{"id":132,"date":"2009-03-27T19:04:43","date_gmt":"2009-03-27T17:04:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=132"},"modified":"2009-03-27T19:04:43","modified_gmt":"2009-03-27T17:04:43","slug":"kontinuum-und-exzess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=132","title":{"rendered":"Kontinuum und Exzess"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">&#8222;Wir machen genau das, was ihr Alten am Stammtisch und am Familientisch sagt, aber nicht zu tun wagt.&#8220; Dieses Zitat eines jungen Rechtsextremen (vgl. Alheim\/Heger: 52) verweist darauf, dass das gesellschaftlich weitverbreitete fremdenfeindliche Vorurteil der Gewalttat vorausgeht. Doch in der \u00d6ffentlichkeit wie in der Politik herrscht zwar stets nach einem besonders schlimmen Pogrom gro\u00dfe einhellige Emp\u00f6rung, die allerdings nach wenigen Tagen wieder verschwindet. Die allt\u00e4gliche Diskriminierungspraxis hingegen, die den Boden f\u00fcr die Gewaltexzesse bereitet, wird weitgehend ignoriert.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein j\u00fcngstes Beispiel hierf\u00fcr sind der Umgang mit bzw. die ausbleibenden Reaktionen auf die Ergebnisse des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsens (KFN). Die Forschergruppe unter Leitung von Christian Pfeiffer hatte als Hauptergebnis ihrer Studie &#8222;Jugendliche in Deutschland als Opfer und T\u00e4ter von Gewalt&#8220; herausgefunden, dass die mediale Darstellung von Jugendgewalt keinesfalls mit dem tats\u00e4chlichen Sachverhalt \u00fcbereinstimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Entgegen einer weitverbreiteten Meinung gehe diese n\u00e4mlich zur\u00fcck. Doch das war gar nicht der Punkt, an dem sich eine kleine \u2013 vornehmlich in der taz gef\u00fchrte \u2013 Diskussion entz\u00fcndete, sondern vielmehr die Resultate des Abschnittes &#8222;Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus&#8220;, in dessen Rahmen 20.604 15-J\u00e4hrige Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern befragt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Forschungsteam fasst seine Ergebnisse selbst so zusammen: &#8222;Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus pr\u00e4gen das Weltbild einer Minderheit von Jugendlichen; in einigen Gebieten f\u00e4llt deren Anteil allerdings alarmierend hoch aus.&#8220; (S. 13) Das liest sich zun\u00e4chst nicht besonders dramatisch. Folgendes indessen doch: Insgesamt seien 3,8% der deutschen Neuntkl\u00e4ssler Mitglied in einer rechten Gruppe oder Kameradschaft, in absoluten Zahlen sind dies 34.000. Da aber nicht, wie die taz (23.3.09) schreibt, &#8222;davon auszugehen sei, dass sich die 16-, 17-, und 18-j\u00e4hrigen Sch\u00fcler bez\u00fcglich ihrer Einstellungen und ihres Organisationsgrades v\u00f6llig unterscheiden, ist die Lage reichlich d\u00fcster.&#8220; Damit w\u00e4ren 100.000 Jugendliche Mitglied in einer rechtsextremen Organisation.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der enorme Sprengstoff, der sich hieraus ergibt, ist, dass der Verfassungsschutz lediglich von 31.000 Organisierten ausgeht. Christian Pfeiffer hat f\u00fcr diese Differenz einen, so scheint es, plausiblen Grund angegeben: Es sei in der Forschung v\u00f6llig normal, dass die Dunkelziffer \u00fcber den ermittelten Daten liegt (taz. 20.3.09). Soll hei\u00dfen: Der Verfassungsschutz st\u00fctzt sich nur auf Zahlen, die belegbar sind. Doch, so die taz, das stimme nicht, denn die Zahlen beruhen sehr wohl auch auf Sch\u00e4tzungen. Insofern bliebe nur der Schluss, dass der Verfassungsschutz die \u00d6ffentlichkeit in einer falschen Sicherheit wiege.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neben der hohen Zahl von Mitgliedschaften in rechten Gruppen und Kameradschaften sorgten die Zustimmungswerte zu ausl\u00e4nderfeindlichen Aussagen f\u00fcr Aufsehen. So seien als &#8222;sehr ausl\u00e4nderfeindlich&#8220; 14,4% und als &#8222;eher ausl\u00e4nderfeindlich&#8220; 26,2% der befragten 15-J\u00e4hrigen einzustufen (S. 116). Insgesamt also \u00fcber 40%. Dies liegt \u00fcber dem Wert von anderen Studien (&#8222;Deutsche Zust\u00e4nde&#8220;; &#8222;Vom Rand zur Mitte&#8220;), die bei einem Drittel der Befragten ausl\u00e4nderfeindliche Einstellungen konstatierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese hohen Zustimmungswerte wurden von Zeitungen wie der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung und der S\u00fcddeutschen Zeitung in Zweifel gezogen, wie bereits in der Vergangenheit auch andere Studien. Hauptkritikpunkt ist stets der &#8222;methodische Murks&#8220; (SZ, 24.3.09), der bereits in der Fragestellung die gew\u00fcnschte Antwort suggeriere.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sehen wir uns einen Entkr\u00e4ftigungsversuch genauer an: Der SZ-Autor wendet ein, dass es doch ein fragw\u00fcrdiges Verfahren sei, alle Ausl\u00e4nder als Bereicherung ansehen zu m\u00fcssen, um nicht als xenophob zu gelten. Umgekehrt w\u00fcrde doch &#8222;auch kein vern\u00fcnftiger Mensch behaupten, dass alle deutschen Staatsb\u00fcrger eine Bereicherung f\u00fcr die Kultur seien.&#8220; Doch genau das ist anzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zuletzt hat nicht nur die Untersuchung &#8222;Nation und Exklusion&#8220; (2008) von Klaus Ahlheim und Bardo Heger darauf hingewiesen, dass die gestiegenen Zustimmungswerte zu der Aussage &#8222;Ich bin ziemlich oder sehr stolz, ein Deutscher zu sein&#8220; (von 1996 bis 2006 von 63 auf 73%) schon im Ansatz mit der Ausgrenzung und Abwehr der nicht Dazugeh\u00f6rigen, der Fremden einhergehen. Hier dr\u00fcckt sich eine Ideologie der Ungleichwertigkeit aus, die eben nicht verschiedene individuelle &#8222;Ausl\u00e4nder&#8220; (z.B. einen Wissenschaftler oder einen antisemitischen Islamisten) differenziert, sondern in Kategorien ethnisch definierter Bev\u00f6lkerungsgruppen denkt \u2013 die gesetzliche Praxis in Deutschland und anderen Nationalstaaten macht es ja im \u00dcbrigen auch nicht anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Immerhin gesteht der Autor in der SZ indes zu, dass der Trend der Jugendlichen eindeutig nach rechts geht. Und richtig ist sein Pl\u00e4doyer, zwischen rechts, rechtsextrem, ausl\u00e4nderfeindlich etc. zu differenzieren \u2013 was der Pfeiffer-Studie, zumindest die Unterscheidung zwischen ausl\u00e4nderfeindlichen Einstellungen und rechtsextremen (niederschwelligen) Handeln betreffend, recht gut gelingt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Insgesamt gesehen zeigt diese Stellungnahme und mehr noch die weitgehende Nicht-Thematisierung des in der gesellschaftlichen Mitte grassierenden Rassismus \u2013 auch die taz konzentrierte sich auf den Aspekt des organisierten Rechtsextremismus -, dass die Mainstream-Sichtweise auf dieses Ph\u00e4nomen nicht in der Lage ist, den Zusammenhang von Kontinuum und Gewaltexzess zu denken. Sie ignorieren das Kontinuum und emp\u00f6ren sich umso mehr \u00fcber die Exzesse in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, M\u00f6lln, Solingen und M\u00fcgeln, um kurz darauf wieder zu schweigen. Denn die Kritik des Kontinuums schl\u00f6sse auch die Kritik der Normalit\u00e4t der Mitte ein \u2013 dessen Teil man selbst ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Ergebnisse der Pfeiffer-Studie \u00fcber Jugendgewalt und rechtsextreme Einstellungen verdienen es, gr\u00fcndlich zur Kenntnis genommen zu werden, machen sie doch auf eine bedrohliche Entwicklung aufmerksam, die auch schon die Untersuchung von Ahlheim\/Heger feststellte (vgl. S. 59): den Anstieg von ausl\u00e4nderfeindlichen, rassistischen und antisemitischen Einstellungen bei J\u00fcngeren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Literatur<\/strong><br \/>\nJugendliche in Deutschland als Opfer und T\u00e4ter von Gewalt. Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministerium des Innern und des KFN, als pdf einzusehen unter: www.kfn.de (Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf den Forschungsbericht)<br \/>\nKlaus Ahlheim\/Bardo Heger, Nation und Exklusion. Der Stolz der Deutschen und seine Nebenwirkungen, Schwalbach\/TS. 2008<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=6563&amp;tx_ttnews[tt_news]=10970&amp;tx_ttnews[backPid]=6580\">www.sozialismus.de<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wir machen genau das, was ihr Alten am Stammtisch und am Familientisch sagt, aber nicht zu tun wagt.&#8220; Dieses Zitat eines jungen Rechtsextremen (vgl. Alheim\/Heger: 52) verweist darauf, dass das gesellschaftlich weitverbreitete fremdenfeindliche Vorurteil der Gewalttat vorausgeht. 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