{"id":1319,"date":"2019-01-10T10:03:19","date_gmt":"2019-01-10T09:03:19","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1319"},"modified":"2023-12-04T16:27:43","modified_gmt":"2023-12-04T15:27:43","slug":"eine-andere-oekonomische-lehre-ist-moeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1319","title":{"rendered":"Eine andere \u00f6konomische Lehre ist m\u00f6glich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Helge Peukert hat Wirtschafts-Lehrb\u00fccher analysiert. Und fast nur Marktkonformismus gefunden<\/strong><\/p>\n<p>Paul Samuelson hat eines der erfolgreichsten Lehrb\u00fccher der Wirtschaftswissenschaften verfasst \u2013 von ihm ist folgender Satz \u00fcberliefert: \u201eSolange ich volkswirtschaftliche Lehrb\u00fccher schreiben kann, k\u00fcmmere ich mich nicht sehr darum, wer die Gesetze eines Landes schreibt oder die Staatsvertr\u00e4ge ausarbeitet.\u201c Aber was steht eigentlich in diesen Lehrb\u00fcchern angehender \u00d6konomen und \u00d6konominnen? Hat die Krise vor zehn Jahren etwas an den Inhalten ge\u00e4ndert? Systematisch untersucht hat das der Wirtschaftswissenschaftler Helge Peukert, ein Vork\u00e4mpfer f\u00fcr die \u201ePluralisierung\u201c seiner Disziplin.<!--more--><\/p>\n<p class=\"interview-question\">Herr Peukert, Sie haben sich noch einmal durch etliche Lehrb\u00fccher der Wirtschaftswissenschaft gek\u00e4mpft. Wie kam es dazu?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\"><strong>Helge Peukert: <\/strong>Ich wollte, angestiftet auch durch einen Forschungsauftrag, mal schauen, ob sich die heutigen Lehrb\u00fccher im Vergleich mit meiner Studienzeit in den 1970er Jahren interessanter, weniger marktapologetisch und faktenbasierter ausnehmen.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Und, tun sie das?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Kaum. Vor allem die zwei bis drei in Deutschland dominierenden, US-amerikanischen Lehrb\u00fccher der f\u00fcr das Grundstudium zentralen Mikro- und Makro\u00f6konomie huldigen nach wie vor einseitig der \u201eKonkurrenzwirtschaft\u201c. Trotz einiger Ver\u00e4nderungen weisen sie innere Widerspr\u00fcche auf und bieten selten statistische oder andere Belege f\u00fcr ihre Aussagen. Eine wirtschaftswissenschaftliche Theorie, bei der sich die einzelnen Teile auch logisch aufeinander beziehen, gibt es in den Lehrb\u00fcchern nicht. Sie enthalten ein Sammelsurium oft h\u00f6chst zweifelhafter und auch empirisch kaum eindeutig nachgewiesener Bausteine, etwa zur \u201enat\u00fcrlichen\u201c Arbeitslosigkeit. Zudem werden normative Vorschriften als Sachaussagen ausgegeben, die \u2013 dem Mainstream entsprechend \u2013 einseitig marktaffin ausfallen.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Zum Beispiel?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Fiskalpolitik wirke nicht und die Finanztransaktionssteuer sei kontraproduktiv, Steuern w\u00fcrden prinzipiell die Wohlfahrt senken und die europ\u00e4ischen Arbeitsm\u00e4rkte seien \u00fcberreguliert. Die Finanzkrise hat keine Spuren in den Kernbereichen dieser Lehrb\u00fccher hinterlassen.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Aber angesichts der immer noch sp\u00fcrbaren Folgen der letzten und Warnungen vor neuen Krisen m\u00fcsste sich doch gerade dieses Thema st\u00e4rker in den Lehrb\u00fcchern wiederfinden.<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Zwar gibt es in den Lehrb\u00fcchern kursorische Bemerkungen und teils sogar ganze Kapitel zur Finanzkrise, aber sie widersprechen nicht den marktkonformen Grundannahmen: dass ein an sich stabiles Marktsystem nur durch externe Schocks wie neue Technologien, politische Umw\u00e4lzungen oder auch Vulkanausbr\u00fcche aus dem Gleichgewicht gebracht werden k\u00f6nne, keineswegs aber durch systemimmanente Instabilit\u00e4ten.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Was wird damit ausgespart?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Beispielsweise die auf unsicheren Erwartungen beruhenden Zyklen von manischen und depressiven Stimmungslagen der Finanzmarktakteure. Oder die Entwicklung hochspekulativer Anlageprodukte wie komplexe Verbriefungen, die zum Ausbruch der Finanzkrise vor zehn Jahren f\u00fchrten. Allgemein wird in den Lehrb\u00fcchern immer noch die Hypothese hochgehalten, wonach die Finanzmarktakteure vern\u00fcnftig sind, rational Informationen einpreisen und sich \u201adie M\u00e4rkte\u2018 selbst am besten kontrollieren. Dieses sch\u00f6ne Bild stellte die Finanzkrise fundamental in Frage. Aber: F\u00fcr Standard\u00f6konomen ist sie nach wie vor eine Anomalie, auch wenn sie behaupten, sie nun einzuarbeiten.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Welche Bedeutung haben die Lehrb\u00fccher denn \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Sie haben eine immense Bedeutung. Durch sie werden weltweit, von Alaska bis zum Horn von Afrika, die gleichen Inhalte als Initialpr\u00e4gung junger \u00d6konominnen und \u00d6konomen vermittelt. Ihre Wirkung d\u00fcrfte der Konrad Lorenz\u2019 nicht nachstehen, dem die jungen Graug\u00e4nse nach ihrer Geburt auf Schritt und Tritt folgten. Entsprechend geimpft haben die Studierenden sp\u00e4ter das Sagen als Experten in den Medien, der Politik, in internationalen Organisationen und an Hochschulen.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Ich nehme an, dass man in den Lehrb\u00fcchern wenig von Karl Marx, feministischen Ans\u00e4tzen oder den \u00f6kologischen Grenzen der Wirtschaft erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">In der Tat. Geboten wird nur Neoklassik und der Mainstream, nicht unbedingt konsistent erg\u00e4nzt durch zum Beispiel verhaltens\u00f6konomische Elemente. Dabei gibt es ungef\u00e4hr zehn bis zw\u00f6lf ernst zu nehmende Denkschulen in der Makro\u00f6konomik. Dazu geh\u00f6ren neben dem vorherrschenden Mainstream die Sozio\u00f6konomie, der (Post-)Keynesianismus, die feministische und die politische \u00d6konomie, unter anderem im Anschluss an Marx. Das widerspricht dem Bildungsgebot eines fairen \u00dcberblicks der Theorielandschaft.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Hei\u00dft das, dass die Lehrb\u00fccher mit Wissenschaft wenig und mit Ideologie viel zu tun hat?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Ich h\u00e4tte diese Aussage vor der Studie f\u00fcr ziemlich \u00fcbertrieben gehalten. Aber jetzt scheint mir in Bezug auf die Einf\u00fchrungslehrb\u00fccher der ideologische Anteil tats\u00e4chlich sehr hoch zu sein. Das heute hegemoniale polit\u00f6konomische Regime wird bestimmt durch eine Allianz aus Zentralbanken, der Finanzgro\u00dfindustrie, den Megacorps, Mediengiganten, den Reichen und Wohlhabenden und eben Lehrb\u00fcchern und \u00d6konominnen und \u00d6konomen, die stark mehrheitlich das Weltbild dieser Allianz in Sachen Freihandel, Steuern, Rolle des Staates usw. teilen.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Wie l\u00e4sst sich dieses Weltbild beschreiben?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Elemente sind die volle Durchsetzung der Binnenmarktfreiheiten, die Rolle der Zentralbanken als nicht demokratisch kontrollierter Ausputzer und die des Staates als Wettbewerbsstaat. Die Konkurrenz um niedrigere Steuern wird bef\u00fcrwortet, die Regulierung von gro\u00dfen IT-Giganten und normative Schranken f\u00fcr eine globale Konsumkultur hingegen abgelehnt.<\/p>\n<div class=\"placeholder-infobox clearfix\">\n<p class=\"interview-question\">Und dieses Weltbild findet sich in ideologischer Form in den \u00d6konomie-Lehrb\u00fcchern wieder?<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"interview-answer\">Ja, definitiv, meist eingebettet in scheineindeutige Modelle wie dem komparativen Kostentheorem des britischen \u00d6konomen David Ricardo. Dieses legt den Freihandel nahe, weil grenz\u00fcberschreitende Tauschprozesse die Wohlfahrt beider Handelspartner steigerten. Aber die notwendigen Annahmen, die im Modell zu diesem Ergebnis f\u00fchren, werden den Studierenden meist vorenthalten.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Um welche Annahmen handelt es sich dabei?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Eine entscheidende besteht darin, dass das jeweils in einem Land A vorhandene Investitionskapital nicht in ein Land B, mit dem es Handel betreibt, abwandert, sondern nur eine Spezialisierung der Produktion zum Beispiel auf Wein in Land A oder Kleidung in Land B stattfindet. Wenn aber das Abwandern des Kapitals droht, \u00fcbt dies nat\u00fcrlich einen Druck nach unten auf L\u00f6hne und Steuern aus oder kann Arbeitslosigkeit hervorrufen.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Widerspricht die von Ihnen konstatierte Einseitigkeit nicht den Prinzipien einer demokratischen und pluralen Gesellschaft?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Absolut!<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Der \u00d6konom Stephan Schulmeister vertritt in seinem j\u00fcngsten Buch die These, dass der Kampf gegen fremde Denkstile und Theorien in den Wirtschaftswissenschaften brutaler gef\u00fchrt wird als in anderen Disziplinen. Begr\u00fcndung: Setzt sich eine andere Theorie durch, so ver\u00e4ndert sie die Verteilung von Einkommen, Verm\u00f6gen und Macht in der Gesellschaft. Ist da etwas dran?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Ich halte die These f\u00fcr absolut richtig. Wenn etwa Soziologen \u00fcber Resonanz, Entschleunigung und andere wichtige Fragen sinnieren, tut dies den Bessergestellten und wirtschaftlich M\u00e4chtigen nicht unmittelbar weh. Wenn aber zum Beispiel die Aufhebung des Geldsch\u00f6pfungsprivilegs der Banken oder eine h\u00f6here Erbschaftssteuer untersucht und gefordert wird, geht es um Umverteilung in der H\u00f6he von Milliarden oder Billionen Euro. Daher versuchen auch Multis und die Finanzgro\u00dfwirtschaft, Einfluss auf die Wirtschaftswissenschaften auszu\u00fcben.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Wie das?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Das geschieht unter anderem durch finanzielle Unterst\u00fctzung, Stiftungsprofessuren und Thinktanks. Wie recht Schulmeister hat, l\u00e4sst sich indirekt auch daran ablesen, dass sein Buch beim Mainstream auf demonstrative Ignoranz trifft, wie er mir k\u00fcrzlich auf einer Tagung in Berlin berichtete.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Aber es ist doch sicher nicht so, dass die Finanzwirtschaft direkt Einfluss auf die Autorinnen und Autoren der Lehrb\u00fccher aus\u00fcbt?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Nur ein Beispiel: Das einflussreichste Lehrbuch der Mikro\u00f6konomie stammt von Hal Varian, der nebenbei auch Chefvolkswirt von Google ist. Kein Wunder, dass in diesem kein Wort \u00fcber die eventuell problematischen Monopolstellungen gro\u00dfer IT-Firmen verloren wird.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Studierende haben sich in dem Netzwerk Plurale \u00d6konomik zusammengeschossen und streiten f\u00fcr eine andere \u00f6konomische Ausbildung. Ist eine plurale Lehre m\u00f6glich?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Ja, freilich. In den letzten drei Jahren hat sich Erstaunliches getan, n\u00e4mlich die Gr\u00fcndung eigenst\u00e4ndiger, pluraler Studieng\u00e4nge und sogar einer ganzen Hochschule. Die Cusanus-Hochschule, der Siegener Masterstudiengang Plurale \u00d6konomik und der von Till van Treeck an der Uni Duisburg-Essen initiierte Studiengang sind lebendige Beweise. Ein Ergebnis meiner Untersuchung war auch, dass es erstaunlich viele Vorschl\u00e4ge f\u00fcr alternative Lehrformate und sogar eine ganze Reihe heterodox-pluraler Lehrb\u00fccher gibt, die an den sonstigen deutschen Hochschulen nicht aufgegriffen werden.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">Welches Lehrbuch w\u00fcrden Sie Studierenden empfehlen, die \u00fcber den Tellerrand des Mainstreams blicken wollen?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Exzellent als Kritik und Alternative ist Steven Cohns \u201eReintroducing macroeconomics\u201c. Als Einf\u00fchrung f\u00e4llt mir spontan noch Johannes J\u00e4gers und Elisabeth Springlers \u201e\u00d6konomie der internationalen Entwicklung\u201c ein.<\/p>\n<h1>Zur Person<\/h1>\n<p><strong>Helge Peukert<\/strong> , 62, ist Professor f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften an der Universit\u00e4t Siegen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten geh\u00f6rt die plurale und heterodoxe \u00f6konomische Theoriebildung. Im Metropolis-Verlag hat er 2018 zwei B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht, die sich kritisch mit \u00f6konomischen Einf\u00fchrungstexten auseinandersetzen: <em>Mikro\u00f6konomische Lehrb\u00fccher<\/em> und <em>Makro\u00f6konomische Lehrb\u00fccher<\/em> , jeweils versehen mit der Zusatzfrage <em>Wissenschaft oder Ideologie?<\/em> im Titel<\/p>\n<p>aus: der <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/eine-andere-oekonomische-lehre-ist-moeglich\">Freitag<\/a>, 47\/2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helge Peukert hat Wirtschafts-Lehrb\u00fccher analysiert. Und fast nur Marktkonformismus gefunden Paul Samuelson hat eines der erfolgreichsten Lehrb\u00fccher der Wirtschaftswissenschaften verfasst \u2013 von ihm ist folgender Satz \u00fcberliefert: \u201eSolange ich volkswirtschaftliche Lehrb\u00fccher schreiben kann, k\u00fcmmere ich mich nicht sehr darum, wer &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1319\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[95],"tags":[228],"class_list":["post-1319","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-wirtschaftswissenschaften"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1319","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1319"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1319\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1329,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1319\/revisions\/1329"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1319"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1319"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1319"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}