{"id":1233,"date":"2018-03-25T14:48:07","date_gmt":"2018-03-25T12:48:07","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1233"},"modified":"2018-04-20T14:52:35","modified_gmt":"2018-04-20T12:52:35","slug":"aus-vier-macht-zwoelf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1233","title":{"rendered":"Aus vier macht zw\u00f6lf!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schon vor dem j\u00fcngsten Facebook-Skandal wurde \u00fcber die Zerschlagung der gro\u00dfen Tech-Konzerne debattiert<\/strong><\/p>\n<p>Im November 2016 sagte Facebook-Chef Mark Zuckerberg: \u00bbIch pers\u00f6nlich glaube, die \u00dcberzeugung, dass Fake-Nachrichten auf Facebook die Wahl in irgendeiner Art und Weise beeinflusst haben k\u00f6nnten, ist verr\u00fcckt.\u00ab Schon damals, als heftig \u00fcber die vermeintliche Manipulation der US-amerikanischen Pr\u00e4sidentschaftswahl durch russische Hacker mithilfe des sozialen Mediums debattiert wurde, mutete diese \u00c4u\u00dferung seltsam an.<!--more--><\/p>\n<p>Heute, angesichts des Skandals \u00fcber die Absch\u00f6pfung und Auswertung von Facebook-Profilen durch Cambridge Analytica, ist sie aus der Zeit gefallen. Die Datenanalysefirma soll sich Daten von rund 50 Millionen Facebook-Mitgliedern erschlichen haben, um den Nutzern gezielt Pro-Trump-Werbung anzuzeigen. Jetzt scheint es im Vergleich zu den fr\u00fcheren Skandalen f\u00fcr Facebook tats\u00e4chlich ernst zu werden. Anleger verkaufen Anteile, der Aktienkurs sackte ab, diesseits und jenseits des Atlantiks werden Forderungen nach einer strengeren Regulierung laut. Die Stimmung kippt.<\/p>\n<p>Eine besondere Ironie bei dem Vorfall ist, dass sich angesichts des Treibens von Cambridge Analytica, einem britisch-amerikanischen Unternehmen, und dem US-Konzern Facebook, wieder einmal zeigte: Die schlimmsten Manipulatoren des Internets sitzen nicht in Russland, sondern in den USA. Eine Erkenntnis, die knapp f\u00fcnf Jahre nach den Enth\u00fcllungen von Edward Snowden angesichts der russophoben Stimmung schon fast wieder in Vergessenheit geraten war. Der Ausl\u00f6ser des NSA-Skandals \u00e4u\u00dferte sich zu den j\u00fcngsten Enth\u00fcllungen entsprechend: \u00bbFr\u00fcher hat man Unternehmen, die mit dem Sammeln und Verkaufen privater Daten Geld verdienen, schlicht \u00dcberwachungsfirmen genannt. Dass sie sich jetzt als soziales Netzwerk tarnen, ist die erfolgreichste T\u00e4uschung, seit sich das Kriegsministerium in Verteidigungsministerium umbenannt hat.\u00ab<\/p>\n<p>Allerdings h\u00e4tte es gar nicht der Aufdeckung \u00fcber die Machenschaften von Cambridge Analytica und Facebook bedurft: Die Debatte um die st\u00e4rkere Kontrolle, Verstaatlichung und Zerschlagung der gro\u00dfen Tech-Konzerne hatte bereits zuvor in der wirtschaftsliberalen Presse begonnen. In der \u00bbFinancial Times\u00ab, im \u00bbEconomist\u00ab, in Deutschland in FAZ, \u00bbWelt\u00ab und im \u00bbHandelsblatt\u00ab kamen erstaunlich oft Stimmen zu Wort, die angesichts der gigantischen Macht der vier gro\u00dfen Tech-Konzerne Alphabet (Google), Facebook, Amazon und Apple einen anderen Umgang mit den Aush\u00e4ngeschildern des digitalen Kapitalismus forderten.<\/p>\n<p>Eine dieser Stimmen ist Scott Galloway. Er ist Professor f\u00fcr Marketing und hat j\u00fcngst das Buch \u00bbThe Four: Die geheime DNA von Amazon, Apple, Facebook und Google\u00ab ver\u00f6ffentlicht. Seine Forderung, die \u00bbVier\u00ab &#8211; eine Anlehnung an die vier apokalyptischen Reiter &#8211; zu zerschlagen, hat ihm schon den Vorwurf eingebracht, ein Sozialist zu sein.<\/p>\n<p>Das ist er mitnichten, obwohl seine Forderung auf den ersten Blick radikal scheint. So setzt er sich daf\u00fcr ein, die gro\u00dfen Vier in zw\u00f6lf kleinere Firmeneinheiten aufzuteilen. Begr\u00fcndung: \u00bbEs gibt diesen Punkt, an dem ein Unternehmen so m\u00e4chtig wird, dass nur die Zerschlagung dieses Unternehmens dazu f\u00fchren wird, den Wettbewerb wiederzubeleben\u00ab, sagte er im \u00bbHandelsblatt\u00ab. Die Zerschlagung sei Teil des normalen Wirtschaftszyklus.<\/p>\n<p>Die enorme Macht von Facebook und Co. wird von Galloway und anderen auf den sogenannten Netzwerkeffekt zur\u00fcckgef\u00fchrt. Dieser besagt, dass die N\u00fctzlichkeit einer Plattform wesentlich von der Zahl ihrer Nutzer bestimmt wird. Je mehr Menschen ein Profil bei Facebook oder Instagram haben, desto interessanter wird die Plattform &#8211; f\u00fcr die kommerzielle Verwertbarkeit wie f\u00fcr die User. Wer geht schon zu den Facebook-Alternativen \u00bbDiaspora\u00ab oder \u00bbEllo\u00ab, wenn dort gerade einmal ein Verwandter und eine Freundin einen Account haben? Welcher H\u00e4ndler kann es sich noch leisten, nicht bei Amazon seine Waren feilzubieten? Das Problem hierbei: In \u00f6konomischen Konkurrenzverh\u00e4ltnissen, wie sie im Kapitalismus nun einmal \u00fcblich sind, entsteht dadurch eine Dynamik nach dem Muster \u00bbThe winner takes it all\u00ab. Kurz: Netzwerkeffekte f\u00fchren zu Oligopolen und Monopolen.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst sich bei Facebook und Google gut beobachten. Auf die beiden Giganten allein entfallen mittlerweile 63 Prozent der US-amerikanischen Werbeeinnahmen, weltweit war es 2017 fast die H\u00e4lfte. \u00dcber Google laufen in Deutschland und Europa \u00fcber 90 Prozent der Suchanfragen, global waren es 2016 \u00fcber 70 Prozent. Googles Betriebssystem Android hat einen Marktanteil von 86 Prozent. Und Facebook dominiert den Markt der sozialen Netzwerke in den USA mit einem Anteil von etwa 75 Prozent; in Deutschland entfielen \u00fcber 70 Prozent der Seitenaufrufe auf das Netzwerk.<\/p>\n<p>Monopole und Oligopole kann man aus liberaler wie aus linker Sicht kritisieren. Galloway vertritt die liberale und begr\u00fcndet seine Zerschlagungs-Forderung sogar explizit damit, dass er ein Kapitalist ist. Er wie auch andere wollen durch die Entflechtung der gro\u00dfen Vier den normalen kapitalistischen Wettbewerb wieder neu erm\u00f6glichen; sie wollen verhindern, dass sich Monopole und Oligopole au\u00dferhalb der Regeln des Wettbewerbs bewegen. Problem dabei: Die bereits von Karl Marx beschriebenen Konzentrations- und Zentralisationstendenzen des Kapitals werden durch eine Zerschlagung eines Monopols nicht aufgehoben. Der Wettbewerb beginnt erneut und birgt das Potenzial, dass es zu \u00dcbernahmen und erneut zu Oligopolen kommt.<\/p>\n<p>Ein Blick in die Geschichte der kapitalistischen Zentren zeigt, dass es durchaus Beispiele f\u00fcr Zerschlagungen und Entflechtungen gibt. 1911 wurde die Standard Oil Company in 34 Einzelunternehmen aufgeteilt. Diese Entflechtung durch US-Pr\u00e4sident Theodore Roosevelt gilt als Beginn der Anti-Monopol-Gesetzgebung. Aus Standard Oil gingen durch Zuk\u00e4ufe und Wiedervereinigungen einige der heute bekannten \u00d6l-Multis wie ExxonMobil und Chevron hervor. Ein Beispiel j\u00fcngeren Datums ist die Zerschlagung des Telefonmonopolisten AT&amp;T 1984 in sieben regionale Unternehmen. Netter Nebeneffekt dabei: Nach der Aufteilung wurde bekannt, dass das Unternehmen Innovationen und neue Technologien unterdr\u00fcckt hatte, um das eigene Gesch\u00e4ft nicht zu kannibalisieren.<\/p>\n<p>Und in Europa? Immerhin hat das Europaparlament vor vier Jahren die Aufspaltung von Google vorgeschlagen, weil der Konzern zu m\u00e4chtig geworden ist. Letztes Jahr hat dann die EU-Kommission zumindest eine Rekordstrafe von 2.42 Milliarden Euro gegen Google verh\u00e4ngt, weil es seine marktbeherrschende Stellung missbraucht habe. Eine rechtliche Handhabung zur Zerschlagung der US-Konzerne existiert freilich nicht.<\/p>\n<p>Linke Kritiker der digitalen Monopole pl\u00e4dieren f\u00fcr weitreichendere Ma\u00dfnahmen, als nur auf das liberale Kartellrecht zu setzen. Der bekannte Internetkritiker Evgeny Morozov hebt auf die wechselseitige Durchmischung von \u00bbFinanzkapitalismus und technologischem Kapitalismus\u00ab ab und fordert mehr strukturelle und gesetzgeberische Interventionen. In Bezug auf die Daten m\u00fcsse die Eigentumsfrage gestellt werden. Warum sollten die Daten nicht ein entscheidender Bestandteil einer Infrastruktur sein, die allen geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Nick Srnicek, Autor des Buches \u00bbPlattform-Kapitalismus\u00ab, denkt in eine \u00e4hnliche Richtung. Im \u00bbGuardian\u00ab und in der \u00bbZeit\u00ab brachte er die Idee der Verstaatlichung bzw. die des \u00f6ffentlichen Besitzes an den Tech-Konzernen als Ideall\u00f6sung ins Spiel. Begr\u00fcndung: Diese Monopole, die unsere Interaktionsdaten extrahieren und verwerten, seien zu gro\u00df, um der Allgemeinheit zu dienen.<\/p>\n<p>Begr\u00fcndet wird das auch mit der Gefahr f\u00fcr die Demokratie, die von den digitalen Monopolen ausgeht. Denn im Vergleich zu fr\u00fcheren Monopolen verf\u00fcgen diese neben finanzieller Macht auch \u00fcber einen immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Einfluss auf Informationen, Nachrichten und \u00f6ffentliche Diskussionen. Die j\u00fcngsten Aufdeckungen illustrieren das: Facebook und andere Tech-Konzerne haben offenbar die Macht, die Meinungen von Millionen W\u00e4hlern zu beeinflussen. Ob das letztlich ausschlaggebend war f\u00fcr den Wahlsieg von Donald Trump, wird vielleicht nie gekl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Aber schon jetzt ist klar: Den von b\u00fcrgerlichen Demokratietheoretikern beschworenen m\u00fcndigen B\u00fcrger, der zwischen einem Informationsangebot frei w\u00e4hlen kann, hat es so nie gegeben. Zu sehr hatten schon immer Kapitalgeber und Werbekunden Einfluss auf das, was ver\u00f6ffentlicht wurde. Im digitalen Zeitalter des Kapitalismus freilich nimmt das Problem eine neue Dimension an. Wenn sich immer mehr Menschen prim\u00e4r nur noch \u00fcber die Filterblase bei Facebook informieren, stellt sich die Frage ganz anders. In diesem Sinne kann man sogar einmal einer EU-Kommissarin Recht geben: \u00bbWir m\u00fcssen uns unsere Demokratie zur\u00fcckerobern, wir k\u00f6nnen sie nicht den Googles und Facebooks \u00fcberlassen\u00ab, sagte EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager im November vergangenen Jahres.<\/p>\n<p>Eine \u00f6ffentliche Kontrolle oder Vergesellschaftung von Facebook, das ma\u00dfgeblich die \u00f6ffentliche Meinungsbildung mitgestaltet, ist da eine gute Idee. Ob es aber eine Verstaatlichung sein muss, ist mit Blick auf China mehr als fraglich.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1083344.facebook-und-monopole-im-internet-aus-vier-macht-zwoelf.html\">neues deutschland<\/a>, 24.3.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon vor dem j\u00fcngsten Facebook-Skandal wurde \u00fcber die Zerschlagung der gro\u00dfen Tech-Konzerne debattiert Im November 2016 sagte Facebook-Chef Mark Zuckerberg: \u00bbIch pers\u00f6nlich glaube, die \u00dcberzeugung, dass Fake-Nachrichten auf Facebook die Wahl in irgendeiner Art und Weise beeinflusst haben k\u00f6nnten, ist &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1233\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Schon vor dem j\u00fcngsten Facebook-Skandal wurde \u00fcber die Zerschlagung der gro\u00dfen Tech-Konzerne debattiert","footnotes":""},"categories":[110,95],"tags":[174],"class_list":["post-1233","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-internet","category-oekonomie","tag-facebook"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1233","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1233"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1233\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1234,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1233\/revisions\/1234"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1233"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1233"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1233"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}