{"id":1315,"date":"2019-01-19T12:24:35","date_gmt":"2019-01-19T11:24:35","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1315"},"modified":"2019-01-18T12:26:46","modified_gmt":"2019-01-18T11:26:46","slug":"einmal-getragen-und-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1315","title":{"rendered":"Einmal getragen und weg"},"content":{"rendered":"<h2>\u00bb68. Pop und Protest\u00ab im Hamburger Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe<\/h2>\n<p>Die 68er-Bewegung als Geburtshelferin der Wegwerfgesellschaft und als Vorreiterin der neoliberalen Ideologie des Individualismus? Das zumindest ist eine Frage, die ein anderes Licht auf die Chiffre \u00bb68\u00ab zu werfen vermag. Denn das 50. Jubil\u00e4um hat im Unterschied zum 40. kaum kontroverse Debatten ausgel\u00f6st. W\u00e4hrend vor zehn Jahren G\u00f6tz Aly mit seinen Thesen zur Parallelit\u00e4t von NS- und 68er-Bewegung die Schlagzeilen beherrschte, stand im Jahr 2018 ein eher pflichtschuldiges Erinnern an die Ereignisse vor 50 Jahren im Vordergrund.<!--more--><\/p>\n<p>Damit scheint zun\u00e4chst auch die Ausstellung \u00bb68. Pop und Protest\u00ab im Hamburger Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe zu beginnen. Den Zuschauer empfangen mehrere Kinoleinw\u00e4nde, auf denen l\u00e4ngst ikonografische Fotos und Filme zu sehen sind: Benno Ohnesorgs Tod, der Leichnam von Che Guevara oder die Hinrichtung eines Vietcong-K\u00e4mpfers.<\/p>\n<p>In der Schau geht es zun\u00e4chst um das, was man f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit \u201968 verbindet: Demonstrationen, der Muff unter den Talaren, Anti-Springer- und Anti-Schah-Proteste. Musikinstallationen, Fotografien, viele Filme, Plakate und historische Artefakte zeichnen ein beeindruckendes Stimmungsbild der damaligen Zeit. Im Zentrum steht zwar Deutschland, aber es wird durchaus dem Fakt Rechnung getragen, dass \u201968 eine globale Revolte war. Der Pariser Mai, der Summer of Love oder die Proteste der Black Panther gegen die Diskriminierung der Afroamerikaner sind ebenso Thema wie feministische oder andere K\u00e4mpfe der sexuellen Selbstbestimmung.<\/p>\n<p>Die Explosion der Kreativit\u00e4t wird an Beispielen aus Theater, Film, Design, Popmusik und Mode veranschaulicht. Erinnert wird beispielhaft an das Oberhausener Manifest, das mit deutschem NS- und Heimatfilm bricht und eine \u00f6konomische, inhaltliche und formale Neuausrichtung fordert. Auch die \u00bbB\u00fchnen der Revolte\u00ab sind Thema. Etwa mit Egon Monks Inszenierung von \u00bb\u00dcber den Gehorsam\u00ab am Hamburger Schauspielhaus. Die Parallelisierung des KZ-Kommandanten H\u00f6\u00df und des damaligen Kanzlers Kiesinger l\u00f6ste einen Sturm des Protestes aus. Das Bildungsb\u00fcrgertum wollte von der Kontinuit\u00e4t des deutschen Untertanengeistes nichts wissen.<\/p>\n<p>Die Hippiekultur des Summer of Love ist besonders hervorzuheben. Sie, so ist zu lesen, stand f\u00fcr einen freien Lebensstil, Drogen, Individualismus und Selbsterfahrung. Hier nahm allerdings auch seinen Ursprung, was als kalifornische Ideologie bezeichnet wird. Die Verschmelzung eines Teils der Hippie-Bewegung mit dem Glauben an die befreienden M\u00f6glichkeiten der Technik und Informationsgesellschaft. Im Silicon Valley kann man das heute wiederfinden, amalgamiert in einer ultraliberalen Ideologie. Das allerdings ist nicht Gegenstand von \u00bb68. Pop und Protest\u00ab. Die Dialektik von einerseits notwendigem Protest gegen autorit\u00e4re Strukturen und andererseits Zielen, Werten der 68er, die sich problemlos in einen neoliberal gewendeten Kapitalismus integrieren lie\u00dfen, macht das Spannende an der Besch\u00e4ftigung mit der globalen Revolte aus. In der Ausstellung wird das nur angedeutet, vornehmlich wenn es um Design, Mode und Werbung geht.<\/p>\n<p>Besonders bei der Mode kann beobachtet werden, wie schnell sich ein modisches Statement wie ein Minirock, zun\u00e4chst auch als politisches Statement gedacht, in den Schaufenstern der Warenh\u00e4user wiederfindet. Die Werbung reagiert ebenso schnell. Charles Wilps Afri-Cola-Reklame greift den neuen subkulturellen Zeitgeist auf. Der Videoclip preist K\u00f6rperlichkeit, Erotik, Psychedelic Chic und Bewusstseinserweiterung.<\/p>\n<p>Die Dialektik von Befreiung und Regression findet sich auch beim Design. Rechte Winkel, harte Kanten und solide Farbgebung passten nicht zum modernen Lebensgef\u00fchl von \u201968. Das Material der Stunde war Plastik, Umweltbewusstsein noch kein Thema. Sorglos wurde konsumiert, einmal getragen und weg damit: Das Papierkleid wird zum Trendsetter.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re \u00fcbertrieben, \u201968 als Geburtsjahr der Wegwerfgesellschaft zu bezeichnen. Aber die in der Ausstellung nur angedeuteten Fragen verdienen allemal eine n\u00e4here Betrachtung.<\/p>\n<p>\u00bb68. Pop und Protest\u00ab, bis 17.3., Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe Hamburg, Steintorplatz, Hamburg.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1110093.einmal-getragen-und-weg.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 16.1.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bb68. Pop und Protest\u00ab im Hamburger Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe Die 68er-Bewegung als Geburtshelferin der Wegwerfgesellschaft und als Vorreiterin der neoliberalen Ideologie des Individualismus? 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