{"id":1325,"date":"2019-02-21T17:56:37","date_gmt":"2019-02-21T16:56:37","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1325"},"modified":"2019-02-21T09:58:36","modified_gmt":"2019-02-21T08:58:36","slug":"hollande-und-macron-toeteten-seinen-vater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1325","title":{"rendered":"Hollande und Macron t\u00f6teten seinen Vater"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"uz\">\u00c9douard Louis ruft in seinem neuen Buch die strukturelle Gewalt der Klassengesellschaft in Erinnerung<\/h2>\n<p>Es sind S\u00e4tze, die an Deutlichkeit nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lassen: \u00bbJacques Chirac und Xavier Bertrand machten deinen Darm kaputt\u00ab, \u00bbNicolas Sarkozy und Martin Hirsch haben dir das R\u00fcckgrat gebrochen\u00ab und \u00bbHollande und El Khomri haben dir die Luft genommen\u00ab. Und selbstverst\u00e4ndlich bekommt auch der aktuelle franz\u00f6sische Pr\u00e4sident sein Fett weg: \u00bbEmmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.\u00ab<!--more--><\/p>\n<p>\u00c9douard Louis&#8216; neues Buch \u00bbWer hat meinen Vater umgebracht\u00ab nennt Ross und Reiter; es ist das literarische Antlitz der Gelbwesten-Proteste. Die genannten franz\u00f6sischen Politiker seien f\u00fcr die Zerst\u00f6rung des K\u00f6rpers seines Vaters verantwortlich, so Louis. Pr\u00e4sident Chirac und sein Gesundheitsminister Bertrand streichen 2006 die Erstattung f\u00fcr Medikamente gegen Verdauungsst\u00f6rungen, was gravierende Folgen f\u00fcr den Vater Louis&#8216; hat. Durch einen Arbeitsunfall an das Bett gefesselt, ist er auf diese Medikamente angewiesen. Nun muss er sie von dem ohnehin zu knappen Geld selbst bezahlen.<\/p>\n<p>In der Regierungszeit von Sarkozy wird die Sozialhilfe durch das RSA (\u00bbEinkommen f\u00fcr aktive Solidarit\u00e4t\u00ab) ersetzt. \u00c4hnlich wie beim deutschen Hartz IV werden Menschen gedr\u00e4ngt, auch unzumutbare Arbeiten aufzunehmen. Als Stra\u00dfenfeger muss sich der Vater f\u00fcr 700 Euro im Monat krumm machen &#8211; trotz seiner ruinierten Wirbels\u00e4ule.<\/p>\n<p>Hollande und seine Arbeitsministerin El Khomri lassen 2016 eine Novelle des Arbeitsrechts verabschieden. Nun kann der Vater gezwungen werden, jede Woche noch ein paar \u00dcberstunden abzuleisten. Schlie\u00dflich k\u00fcrzt Macron die Wohnungsbeihilfe um f\u00fcnf Euro. Begr\u00fcndung der Regierung: F\u00fcnf Euro seien doch unerheblich. \u00bbSie haben keine Ahnung\u00ab, kommentiert Louis. Der 26-j\u00e4hrige franz\u00f6sische Autor r\u00e4umt sein Motiv f\u00fcr das neue Buch freim\u00fctig ein: \u00bbIch m\u00f6chte ihre Namen in die Geschichte einschreiben, das ist meine Rache.\u00ab<\/p>\n<p>Der knappe Text, ein innerer Monolog mit dem Vater, beginnt mit einem Zitat der amerikanischen Intellektuellen Ruth Gilmore. Befragt, wof\u00fcr in ihren Augen der Begriff \u00bbRassismus\u00ab stehe, antwortet sie, er bedeute f\u00fcr bestimmte Teile der Bev\u00f6lkerung das Risiko eines verfr\u00fchten Todes. Diese Definition gelte ebenso f\u00fcr m\u00e4nnliche Vorherrschaft, f\u00fcr Homophobie, Transphobie, Herrschaft einer Klasse \u00fcber eine andere, f\u00fcr alle Ph\u00e4nomene sozialer oder politischer Unterdr\u00fcckung, erg\u00e4nzt Louis. Dann redet er seinen Vater direkt an: \u00bbDu geh\u00f6rst zu jener Kategorie von Menschen, f\u00fcr die die Politik einen verfr\u00fchten Tod vorgesehen hat.\u00ab<\/p>\n<p>Auf nicht einmal 80 Seiten beschreibt der gefeierte Jungautor und politische Intellektuelle (h\u00e4ufig mischt er sich zusammen mit Didier Eribon und Geoffrey de Lagasneire in die politische Debatte ein) diesen Prozess. Doch Louis Buch besticht nicht in erster Linie durch die Beschreibung der Zurichtung der K\u00f6rper der Unterklassen durch die Politik des neoliberalen Kapitalismus. Der literarische Wert des Textes resultiert auch aus der Beschreibung des Verh\u00e4ltnisses zum Vater. Dies ist, harmlos ausgedr\u00fcckt, kompliziert. Der Vater wird geliebt, aber anderen gegen\u00fcber behauptet Louis, ihn zu hassen. Als Kind w\u00fcnschte er sich nichts sehnlicher, als dass der Vater verschw\u00e4nde.<\/p>\n<p>Wer Louis&#8216; bedr\u00fcckenden Deb\u00fctroman \u00bbDas Ende von Eddy\u00ab \u00fcber die Emanzipation eines schwulen Jungen aus einer in bitterer Armut lebenden homophoben und rassistischen nordfranz\u00f6sischen Familie kennt, wird sich an dessen ersten Satz erinnern: \u00bbAn meine Kindheit habe ich keine einzige gl\u00fcckliche Erinnerung.\u00ab Die ungl\u00fcckliche Kindheit &#8211; sie wird auch in diesem Buch beschrieben. Der grausame Vater verschenkt das Lieblingsspiel des kleinen \u00c9douard und sagt in der Dorfkneipe vor allen Leuten und in Anwesenheit Eddys, er h\u00e4tte lieber einen anderen Sohn. \u00bbWochenlang wollte ich am liebsten sterben.\u00ab<\/p>\n<p>Doch in \u00bbWer hat meinen Vater umgebracht\u00ab richtet sich der Fokus weniger auf den Vater, unter dem das Kind leidet, sondern auf jenen, der selbst Opfer von Gewalt und Dem\u00fctigungen war. Im Zentrum steht der Vater, dem gewisserma\u00dfen durch die Klassenverh\u00e4ltnisse seine guten Seiten ausgetrieben wurden. Denn es gab auch den anderen, den guten Vater. Dieser hat getanzt, Frauenkleider getragen und sah dabei gl\u00fccklich aus. Der andere Vater hat f\u00fcnf Jahre versucht, jung zu sein, herumzureisen und Abenteuer zu erleben. Von diesem \u00bb Zipfel der Jugend\u00ab freilich erf\u00e4hrt Louis nur von seiner Mutter. Als ob es dem Vater unter der Last von Fabrikarbeit, Arbeitsunfall, Schmerzen und Langeweile unm\u00f6glich ist, selbst von den sch\u00f6nen Zeiten zu erz\u00e4hlen. Der gute Vater hat seinen Sohn bei der Polizei in Schutz genommen, als dieser des Diebstahls bezichtigt wurde, und mit ihm im Auto gesungen.<\/p>\n<p>Interessant ist, wie Louis den Grund f\u00fcr die soziale Lage seines Vaters teils dessen M\u00e4nnlichkeitsbild zuschreibt. Schnell die Schule verlassen, arbeiten gehen, sein eigenes Geld verdienen, um f\u00fcr sich selbst sorgen zu k\u00f6nnen &#8211; danach handelte dieser.<\/p>\n<p>\u00c9douard Louis hat mit seinem j\u00fcngstem Buch, in Frankreich bereits im letzten Fr\u00fchjahr erschienen, den literarischen Text zur Wut der Gelbwesten geschrieben. An ihren Demonstrationen hat er sich selbst beteiligt. Am Schluss des Buches nimmt er diese sozusagen vorweg. Als ihn der Vater zum Abschied seines Besuches fragt, ob er immer noch Politik mache, antwortet er: \u00bbJa, jetzt mehr denn je.\u00ab Und der Vater antwortet: \u00bbRecht so. Ich glaube, was es br\u00e4uchte, das ist eine ordentliche Revolution.\u00ab<\/p>\n<p>Am Ende sprechen sich Vater und Sohn aus. Louis stellt fest, dass aus dem homophoben und rassistischen Mann ein anderer geworden ist. Er liest die B\u00fccher seines Sohnes, ist stolz auf dessen Erfolg und spricht sich gegen den Rassismus aus. Diese Wandlung des Vaters mag man f\u00fcr etwas unvermittelt halten, mitunter das Plakative bem\u00e4ngeln. Aber zweifelsohne hat Louis mit \u00bbWer hat meinen Vater umgebracht\u00ab ein politisch wichtiges und ber\u00fchrendes Buch geschrieben.<\/p>\n<p class=\"anm\"><em>\u00c9douard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht. S. Fischer Verlag, Frankfurt\/Main 2019. 77 Seiten, 16 EUR.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak646\/09.htm\">analyse &amp; kritik<\/a> 646, 19.2.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c9douard Louis ruft in seinem neuen Buch die strukturelle Gewalt der Klassengesellschaft in Erinnerung Es sind S\u00e4tze, die an Deutlichkeit nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lassen: \u00bbJacques Chirac und Xavier Bertrand machten deinen Darm kaputt\u00ab, \u00bbNicolas Sarkozy und Martin Hirsch haben &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1325\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[4,172],"tags":[],"class_list":["post-1325","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechung","category-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1325","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1325"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1325\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1326,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1325\/revisions\/1326"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1325"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1325"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1325"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}