{"id":1321,"date":"2019-02-21T09:52:19","date_gmt":"2019-02-21T08:52:19","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1321"},"modified":"2019-02-21T09:52:19","modified_gmt":"2019-02-21T08:52:19","slug":"die-taegliche-qual-der-enge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1321","title":{"rendered":"Die t\u00e4gliche Qual der Enge"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Hamburg wird die erste gro\u00dfe Retrospektive des Fotografen Michael Wolf gezeigt<\/strong><\/p>\n<p>Die Enge der globalen Megast\u00e4dte &#8211; besser als im Werk des deutsch-amerikanischen Fotografen Michael Wolf kann sie nicht veranschaulicht werden. Am eindr\u00fccklichsten geschieht das in seiner Serie \u00bbTokyo Compression\u00ab. Die Fotografien zeigen an die Scheiben von U-Bahnen gepresste Gesichter von Pendlern in Tokio. In der Rushhour ist es in den Wagen so eng, dass Kondenswasser die Scheiben hinabl\u00e4uft. Der Gesichtsausdruck der eingezw\u00e4ngten Menschen ist resigniert, ersch\u00f6pft, manche haben die Augen geschlossen, als ob sich so die t\u00e4gliche H\u00f6llenfahrt leichter ertragen lie\u00dfe. <!--more-->Mitunter hat es den Anschein, als schl\u00f6ssen sie die Augen, weil sie sich sch\u00e4men, ihr Leid dem Fotografen oder Betrachter zu offenbaren. Michael Wolf hat diese Fotos auf einem Abschnitt eines Tokioer Bahnsteigs gemacht, der nicht von \u00dcberwachungskameras erfasst wurde. Inzwischen ist dieser geschlossen. So legt die Serie auch Zeugnis davon ab, wie in Metropolen das Fotografieren zunehmend eingeschr\u00e4nkt wird.<\/p>\n<p>\u00bbTokyo Compression\u00ab ist neben zehn weiteren Werkserien und einer riesigen Wandinstallation Teil der Ausstellung \u00bbMichael Wolf &#8211; Life in Cities\u00ab in den Hamburger Deichtorhallen. Die Schau ist die erste gro\u00dfe Retrospektive des 1954 in M\u00fcnchen geborenen und in den USA und Kanada aufgewachsenen ehemaligen Fotojournalisten.<\/p>\n<p>Hongkong, wo Wolf seit 1994 lebt, wurde ihm zur wichtigsten k\u00fcnstlerischen Inspirationsquelle. Die zu den zehn am dichtesten bev\u00f6lkerten St\u00e4dten geh\u00f6rende chinesische Metropole weckte seine fotografische Neugier auf das Leben hinter den Fassaden der Betonw\u00e4nde und auf der Stra\u00dfe. Seine Sympathie geh\u00f6rt dabei den Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen m\u00fcssen und mehr schlecht als recht \u00fcber die Runden kommen.<\/p>\n<p>Wolfs Serie \u00bbArchitecture of Density\u00ab zeigt Hongkonger Hochhausfassaden, gleichf\u00f6rmig, kalt und leblos. Himmel und Erde sind herausgeschnitten, ein Schreckenspanorama der brutalistischen Stadtarchitektur. Nur genauere Blicke offenbaren, dass da auch Menschen mit individuellen Vorlieben leben. Die Balkone dienen als Vorratskammer, Abstellfl\u00e4che oder provisorischer Wintergarten. Es wird improvisiert und gebastelt, um jeden Quadratzentimeter optimal zu nutzen.<\/p>\n<p>Das zeigt auch Wolfs Serie \u00bb100 \u00d7 100\u00ab, das Gegenst\u00fcck zu den gro\u00dfformatigen Bildern der Hochhausfassaden. Hier blickt Wolf hinter die Fassaden der Betonfl\u00e4chen. Er hat die nur 10 \u00d7 10 Quadratfu\u00df (ca. neun Quadratmeter) gro\u00dfen Wohnungen des \u00e4ltesten sozialen Wohnbaublocks Hongkongs mitsamt ihren Bewohnern fotografiert. Trotz der strengen Normierung zeigt sich die individuelle Weise der Bewohner, mit dem geringen Platz umzugehen. In der Ausstellung sind die kleinformatigen Fotos in einem Raum mit denselben Ma\u00dfen wie denen der Wohnungen zu sehen. Zumindest am Wochenende bekommt der Besucher hautnah zu sp\u00fcren, wie eng es in solch einem Raum sein kann.<\/p>\n<p>Ein H\u00f6hepunkt der Retrospektive ist zweifelsohne die monumentale Wandinstallation \u00bbThe real toy story\u00ab. 20 000 Plastikspielzeuge hat Michael Wolf auf Flohm\u00e4rkten zusammengetragen und an einer Wand befestigt. Das Ergebnis: Ein ca. 70 Quadratmeter gro\u00dfes Meer aus billigen bunten Puppen, Autos und Figuren, versehen mit Portr\u00e4tfotos von chinesischen Arbeitern, die dieses Plastikzeug herstellen. Diese halten Spielzeugpistolen oder Gliedma\u00dfen von Barbiepuppen in den H\u00e4nden. Wenn sie es denn noch k\u00f6nnen. Denn auf einem Foto sind Arbeiter zu sehen, die durch Arbeitsunf\u00e4lle ihre H\u00e4nde oder andere K\u00f6rperteile verloren haben. Was aber sollen die Fotos der Sonnenaufg\u00e4nge der Serie \u00bbCheung Chau Sunrises\u00ab, die in Hamburg zum ersten Mal zu sehen sind? Pl\u00f6tzlich diese Weite und Sch\u00f6nheit der Natur. Bedauerlicherweise kl\u00e4rt die Ausstellung nicht \u00fcber einen verborgenen Sinn dieser Bilder auf: Die Hongkong vorgelagerte Insel Cheung Chau ist bekannt als Selbstmordinsel f\u00fcr junge Verliebte. Sie mieten Appartements auf der Insel, um endlich einmal eine gemeinsame Privatsph\u00e4re zu haben. Und manche der P\u00e4rchen ziehen es vor, dort zu sterben, als in die Beengtheit Hongkongs zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p><em>\u00bbMichael Wolf &#8211; Live in Cities\u00ab, bis 3.3., Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstra\u00dfe 1-2, Hamburg.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1111777.die-taegliche-qual-der-enge.html\">neues deutschland<\/a>, 8.2.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Hamburg wird die erste gro\u00dfe Retrospektive des Fotografen Michael Wolf gezeigt Die Enge der globalen Megast\u00e4dte &#8211; besser als im Werk des deutsch-amerikanischen Fotografen Michael Wolf kann sie nicht veranschaulicht werden. 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