{"id":126,"date":"2009-11-19T18:55:53","date_gmt":"2009-11-19T16:55:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=126"},"modified":"2009-11-19T18:55:53","modified_gmt":"2009-11-19T16:55:53","slug":"wirkungslose-gipfel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=126","title":{"rendered":"Wirkungslose Gipfel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Von wem stammt folgende Aussage? &#8222;Wir haben es vergeigt, einschlie\u00dflich ich, als ich noch Pr\u00e4sident war. Wir haben zugelassen, dass wir Nahrung wie Farbfernseher behandelt haben und nicht als ein lebenswichtiges Gut f\u00fcr die Armen dieser Welt.&#8220;<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nun? Es war Bill Clinton. Im Weiteren gab er in seiner bemerkenswerten Stellungnahme die Schuld f\u00fcr die Zunahme des weltweiten Hungerelends nicht einzelnen Regierungen oder Staaten, sondern im Allgemeinen der langfristigen globalen Politik des Westens. Sprich der auf Weltmarktintegration zielenden Politik der USA, der EU sowie der von ihnen dominierten Institutionen IWF, Weltbank und WTO. Diese zwangen die L\u00e4nder des Globalen S\u00fcdens, ihre Landwirtschaft zugunsten der Exportsteigerung umzustellen. Mit der Konsequenz, dass f\u00fcr deren eigenen Bev\u00f6lkerungen nicht ausreichend Nahrungsmittel zur Verf\u00fcgung standen und stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und vom wem stammt dieses Zitat? &#8222;Wir m\u00fcssen dem internationalen Handel die Grundlage des reinen Profitdenkens entziehen \u2026 Es ist notwendig, den Egoismus zu bek\u00e4mpfen, der es erm\u00f6glicht hat, dass Spekulantentum sogar auf dem Getreidemarkt herrscht und Nahrungsmittel auf eine Ebene mit anderen Waren stellt&#8220;? Von Attac? La via Campesina oder der brasilianische Landlosenbewegung MST? Nein, es war das Oberhaupt der katholischen Kirche anl\u00e4sslich des UN-Weltern\u00e4hrungsgipfels in Rom, an dem Vertreter von 60 Staaten von Montag bis Mittwoch dieser Woche tagten. Papst Benedikt forderte dar\u00fcber hinaus die Industriestaaten auf, ihre Agrarsubventionen abzubauen, da diese sich zulasten der Entwicklungsl\u00e4nder auswirkten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn ein ehemaliger US-Pr\u00e4sident und ein amtierender Papst mit recht deutlichen Worten auf die besch\u00e4mende Tatsache aufmerksam machen, dass der Anstieg der an Hunger leidenden Menschen auf \u00fcber eine Milliarde nicht an der zu geringen Menge an Nahrungsmitteln liegt, sondern an einer konkreten Form von Politik, ist dies allemal erw\u00e4hnenswert. Um so bemerkenswerter ist vor diesem Hintergrund das Resultat des Gipfels von Rom. Es gibt n\u00e4mlich keins: Der auf drei Tage terminierte Hungergipfel gab schon am ersten Tag das Ergebnis in Form einer unverbindlichen Absichtserkl\u00e4rung bekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Viele f\u00fchrende Industriestaaten sparten sich gleich die Anreise \u2013 nach dem Motto: Es verrecken ja nur ein paar arme Neger in Afrika, unsere Wirtschaft und insbesondere unsere Banken sind uns wichtiger. Diese Schlussfolgerung legen auch diese Zahlen nahe: Rund eine Billion US-Dollar wurde in die internationalen Hilfspakete f\u00fcr die Wirtschaft gepumpt, mit einem Prozent davon w\u00e4re zumindest die Arbeit des Weltern\u00e4hrungsprogramms, so die Direktorin desselben, Josette Sheeran, gesichert. An Tag zwei und drei wurde in Rom noch viel geredet \u2013 und damit war das Thema durch.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es zeigte sich also wieder einmal: Die Umsetzung von richtigen Erkenntnissen und Konzepten \u2013 also von einer landwirtschaftlichen Produktion, die den Prinzipien von Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t und \u00f6kologischer Nachhaltigkeit dient \u2013 steht den (Profit)Interessen der multinationalen Agrobusinesskonzerne und ihrer Vertreter, in Rom denen der kleinb\u00e4uerlichen Bewegungen um ein Vielfaches \u00fcberlegen, entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gleichwohl sind diese richtigen Erkenntnisse und Zielvorstellungen zumindest in manchen internationalen Organisationen bekannt. Bestes Beispiel ist der so genannte Weltagrarbericht, der von UNESCO und Weltbank in Auftrag gegeben und letztes Jahr ver\u00f6ffentlicht wurde. Als ein zentrales Ergebnis heben die \u00fcber 400 beteiligten Wissenschaftler hervor: Eine die steigende Weltbev\u00f6lkerung ern\u00e4hrende Landwirtschaft bedarf eines radikalen Paradigmenwechsels. Nicht die Produktivit\u00e4tssteigerung um jeden Preis (massiver Einsatz von D\u00fcngemittel, Gentechnik, Gro\u00dffl\u00e4chenbewirtschaftung etc.), sondern die Verf\u00fcgbarmachung von Nahrung vor Ort durch eine kleinb\u00e4uerliche nachhaltige Bewirtschaftung m\u00fcsse zuk\u00fcnftige Leitlinie sein. Kurz gefasst: Weg von der Agrarindustrie, hin zu kleinb\u00e4uerlichen Strukturen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hier h\u00f6ren wir den Einwand von Vertretern des Agrobusiness (aber auch eines Teils der Linken): Das k\u00f6nne den Output an Weizen, Reis und Soja doch nicht wesentlich erh\u00f6hen (bzw.: Subsistenzwirtschaft ist doch hinterw\u00e4ldlerisch). Ihnen sei zur Lekt\u00fcre die 2007 erschienene Studie &#8222;Organic agriculture and the global food supply&#8220; von Catherine Badgley u.a. empfohlen (vgl. auch Peter Clausing, Reale Alternativen, in: junge Welt, 18.11.2009; Gerhard Klas, Genug f\u00fcr alle. Globale Landwirtschaft und neue Bauernbewegung, in: lunapark21, Heft 7). Diese belegt, dass es mit dem derzeitigen Ertragspotenzial des Biolandbaus m\u00f6glich w\u00e4re, die momentane Weltbev\u00f6lkerung zu ern\u00e4hren. Mehr noch: Bei einer Umstellung auf \u00f6kologischen Anbau w\u00fcrden zwar in den Industriestaaten vor\u00fcbergehend nur noch 92% des Ertrages erzielt, in den L\u00e4ndern der so genannten Dritten Welt sei allerdings eine Ertragssteigerung von bis zu 174% im Vergleich zu konventionellen Anbaumethoden m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Rom wird, das gibt selbst der als industrienah geltende Pr\u00e4sident der veranstaltenden FAO, Jacques Diouf, zu, als weiterer ergebnisloser Gipfel \u2013 jenseits der unverbindlichen Bekundung, den Hunger beenden zu wollen \u2013 in die Geschichte eingehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das gleiche wird sich, so wie es derzeit aussieht, in wenigen Wochen wiederholen. Diesmal in Kopenhagen mit einem weiteren keinerlei Handlungsaufschub duldenden Thema: dem Klimawandel. Einen feinen Unterschied gibt es jedoch: Das Diskutieren wird sich auf ganze elf Tage erstrecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=6563&amp;tx_ttnews[tt_news]=11051&amp;tx_ttnews[backPid]=6580\">www.sozialismus.de<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von wem stammt folgende Aussage? &#8222;Wir haben es vergeigt, einschlie\u00dflich ich, als ich noch Pr\u00e4sident war. Wir haben zugelassen, dass wir Nahrung wie Farbfernseher behandelt haben und nicht als ein lebenswichtiges Gut f\u00fcr die Armen dieser Welt.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[9,15],"tags":[75],"class_list":["post-126","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-handelspolitik","category-protektionismus-und-freihandel","tag-wto"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=126"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=126"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=126"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=126"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}