{"id":1309,"date":"2018-12-12T11:50:13","date_gmt":"2018-12-12T10:50:13","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1309"},"modified":"2018-12-12T11:50:13","modified_gmt":"2018-12-12T10:50:13","slug":"intensives-atmen-vermeiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1309","title":{"rendered":"Intensives Atmen vermeiden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gerhard Henschels achter Martin-Schlosser-Roman ist erschienen<\/strong><\/p>\n<p>In meinem Briefkasten gammelte nur Reklame f\u00fcr Grillfleisch, Planschbecken und elektrische Zahnb\u00fcrsten herum.\u00ab Martin Schlosser, Gerhard Henschels Alter Ego, hatte jedoch auf den einen oder anderen Honorarscheck gehofft. \u00bbErfolgsroman\u00ab, der Titel von Henschels neuem autobiografischem Roman, wirkt zun\u00e4chst irritierend.<!--more--><\/p>\n<p>Der Schriftsteller Martin Schlosser ist hier Ende 20 und damit besch\u00e4ftigt, die Honorare f\u00fcr seine Zeitschriftenbeitr\u00e4ge anzumahnen. Doch es landen nur sporadisch Schecks in Schlossers Briefkasten. Er ist er gezwungen, mit Waschpulver, Schuhsohlen, neuen Fotoalben und Unterhosen strengstens zu haushalten. Aber immerhin werden seine Reportagen, Glossen und Satiren gedruckt. Und wenn dann doch einmal ein Scheck im Briefkasten landet, sind es erkleckliche Summen, die stets exakt beziffert werden. Es ist davon auszugehen, dass Henschels Angaben mit Belegen aus seinem Archiv verifizierbar sind. Denn das leidenschaftliche Aufbewahren, Sammeln und Archivieren geh\u00f6rt zu seiner Arbeitsweise. Kinokarten, Quittungen, Postkarten und selbstverst\u00e4ndlich Briefe werden akribisch in Hunderten von Leitz-Ordnern abgelegt. Walter Kempowski hat das einmal die Kleinflora genannt. Und aus dieser strickt Henschel seit nunmehr 14 Jahren einen Roman nach dem anderen, der \u00bbErfolgsroman\u00ab ist der achte.<\/p>\n<p>Er beginnt, wo der der Vorg\u00e4nger, der \u00bbArbeiterroman\u00ab aufh\u00f6rte: Schlosser lebt im friesischen Kaff Heidm\u00fchle, trauert seiner verflossenen Liebe Andrea nach, k\u00fcmmert sich um die gebrechliche Oma in Jever und um seinen im Alkohol versumpfenden Vater in Meppen. Ab und an kellnert er in Jevers verrufenster Disco oder geht einmal ums Karree, \u00bbweil mich die Ahnung beschlich, dass ich dabei meiner Traumfrau begegnen k\u00f6nnte, doch ich traf nur einen totgefahrenen Igel an, der sein Winterquartier zur Unzeit verlassen hatte\u00ab.<\/p>\n<p>Soziale Kontakte jenseits der Familie? Weitgehend Fehlanzeige. Zumindest in der ersten H\u00e4lfte des j\u00fcngsten Schlosser-Epos, die sich deshalb etwas weniger fl\u00fcssig als gewohnt liest. Etwas zu viel wird von der Lekt\u00fcre Martin Schlossers, zeittypischen Songs und Fernsehsendungen wiedergegeben &#8211; wenngleich nat\u00fcrlich alles mit feinem lakonischen oder satirischen Humor kommentiert wird. Ein Beispiel: \u00bbLaut Spiegel empfahl das Umweltbundesamt der Bev\u00f6lkerung wegen der hohen Ozonbelastung intensives Atmen zu vermeiden.\u00ab Was von Schlosser so kommentiert wird: \u00bbAnstatt den Individualverkehr zu reglementieren und die chemische Industrie in die Pflicht zu nehmen, bet\u00e4tigte sich der Staat als Atemtherapeut! Demn\u00e4chst rieten einem die Beh\u00f6rden wom\u00f6glich noch von tiefen Seufzern ab &#8230;\u00ab Das wirkt wie eine Parallele zur heutigen Diskussion des Dieselskandals. Noch verbl\u00fcffender sind die \u00c4hnlichkeiten bei den Themen rassistische Gewalt und Aufstieg rechter Parteien.<\/p>\n<p>Fahrt nimmt der Text wieder auf, als neue Personen in Erscheinung treten: Zum Beispiel die heute bekannte Schriftstellerin Kathrin Passig, Anfang der 1990er eine 21-J\u00e4hrige Anglistikstudentin in Regensburg. Von der ohne Unterlass redenden Passig lernt Schlosser nicht nur den bayerischen Begriff f\u00fcr Mundharmonika kennen: Fotzhobel. In ihr hat er auch einen Dylan-Fan gefunden, dessen Leidenschaft es mit seiner aufnehmen kann. Passig ist zwar immer sehr witzig, doch \u00bbnicht f\u00fcrs Herz\u00ab. Sie schl\u00e4ft gar beim Liebesgest\u00e4ndnis ein. Die Liebesbeziehung zerbricht, als Martin nach Berlin zieht.<\/p>\n<p>Dort wird der \u00bbErfolgsroman\u00ab, der urspr\u00fcnglich \u00bbDorfroman\u00ab hei\u00dfen sollte, seinem Namen gerecht. In Berlin lernt er eine Reihe anderer Schriftsteller kennen, unter ihnen Max Goldt, Wiglaf Droste und den k\u00fcrzlich verstorbenen Michael Rutschky. Zwei Verleger bitten ihn um Buchmanuskripte. Er verliebt sich in seine Zahn\u00e4rztin, doch die sieht in ihm nur \u00bbein menschliches Wrack mit Karies und Plaque\u00ab. Daf\u00fcr rollt der Rubel. Schlosser landet in einer WG mit Medienleuten, wo der Roman mit einer gemeinsamen Geburtstagsfeier endet. Bei den Vorbereitungen ist Martin Schlosser f\u00fcr das Kartoffelsch\u00e4len zust\u00e4ndig &#8211; was er gern macht. Denn: \u00bbMir ging es gut. Es war sechs Jahre her, da\u00df ich mein Studium abgebrochen hatte, und jetzt verlief mein Leben endlich in geordneten Bahnen.\u00ab<\/p>\n<p>F\u00fcr alle, die die bisherigen Martin-Schlosser-Roman von Henschel kennen, ist auch der \u00bbErfolgsroman\u00ab ein Muss, Neulingen sei geraten, mit einem der fr\u00fcheren Romane zu beginnen.<\/p>\n<p>Gerhard Henschel: Erfolgsroman. Hoffmann &amp; Campe, 608 S., geb., 26 \u20ac.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1107532.gerhard-henschel-intensives-atmen-vermeiden.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 8.12.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhard Henschels achter Martin-Schlosser-Roman ist erschienen In meinem Briefkasten gammelte nur Reklame f\u00fcr Grillfleisch, Planschbecken und elektrische Zahnb\u00fcrsten herum.\u00ab Martin Schlosser, Gerhard Henschels Alter Ego, hatte jedoch auf den einen oder anderen Honorarscheck gehofft. \u00bbErfolgsroman\u00ab, der Titel von Henschels neuem &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1309\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Gerhard Henschels achter Martin-Schlosser-Roman ist erschienen","footnotes":""},"categories":[4,172],"tags":[],"class_list":["post-1309","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechung","category-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1309","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1309"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1309\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1310,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1309\/revisions\/1310"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1309"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1309"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1309"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}