{"id":1338,"date":"2019-03-30T13:37:07","date_gmt":"2019-03-30T12:37:07","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1338"},"modified":"2019-04-24T13:38:48","modified_gmt":"2019-04-24T11:38:48","slug":"mit-loeffel-kaffee-schluerfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1338","title":{"rendered":"Mit L\u00f6ffel Kaffee schl\u00fcrfen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Halb Arbeiter, halb H\u00e4ndler: Annie Ernaux schreibt \u00fcber ihren Vater<\/strong><\/p>\n<p>Mitunter verirren sich auch gute B\u00fccher auf die Bestsellerlisten von \u00bbFocus\u00ab, \u00bbStern\u00ab und \u00bbSpiegel\u00ab. Ein Beispiel ist \u00bbR\u00fcckkehr nach Reims\u00ab des franz\u00f6sischen Soziologen Didier Eribon. Diese 2016 erschienene Mischung aus Autobiografie und soziologischer Erkl\u00e4rung, warum linke Arbeiter sich der Rechten zugewandt haben, wurde von der Linken intensiv diskutiert.<!--more--><\/p>\n<p>In der Regel ging bei dieser Rezeption unter, wer Eribon beim Schreiben seines Buches Pate gestanden hatte &#8211; die Schriftstellerin Annie Ernaux. Hierzulande verwundert das wenig, denn von der 1940 geborenen und in Frankreich mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Autorin sind zwar ein paar B\u00fccher auf Deutsch erschienen, doch das ist schon l\u00e4nger her. Sie wurden einerseits als besondere Frauen-, andererseits auch als Erotikliteratur feilgeboten.<\/p>\n<p>Nach dem Erfolg von Eribon hat sich der Suhrkamp-Verlag nun der selbst ernannten \u00bbEthnografin ihrer Selbst\u00ab angenommen. Zwei Titel aus den vergangenen zwei Jahren &#8211; \u00bbDie Jahre\u00ab und \u00bbErinnerungen eines M\u00e4dchens\u00ab &#8211; liegen bereits vor, jetzt kommt \u00bbDer Platz\u00ab heraus. Das Buch erschien erstmals 1983 in Frankreich. Ernaux beschreibt darin die Lebensgeschichte ihres Vaters. Diese beginnt um die Jahrhundertwende im b\u00e4uerlichen Milieu der Normandie und endet 1967 im Kleinb\u00fcrgertum. Erst ist der Vater Bauer, dann Kr\u00e4mer. \u00bbWenn ich Proust oder Mauriac lese, kann ich nicht glauben, dass sie \u00fcber die Zeit schreiben, als mein Vater Kind gewesen ist. Seine Welt ist das Mittelalter\u00ab, schreibt Ernaux.<\/p>\n<p>Ihr Vater w\u00e4chst in einem niedrigen Haus mit Strohdach und Lehmboden auf. Der Gro\u00dfvater kann weder lesen noch schreiben und verdingt sich bei einem Gro\u00dfbauern, die Gro\u00dfmutter als Heimarbeiterin f\u00fcr eine Weberei. Der Vater geht gern in die Schule, muss sie aber mit zw\u00f6lf Jahren verlassen, um als Viehknecht zu schuften. Der Erste Weltkrieg bringt ihn in die Welt hinaus. Danach will er nicht l\u00e4nger auf dem Hof arbeiten, es bleibt ihm nur die Fabrik. Dort lernt er seine zuk\u00fcnftige Frau kennen. Ihre Idee ist es, ein Gesch\u00e4ft zu er\u00f6ffnen, um der harten k\u00f6rperlichen Arbeit zu entkommen. In einem Arbeiterghetto rings um eine Textilfabrik wird ein Laden mit Kneipe er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>St\u00e4ndiger Begleiter ihrer Eltern ist die Angst vor der Konkurrenz, davor, als Arbeiter enden zu m\u00fcssen. Oder wie der Vater es in der titelgebenden Wendung ausdr\u00fcckt: seinen Platz aufgeben zu m\u00fcssen. Tats\u00e4chlich kehrt er zeitweilig in die Arbeiterschaft zur\u00fcck. \u00bbHalb H\u00e4ndler, halb Arbeiter, mit einem Bein auf jeder Seite, zu Einsamkeit und Misstrauen verdammt\u00ab, res\u00fcmiert Ernaux.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlt aber nicht nur die Biografie ihres Vaters, sondern auch die Geschichte der Entfremdung von ihm. Die Sprache wird dabei zum ersten Keil, der sich zwischen Vater und Tochter dr\u00e4ngt. Die kleine Annie lernt in der Grundschule \u00bbgutes\u00ab Franz\u00f6sisch und verbessert ihren Vater. Der reagiert mit Wutanf\u00e4llen &#8211; und ersetzt dessen ungeachtet seinen Traum von einer sch\u00f6nen Kneipe in der Innenstadt durch den, dass es seine Tochter einmal besser haben soll als er.<\/p>\n<p>Dieser Traum erf\u00fcllt sich. Annie ist gut in der Schule, sie besteht die Aufnahmepr\u00fcfung an der Fachschule f\u00fcr Grundschullehrerinnen. Der Zeitungsartikel mit den Namen der Pr\u00fcflinge &#8211; er wird stolz vom Vater in der Brieftasche aufbewahrt. Dessen Tod f\u00e4llt zusammen mit einer weiteren bestandenen Pr\u00fcfung der Ich-Erz\u00e4hlerin: jener f\u00fcr den h\u00f6heren Schuldienst. Es ist ihr Aufstieg ins B\u00fcrgertum.<\/p>\n<p>Diese neue Welt entfremdet sie weiter von der Familie. Sie sch\u00e4mt sich des Milieus der einfachen Leute, die wie ihr Vater den Kaffee mit dem L\u00f6ffel schl\u00fcrfen. Wie in ihren anderen B\u00fcchern hat die an Pierre Bourdieu geschulte Ernaux einen scharfen Blick f\u00fcr Gesten, K\u00f6rperhaltungen und Vorlieben, f\u00fcr den klassen- und milieuspezifischen Habitus. Und sie reflektiert, was mit jemandem passiert, der von einer Klasse in die andere aufsteigt: \u00bbIch habe mich dem Willen der Welt, in der ich lebe, gef\u00fcgt, einer Welt, die einen die Herkunft aus einfachen Verh\u00e4ltnissen vergessen machen will, als w\u00e4re sie ein Ausdruck schlechten Geschmacks.\u00ab<\/p>\n<p>Mit ihrem Buch \u00fcber den Vater setzt sie diesem Willen etwas entgegen: Sie holt das Erbe ans Licht, das sie zur\u00fccklassen musste, als sie die Schwelle zur gebildeten, b\u00fcrgerlichen Welt \u00fcbertrat. Das gelingt ihr, indem sie \u00bbdie Worte, Gesten, Vorlieben\u00ab ihres Vaters zusammentr\u00e4gt und mitunter als Passagen in den eigenen Schreibprozess einflicht.<\/p>\n<p>Ihre Prosa ist einem sachlichen Ton gehalten &#8211; und dennoch ber\u00fchrend. Ihr Werk ist politisch wichtig, weil es zeigt, wie sich die strukturelle Gewalt der Klassenbeziehungen in die privatesten Beziehungen einnistet.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1114671.buchmesse-leipzig-mit-loeffel-kaffee-schluerfen.html\">neues deutschland<\/a>, 20.3.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Halb Arbeiter, halb H\u00e4ndler: Annie Ernaux schreibt \u00fcber ihren Vater Mitunter verirren sich auch gute B\u00fccher auf die Bestsellerlisten von \u00bbFocus\u00ab, \u00bbStern\u00ab und \u00bbSpiegel\u00ab. Ein Beispiel ist \u00bbR\u00fcckkehr nach Reims\u00ab des franz\u00f6sischen Soziologen Didier Eribon. 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