{"id":1246,"date":"2018-05-17T21:57:36","date_gmt":"2018-05-17T19:57:36","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1246"},"modified":"2018-05-16T21:59:31","modified_gmt":"2018-05-16T19:59:31","slug":"hamburg-unter-roten-fahnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1246","title":{"rendered":"Hamburg unter roten Fahnen"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der Hansestadt wird mit der Ausstellung \u00bbRevolution! Revolution?\u00ab recht einseitig an den Umbruch 1918 erinnert<\/strong><\/p>\n<p>Das Symbol der Revolution ist die rote Fahne. Als vor 100 Jahren die Novemberrevolution von Kiel ausgehend Hamburg erreichte, wurden auch hier rote Fahnen geschwenkt. Ab dem 11. November 1918 wehte sie gar am Hamburger Rathaus. Was symbolisch als Sieg der Revolution erscheinen mag, ist es indes nicht. Alle Macht den R\u00e4ten? Das galt in Hamburg nur f\u00fcr f\u00fcnf Tage. Dann setzten die R\u00e4te die alten Institutionen &#8211; B\u00fcrgerschaft und Senat &#8211; wieder ein, wenngleich sie sich ein Kontrollrecht vorbehielten. Mit den Neuwahlen zur B\u00fcrgerschaft Mitte M\u00e4rz l\u00f6sten sich die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te wieder auf, die rote Fahne wurde eingezogen.<!--more--><\/p>\n<p>Eine rote Fahne empf\u00e4ngt den Besucher als erstes, wenn er die Ausstellung \u00bbRevolution! Revolution? Hamburg 1918\/19\u00ab im Museum f\u00fcr Hamburgische Geschichte betritt. Ob es aber jene ist, die f\u00fcr viereinhalb Monate \u00fcber dem Rathaus wehte, wird nicht mitgeteilt. Ja, noch nicht einmal die Tatsache an sich. Diese entnimmt man dem Begleitband zur Ausstellung, der aus einem wissenschaftlichen Symposium entstanden ist. Stattdessen liest man auf der Tafel, dass die Fahne sp\u00e4ter vor den Nazis und der Adenauer-Regierung nach dem KPD-Verbot (die Fahne befand sich mittlerweile in Besitz einer KPD-Ortsgruppe) versteckt werden musste. Eine bezeichnende Kontinuit\u00e4t wird hier eher unfreiwillig offenbart: n\u00e4mlich jene des Antikommunismus, der fast bruchlos in der fr\u00fchen Bundesrepublik fortgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Gewaltsam \u00e4u\u00dferte sich dieser in der konterrevolution\u00e4ren Gewalt in den Jahren 1918 bis 1920. Freikorpsverb\u00e4nde und reaktion\u00e4re Milit\u00e4rs wollten die Versprechen des Novemberumsturzes &#8211; Frieden, Arbeiterkontrolle und kollektive Selbstbestimmung &#8211; zur\u00fcckdrehen. Auch in Hamburg. Dort hatte sich 1919, von Industriellen finanziert und bestehend aus vorwiegend b\u00fcrgerlichen ehemaligen Frontsoldaten, ein milit\u00e4rischer Freiwilligenverband gebildet: das Freikorps Bahrenfeld. \u00dcbrigens war daran auch der SPDler und Vorsitzende des Hamburger Soldatenrates Walther Lamp\u2019l beteiligt &#8211; und zwar durch Vermittlung des Reichswehrministers und \u00bbBluthundes\u00ab Gustav Noske. Die Bahrenfelder waren zum Beispiel ma\u00dfgeblich an der Eskalation der Gewalt infolge der Hamburger S\u00fclzeunruhen mit 60 bis 80 Todesopfern im Juni 1919 beteiligt. Aber auch das entnimmt man lediglich dem Begleitband. In der Ausstellung hei\u00dft es lapidar: \u00bbZur Wiederherstellung der Ordnung stand der Hamburger Regierung unter anderem das Freikorps Bahrenfeld zur Verf\u00fcgung.\u00ab<\/p>\n<p>Mehr erf\u00e4hrt man nicht. Dabei w\u00e4re dazu noch viel zu sagen. Zum Beispiel, dass einige Angeh\u00f6rige des Freikorps sp\u00e4ter SS-F\u00fchrer oder Gestapo-Beamte wurden. Nat\u00fcrlich: Formal l\u00e4sst sich das Auslassen dieser Aspekte in der Ausstellung teilweise mit der Beschr\u00e4nkung auf die Jahre 1918\/19 rechtfertigen. Aber der Hauptgrund ist ein anderer: Diese Einordnung w\u00fcrde der zentralen geschichtspolitischen Botschaft der Ausstellung widersprechen. Diese lautet: \u00bbVor 100 Jahren wurden die Fundamente f\u00fcr die Demokratie in Hamburg und Deutschland gelegt\u00ab. Die Novemberrevolution war der Startschuss f\u00fcr die parlamentarische Demokratie, die Gewaltenteilung, das Frauenwahlrecht und Arbeitnehmerrechte. Alles nicht falsch, wie die Ausstellung auch optisch ansprechend zu zeigen wei\u00df. Aber: Sowohl in ganz Deutschland als auch in Hamburg war die Novemberrevolution mehr als das: Die Bildung von R\u00e4ten wies auf ein Demokratiemodell hin, das \u00fcber das des parlamentarischen hinausgeht, die Forderung nach einer soziale Revolution stellte den Kapitalismus infrage. Dazu erf\u00e4hrt man in der Hamburger Ausstellung nur andeutungsweise etwas.<\/p>\n<p>Insofern empfiehlt es sich, \u00bbRevolution? Revolution!\u00ab gegen den Strich zu lesen oder wenigstens den Begleitband zu Rate zu ziehen. Denn in ihm werden zumindest die ein oder andere Konfliktlinie zwischen USPD, SPD und Linksradikalen dargestellt. Zudem finden r\u00e4tekommunistische und syndikalistische Organisierungsversuche von Unterschichten Erw\u00e4hnung. Die Ausstellung erweckt zu sehr den Anschein, dass der Sieger &#8211; die heute noch regierende SPD &#8211; seine eigene Geschichte geschrieben hat.<\/p>\n<p><i>\u00bbRevolution! Revolution? Hamburg 1918-1919\u00ab, Museum f\u00fcr Hamburgische Geschichte, Holstenwall 24, 20355 Hamburg, bis 25.2.2019. Der gleichnamig Begleitband, hrsg. Von Hans-J\u00f6rg Czech, Olaf Matthes und Ortwin Pelc, ist im Wachholtz-Verlag erschienen.<\/i><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1087997.novemberrevolution-hamburg-unter-roten-fahnen.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 14.5.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Hansestadt wird mit der Ausstellung \u00bbRevolution! Revolution?\u00ab recht einseitig an den Umbruch 1918 erinnert Das Symbol der Revolution ist die rote Fahne. 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