{"id":1224,"date":"2018-03-22T21:56:37","date_gmt":"2018-03-22T20:56:37","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1224"},"modified":"2018-03-22T22:10:42","modified_gmt":"2018-03-22T21:10:42","slug":"aus-dem-lot-geraten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1224","title":{"rendered":"Aus dem Lot geraten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Peter Stamm erz\u00e4hlt eine doppelte Doppelg\u00e4ngergeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Stellen Sie sich vor, Sie w\u00fcrden an einem Ort, an dem Sie vor Jahrzehnten gelebt haben, eine Person treffen, die haargenau Ihrem fr\u00fcheren Ich gleicht. Das w\u00fcrde Sie vermutlich nicht nur irritieren, es k\u00f6nnte auch Ihr seelisches Gleichgewicht ins Wanken bringen. Vor allem, wenn Sie Ihrem fr\u00fcheren Ich immer wieder an den Ihnen bekannten Orten begegnen.<!--more--><\/p>\n<p>Christoph, dem Protagonisten in Peter Stamms neuem Roman, passiert genau das. Zun\u00e4chst trifft er, der nach fruchtloser Zeit endlich Erfolge als Schriftsteller genie\u00dft, w\u00e4hrend einer Lesung in seinem Heimatdorf sein fr\u00fcheres Ich. Es arbeitet als Nachtportier in einem Hotel, so wie Christoph es vor 16 Jahren getan hat. Sp\u00e4ter trifft er seinen Doppelg\u00e4nger w\u00e4hrend eines Vortrags in der Universit\u00e4t, an der er einst studiert hatte. Wie besessen beobachtet er ihn und folgt dem jungen Mann, der sein eigenes Leben zu wiederholen scheint. Das l\u00e4sst Christoph aus dem Lot geraten. Er flieht nach Barcelona, um den merkw\u00fcrdigen Begegnungen zu entkommen. Doch sein fr\u00fcheres Ich trifft er nach Jahren auch dort. Oder ist alles nur Einbildung, ist Christoph verr\u00fcckt geworden?<\/p>\n<p>Diese Frage stellt sich nicht nur der Leser, sondern auch eine junge Frau namens Lena in Stockholm. Hier entfaltet sich die eigentliche, karge Handlung des Buches. 16 Jahre nach der ersten Begegnung mit seinem Doppelg\u00e4nger trifft Christoph Lena, die ihn an seine fr\u00fchere Freundin Magdalena erinnert. Noch mehr Verwirrung: Aus der einfachen Doppelg\u00e4ngergeschichte wird eine doppelte.<\/p>\n<p>Christoph folgt Lena in der Illusion, noch einmal jung sein und seinem Leben eine andere Wendung geben zu k\u00f6nnen. In Stockholm war seine Beziehung zu seiner gro\u00dfen Liebe Magdalena gescheitert. Er hatte sich gegen sie und f\u00fcr die Schriftstellerei entschieden &#8211; aus der nichts wurde; es blieb bei einem ver\u00f6ffentlichten Buch. Christoph schreibt an Lena: \u00bbBitte kommen Sie morgen um vierzehn Uhr zum Waldfriedhof. Ich m\u00f6chte Ihnen eine Geschichte erz\u00e4hlen.\u00ab Sie kommt, und es stellt sich heraus, dass auch ihr Freund, Chris, Schriftsteller ist und gerade an seinem ersten Buch arbeitet.<\/p>\n<p>Durch Stockholm spazierend, erz\u00e4hlt Christoph Lena, einer Schauspielerin, von der Begegnung mit seinem Doppelg\u00e4nger, von seiner gescheiterten Beziehung zu Magdalena, der Lena so gleicht. Bei Christoph verwischen die Unterschiede zwischen den beiden. Ich liebe dich noch immer, sagt er zu Lena &#8211; und meint Magdalena. Diese weist das zur\u00fcck: \u00bbIch bin nicht Ihre Magdalena.\u00ab<\/p>\n<p>Der neue Roman des Schweizers Peter Stamm \u00e4hnelt in seiner pr\u00e4zisen, einfachen Sprache, die keinerlei Kommentierendes enth\u00e4lt, seinen sechs zuvor publizierten Romanen sowie seinen zahlreichen Erz\u00e4hlungen. Jeder seiner S\u00e4tze vermittelt das Gef\u00fchl, dass die Personen, die Geschehnisse nicht ganz zu fassen sind. Das gilt f\u00fcr sein j\u00fcngstes Werk ganz besonders. Christoph und Chris, Magdalena und Lena umgibt etwas R\u00e4tselhaftes. Wir wissen nicht, was ihre wahre Identit\u00e4t ist &#8211; zumal Stamm im ersten und letzten Kapitel noch eine weitere Zeit- und Erinnerungsebene einf\u00fchrt. Zu Beginn bekommt ein alter Christoph, im M\u00e4nnerheim des Dorfes seiner Jugend lebend, r\u00e4tselhaften Besuch von einer Magdalena: offenbar Fantasien eines alten Mannes. Im letzten Kapitel wird ein Erlebnis des 20-j\u00e4hrigen Christoph erz\u00e4hlt: Er trifft in jenem Dorf einen zusammengebrochenen alten Mann. Und stellt sich vor, zu enden wie er, \u00bbvon allem befreit dem Leben zu entkommen und mich irgendwann zu ergeben. (&#8230;) Seltsam ist, dass mir diese Vorstellung schon damals nicht traurig vorkam, sondern angemessen und von einer klaren Sch\u00f6nheit und Richtigkeit wie dieser Wintermorgen vor langer Zeit.\u00ab<\/p>\n<p>Mit diesen verst\u00f6renden Worten entl\u00e4sst Stamm uns in die Reflexion \u00fcber sein Buch. In dessen Zentrum stehen die existenziellen Fragen: Wer schreibt mein Leben, wer bin ich, und wie wurde ich zu dem, der ich bin? Oder wie Peter Stamm es in seiner Poetikvorlesung formulierte: \u00bbGestalte ich mein Leben, oder ist es mir nur zugesto\u00dfen?\u00ab Der Autor findet weder hier noch dort eine Antwort. Das ist, was den Roman anbelangt, auch gut so. Alles andere h\u00e4tte diesem faszinierenden wie unbehaglichen Buch nicht gut gestanden.<\/p>\n<p>Peter Stamm: Die sanfte Gleichg\u00fcltigkeit der Welt. Roman. S. Fischer, 156 S., geb., 20 \u20ac.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1082271.buchmesse-leipzig-aus-dem-lot-geraten.html?sstr=speckmann\">neues deutschland<\/a>, 14.3.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Stamm erz\u00e4hlt eine doppelte Doppelg\u00e4ngergeschichte Stellen Sie sich vor, Sie w\u00fcrden an einem Ort, an dem Sie vor Jahrzehnten gelebt haben, eine Person treffen, die haargenau Ihrem fr\u00fcheren Ich gleicht. 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