{"id":130,"date":"2009-05-04T19:01:19","date_gmt":"2009-05-04T17:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=130"},"modified":"2009-05-04T19:01:19","modified_gmt":"2009-05-04T17:01:19","slug":"die-schweinegrippe-und-das-schweinesystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=130","title":{"rendered":"Die Schweinegrippe und das &#8220;Schweinesystem&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">&#8222;Kapitalismus im Nasenloch&#8220; \u00fcberschreibt der marxistische Historiker Mike Davis seine Analyse, in der er sich mit dem Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko, den Ursachen und den unzureichenden Bek\u00e4mpfungspl\u00e4nen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) besch\u00e4ftigt. Ihm zufolge k\u00f6nne die Schweinegrippe bald beweisen, dass die WHO-Strategie in die gleiche Kategorie des Risk-Managements geh\u00f6rt wie AIG-Derivate und Madoff-Wertpapiere, weil sie keine massiven Investitionen in \u00dcberwachung, Forschungs- und Aufsichtsinfrastruktur, Gesundheitsversorgung und in den weltweiten Zugang zu lebensrettenden Medikamenten vorsieht.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zeichnet sich also nach dem Zusammenbruch der Finanzm\u00e4rkte ein zweites Desaster des neoliberalen Kapitalismus ab? Denn sowohl die Entstehung wie die rasche Verbreitung der Schweinegrippe im Besonderen als auch die von Krankheit im Allgemeinen hat mehr mit den weltweit kapitalistisch gepr\u00e4gten sozial-\u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen zu tun, als man auf den ersten Blick annehmen k\u00f6nnte. Gesundheit ist n\u00e4mlich mehr als die Abwesenheit von Krankheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ob jemand krank wird, ist auch eine soziale und Klassenfrage. Au\u00dfermedizinische Faktoren wie der Zugang zu Einkommen, eine ausreichende Ern\u00e4hrung, gute Wohnverh\u00e4ltnisse, Bildung und Teilhabe an Kultur entscheiden mit dar\u00fcber, ob und an welcher Krankheit man erkrankt. Das zeigt sich auch im Falle der Schweinegrippe. Warum n\u00e4mlich sterben bislang \u00fcberwiegend Menschen in Mexiko an der neuen Grippe? Die Antwort, so der Leiter der Immunologie-Abteilung einer teuren mexikanischen Privatklink, habe mit der sozialen Ungleichheit zu tun. &#8222;Es sterben vor allem die Benachteiligten.&#8220; Mexiko habe perfekte Bedingungen f\u00fcr eine Ausbreitung: Umweltverschmutzung, schlechte Ern\u00e4hrung, 40% Armut, Gedr\u00e4nge, B\u00fcrokratie, Desorganisation (S\u00fcddeutsche Zeitung vom 2.\/3.5.2009).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Obwohl die Experten aktuell eher dazu neigen &#8211; sicher k\u00f6nnen sie es noch nicht sagen -, die Schweinegrippe als nicht besonders gef\u00e4hrlich einzusch\u00e4tzen, lohnt ein Blick auf die &#8222;gesellschaftliche Produktion von Epidemien&#8220;, wie der Untertitel von Mike Davis Buch \u00fcber die Vogelgrippe (2005) lautet. \u00dcber eines n\u00e4mlich sind die Experten seit l\u00e4ngerem einig: Die Gefahr einer weltweiten gef\u00e4hrlichen Grippepandemie ist sehr wahrscheinlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Davis f\u00fchrt in seinem Buch vor allem vier Faktoren an, die zu dieser potenziellen Gefahr &#8211; der Evolution neuer, die Artengrenzen \u00fcberspringenden Influenzasubtypen und dessen weltweite \u00dcbertragung &#8211; gef\u00fchrt haben. Erstens die Umw\u00e4lzungen in der Massentierhaltung zwischen 1980 und 1990 als einem Teilaspekt der vollst\u00e4ndigen Eroberung der Landwirtschaft durch den Agro-Kapitalismus: Durch die industrielle Massentierhaltung habe sich &#8222;der altmodische Schweinestall&#8220; in &#8222;eine riesige Exkrementenh\u00f6lle&#8220; verwandelt: &#8222;Hundertausende Tiere mit geschw\u00e4chten Immunsystemen ersticken in Hitze und Mist, w\u00e4hrend sie in schwindelerregender Geschwindigkeit Krankheitserreger austauschen.&#8220; Um nur ein Beispiel f\u00fcr diese Konzentration der Massentierhaltung zu nennen: 1965 gab es 53 Millionen US-amerikanische Schweine auf einer Million Bauernh\u00f6fe, heute sind es 65 Millionen Schweine in 65.000 Farmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zum zweiten galt die industrielle Revolution im s\u00fcdlichen China als ein wichtiger Faktor. Insbesondere die Provinz Guangdong hat sich mit &#8222;seiner produktiven \u00d6kologie aus Reis, Fisch, Schweinen, domestizierten und wilden V\u00f6geln&#8220; sowie seiner Exportindustrie zu einem Epizentrum der Influenzaevolution entwickelt &#8211; insbesondere f\u00fcr das der Vogelgrippe. Heute h\u00e4lt das s\u00fcdliche China nicht mehr das &#8222;Monopol&#8220; f\u00fcr diese Gefahren. Vor sechs Jahren wurde im US-Wissenschaftsmagazin Science davor gewarnt, dass das nordamerikanische Schweinegrippenvirus dabei sei, &#8222;auf die evolution\u00e4re Schnellstrecke&#8220; zu wechseln. Und vor einem Jahr stellte das Pew Research Center fest, dass die industrielle Nutztierproduktion die \u00dcbertragung des Virus auf den Menschen erh\u00f6he. Das exportorientiert \u00f6konomische Modell &#8211; gerade auch in der Nahrungsmittelproduktion &#8211; erh\u00f6ht zudem die Gefahr der Verbreitung von Krankheitserregern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Entstehung der Superslums in der Dritten Welt benennt Davis als die dritte globale Bedingung. Das Elend dieser Megaslums beschreibt Davis eindrucksvoll in seinem Buch &#8222;Planet der Slums&#8220; (2007). Bezogen auf die Gefahr der Ausbreitung von Seuchen hei\u00dft es dort: &#8222;Im Grunde sind die Megaslums von heute noch nie da gewesene Brutst\u00e4tten neuer und wieder aufkeimender Krankheiten, die mittlerweile mit der Geschwindigkeit eines Passagierflugzeugs um die Welt reisen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Viertens werde der Kreis der Influenza\u00f6kologie durch das Fehlen eines internationalen Gesundheitssystems geschlossen. Infolge der neoliberalen Strukturanpassungsprogramme sind insbesondere in den Staaten des Globalen S\u00fcdens die \u00f6ffentlichen Investitionen in das Gesundheitssystem drastisch zur\u00fcckgefahren worden bzw. es wurde darauf gesetzt, dass die Mechanismen des Marktes diese Aufgaben \u00fcbernehmen. Sarkastisch merkt Davis an: &#8222;Ein gl\u00e4nzendes Beispiel f\u00fcr diesen neuen Ansatz war Zimbabwe, wo die Einf\u00fchrung von Geb\u00fchren (f\u00fcr Gesundheitsdienstleistungen, G.S.) in den fr\u00fchen 1990ern zu einer Verdoppelung der S\u00e4uglingssterblichkeit f\u00fchrte.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Reaktionsweise der WHO und die der allermeisten L\u00e4nder vertraut bei Ausbruch einer Pandemie ebenso auf die Funktionsmechanismen des Marktes. Man nimmt an, dass nach Ausbruch einer Pandemie die Nachfrage zum Beispiel nach dem Mittel Tamiflu rechtzeitig durch die Pharmaindustrie befriedigt werde. Ein Irrglaube: Denn das Grippemittel muss in gro\u00dfen Mengen und mindestens einen Monat vor dem H\u00f6hepunkt der Epidemie hergestellt werden. Aber die Nachfrage setzt erst ein, wenn die Epidemie bereits ausgebrochen ist. Wenn aber die Absatzerwartung nicht entsprechend ist, wird auch nicht produziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nat\u00fcrlich halten Staaten (in Deutschland ist dies L\u00e4ndersache) bestimmte Vorr\u00e4te an Tamiflu, doch dieser liegt &#8211; wenn denn Zahlen der \u00d6ffentlichkeit bekanntgegeben werden &#8211; unter der angemessenen Menge, mit der rund ein Viertel der Bev\u00f6lkerung versorgt werden sollte. In Baden-W\u00fcrttemberg sollen es etwa 14% sein, die Staaten der Dritten Welt haben indessen fast keine Vorr\u00e4te. Insofern gibt es derzeit auch bereits die ersten Meldungen, dass der Schweizer Konzern Roche nicht mit der Produktion von Tamiflu hinterherkommt und Lieferengp\u00e4sse entstehen. Im Moment hat er drei Millionen Einheiten auf Lager, das Hochfahren der Produktion dauert acht Monate. Legt man die Empfehlung zugrunde, dass ein Viertel der Weltbev\u00f6lkerung im Falle einer Pandemie versorgt werden soll, hie\u00dfe das eine Anzahl von 1,3 Milliarden Dosen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Herstellung von Influenzaimpfstoffen dr\u00fcckt die ungleiche Verteilung noch treffender aus. 95% des Outputs, der lediglich von zw\u00f6lf Firmen geleistet wird, wird zu 95% von den reichen L\u00e4ndern angeeignet. Und selbstredend weigern sich die die Interessen der Pharmaindustrie vertretenden Politiker der entwickelten kapitalistischen Staaten, die Produktion von Generika in der Dritten Welt zuzulassen. Der Herausgeber der f\u00fchrenden britischen Medizinzeitschrift The Lancet schrieb anl\u00e4sslich einer solchen Ablehnung: &#8222;Wieder einmal wird der Zugang zu lebenswichtigen Arzneimitteln bei einem gesundheitlichen Notstand f\u00fcr die, die in Armut leben, um des Profit willen eingeschr\u00e4nkt&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die New York Times hat diesen strukturellen Widerspruch eines nach dem Profitprinzip organisierten Versorgungssystems als &#8222;chronische Unvereinbarkeit von Bed\u00fcrfnissen im \u00f6ffentlichen Gesundheitswesen und der privaten Kontrolle bei der Produktion von Impfstoffen und Medikamenten&#8220; beschrieben. Profiteure dieses Systems sind freilich die gro\u00dfen Pharmakonzerne &#8211; so auch Roche, dessen Aktienkurs im Zuge der Schweinegrippe deutlich anstieg. Apropos Pharmakonzerne: Sie haben sich in weiten Teilen von der Entwicklung von Impfstoffen und Antibiotika, die tats\u00e4chlich Krankheiten heilen oder verhindern, verabschiedet, weil dies wenig profitabel ist. Die Arzneimittelriesen geben momentan 27% ihrer Einnahmen f\u00fcr Marketing aus und nur 11% f\u00fcr die Forschung. Das Time Magazine konstatierte: &#8222;Eine Grippeepidemie zu verhindern, an der Tausende sterben k\u00f6nnten, ist nicht auch nur ann\u00e4hernd so profitabel wie Pillen gegen so etwas wie erektile Dysfunktionen herzustellen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ob die Schweinegrippe bereits zu dem f\u00fchrt, was Mike Davis als das Titanic-Paradigma beschrieben hat, bleibt abzuwarten. Doch der &#8222;Teufelskreislauf von epidemischer Krankheit, Slumarmut und neoliberaler Politik&#8220; trifft auf globale Gesundheitsressourcen, die bereits jetzt viele Menschen unn\u00f6tig sterben lassen &#8211; t\u00e4glich etwa 5.000 an der im Westen als \u00fcberwunden geltenden Lungentuberkulose &#8211; und bei einer gef\u00e4hrlichen Pandemie organisiert ist wie die Rettungsboote der Titanic: Die Passagiere der ersten Klasse (die Gutverdienenden der westlichen Welt) schnappen sich die Rettungsboote (Tamiflu etc.), w\u00e4hrend die des Zwischendecks (die Armen des Globalen S\u00fcdens) keine Chance auf ein Rettungsboot haben.<br \/>\n&#8222;Kapitalismus im Nasenloch&#8220; &#8211; meint also die &#8222;Schweinesystemfrage&#8220; stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Literatur<\/strong><br \/>\nMike Davis, Vogelgrippe. Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien, 2. Auflage, Berlin\/Hamburg 2006<br \/>\nMike Davis, Kapitalismus im Nasenloch, in: WOZ vom 30.4.2009.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=6563&amp;tx_ttnews[tt_news]=10977&amp;tx_ttnews[backPid]=6580\">www.sozialismus.de<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Kapitalismus im Nasenloch&#8220; \u00fcberschreibt der marxistische Historiker Mike Davis seine Analyse, in der er sich mit dem Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko, den Ursachen und den unzureichenden Bek\u00e4mpfungspl\u00e4nen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) besch\u00e4ftigt. 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