{"id":1336,"date":"2019-04-25T13:32:21","date_gmt":"2019-04-25T11:32:21","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1336"},"modified":"2019-04-24T13:34:32","modified_gmt":"2019-04-24T11:34:32","slug":"heute-dient-musik-der-berieselung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1336","title":{"rendered":"\u00bbHeute dient Musik der Berieselung\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchautor Lukas Linek \u00fcber gewandelte H\u00f6rgewohnheiten im Zeitalter des Streamings<\/strong><\/p>\n<p>Napster, iTunes und Spotify haben den Musikkonsum radikal gewandelt. Durch Downloads, Streaming und Smartphones ist fast jeder aufgenommene Song jederzeit und \u00fcberall verf\u00fcgbar. Das hat Auswirkungen nicht nur auf H\u00f6rer*innen und Musiker*innen, sondern auch auf die Musikindustrie und Tonqualit\u00e4t der Musik. Parallel dazu erf\u00e4hrt die totgeglaubte Schallplatte eine Renaissance. Lukas Linek hat sich in seinem Buch \u00bbZwischen Schallplatten und Streamingdiensten. Wie Digital Natives Musik rezipieren\u00ab (Buechner-Verlag, 142 Seiten, 18 EUR) unter anderem mit diesen Fragen besch\u00e4ftigt. Linek studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft\u00a0mit Fokus auf Musikwirtschaft und neue Medien an der Universit\u00e4t Wien. Als audiophiler Liebhaber von hochwertigen Aufnahmen arbeitet er in der Welt der Hi-Fi.<!--more--><\/p>\n<p>Du schreibst in deinem Buch, dass das kapitalistische System Musik zu einem primitiven und formlosen Medium gemacht habe. Wie das?<\/p>\n<p>Lukas Linek: Die Wertsch\u00e4tzung gegen\u00fcber der Musik hat sich \u00fcber die letzten Jahrzehnte stark ver\u00e4ndert. Wir h\u00f6ren mehr Musik als je zuvor, haben aber noch nie so wenig daf\u00fcr gezahlt. Der Druck auf K\u00fcnstler steigt mehr denn je \u2013 sie m\u00fcssen mehr und billiger produzieren. Das \u00e4u\u00dfert sich nat\u00fcrlich auch in der Qualit\u00e4t der Inhalte. Noch vor wenigen Jahren hatten Labels gr\u00f6\u00dfere Budgets f\u00fcr aufwendige und somit auch teurere Produktionen \u2013 heute versuchen sie, m\u00f6glichst viel synthetisch zu ersetzen.<\/p>\n<p>Synthetisch zu ersetzen? Das musst du erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>Einerseits wird vor allem in der Popmusik versucht, Musiker und Instrumente digital, also durch Synthesizer und Sound-Samples, zu ersetzen. Es ist m\u00f6glich, Stimmen zu modulieren, zu korrigieren und zu verbessern. Ganze Ch\u00f6re k\u00f6nnen mit wenigen Stimmen k\u00fcnstlich erzeugt werden. Andererseits gibt es verst\u00e4rkt das Ph\u00e4nomen der k\u00fcnstlich produzierten Trends. Zum Beispiel neue Musikgenres, die zwar einen origin\u00e4ren Ursprung aufweisen, deren Verbreitung aber mit optimierten Meinungsmachern und Influencern zugeschnitten auf die Zielgruppe synthetisch forciert wird.<\/p>\n<p>Gibt es Beispiele?<\/p>\n<p>Nehmen wir nur zwei aus den letzten Jahren: Dubstep. Von 2010 bis 2014 war das in S\u00fcd-London entstandene Genre omnipr\u00e4sent. Es war in Filmen und selbst im Radio zu h\u00f6ren. Heute stellt Dubstep dieselbe Randerscheinung dar wie vor 2010. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Emo-Musik und die damit verbundene Emo-Szene. War Emo noch vor 10-15 Jahren ein Massenph\u00e4nomen, ist es heute praktisch pass\u00e9.<\/p>\n<p>Du sprichst von Musik als einem primitiven, formlosen und nur auf Gewinn optimierten Terti\u00e4rmedium. Was ist das?<\/p>\n<p>Als Terti\u00e4rmedium definieren wir Medien, die nebenbei oder in Kombination mit einem anderen Medium, beispielsweise Film, Musikvideo oder Computerspiel, konsumiert werden. Heute wird Musik kaum noch aktiv geh\u00f6rt und erlebt. Wann hast du dir zum Beispiel das letzte Mal ein Musikalbum zu Hause konzentriert geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Das ist gar nicht lange her, aber da mag ich wohl zu einer Minderheit geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Mit Sicherheit. Kaum jemand nimmt sich die Zeit, sich intensiv mit den Inhalten eines musikalischen Werkes auseinanderzusetzen und Musik zu erleben. Das war fr\u00fcher anders, Musik wurde st\u00e4rker als eigenst\u00e4ndiges Gut wahrgenommen und ihr wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Heute wird Musik konsumiert und dient der Berieselung.<\/p>\n<p>Ist das nicht zu pessimistisch? Schlie\u00dflich ist es durch Digitalisierung, Streaming und g\u00fcnstiger Heimstudiotechnik zu einer Demokratisierung von Produktion, Vertrieb und Konsum gekommen. Immer mehr K\u00fcnstler k\u00f6nnen am Laptop Musik produzieren und sie online vertreiben. Noch nie konnten so viele Menschen so viel Musik h\u00f6ren \u2013 sogar kostenlos im Netz.<\/p>\n<p>Dies ist wie so h\u00e4ufig ein zweischneidiges Schwert. Es ist richtig, dass die Demokratisierung der Musik ein Meilenstein in unserer kulturellen Entwicklung darstellt. Das Problem jedoch ist die ungeheure Menge an Musik. Auf kurz oder lang wird darunter die Qualit\u00e4t leiden oder sie wird aufgrund der \u00dcberflutung nicht die n\u00f6tige Aufmerksamkeit erhalten k\u00f6nnen. Fr\u00fcher haben professionelle Gatekeeper in den Redaktionen von Musikzeitschriften, Radios oder TV Einfluss darauf nehmen k\u00f6nnen, wie sich musikalische Trends entwickeln oder Musikszenen gehypt werden. Heute hat der Gatekeeper weitgehend ausgedient.<\/p>\n<p>Klingt doch gut, wenn Musikliebhaber nicht auf die Empfehlung von hochn\u00e4sigen Kritikern angewiesen sind.<\/p>\n<p>Allerdings greift die Musikindustrie, um der Flut an Musik Herr zu werden, mehr und mehr auf Nutzerdaten zu, um eine pseudoindividuelle musikalische Erfahrung f\u00fcr jedermann zu schaffen. Denn Musikempfehlungen und das Finden und Entdecken von neuen S\u00e4ngerinnen oder Bands findet inzwischen ja fast ausschlie\u00dflich digital statt. Computeralgorithmen von Spotify und Apple Music kennen unser Musiknutzungsverhalten und passen Empfehlungen und potenzielle neue Favoriten datenbasiert an.<\/p>\n<p>Man st\u00f6\u00dft so aber auf interessante Musik.<\/p>\n<p>Ja, das hat den Vorteil, dass wir einerseits abseits des Mainstreams an Inhalte gelangen, die wir fr\u00fcher kaum entdeckt h\u00e4tten. Andererseits gef\u00e4hrdet der Mangel an Gatekeepern jedoch den Mainstream selbst. Die fr\u00fchere Aufgabe der Musikredakteure und Musiktheoretiker, einen kulturell bereichernden und anerkannten Mainstream zu kreieren, ist durch einen gewinnorientierten, algorithmusbasierten und austauschbaren Mainstream ersetzt worden. Insofern ist die Funktion des Gatekeepers nicht unbedingt negativ zu sehen. Vielmehr stellt sich die Frage, mit welcher Motivation der Kritiker, Redakteur, Musikwissenschaftler oder Influencer seine Funktion wahrnimmt. Ist er rein marktwirtschaftlich gesteuert, wird er mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit andere Inhalte empfehlen als ein Gatekeeper mit musiktheoretischem Hintergrund.<\/p>\n<p>Auch Musiker treiben marktwirtschaftliche Erw\u00e4gungen um. Das verstehe ich zumindest darunter, wenn du vom K\u00fcnstler als Gewerbetreibenden schreibst.<\/p>\n<p>Durch die Digitalisierung der Musik und die Etablierung des Internets im Alltag hat sich auch die Vermarktung der Musik ge\u00e4ndert. Wurden fr\u00fcher neue Alben via Radio, Plakat und Fernsehen vermarktet, promotet man heute praktisch nur noch digital. Dies hat den Vorteil, dass man seine Zielgruppe zumindest theoretisch viel effektiver erreichen kann. Musiker, die zugleich Gewerbetreibende sind, auch als Artepreneur bezeichnet, haben das Internet als Vermarktungskanal f\u00fcr sich entdeckt. Sie stehen h\u00e4ufig nicht bei einem Musik\u00adlabel unter Vertrag, produzieren meist auch nicht mehr in gro\u00dfen Tonstudios.<\/p>\n<p>Du sprachst bereits mehrmals die Qualit\u00e4t der Musik an. Ist die gegenw\u00e4rtige Musik schlechter, als sie es fr\u00fcher war?<\/p>\n<p>Es gibt heute sehr viel gute Musik. Das Problem ist: Durch die viel gr\u00f6\u00dfere Menge an schlechter und billiger Musik ist es schwieriger geworden, sie zu finden.<\/p>\n<p>Gibt es \u00fcberhaupt Kriterien f\u00fcr die Qualit\u00e4t von Musik? F\u00fcr die Tonqualit\u00e4t mag das ja noch angehen. Wie steht es um diese im Zeitalter des Streamings?<\/p>\n<p>Musik wird heute prim\u00e4r digital aufgenommen und sie wird viel lauter und mit einem deutlich geringeren Dynamikumfang produziert. Es gibt einen klaren Trend, dass die Tonqualit\u00e4t abnimmt, obwohl die technischen Produktionsm\u00f6glichkeiten eine audiophile Aufnahme erm\u00f6glichen. Fr\u00fcher wurde Musik auf Hi-Fi-Anlagen geh\u00f6rt, heute auf Smartphones, Kopfh\u00f6rern oder Computer-Lautsprechern. Daher haben Tontechniker den Auftrag, ihre Mixe diesen Endger\u00e4ten anzupassen. Sie sollen m\u00f6glichst \u00bbfett\u00ab und \u00bbbetont\u00ab klingen. Das funktioniert nur mit Kompression oder Limitern. Vergleicht man alte, analoge Aufnahmen mit heutigen, erkennen wir eine andere Nat\u00fcrlichkeit und Authentizit\u00e4t der Aufnahme. Stimmen klingen wie Stimmen, Geigen wie echte Geigen.<\/p>\n<p>Mal abgesehen von der Tonqualit\u00e4t: Ob aktuelle Hits besserer oder schlechterer Qualit\u00e4t sind als fr\u00fcher, ist doch eine subjektive Frage.<\/p>\n<p>Es gibt f\u00fcr jeden Musiker, f\u00fcr jeden K\u00fcnstler einen Grundantrieb, wieso er sich der Kunst widmet. Eine Idee, eine Motivation, eine \u00dcberzeugung. Das war stets das Fundament f\u00fcr Kunst. Wird der Antrieb dadurch ersetzt, Geld zu verdienen, folgt der Musiker nicht k\u00fcnstlerischen, sondern kommerziellen Kriterien. Nat\u00fcrlich stimmt es, dass Musikgeschmack rein subjektiv ist. Objektiv sind jedoch die Motive, warum der K\u00fcnstler Musik machen will.<\/p>\n<p>In vielen L\u00e4ndern ist die CD ein Auslaufmodell, das Streaming sorgt f\u00fcr steigende Ums\u00e4tze der Musikindustrie. Derweil feiert die Vinyl-Schallplatte ein Comeback. Wie ist das zu erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>F\u00fcr viele hat der klassische Tontr\u00e4ger ausgedient, in Zeiten von Digitalisierung und Beschleunigung steigt f\u00fcr viele das Bed\u00fcrfnis nach Abwechslung und Quantit\u00e4t. Das bieten Streamingdienste, manche von ihnen sogar in CD-Qualit\u00e4t. Der Vinyl-Trend verl\u00e4uft parallel mit dem rasant ansteigenden, fl\u00fcchtigen Musikkonsum. Vielen fehlt beim Streaming die tiefere Auseinandersetzung mit der Musik.<\/p>\n<p>Und die bietet die Schallplatte?<\/p>\n<p>Ja. Mit ihr h\u00f6ren wir bewusster, widmen aktiv Zeit dem Musik h\u00f6ren. H\u00e4ufig beginnt das schon beim Kauf der Schallplatte: Wir suchen Plattenl\u00e4den auf, st\u00f6bern dort in den Regalen, kommen mit anderen Enthusiasten ins Gespr\u00e4ch. Und das H\u00f6ren selbst passiert meist nicht nebenbei. Das Album, die Musik, selbst die Anordnung der Titel bekommen pl\u00f6tzlich eine tiefere Bedeutung. Vinyl bietet uns die M\u00f6glichkeit, Klang wieder zu ertasten, ein Album in den H\u00e4nden zu halten, die Nadel in der Rille zu beobachten und zu erleben, wie aus einem kleinen elektrischen Impuls eine Symphonie aus Klang aus den Lautsprechern ert\u00f6nt. Die Schallplatte entschleunigt und bietet uns eine fast vergessene Erfahrung: sich f\u00fcr etwas wirklich Zeit zu nehmen.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak648\/index.htm\">analyse &amp; kritik 648,<\/a> 16.4.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchautor Lukas Linek \u00fcber gewandelte H\u00f6rgewohnheiten im Zeitalter des Streamings Napster, iTunes und Spotify haben den Musikkonsum radikal gewandelt. Durch Downloads, Streaming und Smartphones ist fast jeder aufgenommene Song jederzeit und \u00fcberall verf\u00fcgbar. 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