{"id":1250,"date":"2018-05-20T22:07:38","date_gmt":"2018-05-20T20:07:38","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1250"},"modified":"2018-06-17T08:55:14","modified_gmt":"2018-06-17T06:55:14","slug":"vollgeld-was-ist-das-denn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1250","title":{"rendered":"Vollgeld \u2013 was ist das denn?"},"content":{"rendered":"<p class=\"pInitial\">\u00bbEigentlich ist es gut, dass die Menschen der Nation unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen. W\u00fcrden sie es n\u00e4mlich, so h\u00e4tten wir eine Revolution noch vor morgen fr\u00fch\u00ab, sagte einst der Industrielle Henry Ford. Rund 70 Jahre nach seinem Tod hat sich am ersten Teil seiner Aussage wenig ge\u00e4ndert. Umfragen zufolge glaubt eine gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung, dass nur Staaten oder Zentralbanken Geld sch\u00f6pfen k\u00f6nnen. Nur wenige wussten, dass private Banken ebenfalls Geld erzeugen. Die meisten Menschen \u2013 und alle Lehrb\u00fccher der Mainstream-\u00d6konomie unterst\u00fctzen sie darin \u2013 w\u00e4hnen sich daher in einem Geldsystem, das mit der Realit\u00e4t wenig zu tun hat. <!--more--><\/p>\n<p class=\"pInitial\">Nur 15 Prozent des umlaufenden Geldes in der EU ist das traditionelle M\u00fcnz- oder Papiergeld. Der Rest wird von privaten Banken auf elektronische Weise geschaffen: durch die Vergabe von Krediten. Sie schaffen sogenanntes Giralgeld aus dem Nichts. Denn bei dieser Kreditvergabe wird weder einem anderen Konto ein Gegenwert abgezogen, noch vergibt die Bank das \u00fcbersch\u00fcssige Geld, das Kund_innen auf das Sparbuch eingezahlt haben.<\/p>\n<p>Mehr Wissen \u00fcber die Geldsch\u00f6pfung haben bald die Schweizer_innen. Am 10. Juni stimmen sie \u00fcber eine Vollgeld-Initiative ab. Auch in Deutschland wird das Vollgeld-System unter dem Namen Monetative infolge der Finanzkrise von 2008ff. st\u00e4rker diskutiert. Und selbst der Internationale W\u00e4hrungsfonds hat in einem Papier dessen Vorz\u00fcge hervorgehoben. Im angels\u00e4chsischen Sprachraum firmiert es zumeist unter dem auf den \u00d6konomen Irving Fischer (1867-1947) zur\u00fcckgehenden Begriff 100%-Money.<\/p>\n<p>Welche Ziele verfolgt die Schweizer Vollgeld-Initiative? Zuv\u00f6rderst soll allein die Nationalbank Noten- und Buchgeld herstellen k\u00f6nnen. Zu einem Stichtag sollen alle Giralgelder auf privaten Banken zum Vollgeld der Schweizer Nationalbank erkl\u00e4rt werden. Das Geld auf den Konten soll damit f\u00fcr jede_n sicher sein, auch wenn die Bank pleite geht. Ein Bank Run w\u00e4re dann ebenso ausgeschlossen wie, dass Gro\u00dfbanken die ganze Wirtschaft mit in den Abgrund ziehen. Private Banken sollen weiter Kredite vermitteln und Kundengelder treuh\u00e4nderisch verwalten, aber eben kein Geld mehr aus dem Nichts schaffen k\u00f6nnen. \u00dcberdies kommt der \u00f6ffentlichen Hand durch ein Vollgeldsystem der Gewinn aus der Geldsch\u00f6pfung (Seigniorage) zu. Und dar\u00fcber hinaus soll mit zus\u00e4tzlichen Reformen (Finanztransaktionssteuer) der spekulative Finanzmarkt wieder re-reguliert werden werden.<\/p>\n<p>Vollgeld-Vertreter_innen schl\u00e4gt viel Kritik entgegen \u2013 sowohl von liberaler als auch von linker Seite. Liberale, das liegt auf der Hand, sorgen sich um eine milliardenschwere Profitquelle. Keynesianer_innen bef\u00fcrchten eine restriktivere Kreditvergabe, die die Realwirtschaft d\u00e4mpfen und letztendlich Jobs vernichten k\u00f6nnte. Das ist jedoch wenig stichhaltig. Schon jetzt schwimmen die meisten gr\u00f6\u00dferen Unternehmen in Geld und nutzen das, um Aktien zur\u00fcckzukaufen, anstatt in die Produktion zu investieren. Zudem sieht die Initiative vor, dass die Schweizer Nationalbank den Gesch\u00e4ftsbanken Darlehen zur Verf\u00fcgung stellt, wenn ihr Bedarf an Krediten hoch ist. Denkbar w\u00e4re, dies mit einer Auflage zu verbinden, derzufolge Kredite an kleinere und mittlere Unternehmen zu vergeben sind.<\/p>\n<p>Marxist_innen kritisieren, dass eine Reform des Geldsystems einseitig an der Zirkulationssph\u00e4re ansetzt. Vollgeld-Vertreter_innen seien an der Vermittlung eines ausbeuterischen Produktionsprozesses, der erst aus der Investition von Geld ein zinstragendes Ergebnis macht, nicht wirklich interessiert, kritisierte etwa der k\u00fcrzlich verstorbene Polit\u00f6konom Elmar Altvater. Das ist zutreffend. Macht- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse des kapitalistischen \u00bbNormal\u00abbetriebs kommen bei den Vollgeld-Bef\u00fcrworter_innen nicht vor. Einige von ihnen bezeichnen sich gar als pro-kapitalistisch und erwecken den Eindruck, Spekulation und Geldsch\u00f6pfung der privaten Banken w\u00e4ren die Wurzel allen \u00dcbels. Ideologisch wird somit ein nach rechts anschlussf\u00e4higes Bild reproduziert. Und de facto ist die expansive Geldpolitik der Zentralbanken in den letzten Jahren als Krisentreiber wichtiger geworden als die der privaten Banken.<\/p>\n<p>Ein Vollgeld-System allein w\u00fcrde somit die Krisenanf\u00e4lligkeit des Kapitalismus nur geringf\u00fcgig verringern. Dennoch w\u00e4ren vor allem ein Zahlungsverkehr und eine Geldsch\u00f6pfung in \u00f6ffentlicher Hand Fortschritte; geschichtlich hat es das bereits gegeben. Das gr\u00f6\u00dfte Verdienst der Vollgeld-Debatte ist indes der nicht zu untersch\u00e4tzende Aufkl\u00e4rungsprozess \u00fcber die Geldsch\u00f6pfung. Ob dieser aber zur Revolution f\u00fchrt, wie Henry Ford annahm, steht auf einem anderen Blatt.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak638\/index.htm\">analyse &amp; kritik 638<\/a>, 15.5.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbEigentlich ist es gut, dass die Menschen der Nation unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen. W\u00fcrden sie es n\u00e4mlich, so h\u00e4tten wir eine Revolution noch vor morgen fr\u00fch\u00ab, sagte einst der Industrielle Henry Ford. 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