{"id":1317,"date":"2019-01-20T12:27:37","date_gmt":"2019-01-20T11:27:37","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1317"},"modified":"2019-01-18T12:31:07","modified_gmt":"2019-01-18T11:31:07","slug":"mein-freund-paro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1317","title":{"rendered":"Mein Freund Paro"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Hamburger Museum der Arbeit stellt vor, wie Digitalisierung, Roboter und k\u00fcnstliche Intelligenz unsere Arbeit erledigen. Die Zukunft wird auch lustig<\/strong>.<\/p>\n<p>Machen Sie den Test! K\u00f6nnen Sie Bilder oder Musikst\u00fccke, die von k\u00fcnstlicher Intelligenz (KI) erschaffen wurden, von menschlichen Kunstwerken unterscheiden? Ich mache den Test \u2013 und bestehe ihn nicht. Aber das kann auch daran liegen, dass mir die musikwissenschaftliche Expertise fehlt, um einen Bach- von einem KI-Choral zu unterscheiden. Oder daran, dass die zu h\u00f6renden Mainstream-Pop-St\u00fccke nichts f\u00fcr meine Ohren sind. <!--more--><\/p>\n<p>Wie auch immer: L\u00e4ngst verdr\u00e4ngen digitale Anwendungen und Roboter den Menschen nicht nur in der k\u00fcnstlerischen Arbeit. Studien, die die Ersetzbarkeit von gew\u00f6hnlichen Berufen prognostizieren, werden fast t\u00e4glich durch das mediale Dorf getrieben. Eine davon hat sich das Museum der Arbeit in Hamburg zum Ausgangspunkt seiner aktuellen Sonderausstellung genommen. 2013 prognostizierten der \u00d6konom Carl Frey und der Informatiker Michael Osborne, dass in ein bis zwei Jahrzehnten fast die H\u00e4lfte aller Berufe in den USA durch Roboter und KI bedroht sein w\u00fcrde. An insgesamt elf thematischen Stationen, oft per Video, werden die damit zusammenh\u00e4ngenden fundamentalen Umbr\u00fcche in der Arbeitswelt diskutiert.<\/p>\n<p><em>Out of Office<\/em> pr\u00e4sentiert sich dabei angenehm n\u00fcchtern. Technikgl\u00e4ubige, die sich von k\u00fcnstlicher Intelligenz und Digitalisierung neue Wachstumssch\u00fcbe f\u00fcr die stagnierenden \u00d6konomien der kapitalistischen Zentren oder die L\u00f6sung der Umweltfrage erhoffen, kommen hier nicht auf ihre Kosten. Horrorszenarien gibt es aber auch nicht zu sehen.<\/p>\n<p>Gleichwohl werden beide Extreme aufgegriffen. Das eine bringt ein Aphorismus von Stanislaw Lem zum Ausdruck: \u201eJede Arbeit, die auch von Robotern erledigt werden kann, ist des Menschen unw\u00fcrdig.\u201c Demzufolge w\u00e4re es zu begr\u00fc\u00dfen, wenn schwere k\u00f6rperliche T\u00e4tigkeiten durch Maschinen ersetzt werden. F\u00fcr die M\u00fchsal der Parkettabzieher auf dem gezeigten Gem\u00e4lde von Gustave Caillebotte gibt es heute Schleifmaschinen. Die Plackerei im Eisenwalzwerk, wie sie auf dem ber\u00fchmten Bild von Adolph Menzel dargestellt wird, ist wohl nur noch im Globalen S\u00fcden zu finden.<\/p>\n<h2>Robbe in der Demenztherapie<\/h2>\n<p>Das andere Extrem l\u00e4sst sich mit einer Aussage Stephen Hawkins auf den Punkt bringen: \u201eDie Entwicklung der vollst\u00e4ndigen KI k\u00f6nnte das Ende der Rasse bedeuten.\u201c So drastisch muss man es gar nicht sehen. Aber es birgt durchaus enormen sozialen Sprengstoff, wenn im digitalen Kapitalismus nicht nur k\u00f6rperliche Arbeiten, sondern auch hoch qualifizierte geistige Berufe durch Software ersetzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Welche Berufe das sein k\u00f6nnten, wird in der Ausstellung von der Schauspielerin Marie Sch\u00f6neburg in mehreren Videoaufzeichnungen anschaulich verdeutlicht. Sie stellt das Automatisierungspotenzial und Entwicklungstrends exemplarisch anhand von Berufen wie \u00c4rztin, Pflegerin, Busfahrerin oder Software-Entwicklerin dar. Als Altenpflegerin r\u00e4soniert Sch\u00f6neburg beispielsweise \u00fcber Vorteile und Nachteile des Einsatzes des Pflegeroboters Paro. Der einem Robbenbaby nachempfundene Roboter wird bereits in \u00fcber 30 L\u00e4ndern in der Demenztherapie eingesetzt. Wenn man ihn streichelt, gibt er wohlige Ger\u00e4usche von sich, er kann mit dem Kopf wackeln und Namen lernen. Aber f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen k\u00f6nnte Paro als Alibi fungieren, sich nicht mehr um die alte Mutter im Heim zu k\u00fcmmern. \u201eDie Elisabeth hat doch jetzt ihre Robbe\u201c, l\u00e4sst Sch\u00f6neburg ihre Pflegerin sagen.<\/p>\n<p>Paro \u00fcbrigens ist neben weiteren Robotern in Hamburg zu bewundern und ein H\u00f6hepunkt der Ausstellung. Immer wieder h\u00f6rt man es lachen, weil Besucher mit dem humanoiden Roboter Nao reden. Auf Kommando legt dieser sich hin und kommentiert das mit den Worten \u201eDas ist aber bequem\u201c. Auf manche Fragen folgt aber nur Schweigen, etwa auf die, ob er Gef\u00fchle habe.<\/p>\n<p>Neben sachlichen Experten-Interviews erfolgt die Auseinandersetzung mit der Frage der Verdr\u00e4ngung durch KI auch mittels der Pr\u00e4sentation k\u00fcnstlerischer Arbeiten. So setzt sich Agnieszka Kruczek in ihrer Animation mit \u201eZukunftsszenarien\u201c auseinander. Ein Aphorismus, der in ihrem Film zitiert wird, weist auf einen Aspekt hin, der in <em>Out of Office<\/em> zu kurz kommt: \u201eDie besten K\u00f6pfe meiner Generation denken dar\u00fcber nach, wie man Leute dazu bringt, auf Werbung zu klicken\u201c, stellt der Datenwissenschaftler Jeff Hammerbacher fest. Im Kapitalismus sind die Akteure in der KI-Entwicklung prim\u00e4r Unternehmen, die Profit erzielen wollen. Immerhin aber werden Fragen der sozialen und politischen Regulierung der technologischen Prozesse im sogenannten Forum behandelt. Der Besucher kann hier an vier Stationen per Computer Fragen beantworten. Zum Beispiel, ob eine Robotersteuer und ein bedingungsloses Grundeinkommen zur sozialen Absicherung eingef\u00fchrt werden sollen. Gar Fragen des dem Kapitalismus inh\u00e4renten Wachstumszwangs, einer G\u00fctergemeinschaft und von Open Source werden aufgeworfen.<\/p>\n<p>Die Ausstellung entl\u00e4sst mich \u00fcbrigens mit der Gewissheit, dass mein Job so rasch noch nicht von einem Roboter erledigt werden wird. Nur 20 Prozent der journalistischen T\u00e4tigkeiten sind von der Automatisierung bedroht. Noch mal Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n<div class=\"placeholder-infobox clearfix\">\n<p><strong>Out of Office. Wenn Roboter und KI f\u00fcr uns arbeiten<\/strong> <em>Museum der Arbeit Hamburg<\/em>, bis 19. Mai 2019<\/p>\n<p>aus: der <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/mein-freund-paro\">Freitag<\/a>, Ausgabe 49\/2018<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Hamburger Museum der Arbeit stellt vor, wie Digitalisierung, Roboter und k\u00fcnstliche Intelligenz unsere Arbeit erledigen. Die Zukunft wird auch lustig. Machen Sie den Test! 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