{"id":1377,"date":"2019-05-05T10:39:02","date_gmt":"2019-05-05T08:39:02","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1377"},"modified":"2019-06-05T10:45:22","modified_gmt":"2019-06-05T08:45:22","slug":"sie-werden-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1377","title":{"rendered":"Sie werden mehr"},"content":{"rendered":"<p><strong>Man kann die Arbeiterklasse nicht vergessen<\/strong><\/p>\n<p>Anfang Januar fand ein historisches Ereignis statt, aber den deutschen Medien war es kaum eine Meldung wert. Bis zu 200 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter legten f\u00fcr zwei Tage in Indien das wirtschaftliche Leben lahm. Der Generalstreik war vermutlich der gr\u00f6\u00dfte, den es jemals in der Geschichte der globalen Arbeiterbewegung gegeben hat. Die Ignoranz der deutschen Medien ist symptomatisch. In aller Ausf\u00fchrlichkeit wird \u00fcber Gruppenvergewaltigungen in Indien, dem Land mit der zweitgr\u00f6\u00dften Einwohnerzahl, berichtet, nicht aber \u00fcber dortige Arbeitsk\u00e4mpfe \u2013 oder \u00fcber die in China, Indonesien oder Argentinien.<!--more--><\/p>\n<p>Allerdings: Nicht nur f\u00fcr liberal-konservative Beobachter sind die K\u00e4mpfe der globalen Arbeiterklasse vom Radar verschwunden zu sein. Auch viele Linke schenken ihnen wenig Aufmerksamkeit. Der Grund daf\u00fcr? Erstens interessieren sich Linke \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 f\u00fcr die Arbeitsk\u00e4mpfe in den hiesigen verbliebenen industriellen Zentren st\u00e4rker als f\u00fcr die in Kalkutta, Peking oder Buenos Aires. Diese K\u00e4mpfe sind f\u00fcr die politisch-sozialen Auseinandersetzungen hierzulande wichtiger. Zweitens wurden die europ\u00e4ischen Arbeiterklassen, und gerade die deutsche, schon seit der Wende zum 20. Jahrhundert als verb\u00fcrgerlicht kritisiert. Und seit Ende der 1970er Jahre hatten immer mehr europ\u00e4ische Linke \u00bbAbschied vom Proletariat\u00ab (Andr\u00e9 Gorz) genommen.<\/p>\n<p>Aber von welcher Arbeiterklasse als revolution\u00e4res Subjekt verabschiedete man sich hier? Von einer in geografisch und historisch besonderer Ausformung: von der europ\u00e4ischen Industriearbeiterschaft, wie sie sich mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert in den fortgeschrittenen kapitalistischen L\u00e4ndern herausgebildet hatte. Durch den Zusammenschluss in Gewerkschaften, Genossenschaften, Kultur- und Sportvereinen sowie in Arbeiterparteien war diese Klasse von einer Klasse an sich zu einer Klasse f\u00fcr sich geworden. Daraus entstand die Arbeiterbewegung und wurde ein entscheidender politischer Faktor im Europa des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Mit der neoliberalen Globalisierung des Kapitalismus geriet die europ\u00e4ische (Industrie-)Arbeiterbewegung jedoch unter m\u00e4chtigen politischen wie \u00f6konomischen Druck. Auslagerungen, Fabrikschlie\u00dfungen, Automatisierung, das hei\u00dft die globale Neustrukturierung der vormals fordistisch-nationalen Wertsch\u00f6pfungsketten sorgten f\u00fcr das Schrumpfen der einst so m\u00e4chtigen (wei\u00dfen, m\u00e4nnlichen) Industriearbeiterschaft in den kapitalistischen Zentren.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wuchsen aber die Arbeiterklassen in den L\u00e4ndern des Globalen S\u00fcdens; selbst die Industriearbeiterschaft nimmt global noch zu. Heute bauen Arbeiter in Ostasien fast alle Schiffe zusammen, die weltweit vom Stapel laufen. N\u00e4herinnen in China oder Bangladesch sind f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der globalen Textilproduktion verantwortlich. Sie arbeiten h\u00e4ufig unter schlimmsten Bedingungen. Nur wenn Geb\u00e4udeeinst\u00fcrze oder Br\u00e4nde in Textilfabriken bis zu 1000 Opfer fordern, richtet sich der Blick der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr einen kurzen Moment auf die ansonsten vergessenen Angeh\u00f6rigen dieser Weltarbeiterklasse.<\/p>\n<p>Legt man die Definition zugrunde, dass, wessen Arbeitskraft zur Ware gemacht wird, ein Arbeiter ist, gibt es gegenw\u00e4rtig weltweit so viele Arbeiterinnen und Arbeiter wie nie zuvor. Auf 3,1 Milliarden sch\u00e4tzt der Historiker Marcel van der Linden ihre Zahl im nd-Interview.<\/p>\n<p>Das Problem ist nur: Die Arbeiterklasse ist heterogener denn je, und sie hat nur wenig mit dem Bild vom Proletariat zu tun, das unseren Blick auf die Arbeiterklasse hierzulande noch immer pr\u00e4gt. Im Globalen Norden ist die Arbeiterklasse weiblicher, migrantischer und vor allem im Dienstleistungssektor und im Care-Bereich zu finden.<\/p>\n<p>Im Globalen S\u00fcden oder den potenziell neuen Zentren des kapitalistischen Weltsystems \u2013 China und Indien \u2013 ist die Arbeiterbewegung kaum gewerkschaftlich oder politisch organisiert. Gleichwohl gibt es zahlreiche Arbeiterproteste. Die Soziologin Beverly J. Silver, die eine globale und historische Datenbank zu Arbeiterunruhen aufgebaut hat, spricht seit 2008 gar von einem \u00bbweltweiten Aufschwung von Arbeiterunruhen und Klassenk\u00e4mpfen seit 2008\u00ab.<\/p>\n<p>Sie hat daf\u00fcr auch eine Erkl\u00e4rung: Durch die permanente Umw\u00e4lzung der globalen kapitalistischen Produktion komme es zu Zersetzungen eta<span style=\"font-family: Tahoma;\">\u1806<\/span>blierter Arbeiterklassen und zur Herausbildung neuer Arbeiterklassen im globalen Ma\u00dfstab. Die Kurzformel lautet: \u00bbWohin das Kapital geht, dorthin folgt auch bald der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital.\u00ab<br \/>\nDa nicht in Sicht ist, dass das Kapital seinen Weg \u00fcber den Globus beendet, wird sich die Weltarbeiterklasse permanent neu zusammensetzen.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1117705.mai-sie-werden-mehr.html\">neues deutschland<\/a>, 29.4.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann die Arbeiterklasse nicht vergessen Anfang Januar fand ein historisches Ereignis statt, aber den deutschen Medien war es kaum eine Meldung wert. Bis zu 200 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter legten f\u00fcr zwei Tage in Indien das wirtschaftliche Leben lahm. &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1377\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[11],"tags":[184],"class_list":["post-1377","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-internationales","tag-arbeiterklasse"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1377","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1377"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1377\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1378,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1377\/revisions\/1378"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1377"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1377"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1377"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}