{"id":1379,"date":"2019-05-07T10:50:08","date_gmt":"2019-05-07T08:50:08","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1379"},"modified":"2019-06-05T10:51:55","modified_gmt":"2019-06-05T08:51:55","slug":"ich-ich-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1379","title":{"rendered":"Ich, ich, ich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lauren Greenfield fotografiert Reiche und Promis. Die Hamburger Deichtorhallen zeigen ihr Werk<\/strong><\/p>\n<p>Freudlos und leer: So wirken viele Gesichter der Superreichen auf den Fotografien der US-amerikanischen Fotografin Lauren Greenfield, die zurzeit in der Hamburger Ausstellung \u00abGeneration Wealth\u00bb zu sehen sind. Reich zu sein, macht eben doch nicht gl\u00fccklich. Und reich zu sein in Beverly Hills oder Hollywood bedeutet, einem extremen Wettbewerb ausgesetzt zu sein. Wer hat die meisten Kontakte zu den wichtigsten Schauspielern, Produzenten und Regisseuren? Wer hat die sch\u00f6nsten Frauen, das meiste Geld, die tollste und gr\u00f6\u00dfte Villa?<!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr Frauen ist diese Konkurrenz um Reichtum, Ruhm und sexuelle Attraktivit\u00e4t noch h\u00e4rter. Oft sind sie gezwungen, vor allem das sexuelle Kapital ihres K\u00f6rpers einzusetzen. Sch\u00f6nheitswettbewerbe und -operationen sind gang und g\u00e4be. Die reichen Kinder der Hollywoodprominenz lassen sich schon fr\u00fch die Nase machen.<\/p>\n<p>So auch die 18-j\u00e4hrige Lindsey, die von Greenfield drei Tage nach ihrer Nasen-OP abgelichtet wurde. Inmitten ihres Gesichtes eine wei\u00dfe Bandage. \u00abWenn eine Freundin sich die Nase hat machen lassen, konnten wir erkennen, bei welchem Arzt sie war\u00bb, berichtet sie. Greenfield hat Lindsey nicht nur fotografiert, sondern mit ihr und vielen anderen Abgelichteten Interviews gef\u00fchrt. Ausz\u00fcge aus diesen sind auf Tafeln zu lesen und erg\u00e4nzen den ohnehin starken visuellen Eindruck der Bilder.<\/p>\n<p>Da bohrt sich eine Spritze in Lippen, die ohnehin schon vergr\u00f6\u00dfert sind; das Gesicht schmerzverzerrt. Da sammelt kriechend eine nackte Stripperin auf der B\u00fchne eines Nachtclubs Dollarscheine auf. Da l\u00e4chelt ein kleines M\u00e4dchen, zurechtgemacht als Sch\u00f6nheitsk\u00f6nigin, in die Kamera. Ihr Gesicht l\u00e4sst erschaudern, weil es nur eines zum Ausdruck bringt: ich, ich, ich. Und da steht ein Model in ihrer Designervilla vor einer riesigen B\u00fccherwand. In dieser nur ein Buch in hundertfacher Ausf\u00fchrung: ihr eigenes.<\/p>\n<p>Narzissmus, Reichtum, Attraktivit\u00e4t und Ber\u00fchmtheit sowie die Ausbreitung dieses amerikanischen Traums \u00fcber den gesamten Globus &#8211; das sind die Themen von Greenfield. Sie selbst sagte: \u00abIn der Kultur des Kapitalismus liegt etwas Entmenschlichtes, das uns die W\u00fcrde nimmt. Was man in meiner Schau sieht, ist, dass der Preis des Kapitalismus die \u00d6konomisierung des Menschen ist.\u00bb<\/p>\n<p>Wozu diese \u00d6konomisierung f\u00fchrt, zeigen die autobiografischen Zitate. Sie haben einen zutiefst entfremdeten Ton. So sagt Wendy \u00fcber ihre Herkunft als Tochter eines Filmmoguls in Beverly Hills, dass diese sie abgestumpft habe. \u00abWas andere Leute machen, l\u00e4sst mich kalt.\u00bb Und Adam, der in einem Ferienlager in Michigan, \u00abnormale Leute\u00bb kennenlernte, sagt: \u00abDie Leute sind anders. Sie sind nett.\u00bb<\/p>\n<p>Die 1966 geborene Greenfield wuchs in den 1970er und 80er Jahren in Venice (Los Angeles) auf, studierte Anthropologie und arbeitete zun\u00e4chst als Pressefotografin. Anfang der 1990er Jahre begann sie, Jugendliche in LA zu fotografieren, die im Schatten von Hollywood aufwuchsen und ihr Leben \u00fcber teure Konsumg\u00fcter definierten. Dieses Thema lie\u00df sie nicht mehr los. In Fotos und Filmen widmete sie sich Ph\u00e4nomenen wie Prominentenkult, Materialismus und K\u00f6rperkult. Die Ausstellung \u00abGeneration Wealth\u00bb ist Resultat einer 25-j\u00e4hrigen Arbeit Greenfields und enth\u00e4lt Fotos zu elf Themen, zudem werden Kurzfilme und Filme gezeigt.<\/p>\n<p>Das Interessante an Greenfields Arbeit ist, dass in dieser auch ein starker soziologischer, psychologischer und \u00f6konomischer Blick zum Ausdruck kommt. Greenfield interessiert sich nicht einfach f\u00fcr die Reichen und Sch\u00f6nen, sondern f\u00fcr die psychologischen Mechanismen des Strebens nach Geld und Attraktivit\u00e4t. Denn das Vorbild der Hollywood-Promis pr\u00e4gt durch Reality-Fernsehen und soziale Medien auch das Leben von Angeh\u00f6rigen der Mittel- und Unterklassen. So wie Kim Kardashian wollen viele sein. So wie sie wollen viele wohnen &#8211; zumindest ein bisschen.<\/p>\n<p>Greenfieldws Fotos zeigen daher auch, wie sich der Traum vom Eigenheim in den USA ge\u00e4ndert hat. Bis zur Pr\u00e4sidentschaft Ronald Reagans bestand dieser schlicht im Traum von den eigenen vier W\u00e4nden. Seitdem wandelte er sich zu Traumhaus-Fantasien. Immer gr\u00f6\u00dfer, sch\u00f6ner musste es sein. Die Traumhaus-Fantasien fanden auch unter der Mittelschicht Verbreitung. Mit Subprime-Krediten suchte sie ihren Traum vom Eigenheim zu erf\u00fcllen. Das trug mit zur Immobilienkrise bei, die sich rasch zur Finanzkrise von 2008 ausweitete.<\/p>\n<p>Greenfields Interesse f\u00fcr \u00f6konomische und soziologische Fragen hat sie auch veranlasst, die Folgen dieser Krise zu dokumentieren. \u00abIch will ein Dach \u00fcber den Kopf und vier W\u00e4nde &#8211; einen Ort f\u00fcr meine Familie\u00bb, sagt zum Beispiel Chuck. Ihn hat Greenfield vor einer geschlossenen Fabrik von General Motors portr\u00e4tiert. Der ehemalige GM-Arbeiter verlor mit der Krise seinen Job, die Sonnenbank musste verkauft werden, um \u00fcber die Runden zu kommen. Das Haus wurde zwangsversteigert. \u00abIch f\u00fchle mich gedem\u00fctigt, entmannt\u00bb, sagt Chuck.<\/p>\n<p>Er ist eines von Hunderttausenden Opfern der Wirtschaftskrise von vor zehn Jahren. Einigen von ihnen gibt Greenfield ein Gesicht und l\u00e4sst sie zu Wort kommen. Sie hat neben den USA Irland, Island und Dubai bereist. Es sind Aufnahmen von leeren H\u00e4usern zu sehen. Sie verdeutlichen den Irrsinn des kapitalistischen Systems: Das Angebot an H\u00e4usern ist da, aber es gibt keine kaufkr\u00e4ftige Nachfrage mehr.<\/p>\n<p>Sind aber alle Gesichter in \u00abGeneration Wealth\u00bb freudlos und leer? Nein, unter den Dream-Home-Fotografien findet sich eines, auf dem die zentrale Person, die Umweltsch\u00fctzerin Annie Leonard, gl\u00fccklich in Greenfields Kamera l\u00e4chelt. Auch die anderen Personen zeigen sich ausgelassen. Und es f\u00e4llt auf: Der Garten sieht nicht perfekt getrimmt aus wie auf den anderen Bildern. Hier hat Greenfield ein Gegenmodell zum kapitalistischen Konkurrenzmodell abgelichtet. Mehrere befreundete Familien haben sich benachbarte Grundst\u00fccke gekauft und nutzen einen gemeinsamen Garten. Ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Kontrapunkt in einer Ausstellung, deren rund 200 Fotos aus den USA, Brasilien, Kanada, Dubai, den Philippinen, Frankreich, Hongkong, Irland, Island, China, Mexiko, Deutschland und Russland mitunter so verst\u00f6rend sind, das man sich abwenden muss.<\/p>\n<p>\u00abLauren Greenfield &#8211; Generation Wealth\u00bb, bis 23. Juni, Haus der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstra\u00dfe 1 &#8211; 2, Hamburg<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1117840.lauren-greenfield-ich-ich-ich.html\">neues deutschland<\/a>, 2.5.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lauren Greenfield fotografiert Reiche und Promis. Die Hamburger Deichtorhallen zeigen ihr Werk Freudlos und leer: So wirken viele Gesichter der Superreichen auf den Fotografien der US-amerikanischen Fotografin Lauren Greenfield, die zurzeit in der Hamburger Ausstellung \u00abGeneration Wealth\u00bb zu sehen sind. &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1379\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Lauren Greenfield fotografiert Reiche und Promis. Die Hamburger Deichtorhallen zeigen ihr Werk","footnotes":""},"categories":[116],"tags":[163],"class_list":["post-1379","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur","tag-ausstellung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1379","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1379"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1379\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1380,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1379\/revisions\/1380"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1379"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1379"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1379"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}