{"id":136,"date":"2008-12-02T21:37:49","date_gmt":"2008-12-02T19:37:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=136"},"modified":"2008-12-02T21:37:49","modified_gmt":"2008-12-02T19:37:49","slug":"neues-heldengedenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=136","title":{"rendered":"Neues Heldengedenken"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Die Deutschen gedenken am liebsten ihrer selbst. Und nicht etwa derer, die von ihnen in das &#8222;Grab der L\u00fcfte&#8220; bef\u00f6rdert wurden. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gerierte man sich als Verf\u00fchrte des D\u00e4monen Hitler und klagte \u00fcber eine &#8222;ungerechte&#8220; Besatzungspolitik und die Entnazifizierungsma\u00dfnahmen der Alliierten. Die Vernichtung des europ\u00e4ischen Judentums sickerte erst mit der Ausstrahlung der vierteiligen Fernsehserie &#8222;Holocaust&#8220; ab 1979 in das kollektive Ged\u00e4chtnis ein, von dem V\u00f6lkermord an den Sinti und Roma l\u00e4sst sich dieses nicht behaupten. <!--more-->Zwar bekennt sich die schreibende und redende Elite der Bundesrepublik nunmehr zu diesen bislang beispiellosen Verbrechen. Jedoch nur, um sogleich darauf hinzuweisen, wie gut man doch diese Vergangenheit bew\u00e4ltigt habe.<br \/>\nEin nicht unerheblicher Teil der schweigenden Mehrheit sieht dies anders: Sie will von den Verbrechen des Nazi-Faschismus, der freilich Nationalsozialismus genannt wird, nichts mehr wissen und endlich einmal offen \u2013 am Stammtisch geschieht dies schon lange \u2013 \u00fcber die positiven Seiten reden, die es unter Hitler ja auch gegeben habe. Stichwort Autobahnen und Sozialpolitik. Mehrere Studien zur generationen\u00fcbergreifenden Weitergabe von Einstellungen zum Nazi-Faschismus (z.B. &#8222;Opa war kein Nazi&#8220;, 2002) zeigen, dass die Verbrechen weitgehend ausgeblendet, die famili\u00e4re Verstrickung nicht thematisiert und die NS-Vergangenheit bagatellisiert oder gar verherrlicht wird. Seit kurzem wird deshalb wieder hervorgehoben, dass eine Ausblendung bzw. eine unzul\u00e4ngliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit f\u00fcr die Entwicklung von rechtsextremen Einstellungen von Bedeutung ist (vgl. die Studie &#8222;Ein Blick in die Mitte&#8220;, 2008 bzw. die Buchver\u00f6ffentlichung &#8222;Rechtsextremismus und sein Umfeld&#8220;, 2008).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gelegentlich artikuliert auch jemand aus der intellektuellen Elite diese Sehnsucht. Martin Walser etwa, der in dem Holocaustmahnmal eine &#8222;Dauerpr\u00e4sentation unserer Schande&#8220; bef\u00fcrchtete, oder die ehemalige Fernsehmoderatorin Eva Hermann, die die Familienpolitik der Nazis lobte. Die Verletzung des Tabus wird zwar \u00f6ffentlich sanktioniert, allerdings zeugen die Leserbriefspalten und Weblogs von einer unzureichend aufgearbeiteten Vergangenheit und einer Schlussstrichmentalit\u00e4t in weiten Kreisen der Bev\u00f6lkerung. Der Historiker Wolfgang Wippermann hat dies anhand des Falls Eva Hermann in seinem Buch &#8222;Autobahn zum Mutterkreuz. Der Historikerstreit der schweigenden Mehrheit&#8220; dargelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Deutschen gedenken am liebsten ihrer selbst: Davon zeugt der so genannte neue Opferdiskurs. In ihm erinnern sich die Deutschen als Opfer des Krieges im Allgemeinen und der alliierten Bombardements, der russischen Vergewaltigungen sowie von Flucht und Vertreibung im Besonderen. Und seit 1989 sind die Deutschen auch die Opfer der zweiten Diktatur auf deutschem Boden: der der SED. Die geschieht freilich unter Ausblendung der historischen Kontexte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Deutschen gedenken nunmehr auch ihrer f\u00fcr &#8222;Frieden, Recht und Freiheit&#8220; gefallenen Soldaten der Bundeswehr \u2013 so die Inschrift des zentralen Ehrenmals, dessen Grundsteinlegung durch Verteidigungsminister Franz-Josef Jung am Donnerstag vergangener Woche im Bendlerblock, dem Sitz des Verteidigungsministeriums, erfolgte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn man bedenkt, dass zwischen erster Idee und Grundsteinlegung lediglich knapp anderthalb Jahre liegen, w\u00e4hrend die Fertigstellung des Mahnmals f\u00fcr die ermordeten Sinti und Roma nun schon 16 Jahre auf sich warten l\u00e4sst \u2013 von dem jahrzehntelangen z\u00e4hen Einsatz der Opfer, bis es \u00fcberhaupt zu dem Beschluss der Bundesregierung im Jahre 1992 kam, einmal abgesehen \u2013, wird deutlich, was deutsche Normalit\u00e4t hei\u00dft: Da wird den Toten der Bundeswehr mir nichts dir nichts ein vier Millionen Euro teures Denkmal hingestellt, w\u00e4hrend man den unter ma\u00dfgeblicher Hilfe ihrer Vorg\u00e4ngerorganisation Wehrmacht ermordeten Sinti und Roma nach jahrelangem Ringen eines f\u00fcr zwei Millionen Euro &#8222;g\u00f6nnt&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da nennt Jung die Bundeswehr, die von ehemaligen Nazigener\u00e4len aufgebaut wurde, deren Kasernen zum Teil immer noch die Namen von Wehrmachtsgener\u00e4len tragen und die Kontakte mit revisionistischen und revanchistischen Verb\u00e4nden pflegt, eine &#8222;Parlamentsarmee&#8220;. Wohl aus diesem Grund ordnete der Verteidigungsminister den Bau des Ehrenmals administrativ an, ohne das Parlament in diese Entscheidung mit einzubeziehen und somit eine \u00f6ffentliche Diskussion dar\u00fcber zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wohl aus \u00e4hnlichen Erw\u00e4gungen erfolgte die letzte Verl\u00e4ngerung des Afghanistanmandats f\u00fcr einen Zeitraum von 14 Monaten, um die n\u00e4chste Mandatierung aus dem Bundestagswahlkampf herauszuhalten. Diesmal zwar unter Einbezug des Parlaments, aber quasi mit der Zielsetzung, dass das Parlament w\u00e4hlende Volk von der Entscheidungsfindung auszuschlie\u00dfen. Ein interessantes Demokratieverst\u00e4ndnis, nach der die politische Elite unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit ihre Entscheidungen trifft.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und \u00fcberhaupt: Eine &#8222;Parlamentsarmee&#8220;, deren Mitglieder makabere Spiele mit den sterblichen \u00dcberresten von Menschen treiben, oder die Geiselerschie\u00dfungen vort\u00e4uschen, und in der rechtsextremistische Vorf\u00e4lle auf ein im Vergleich zur Restbev\u00f6lkerung \u00fcberdurchschnittlich verbreitetes entsprechendes Gedankengut hindeuten. Wen wundert das? Schlie\u00dflich handelt es sich um eine Organisation, die eine hierarchische, auf Gewalt fokussierte und zum T\u00f6ten ausgebildete M\u00e4nnergemeinschaft ist, die Rechte und Neonazis sicher st\u00e4rker anzieht als andere junge M\u00e4nner im wehrf\u00e4higen Alter.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da sollen die Toten einer Organisation geehrt werden, die sich angeblich f\u00fcr &#8222;Frieden, Recht und Freiheit&#8220; einsetzten. Was wohl die B\u00fcrgerInnen des ehemaligen Jugoslawiens von einem Frieden halten, der ihnen unter Mithilfe eben jener Organisation 1999 die Zerst\u00f6rung ihrer Infrastruktur und zahlreiche Tote einbrachte? Welches Recht konnte gemeint sein, als dies unter Missachtung v\u00f6lkerrechtlicher Prinzipien geschah? Wie ist dies und der Afghanistaneinsatz mit dem Grundgesetz vereinbar, der die Aufgabe der Bundeswehr in der Landesverteidigung definiert? Von welcher Freiheit ist die Rede, wenn in den verteidigungspolitischen Richtlinien die Aufgabe der Bundeswehr in der &#8222;Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu M\u00e4rkten und Rohstoffen in aller Welt im Rahmen einer gerechten Weltwirtschaftsordnung&#8220; gesehen wird? Von der Freiheit eines ehemaligen ghanaischen Gefl\u00fcgelz\u00fcchters, dessen Existenzgrundlage durch die europ\u00e4ischen tiefgefrorenen Billigimporte im Rahmen eines gerechten Weltmarkts vernichtet wurde, und der sich nun frei entscheidet, sein Dasein als Kleinkrimineller in einem Megaslum zu fristen?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Errichtung des Ehrenmals f\u00fcr die Toten der Bundeswehr f\u00fcgt sich somit ein in das Normalisierungsbestreben der bundesrepublikanischen Eliten, die H\u00fcrde der NS-Vergangenheit hinter sich zu lassen und wieder ein &#8222;normaler&#8220; Staat zu werden. Wobei Normalit\u00e4t hei\u00dft, dass der deutsche Staat sein Recht auf Einflussvergr\u00f6\u00dferung in der globalen Staatenkonkurrenz eben auch mit Krieg und Militarisierung der Au\u00dfenpolitik durchzusetzen legitimiert ist. Technisch-logistisch geht damit die Umstrukturierung der Bundeswehr von einer Verteidigungs- zur globalen Interventionsarmee einher. Ideologisch wird dies abgesichert durch ein Heldengedenken an die gefallenen Soldaten, das an militaristische Traditionen unseliger Vergangenheit erinnert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=6563&amp;tx_ttnews[tt_news]=11304&amp;tx_ttnews[backPid]=6580\">www.sozialismus.de<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Deutschen gedenken am liebsten ihrer selbst. Und nicht etwa derer, die von ihnen in das &#8222;Grab der L\u00fcfte&#8220; bef\u00f6rdert wurden. 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