Frankfurt am Main wieder. Er ist Anfang 20, hat wenig Geld, ist abgemagert und trinkt vormittags schon Bier. Zun\u00e4chst lebt er noch in Friedberg, dann in Frankfurt. Es plagt ihn ein \u00bbinnerer Meta-Ebenen-Kuckuck\u00ab, der seine Handlungen kommentiert und ihn von gefassten Vorhaben abbringt. Eine Italienreise endet bereits am Frankfurter Hauptbahnhof. Statt gen S\u00fcden geht es weiter nach Butzbach, wo er seiner ersten Liebe, einer inzwischen verheirateten Buchh\u00e4ndlertochter, auflauern will. Doch als er sie sieht, fasst er den Entschluss: besser verschwinden, loslaufen!<\/p>\n<p>Treffend versteht es Maier, mit knappen Formulierungen das Uni-Milieu atmosph\u00e4risch zu beschreiben. Im Philosophieseminar herrscht eine interne Hierarchie von profunden und spontanen Rednern und jenen, die auch mal gerne etwas sagen wollen, es aber nicht k\u00f6nnen. Da sind die schlechte Raumluft, die Ermattung am Freitagnachmittag, der \u00fcberf\u00fcllte Raum. Die Philosophiestudenten werden nach einer Zeit zu Adepten eines Professors, \u00fcbernehmen Sprache und Gestik desselben. \u00bbHabermasianer schlurften meistens still und nachdenklich durch die Gegend und griffen sich ans Kinn. Wenn sie sprachen, dann leise und nuschelnd und ohne Blickkontakt zum Gegen\u00fcber zu suchen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00dcber weite Teile des Romans stehen aber die Beschwernisse von Andreas im Zentrum, den wir in den vorherigen B\u00e4nden als \u00bbProblemandreas\u00ab und autistischen Sonderling kennengelernt haben. Als Sinnbild seiner Frankfurter Existenz wird ihm die Matratze, auf der er meistens herumliegt. \u00bbSeltsame Gl\u00fccksmomente\u00ab stellen sich erst ein, als er einen Studentenjob als Pflegekraft bei einer Witwe im Kettenhofweg annimmt. Es ist Gretel Adorno, die Witwe des ber\u00fchmten Philosophen, die \u00bbin gleichf\u00f6rmiger Regelm\u00e4\u00dfigkeit ihr Personal verschlei\u00dfe\u00ab. Obwohl sie kratzt, schl\u00e4gt und schimpft, versteht sich Andreas besser mit ihr als mit seiner Umwelt. Die l\u00e4ngere Gretel-Adorno-Passage ist ein H\u00f6hepunkt von \u00bbDie Universit\u00e4t\u00ab, so wie es der Besuch des ersten Rockkonzerts im Vorg\u00e4ngerband war.<\/p>\n<p>Wenn Andreas Maier das Niveau der bis dato erschienenen B\u00e4nde seiner \u00bbOrtsumgehung\u00ab h\u00e4lt, k\u00f6nnen wir in einigen Jahren wohl den Abschluss einer einzigartigen Romanreihe feiern.<\/p>\n<p><em>Andreas Maier: Die Universit\u00e4t. Roman. Suhrkamp, 148 S., geb., 20 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1082275.buchmesse-leipzig-ich-ist-der-mittelteil-von-nichts.html\">neues deutschland<\/a>, 14.3.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im sechsten Band seines Romanzyklus\u2019 \u00bbOrtsumgehung\u00ab f\u00fchrt Andreas Maier sein Alter Ego an die Universit\u00e4t Pusteln am ganzen K\u00f6rper und aufgedunsene Gliedma\u00dfen lassen den Protagonisten in Andreas Maiers neuestem Roman aussehen wie ein Michelinm\u00e4nnchen. 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