{"id":1230,"date":"2018-03-08T22:28:00","date_gmt":"2018-03-08T21:28:00","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1230"},"modified":"2018-03-22T22:30:28","modified_gmt":"2018-03-22T21:30:28","slug":"freie-fahrt-fuer-alle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1230","title":{"rendered":"Freie Fahrt f\u00fcr alle?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Diskussion zum kostenlosem Nahverkehr bietet Chancen, die Kritik der Autogesellschaft zu radikalisieren<\/strong><\/p>\n<p>Mit dieser regen Debatte wird die kommissarische Bundesregierung nicht gerechnet haben. Ihre \u00dcberlegungen zum kostenfreien Nahverkehr haben eine Diskussion \u00fcber Alternativen zur individuellen Mobilit\u00e4t angesto\u00dfen. Dabei ist das in einem Brief an die EU-Kommission angestellte Gedankenspiel bescheiden und vage. Zeitweilig und nur in f\u00fcnf Modellst\u00e4dten k\u00f6nnte der \u00d6PNV bald kostenfrei sein. <!--more--><\/p>\n<p>Damit will die Regierung der EU-Kommission einen Brocken hinschmei\u00dfen, damit diese von ihrer angedrohten Klage gegen die Bundesrepublik abl\u00e4sst. Regelm\u00e4\u00dfig werden in deutschen St\u00e4dten die Grenzwerte f\u00fcr Stickoxide \u00fcberschritten. Stickoxide sind f\u00fcr rund 10.000 vorzeitige Tote verantwortlich \u2013 j\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Kostenfreier Nahverkehr ist durchaus sinnvoll und kann dazu f\u00fchren, dass Menschen ihr Auto stehen lassen und mit Bus und Bahn zur Arbeit fahren. Beispiele wie in Templin, dem belgischen Hasselt oder Polen zeigen das. Ob das Ziel erreicht wird, h\u00e4ngt aber davon ab, wie der \u00d6PNV aufgestellt ist. Damit sieht es in der Bundesrepublik nicht gut aus. Der Sparzwang \u00f6ffentlicher Haushalte hat dazu gef\u00fchrt, dass der \u00d6PNV vernachl\u00e4ssigt wurde, \u00fcberf\u00fcllte Busse und Bahnen sind die Folge. Millionen m\u00fcssten in die Hand genommen werden, um Abhilfe zu schaffen. Davon steht nichts in dem Brief nach Br\u00fcssel.<\/p>\n<p>Die \u00dcberlegung der Bundesregierung ist somit vielmehr ein Versuch, wirksamerer Ma\u00dfnahmen wie Fahrverbote oder strengere Auflagen f\u00fcr Dieselmotoren zur Luftverbesserung zu umgehen. Und damit eine weitere Ma\u00dfnahme, die Autoindustrie vor Schlimmerem zu bewahren. In dieses Bild passt, dass Berater der Regierung empfehlen, die Autoindustrie mit Steuergeldern bei der Hardware-Nachr\u00fcstung zu subventionieren.<\/p>\n<p>Dessen ungeachtet bietet die Debatte um einen kostenfreien Nahverkehr eine Gelegenheit, um die Kritik an der individuellen Mobilit\u00e4t, an der Autogesellschaft zu radikalisieren. In dieser verkn\u00fcpfen sich Aspekte der Mobilit\u00e4t mit Fragen von \u00d6kologie, Stadtentwicklung, Energie, Gerechtigkeit und Kapitalakkumulation.<\/p>\n<p>Der \u00d6kosozialist und Philosoph Andr\u00e9 Gorz wusste schon vor Jahrzehnten, dass es nicht gen\u00fcgt, den Leuten bequemere kollektive Verkehrsmittel zur Verf\u00fcgung zu stellen. \u00bbEs muss m\u00f6glich sein, dass sie \u00fcberhaupt nicht mehr transportiert zu werden brauchen, weil sie sich in ihrem Viertel, ihrer Gemeinde, ihrer auf Menschen zugeschnittenen Stadt zu Hause f\u00fchlen und weil es ihnen Freude macht, von ihrer Arbeit zu Fu\u00df nach Hause zu gelangen \u2013 zu Fu\u00df oder allenfalls mit dem Fahrrad.\u00ab Mitunter vielleicht auch mit S-Bahn oder Bus. Worauf es aber ankommt: Das mit Zersiedelung, L\u00e4rm und Luftschadstoffen einhergehende Paradigma der Automobilit\u00e4t m\u00fcsste durch eines der N\u00e4he ersetzt werden.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak635\/index.htm\">analyse &amp; kritik<\/a>, Nr. 635, 20.2.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion zum kostenlosem Nahverkehr bietet Chancen, die Kritik der Autogesellschaft zu radikalisieren Mit dieser regen Debatte wird die kommissarische Bundesregierung nicht gerechnet haben. Ihre \u00dcberlegungen zum kostenfreien Nahverkehr haben eine Diskussion \u00fcber Alternativen zur individuellen Mobilit\u00e4t angesto\u00dfen. 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