{"id":1327,"date":"2019-02-22T09:59:11","date_gmt":"2019-02-22T08:59:11","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1327"},"modified":"2019-02-21T10:07:30","modified_gmt":"2019-02-21T09:07:30","slug":"suspekte-lehre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1327","title":{"rendered":"Suspekte Lehre"},"content":{"rendered":"<p><strong>Praxisfern, weltfremd, doktrin\u00e4r: Studenten der Volkswirtschaft sind unzufrieden mit ihrem Fach<\/strong><\/p>\n<p>Marktliberal, ganz auf die Karriere hin orientiert und schon in jungen Jahren der FDP nahestehend \u2013 wer ein solches Bild von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften hat, sollte es wohl hinterfragen. Zumindest legt das eine j\u00fcngst publizierte Studie nahe. Demnach ist dastypische Erstsemester der Volkswirtschaftslehre (VWL) gem\u00e4\u00dfigt links, idealistisch und altruistisch. Zu diesem Resultat kommen Eva Schweitzer-Krah und Tim Engartner, die beide in Frankfurt am Main Sozialwissenschaften lehren; Engartner schreibt als Autor unter anderem f\u00fcr den <em>Freitag<\/em>.<!--more--><\/p>\n<p>Ausgangspunkt ihrer Studie <em>Die Pluralismusdebatte der \u00d6konomik aus Studierendensicht<\/em> ist die \u00f6ffentlich rege diskutierte Legitimationskrise der Volkswirtschaftslehre: Zu mathematisch, zu weltfremd, zu wenig interdisziplin\u00e4r sei der in der \u00d6konomie vorherrschende neoklassische Ansatz. Das ist keineswegs nur ein akademisches Problem. Denn die Entscheidungen und Empfehlungen von neoklassisch ausgebildeten \u00d6konominnen und \u00d6konomen beeinflussen die Lebensumst\u00e4nde von Millionen Menschen \u2013 meist negativ, in Form eines R\u00fcckbaus des Sozialstaates oder Steuersenkungen zugunsten einer Umverteilung von unten nach oben und zulasten der arbeitenden Klassen.<\/p>\n<p>Schon 2000 regte sich, ausgehend von Frankreich, der Widerstand gegen diese Monokultur in der Volkswirtschaftslehre. Nach der globalen Finanzkrise von 2008, die viele Mainstream-\u00d6konomen wie begossene Pudel dastehen lie\u00df, erfuhren studentische Initiativen f\u00fcr mehr Pluralit\u00e4t in der \u00d6konomie regen Zulauf. Ob ihre Kritik aber auch in der Breite von den Studierenden der VWL in Deutschland zur Kenntnis genommen worden ist \u2013 unter anderem das wollten Engartner und Schweitzer-Krah mit einer Umfrage herausfinden.<\/p>\n<h2>Sie lernen Konkurrenzdenken<\/h2>\n<p>Zu diesem Zweck befragten sie im Sommersemester 2017 schriftlich 351 Studierende der VWL im vierten Semester an den Universit\u00e4ten Bonn, Frankfurt am Main, Hamburg sowie Heidelberg und Mannheim \u2013 ihre Umfrage ist daher zwar nicht repr\u00e4sentativ, gleichwohl waren die Ergebnisse an den f\u00fcnf Universit\u00e4ten relativ \u00e4hnlich. Dies legt nahe, dass in den Stichproben allgemeine Wahrnehmungen zum Ausdruck kommen.<\/p>\n<p>Rund 40 Prozent der Befragten gaben an, ihr VWL-Studium aufgenommen zu haben, weil sie selbst einen aktiven Beitrag zu einer besseren Welt leisten wollen. Deutlich nachgeordnet sind strategische, also etwa rein karrieristische Motive, wie etwa die Verbesserung der eigenen Jobchancen. In jedem Fall steht dies im Widerspruch zum Menschenbild, das der heutigen Mainstream-\u00d6konomik zugrunde liegt \u2013 dem vom Homo oeconomicus, der stets nur seinen Eigennutz im Sinn hat.<\/p>\n<p>Dass das Klischee vom VWLer allerdings doch nicht ganz falsch ist, zeigen die Antworten, die Schweitzer-Krah und Engartner erhielten, als sie nach pers\u00f6nlichen Ver\u00e4nderungen im Verlauf des Studiums fragten: Viele Viertsemester stellten fest, dass egoistische Verhaltensweisen wie Karriere-Ambitionen oder Konkurrenzdenken seit Beginn ihres Studiums an Bedeutung gewonnen h\u00e4tten, w\u00e4hrend derweil gemeinwohlorientierte Eigenschaften \u2013 Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen oder Hilfsbereitschaft \u2013 in den Hintergrund ger\u00fcckt seien. Der Grund daf\u00fcr, aus Sicht der Studierenden: das wettbewerbsorientierte Klima ihres Faches. So w\u00fcrden mehr als die H\u00e4lfte aller Befragten der Aussage zustimmen, dass das Studium das Leistungs- und Konkurrenzdenken f\u00f6rdere.<\/p>\n<p>Angesichts der idealistischen Motive zur Aufnahme des VWL-Studiums ist anzunehmen, dass die Studierenden hier deutliche Unzufriedenheit mit der VWL artikulieren. Tats\u00e4chlich ist ein Drittel der Befragten teilweise oder \u00fcberwiegend von der \u00d6konomik entt\u00e4uscht. Voll und ganz zufrieden zeigen sich nur 10,8 Prozent.<\/p>\n<p>Diese Ern\u00fcchterung korrespondiert mit der negativen Bewertung der Methoden und Inhalte des Wirtschaftsstudiums. Die Fragen zur Reflexionsf\u00e4higkeit der Disziplin ergaben eine hohe \u00dcbereinstimmung mit der grassierenden Kritik an der \u00f6konomischen Mainstream-Lehre, und zwar hochschul- wie geschlechter\u00fcbergreifend. Die Befragten erleben ihr Fach als praxisfern, mathematisch fokussiert, wenig interdisziplin\u00e4r und abgewandt von gesellschaftlichen Grundlagen. Knapp drei Viertel sind der Meinung, dass Wissen aus anderen Disziplinen wie Soziologie, Politikwissenschaft oder Geschichte notwendig sei, um wirtschaftliche Sachverhalte verstehen zu k\u00f6nnen. Eine Mehrheit spricht sich daf\u00fcr aus, dass Verteilungsfragen generell st\u00e4rker in die Wirtschaftspolitik einbezogen werden sollten, und zwei Dritteln ist die vermeintliche Einigkeit im volkswirtschaftlichen Fachdiskurs suspekt.<\/p>\n<p>F\u00fchrt dies aber dazu, dass sich entt\u00e4uschte Studierende intensiv mit der Kritik der pluralen \u00d6konomik an den Mainstream-Studieninhalten besch\u00e4ftigen? Das ist nicht der Fall. Nur etwa jeder Zehnte tut dies, und nur 6,4 Prozent der VWL-Viertsemester in Bonn, Frankfurt, Hamburg, Heidelberg und Mannheim engagieren sich pers\u00f6nlich in den Netzwerken der pluralen \u00d6konomik. Immerhin aber hat schon knapp die H\u00e4lfte der Studierenden von der Pluralismusdebatte in ihrem Fach geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist, dass die Studierenden der Kritik an ihrem Fach, wie sie inzwischen vielfach in Medien thematisiert wird, nur bedingt zustimmen. Lediglich 22 Prozent sehen ihr Fach in einer Legitimationskrise. Im Gegensatz zur \u00f6ffentlichen Debatte begreifen sie es nicht per se als unpolitisch. \u201eVielmehr schreiben sie den Wirtschaftswissenschaften durchaus die Rolle eines normativen Gestalters in der Gesellschaft zu, indem \u00f6konomische Fragen aus ihrer Sicht nach objektiven Kriterien und nicht durch politischen Meinungsstreit entschieden werden sollten\u201c, schreiben Engartner und Schweitzer-Krah. Mehr als die H\u00e4lfte ist auch nach der Wirtschafts- und Finanzkrise der Meinung, dass das freie Spiel der M\u00e4rkte zu effizienten Ergebnissen f\u00fchre. So f\u00e4llt die Diskursreflexion gespalten aus: Die Studierenden teilen zwar einige Aspekte der \u00f6ffentlichen Kritik, stellen die Grundannahmen des neoklassischen Mainstreams jedoch nicht zur Disposition.<\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese \u201edeutliche Diskrepanz zwischen einer eingehenden und teils schonungslosen Selbst- bzw. Fachreflexion und einer eher verhaltenen Diskursreflexion\u201c hat es in sich: Denn die Zunahme an egoistischen Verhaltensweisen wie Karriere-Ambitionen oder Konkurrenzdenken scheint \u201edie Bereitschaft der Studierenden zu mindern, sich uneigenn\u00fctzig f\u00fcr eine fachliche Erneuerung in der VWL einzusetzen\u201c, hei\u00dft es im Res\u00fcmee zur Studie. Stattdessen w\u00fcrden die Studierenden pr\u00fcfungsrelevanten Mainstream-Inhalten den Vorrang vor einem aufwendigen und ungewissen Engagement in der Pluralismusdebatte geben \u2013 ein \u201eDas bringt doch eh nichts\u201c-Denken, im Sinn von Aussagen wie \u201eDas ist verplemperte Zeit und mindert meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt\u201c.<\/p>\n<h2>Monokultur macht dumm<\/h2>\n<p>Das klingt durchaus plausibel \u2013 und sehr ern\u00fcchternd, was die Chancen auf eine Reform der Studieninhalte betrifft. Zumal gerade j\u00fcngere Professoren eine Legitimationskrise der VWL st\u00e4rker verneinen als \u00e4ltere und mehr j\u00fcngere Wissenschaftler sich dem Mainstream zurechnen lassen als \u00e4ltere. Was aber tun, um die \u00f6konomische Hochschullehre reformieren zu k\u00f6nnen? Engartner und Schweitzer-Krah schreiben von \u201eexternen, von Systemzusammenh\u00e4ngen losgel\u00f6sten, professionellen Inputs, beispielsweise in Form von hochschulpolitischen Initiativen, alternativen Bildungsangeboten und einer verstehenden sozialwissenschaftlichen Begleitforschung\u201c. Das klingt vage.<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00e4re es einmal eine \u00dcberlegung wert, die durch viele Studien belegte und an den Unis de facto verbindliche Vorgabe des neoklassischen Paradigmas vom Verfassungsgericht beurteilen zu lassen. Denn wie hei\u00dft es im 2014 von 70 Studentengruppen aus \u00fcber 30 L\u00e4ndern ver\u00f6ffentlichten Aufruf der \u201eInternational Student Initiative for Pluralism in Economics\u201c? \u201ePluralismus in der Volkswirtschaftslehre ist f\u00fcr eine gesunde \u00f6ffentliche Debatte unentbehrlich. Pluralismus ist auch eine Frage der Demokratie.\u201c Die wenigen empirischen Befunde \u00fcber pluralistische Kursinhalte scheinen das zu belegen: Diese f\u00f6rdern bei Studierenden das kritische Denken und die Probleml\u00f6sungskompetenz. Und haben \u00fcberdies noch positive Effekte auf das Lernverhalten sowie Schreib-, Kommunikations- und Analysef\u00e4higkeiten.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/suspekte-lehre\">der Freitag<\/a>, 04\/2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Praxisfern, weltfremd, doktrin\u00e4r: Studenten der Volkswirtschaft sind unzufrieden mit ihrem Fach Marktliberal, ganz auf die Karriere hin orientiert und schon in jungen Jahren der FDP nahestehend \u2013 wer ein solches Bild von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften hat, sollte es wohl hinterfragen. &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1327\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[95],"tags":[],"class_list":["post-1327","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1327","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1327"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1327\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1330,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1327\/revisions\/1330"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1327"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1327"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1327"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}