{"id":1282,"date":"2018-09-30T13:18:59","date_gmt":"2018-09-30T11:18:59","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1282"},"modified":"2018-10-10T13:21:00","modified_gmt":"2018-10-10T11:21:00","slug":"finanzkapitalistische-spielanordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1282","title":{"rendered":"Finanzkapitalistische Spielanordnung"},"content":{"rendered":"<h2>Der Wiener \u00d6konom Stephan Schulmeister rechnet in seinem neuen Buch mit dem neoliberalen Mainstream ab<\/h2>\n<p>\u00d6konomen seien \u00fcberdurchschnittlich egoistisch. Das schreibt Stephan Schulmeister mit Verweis auf Studien, die Haltungen und Verhalten von \u00d6konomen mit jenen anderer Gruppen verglichen haben. Der pensionierte langj\u00e4hrige Mitarbeiter des \u00d6sterreichischen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung meint hiermit freilich nicht sich oder andere kritische \u00d6konomen, sondern neoliberale Wirtschaftswissenschaftler. F\u00fcr diese sei der Markt zu einem Subjekt geworden, dem sich der Mensch zu unterwerfen habe. Anteilnahme f\u00fcr das Schicksal der Menschen bringe die Mainstream-\u00d6konomie nicht auf.<!--more--><\/p>\n<p>Die Folgen der marktgl\u00e4ubigen Politik in Europa sind verheerend: \u00bb20 Millionen Menschen sind arbeitslos, 100 Millionen m\u00fcssen sich mit \u203aatypischen\u2039 Jobs zufriedengeben, die Staatsverschuldung steigt seit vierzig Jahren\u00ab, fasst der Wiener die Situation zusammen. Verantwortlich daf\u00fcr ist laut Schulmeister der Einfluss der neoliberalen \u00d6konomen auf die Politik. Sie h\u00e4tten dazu beigetragen, dass die \u00bbrealkapitalistische Spielanordnung\u00ab durch die finanzkapitalistische abgel\u00f6st wurde. So nennt Schulmeister das, was andernorts als Fordismus und Neoliberalismus bezeichnet wird. Im Realkapitalismus dominieren \u00bbdie &#8211; \u00fcberwiegend gemeinsamen &#8211; Interessen von Realkapital und Arbeit\u00ab, w\u00e4hrend das Finanzkapital \u00bbruhiggestellt\u00ab ist. Angesichts von festen Wechselkursen, Rohstoffpreisen sowie Zinss\u00e4tzen unterhalb der Wachstumsrate entfaltet sich das Profitstreben in der Realwirtschaft. Anders im Finanzkapitalismus: In dieser Spielanordnung lenken schwankende Wechselkurse, Rohstoffpreise, Aktien- und Anleihekurse sowie Zinss\u00e4tze \u00fcber der Wachstumsrate das Profitstreben auf die Finanzspekulation.<\/p>\n<p>Schulmeisters Ziel ist klar: Angesichts von kommenden Finanzkrisen, die die EU in ihrer Existenz bedrohen, muss eine Renaissance der \u00bbrealistischen \u00d6konomie\u00ab her. Also eine Spielanordnung, in der das Treiben auf den Finanzm\u00e4rkten wieder eingeschr\u00e4nkt wird. In den letzten Kapiteln seines Buches zeigt Schulmeister detailliert auf, wie dies erreicht werden k\u00f6nnte. So soll der Flie\u00dfhandel auf den Finanzm\u00e4rkten durch elektronische Auktionen (etwa alle zwei Stunden) ersetzt werden. Das w\u00fcrde die \u00bbFinanzalchemie\u00ab radikal einschr\u00e4nken, die Kurse stabilisieren und so Aktivit\u00e4ten in der Realwirtschaft attraktiver machen. \u00dcberdies pl\u00e4diert er unter anderem f\u00fcr die Einf\u00fchrung einer generellen Finanztransaktionssteuer und ein neues Weltw\u00e4hrungssystem.<\/p>\n<p>Umweltschutz sieht Schulmeister als Wachstumsmotor. Die thermische Geb\u00e4udesanierung betrachtet er als \u00bbParadebeispiel f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten eines &#8211; zeitlich begrenzten &#8211; \u203agreen growth\u2039\u00ab. Trotz der energieintensiven Erzeugung der meisten D\u00e4mmstoffe sei die Emissionsbilanz positiv, gleichzeitig werde das Wachstum von Produktion und Besch\u00e4ftigung erh\u00f6ht und verstetigt. Leider ber\u00fccksichtigt Schulmeister an dieser Stelle nicht die m\u00f6glichen Rebound-Effekte infolge von Effizienzgewinnen. So k\u00f6nnte es sein, dass Hausbesitzer die an Heizkosten eingesparten Gelder nutzen, um etwa h\u00e4ufiger in den Urlaub zu fliegen. Zudem war es bis dato die Regel, dass ein wirtschaftliches Wachstum mit steigenden Umweltbelastungen einherging. Wieso das bei einem \u00bbgr\u00fcnen Wachstum\u00ab anders sein soll, wird nicht ausreichend begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Kritikw\u00fcrdig ist \u00fcberdies Schulmeisters \u00fcberaus positiver Bezug auf die historische realkapitalistische Spielanordnung. So war die Prosperit\u00e4tsphase bis Anfang der 1970er Jahre in Europa eine Sonderperiode, die sich nicht einfach wiederholen l\u00e4sst. Die hohen Wachstumsraten sind auch auf die Zerst\u00f6rungen infolge des Zweiten Weltkrieges zur\u00fcckzuf\u00fchren. Zudem war das B\u00fcrgertum durch sein Paktieren mit dem Faschismus geschw\u00e4cht, die Arbeiterbewegung entsprechend stark. Und: Der Wohlstand in Europa wurde auch auf Kosten des globalen S\u00fcdens und der Umwelt erreicht. Globale Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse werden von Schulmeister aber nicht thematisiert. Womit ein weiterer Kritikpunkt angesprochen w\u00e4re: Nicht nur international herrscht im Realkapitalismus Ausbeutung, sondern auch im nationalen Rahmen findet Mehrwertaneignung statt. So verwundert es nicht, dass der Klappentext Schulmeister als Freund des Unternehmertums vorstellt. Seine Kritik verl\u00e4sst nicht den keynesianischen Rahmen.<\/p>\n<p>Dennoch kann man Schulmeisters Buch mit Gewinn lesen. Seine Kritik der herrschenden Wirtschaftstheorie kommt einer \u00bbintellektuellen Kriegserkl\u00e4rung\u00ab gleich. Und da sie allgemeinverst\u00e4ndlich geschrieben ist, ist sie auch f\u00fcr Nicht-\u00d6konomen von Nutzen.<\/p>\n<p><em>Stephan Schulmeister: Der Weg zur Prosperit\u00e4t, ecowin, Salzburg-M\u00fcnchen, 2018, 475 S., 28 Euro.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1101522.finanzkapitalistische-spielanordnung.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 26.9.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wiener \u00d6konom Stephan Schulmeister rechnet in seinem neuen Buch mit dem neoliberalen Mainstream ab \u00d6konomen seien \u00fcberdurchschnittlich egoistisch. Das schreibt Stephan Schulmeister mit Verweis auf Studien, die Haltungen und Verhalten von \u00d6konomen mit jenen anderer Gruppen verglichen haben. 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