{"id":1244,"date":"2018-05-08T21:52:54","date_gmt":"2018-05-08T19:52:54","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1244"},"modified":"2023-12-04T16:36:09","modified_gmt":"2023-12-04T15:36:09","slug":"eine-weihnacht-mit-marx","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1244","title":{"rendered":"Eine Weihnacht mit Marx"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zum Tod des einflussreichen linken Politikwissenschaftlers Elmar Altvater (1938-2018)<\/strong><\/p>\n<p>1961 muss ein Student der Soziologie und \u00d6konomie in M\u00fcnchen einsame Weihnachten verbracht haben. Geld, um zu den Eltern ins heimatliche Kamen im Ruhrgebiet zu fahren, gab es nicht. Geld f\u00fcr die Heizung auch nicht. Sein Vater war Bergarbeiter. Mit Jobs als Liegewagenschaffner und auf dem Bau waren keine gro\u00dfen Spr\u00fcnge zu machen. Doch diese Weihnachten sollten f\u00fcr den 23-j\u00e4hrigen Elmar Altvater pr\u00e4gend werden.<!--more-->Von einem linken M\u00fcnchener Buchh\u00e4ndler war er \u00fcberredet worden, die drei B\u00e4nde des Marxschen \u00bbKapital\u00ab zu lesen. Noch in der Ausgabe mit dem braunen Einband aus der DDR. Die waren billig zu haben. Die Lekt\u00fcre \u00fcber die Weihnachtstage war die Initialz\u00fcndung f\u00fcr die au\u00dferordentliche intellektuelle Karriere Elmar Altvaters. Eine Lektion musste er gleich zu Beginn lernen: \u00bbLeider musste ich feststellen, dass Bertolt Brecht recht hatte, als er sagte, es sei teuer, Marx zu verstehen. Denn man muss viel Literatur dazukaufen, um ein guter Marxist zu werden\u00ab, erz\u00e4hlte Altvater im Gespr\u00e4ch mit \u00bbZEIT Geschichte\u00ab und dem 2012 verstorbenen Norbert Walter, dem Chefvolkswirt der Deutschen Bank.<\/p>\n<p>Dass ein sich selbst als Marxist bezeichnender von einer linksliberalen Wochenzeitung zum Gespr\u00e4ch mit einem Vertreter des Gro\u00dfkapitals gebeten wird, sagt viel aus \u00fcber die Stellung, die sich der Politikwissenschaftler Altvater erarbeitet hatte. Nicht nur in linken und marxistischen Kreisen galt Altvater &#8211; im besten Sinne des Wortes &#8211; als Autorit\u00e4t, auch in Kreisen mit anderen Klasseninteressen nahm man seine Ansichten ernst.<\/p>\n<p>Nach dem Studium in M\u00fcnchen war Altvater von 1968 bis 1970 Wissenschaftlicher Assistent an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg. Es war eine bewegte Zeit. Altvater soll der Ruf eines \u00bbRudi Dutschke von Erlangen\u00ab vorausgeeilt sein. Als die 68er ihren Zenit \u00fcberschritten hatten, kam Altvater in eines ihrer Zentren: nach Berlin. Er engagierte sich in der \u00bbSozialistischen Assistentenzelle\u00ab, gr\u00fcndete die Zeitschrift \u00bbProbleme des Klassenkampfes\u00ab &#8211; heute Prokla &#8211; und war aktiv im Sozialistischen B\u00fcro, das seinen Sitz in Offenbach hatte und ein wichtiger Zusammenschluss der Neuen Linke war.<\/p>\n<p>Zehn Jahre nach seiner ersten Marx-Lekt\u00fcre wurde Altvater 1971 Professor f\u00fcr Politische \u00d6konomie am Otto-Suhr-Institut f\u00fcr Politikwissenschaft der Freien Universit\u00e4t Berlin. Dort sollte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2004 bleiben. Altvater geh\u00f6rt damit, wie der Journalist Mathias Greffrath einmal schrieb, zu der \u00bbAssistentengeneration\u00ab von 1968, die das Marxsche Werk f\u00fcr sich entdeckte und \u00bbmit &#8211; man ist versucht zu sagen, deutscher &#8211; Gr\u00fcndlichkeit den Historischen Materialismus von seinen stalinistischen Verballhornungen befreite und sein Kernst\u00fcck, die Kritik der politischen \u00d6konomie, \u203arekonstruierte\u2039\u00ab.<\/p>\n<p>Diese Rekonstruktion schlug sich bei Altvater in einem stetigen Aussto\u00df von B\u00fcchern nieder. Ein Standardwerk der Globalisierungskritik ist das zusammen mit seiner Lebensgef\u00e4hrtin Birgit Mahnkopf 1996 ver\u00f6ffentlichte Werk \u00bbGrenzen der Globalisierung\u00ab, es erschien in sieben Auflagen.<\/p>\n<p>Altvaters intellektuelle Neugier und seine regelm\u00e4\u00dfigen Reisen nach S\u00fcdamerika sorgten daf\u00fcr, dass er immer wieder neue Themen aufgriff. In seinem Herangehen blieb er freilich der Marxschen Methode verpflichtet. So widmete er sich Fragen der kapitalistischen Entwicklung, der Staatstheorie, der Entwicklungspolitik sowie der Schulden- und Finanzkrise und dachte \u00fcber den Zusammenhang von \u00d6konomie und \u00d6kologie nach. Insbesondere auf letzterem Gebiet setzte er Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die \u00f6komarxistische und \u00f6kosozialistische Diskussion, die im angels\u00e4chsischen Sprachraum intensiver gef\u00fchrt wird als hierzulande. \u00bbDie \u00f6kologische Frage ist eine soziale Frage und die soziale Frage kann heute nur noch als \u00f6kologische Frage angemessen bearbeitet werden\u00ab, schrieb er 1992 in \u00bbDer Preis des Wohlstands\u00ab.<\/p>\n<p>Die traditionelle sozialistische Linke hat diese Erkenntnis, wenn \u00fcberhaupt, nur als Lippenbekenntnis angenommen. Bis heute denkt sie das Soziale und das \u00d6kologische getrennt. Marxisten, die von der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte reden, keynesianische Gewerkschafter, die staatliche Konjunkturprogramme fordern, blenden aus, dass die Produktiv- in Destruktivkr\u00e4fte umschlagen k\u00f6nnen und mehr Wachstum mehr Naturverbrauch und Umweltverschmutzung zur Folge hat. In Altvaters Worten: \u00bb\u00d6konomische Prozesse sind Transformationen von Stoffen und Energien, die irreversibel sind und nicht &#8211; wie in der \u00f6konomischen Theorie vorausgesetzt wird &#8211; in zirkul\u00e4rer Form ablaufen.\u00ab<\/p>\n<p>Auch politisch engagierte sich Altvater. Zun\u00e4chst Mitglied der SPD, war er beim Gr\u00fcndungsprozess der Gr\u00fcnen Anfang der 1980er Jahre beteiligt. Die Verb\u00fcrgerlichung der Gr\u00fcnen war f\u00fcr ihn kein Grund gewesen, die Partei zu verlassen. Damit h\u00e4tte er leben und versuchen k\u00f6nnen, diesen Prozess von innen zu bek\u00e4mpfen, sagte er in einem Interview. Er trat erst aus der Partei aus, als die Gr\u00fcnen den Krieg gegen Afghanistan mittrugen. Die Delegierten \u00bbhaben sich von Fischer am Nasenring durch die Manege ziehen lassen. Und kaum jemand hat den Schmerz gesp\u00fcrt,\u00ab so Altvater. 2007 dann &#8211; gleichsam als letzte Alternative &#8211; der Eintritt in die Linkspartei, wo er in der Programmkommission aktiv war. Neben seinem Parteiengagement war er auch bei Attac aktiv. \u00bbMan muss auf beiden Hochzeiten &#8211; Politik und Zivilgesellschaft &#8211; tanzen\u00ab, sagte er einmal.<\/p>\n<p>\u00bbDas Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen\u00ab sah er in dem gleichnamigen Buch von 2005 voraus. Das war hellsichtig. Drei Jahre sp\u00e4ter brach die globale Finanzkrise mit der Pleite der Bank Lehman Brothers aus. Ein Krise, die sich zu einer Weltwirtschaftskrise auswuchs. F\u00fcr Altvater war sie nicht \u00fcberraschend gekommen. Die Finanzialisierung des Kapitalismus und seine Krisenanf\u00e4lligkeit waren schon immer Gegenstand seiner Analysen.<\/p>\n<p>In seinem Gespr\u00e4chsband mit Raul Zelik &#8211; hervorragend \u00fcbrigens auch als Einf\u00fchrung in das Denken Altvaters geeignet &#8211; hei\u00dft es als entscheidenden Punkt f\u00fcr die \u00bbVermessung der Utopie\u00ab: \u00bbWir &#8211; neun Milliarden, die wir bald sein werden &#8211; k\u00f6nnen alle ein ausk\u00f6mmliches Leben haben, aber daf\u00fcr m\u00fcssen wir etwas tun und gleichzeitig vieles unterlassen. Wir m\u00fcssen die Erde umgestalten, sie sozusagen \u00f6kologisch herrichten.\u00ab Was er damit meinte? Zuv\u00f6rderst den Abschied von den fossilen Energietr\u00e4gern und den \u00dcbergang hin zu einem Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Und dieser m\u00fcsse \u00bbsolar, demokratisch und solidarisch sein\u00ab.<\/p>\n<p>Nun ist Elmar Altvater mit 79 Jahren in Berlin verstorben &#8211; am 1. Mai des Karl-Marx-Jahres. Die Linke, ob marxistisch oder weniger, verliert einen ihrer weltweit kl\u00fcgsten K\u00f6pfe.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1087025.zum-tod-von-elmar-altvater-eine-weihnacht-mit-marx.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 3.5.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Tod des einflussreichen linken Politikwissenschaftlers Elmar Altvater (1938-2018) 1961 muss ein Student der Soziologie und \u00d6konomie in M\u00fcnchen einsame Weihnachten verbracht haben. Geld, um zu den Eltern ins heimatliche Kamen im Ruhrgebiet zu fahren, gab es nicht. 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