{"id":1277,"date":"2018-10-01T13:10:28","date_gmt":"2018-10-01T11:10:28","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1277"},"modified":"2018-10-10T13:13:49","modified_gmt":"2018-10-10T11:13:49","slug":"waehrungskrisen-in-schwellenlaendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1277","title":{"rendered":"W\u00e4hrungskrisen in Schwellenl\u00e4ndern"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbSie haben ihren Dollar, wir haben unseren Gott.\u00ab Was der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdogan zur Bek\u00e4mpfung des Absturzes der t\u00fcrkischen Lira anzubieten hat, wird den Verm\u00f6gensverwaltern kaum mehr als ein m\u00fcdes L\u00e4cheln abringen. Nicht viel besser sieht es bei einem Pr\u00e4sidenten aus, dessen Land Argentinien ebenfalls mit einem drastischen Wertverlust seiner W\u00e4hrung konfrontiert ist. Mauricio Marcri schwor seine Mitb\u00fcrger_innen mit den Worten \u00bbDies muss die letzte Krise sein\u00ab auf einen neuen Sparkurs ein.<!--more--><\/p>\n<p>In Argentinien hat der Peso seit Januar \u00fcber die H\u00e4lfte seines Wertes zum US-Dollar verloren, in der T\u00fcrkei verlor die Lira rund 40 Prozent im Vergleich zur Leitw\u00e4hrung. Auch in weiteren Schwellenl\u00e4ndern wie Brasilien, Indien und Indonesien sackten die W\u00e4hrungen ab. Zu beobachten sind somit bereits veritable W\u00e4hrungskrisen in den aufstrebenden Industriel\u00e4ndern. Und diese k\u00f6nnten sich durchaus zu einer neuen Verschuldungskrise auswachsen. Schon warnte der ehemalige EZB-Chef Jean-Claude Trichet, dass die Situation an den globalen Finanzm\u00e4rkten instabiler sei als 2008, als mit dem Lehman-Crash die globale Finanzkrise ausbrach. Den Grund daf\u00fcr sieht Trichet in der Verschuldung der Schwellenl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Was aber sind die Ursachen f\u00fcr W\u00e4hrungskrisen in den Schwellenl\u00e4ndern? Man kann hier tiefer und weniger tiefer liegende Ursachen unterscheiden. Liberale f\u00fchren zumeist die folgenden oberfl\u00e4chlichen Faktoren an: hohe Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite, eine starke Verschuldung in Fremdw\u00e4hrungen, geringere Wachstumsraten sowie unzureichende Devisenreserven. Hinzu k\u00f6nnen auch politische Faktoren wie Korruption, autorit\u00e4re F\u00fchrungsstile oder schlechte institutionelle Voraussetzungen kommen.<\/p>\n<p>Wichtiger als diese sind aber die tiefer liegenden Gr\u00fcnde. Diese sind in der \u00dcberakkumulation von Kapital in Zeiten eines vom Finanzmarkt getriebenen Kapitalismus zu suchen. Mit der Aufgabe eines W\u00e4hrungssystems fester Wechselkurse Anfang der 1970er Jahre (Ende des Bretton-Woods-Systems) und der Deregulierung der internationalen Finanzm\u00e4rkte konnte sich das \u00fcbersch\u00fcssige Kapital ungehindert Anlagem\u00f6glichkeiten suchen. Viel Kapital floss aus den kapitalistischen Zentren in \u00d6l exportierende oder aufstrebende Schwellenl\u00e4nder. Dort gab es ein h\u00f6heres Wirtschaftswachstum und ergo h\u00f6here Profiterwartungen.<\/p>\n<p>Als aber der US-Notenbankchef Paul Volcker, der Urheber der monet\u00e4r-neoliberalen Wende, Anfang der 1980er Jahre die Zinsen drastisch anhob, um eine Inflation und den Verfall des Dollars zu bek\u00e4mpfen, zogen viele Investoren ihr Kapital wieder ab. F\u00fcr Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder bedeutete diese einen drastischen Anstieg der Verschuldung, weil sie zu gro\u00dfen Teilen ihre Schulden in US-Dollar aufgenommen hatten. Diese Entwicklung f\u00fchrte in die Schuldenkrise von Anfang der 1980er Jahre.<\/p>\n<p>Heute vollzieht sich \u00c4hnliches: Die US-Notenbank, die FED, hat bereits vor zweieinhalb Jahren den Einstieg in den Ausstieg aus der Nullzinspolitik vollzogen, die infolge der Finanzkrise von 2008 betrieben wurde, um die Konjunktur mittels Kreditvergabe wieder in Schwung zu bringen. Selbst die geringsten Leitzinserh\u00f6hungen in den USA haben zur Folge, dass Geldverm\u00f6gensbesitzer ihre Anlagen aus den Schwellenl\u00e4ndern, wo sie w\u00e4hrend der Niedrigzinspolitik Gesch\u00e4fte gemacht hatten, abziehen und in den USA investieren. Hinzu k\u00f6nnen noch spekulative Attacken gegen W\u00e4hrungen der Schwellenl\u00e4nder kommen. Zudem verst\u00e4rkt der computergest\u00fctzte Handel den ohnehin vorhandenen Herdentrieb der Investoren. Vermutlich wird die FED dieses Jahr noch zwei Mal die Leitzinsen leicht erh\u00f6hen, was die Schwellenl\u00e4nder weiter unter Druck setzen wird.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen sie gegen ihre W\u00e4hrungskrisen tun? Im Grunde kaum etwas, was nicht auf dem R\u00fccken der Bev\u00f6lkerung ausgetragen wird. Leitzinserh\u00f6hungen, die den Kurs der Landesw\u00e4hrung st\u00fctzen sollen, w\u00fcrgen das Wirtschaftswachstum ab, was zu Erwerbslosigkeit f\u00fchrt. In Argentinien liegt der Leitzins inzwischen bei 60 Prozent, und in der T\u00fcrkei wurde er nun auch angehoben, wogegen sich Erdogan lange gestr\u00e4ubt hatte. Kredite des Internationalen W\u00e4hrungsfonds sind an Bedingungen gekn\u00fcpft, die als Strukturanpassungsprogramme zur traurigen Ber\u00fchmtheit gelangt sind. Sie haben zum Ziel, den Schuldendienst an die Gl\u00e4ubiger aufrechtzuerhalten &#8211; zulasten von Transfereinkommen und \u00f6ffentlichen Ausgaben, die zusammengestrichen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Krise der Schwellenl\u00e4nder hat gerade erst begonnen. Nicht ausgeschlossen scheint, dass sie in einer sp\u00e4teren Phase europ\u00e4ische oder US-Banken in Bedr\u00e4ngnis bringen wird.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak641\/index.htm\">analyse &amp; kritik Nr. 641<\/a>, 18.9.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbSie haben ihren Dollar, wir haben unseren Gott.\u00ab Was der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdogan zur Bek\u00e4mpfung des Absturzes der t\u00fcrkischen Lira anzubieten hat, wird den Verm\u00f6gensverwaltern kaum mehr als ein m\u00fcdes L\u00e4cheln abringen. 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