{"id":1226,"date":"2018-01-26T21:57:39","date_gmt":"2018-01-26T20:57:39","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1226"},"modified":"2018-03-22T22:11:36","modified_gmt":"2018-03-22T21:11:36","slug":"dinge-mit-anderen-augen-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1226","title":{"rendered":"Dinge mit anderen Augen sehen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Karl Ove Knausg\u00e5rd schreibt Briefe an seine ungeborene Tochter<\/strong><\/p>\n<p>Sein sechsb\u00e4ndiges autobiografisches Romanwerk \u00bbMin Kamp\u00ab brachte ihm weltweiten Erfolg. Doch was folgt nach diesem gefeierten Magnum Opus? Der norwegische Autor Karl Ove Knausg\u00e5rd hatte eine so sch\u00f6ne wie \u00fcberzeugende Idee: Er schreibt Briefe an sein viertes, zun\u00e4chst noch ungeborenes Kind. In diesen will er der Tochter die Welt zeigen, \u00bbwie sie ist und wie sie uns umgibt, die ganze Zeit\u00ab.<!--more--><\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6ren zuallererst ganz allt\u00e4gliche Dinge wie Kaugummis, M\u00fcnzen, Autos, Ohren, Telefone oder Kanaldeckel. Dar\u00fcber hat Knausg\u00e5rd Mini-Essays von meist nur rund drei Seiten geschrieben, sie Monaten zugeordnet und in B\u00fcchern ver\u00f6ffentlicht, die nach den Jahreszeiten benannt sind. \u00bbIm Herbst\u00ab und \u00bbIm Winter\u00ab sind bereits in deutscher \u00dcbersetzung erschienen, mit der Publikation von \u00bbIm Fr\u00fchling\u00ab und \u00bbIm Sommer\u00ab im M\u00e4rz bzw. Mai wird die Jahreszeiten-Chronik vollst\u00e4ndig auf Deutsch vorliegen.<\/p>\n<p>\u00dcber so Allt\u00e4gliches wie St\u00fchle, Zucker oder Zahnb\u00fcrsten muss man schreiben k\u00f6nnen, ohne dass es banal klingt. Knausg\u00e5rd gelingt das. Er betrachtet Ph\u00e4nomene auf eine ganz andere Weise &#8211; und mit ihm der Leser. Zum Beispiel, wenn er \u00fcber St\u00fchle schreibt: \u00bbDas dem Stuhl eigene Wesen der Alleinherrschaft haben wir so verinnerlicht, dass zwei Erwachsene, die sich einen Stuhl teilen, undenkbar erscheinen, egal, ob sie nebeneinander Platz nehmen oder der eine auf dem Scho\u00df des anderen sitzt.\u00ab Der Stuhl habe immer etwas Abweisendes, obwohl er grunds\u00e4tzlich f\u00fcr jeden offen sei, schreibt der in Schweden lebende Autor und erachtet das als exemplarisch f\u00fcr die ganze Gesellschaft. \u00dcberall gebe es zu viele Bewerber f\u00fcr jeden Posten &#8211; wie beim Kinderspiel \u00bbReise nach Jerusalem\u00ab, wo St\u00fchle bekanntlich eine zentrale Rolle spielen.<\/p>\n<p>\u00dcber Thermoskannen schreibt Knausg\u00e5rd, dass sie eine Art Verl\u00e4ngerung des eigenen Heims in der Welt sind, und den Kaffee in ihnen bezeichnet er als \u00bbunser demokratischstes und klassenlosestes Getr\u00e4nk\u00ab. Man k\u00f6nne die Thermoskanne im Unterschied zum Bratenwender oder T\u00f6pfen \u00fcberall mit hinnehmen, ohne dass die Nase ger\u00fcmpft wird &#8211; mit einer Ausnahme: zum Besuch beim Nachbarn. Dann hei\u00dfe es: Du bringst doch wohl nicht deinen eigenen Kaffee in unser Wohnzimmer mit?<\/p>\n<p>Besonders herausragend ist sein Text \u00fcber Tanker, weil er individuelle Erinnerungen mit \u00f6konomisch-politischen Entwicklungen verbindet. Ein Traum f\u00fchrt Knausg\u00e5rd in die Landschaft seiner Kindheit, in die norwegische Hafenstadt Arendal. Fr\u00fcher sah man dort auf Bildern und Fotografien viele Segelschiffe. Sie verschwanden, als sie durch Tanker ersetzt wurden. Doch die sieht man nicht im Hafen liegen, weil sie nur auf dem Papier Reedern in Arendal geh\u00f6ren. Pausenlos sind sie in der Ferne unterwegs &#8211; bis zur \u00d6lkrise 1973. Pl\u00f6tzlich ohne Auftr\u00e4ge, kehren sie heim. \u00bbSie br\u00fcteten \u00fcber den H\u00e4usern und Felsh\u00e4ngen. Sie lagen vollkommen reglos, wie eingekapselt in sich selbst, es gab keine Eing\u00e4nge zu ihnen &#8230;\u00ab<\/p>\n<p>Aber Knausg\u00e5rd schreibt in den beiden bereits erschienenen B\u00fcchern nicht nur \u00fcber Alltagsgegenst\u00e4nde, sondern auch \u00fcber Otter, Eulen und Dachse oder \u00fcber Abstraktes wie Einsamkeit, Unordnung und Vergebung. Es ist diese Mischung, die die Lekt\u00fcre so abwechslungsreich macht. W\u00e4hrend man sich noch an seinen Ausf\u00fchrungen \u00fcber Toilettendeckel erfreut, ist man schon gespannt, worum es im n\u00e4chsten Mini-Essay geht. Nat\u00fcrlich gef\u00e4llt nicht jeder Text, manches erscheint als zu abwegig, anderes als zu banal. Sehr reizvoll ist aber, wie Knausg\u00e5rd auch in diesen kleinen Texten Biografisches einflie\u00dfen l\u00e4sst. Der Leser f\u00fchlt sich nicht selten an seine Hauptwerke \u00bbTr\u00e4umen\u00ab, \u00bbSterben\u00ab oder \u00bbLieben\u00ab erinnert. Er beschreibt Alltagsroutinen in der K\u00fcche, Geburtstagsrituale, Ausfl\u00fcge mit den Kindern, und nat\u00fcrlich geht es auch um seine &#8211; inzwischen geschiedene &#8211; Frau Linda. Im zweiten Band wird der Leser zudem Zeuge, wie die Tochter geboren wird. Aus den Briefen an eine ungeborene werden Briefe an eine geborene Tochter.<\/p>\n<p>Ohne Zweifel wird Knausg\u00e5rd mit seinem autobiografischen Werk \u00bbMin Kamp\u00ab im Ged\u00e4chtnis bleiben, doch seine Jahreszeiten-Chronik hat ihre ganz besonderen Reize. Dazu geh\u00f6ren nicht zuletzt auch die sch\u00f6nen Illustrationen.<\/p>\n<p><em>Karl Ove Knausg\u00e5rd: Im Winter. Mit Bildern von Lars Lerin, geb., 310 S.; Im Herbst. Mit Bildern von Vanessa Baird, geb., 288 S. Beide aus dem Norwegischen von Paul Berf, beide Luchterhand, je 22 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1077021.dinge-mit-anderen-augen-sehen.html?sstr=speckmann\">neues deutschland<\/a>, 23.1.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl Ove Knausg\u00e5rd schreibt Briefe an seine ungeborene Tochter Sein sechsb\u00e4ndiges autobiografisches Romanwerk \u00bbMin Kamp\u00ab brachte ihm weltweiten Erfolg. Doch was folgt nach diesem gefeierten Magnum Opus? Der norwegische Autor Karl Ove Knausg\u00e5rd hatte eine so sch\u00f6ne wie \u00fcberzeugende Idee: &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1226\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Karl Ove Knausg\u00e5rd schreibt Briefe an seine ungeborene Tochter","footnotes":""},"categories":[172],"tags":[],"class_list":["post-1226","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1226","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1226"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1226\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1227,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1226\/revisions\/1227"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1226"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1226"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1226"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}