{"id":1271,"date":"2018-08-04T13:44:12","date_gmt":"2018-08-04T11:44:12","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1271"},"modified":"2018-08-23T13:49:13","modified_gmt":"2018-08-23T11:49:13","slug":"abtruennige-chefdeuter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1271","title":{"rendered":"Abtr\u00fcnnige Chefdeuter"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie die Totalitarismustheorie die 68er mit dem Kapitalismus vers\u00f6hnte<\/strong><\/p>\n<p>Links gestartet, weit rechts gelandet: \u00dcber die 68er-Revolte reden, hei\u00dft auch, \u00fcber die 68er-Renegaten zu sprechen. Also \u00fcber jene revolution\u00e4ren Wortf\u00fchrer von einst, die sich nach der gescheiterten Revolution &#8211; aus welchen Gr\u00fcnden auch immer &#8211; von den mehr oder minder marxistischen Zielen verabschiedeten und liberal, konservativ oder gar extrem rechts wurden. \u00dcber einzelne, die von Links- nach Rechtsau\u00dfen wanderten, ist schon h\u00e4ufig geschrieben worden. Das gilt etwa f\u00fcr Horst Mahler.<!--more--><\/p>\n<p>Der RAF-Gr\u00fcnder, der fr\u00fcher Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) war, suchte in den 1990er Jahren den Kontakt zu rechtsradikalen Kreisen. Heute ist er ein Neonazi und verurteilter Volksverhetzer. Bernd Rabehl, ein enger Weggef\u00e4hrte Rudi Dutschkes, nahm ebenfalls Kontakte zur NPD und DVU auf, war sogar als deren gemeinsamer Kandidat f\u00fcr die Bundespr\u00e4sidentenwahl 2009 im Gespr\u00e4ch. Ebenfalls sehr weit rechts landeten der ehemalige Herausgeber von \u00bbkonkret\u00ab, Klaus Rainer R\u00f6hl, und die SDSler G\u00fcnter Maschke und Reinhold Oberlercher.<\/p>\n<p>Obwohl dies zweifellos spektakul\u00e4re Beispiele sind, zeitigten sie wohl weitaus weniger Folgen als die politischen Konversionen von jenen, die von Linksradikalen zum (Links-)liberalen, Gr\u00fcnen oder Sozialdemokraten wurden. Denn diese Gruppe pr\u00e4gt die \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber 1968 ganz wesentlich mit. G\u00f6tz Aly und vor allem Wolfgang Kraushaar waren in den letzten Jahren gefragte Interviewpartner, wenn es darum ging, in den Massenmedien Stimmen von Zeitzeugen zu 1968 zu Wort kommen zu lassen. Beide waren in der Studentenbewegung und in den 1970ern in kommunistisch-maoistischen Kleinstparteien oder sozialistischen Initiativen aktiv. Kraushaar, der 1968 in Frankfurt am Main sein Studium aufnahm, im SDS aktiv war und f\u00fcr die Sozialistische Hochschulinitiative AStA-Vorsitzender wurde, gilt nicht zuf\u00e4llig als der ma\u00dfgebliche Chronist der 68er. Er lebt bis heute von den wenigen rebellisches Jahren: Kaum ein anderer d\u00fcrfte mehr zur Au\u00dferparlamentarischen Opposition (APO) ver\u00f6ffentlicht haben.<\/p>\n<p>Aber wichtiger als dieser quantitative Aspekt ist der qualitative. Also die Frage, wie der Zeitzeuge und Politikwissenschaftler Kraushaar das Wirken seiner selbst und das seiner politischen Genossen von einst beurteilt. Will man dies auf einen Nenner bringen, so bietet sich dieser an: Der utopische und kritische Gehalt von 1968 als Aufstand gegen den im Westen kriegerisch-imperialistischen und verwalteten Kapitalismus soll beseitigt werden. Das, was selbst ein sozialliberaler Historiker wie Norbert Frei als Ziele von 68 ausmachte &#8211; n\u00e4mlich \u00bbR\u00e4tedemokratie auf allen Ebenen und in allen Bereichen, nicht entfremdete Arbeit, selbstbestimmtes Leben und Lernen, antiautorit\u00e4re Erziehung, eine Welt ohne Gewalt und gleichwohl ohne Triebverzicht\u00ab &#8211; kommt bei Kraushaar kaum mehr vor. Vor allem aber wird bei ihm die Entkopplung von Kulturrevolution und Kapitalismuskritik bereits vorausgesetzt.<\/p>\n<p>So gef\u00e4llt sich Kraushaar seit l\u00e4ngerem in der Rolle des Mythen-Zerst\u00f6rers von 68. In zahlreichen Publikationen versucht er, die linke Protestbewegung zu diskreditieren. Sei es, indem er sie als Produkt der Stasi denunziert, oder ihr Antisemitismus und Nationalismus unterstellt, oder aber Rudi Dutschkes Gewaltverst\u00e4ndnis problematisiert.<\/p>\n<p>Als Mittel f\u00fcr diese Entsorgung dient Kraushaar wie insgesamt dem Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung, an dem er lange angestellt war, die Totalitarismusdoktrin. Dieser Ansatz liberal-konservativen Ursprungs setzt unter Betonung formaler Merkmale und Auslassung politischer wie sozialer Ziele Kommunismus und Faschismus, Links- und Rechtsextremismus im Grunde gleich &#8211; und legitimiert damit den parlamentarisch-kapitalistischen Status quo. In Kraushaars vor zehn Jahren publizierten Buch \u00bbAchtundsechzig. Eine Bilanz\u00ab ist beispielsweise von einem hartn\u00e4ckigen Flirt mit dem kommunistischen Totalitarismus, von totalit\u00e4rem Gr\u00f6\u00dfenwahn und von stalinistisch-totalit\u00e4ren Positionen die Rede. Und in dem dieser Tage zum 50-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um publizierten B\u00fcchlein \u00bb1968. 100 Seiten\u00ab treibt er diese Ineinssetzung noch einmal auf die Spitze: Er stellt jenen Sternmarsch nach Bonn, der die Verabschiedung der Notstandsgesetze verhindern sollte, unterschiedslos neben Mussolinis Marsch auf Rom.<\/p>\n<p>Sicher, beides wurde Marsch genannt, wie auch der \u00bblange Marsch\u00ab oder der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte \u00bbMarsch durch die Institutionen\u00ab. Aber diese oberfl\u00e4chliche Analogie verzerrt die Anliegen dieser M\u00e4rsche grotesk: Der Sternmarsch nach Bonn wandte sich gerade gegen die Einschr\u00e4nkung von demokratischen Rechten, der Marsch auf Rom bef\u00f6rderte diese.<\/p>\n<p>Kraushaars &#8211; gelinde gesagt gewagte &#8211; Parallelisierung jener M\u00e4rsche erinnert an ein Zitat des Schriftstellers Klaus Mann. Er schrieb 1949: \u00bbUnter den vielen hysterischen und schrillen Stimmen, die das heutige Europa durchgellen, sind die Stimmen gewisser Ex-Radikaler und fanatischer Kommunistenfresser die misst\u00f6nendsten. In ihrem blinden Eifer, die Aufrichtigkeit ihrer Wandlung zu beweisen und ihre fr\u00fcheren Freunde zu erledigen, gehen diese Leute zum \u00c4u\u00dfersten: noch die absurdesten und infamsten Mittel sind ihnen recht.\u00ab<\/p>\n<p>Das ist eine ziemlich ersch\u00f6pfende Beschreibung der Alltagspsychologie solcher Seitenwechsler, der eigentlich nur noch Beispiele hinzuzuf\u00fcgen sind. Solche liefert gern auch der Publizist und Kolumnist G\u00f6tz Aly. Vor zehn Jahren dominierte er mit einem Buch, welches schon im Titel den Grad der darin dann auch tats\u00e4chlich enthaltenen Infamie anzeigt, die geschichtspolitische Debatte. \u00bbUnser Kampf: 1968 &#8211; ein irritierter Blick zur\u00fcck\u00ab spielt unumwunden auf Hitlers \u00bbMein Kampf\u00ab an. Alys These lautete: Die 68er-Bewegung weise zahlreiche \u00c4hnlichkeiten mit der nationalsozialistischen Studentenbewegung auf. Sie sei \u00bbals sehr deutscher Sp\u00e4tausl\u00e4ufer des Totalitarismus\u00ab zu interpretieren. Das war zwar keineswegs eine irgendwie neue Sichtweise. Schon 1967 hatte J\u00fcrgen Habermas vor einem linken Faschismus gewarnt und der CSU-Rechtsau\u00dfen Peter Gauweiler sowie der konservative Historiker Joachim Fest hatten \u00e4hnliche Vergleiche angestellt. Aber Bew\u00e4hrtes geht eben immer, deshalb ist es ja bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Aly h\u00e4lt \u00fcbrigens auch heute noch fest an dieser seiner Interpretation: In einem Interview mit der Zeitung \u00bbDie Welt\u00ab sagte er: \u00bbDas Wort \u203aKampf\u2039 war die zentrale Vokabel der deutschen 33er und der 68er. Es gibt durchaus Parallelen zur nationalsozialistischen Studentenbewegung: das Antib\u00fcrgerliche, das Niederschreien Andersdenkender, der Antiliberalismus, der totalit\u00e4re Glaube an eine angeblich gute Sache, die Hinwendung zum einfachen Volk.\u00ab<\/p>\n<p>Interessant ist \u00fcbrigens auch Alys Ausf\u00fchrung \u00fcber die Reaktionen auf sein Buch. In jenem Interview mit der \u00bbWelt\u00ab &#8211; das Flaggschiff des Springer-Verlags wurde selbst zwischen 2006 und 2014 von dem Ex-Revolution\u00e4r Thomas Schmid als Chefredakteur und dann Herausgeber gesteuert &#8211; stellt er fest: \u00bbEs gibt nach wie vor Leute, die mich seither nicht mehr gr\u00fc\u00dfen. Daf\u00fcr gr\u00fc\u00dfen mich andere. Aber von den 68ern unter meinen Lesern sagt etwa ein Viertel: \u203aJa, hier wird mir etwas erkl\u00e4rt \u00fcber mein Leben, in diesem Buch erkenne ich mich wieder.\u2039\u00ab Beruhigend ist dabei doch vor allem die Information, dass demnach immerhin drei Viertel dieser 68er offensichtlich nichts mit Alys Entsorgung seiner eigenen Vergangenheit und die seiner 68er-Genossen anfangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein vom Aufbruch von 1968 gepr\u00e4gter Intellektueller, der nach wie vor an seiner undogmatisch marxistischen Einstellung festh\u00e4lt, hat die Funktion der Totalitarismusdoktrin f\u00fcr ehemalige Linke schon in den 1990er Jahren analysiert. Anl\u00e4sslich eines Pl\u00e4doyers von Kraushaar, sich mit der Totalitarismustheorie zu besch\u00e4ftigen, beobachtete der Historiker Karl Heinz Roth, der durch seinen Hauptberuf Arzt eine gewisse Unabh\u00e4ngigkeit von intellektuellen Konjunkturen zu genie\u00dfen scheint, \u00bbwie die zun\u00e4chst aus reiner methodologischer Aporie aufgegriffene Totalitarismusdoktrin auch zu einem Vehikel wurde, um im Zeichen des allgemeinen Wertewandels unter die bisherige h\u00f6chstpers\u00f6nlich politische Sozialisationsgeschichte einen Schlussstrich zu setzen.\u00ab Und res\u00fcmierend schrieb er: \u00bbDie im Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung mit nicht wenigen ehemaligen Kommunisten koexistierenden Pr\u00e4zeptoren einer totalitarismusges\u00e4ttigten neokonservativen Wende auf der inneren Linie der Rest-Linken sind mit ihrem Anliegen &#8211; zumindest im Kontext dieser Rest-Linken &#8211; weitgehend unter sich geblieben.\u00ab<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Rest-Linke mag das auch heute noch weitgehend zutreffen. Doch in der politischen Diskussion hat das Totalitarismuskonzept &#8211; weit weniger als etwa in der Geschichtswissenschaft &#8211; einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Sieg errungen. Und Kraushaar, Aly und andere Renegaten hatten daran ihren Anteil: Ihre spezifische Funktion besteht darin, dass sie unter den Bedingungen einer fehlenden Systemalternative zum Kapitalismus einen weitaus bedeutenderen Beitrag f\u00fcr die Durchsetzung des \u00bbstillen Siegs\u00ab des Totalitarismusbegriffs leisten als die herk\u00f6mmlichen konservativen Intellektuellen.<\/p>\n<p>Denn nichts ist f\u00fcr eine Theorie \u00fcberzeugender, als wenn sich ehemalige linke Kritiker zu ihr bekennen. Kraushaar, Aly und Co. fungieren mit ihren Bez\u00fcgen auf den Totalitarismus, die im Kern die Preisgabe von radikaler Gesellschaftskritik zur Folge haben, somit als Kronzeugen gegen jene Linken, die mehr wollen als einen etwas sozialeren, weltoffeneren und gr\u00fcneren Kapitalismus. Freilich entbindet das auch diese Restlinke nicht von der Pflicht, ihre eigene Geschichte und deren Fehlleistungen kritisch zu beurteilen.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1095603.abtruennige-chefdeuter.html\">neues deutschland<\/a>, 28.7.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie die Totalitarismustheorie die 68er mit dem Kapitalismus vers\u00f6hnte Links gestartet, weit rechts gelandet: \u00dcber die 68er-Revolte reden, hei\u00dft auch, \u00fcber die 68er-Renegaten zu sprechen. 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