{"id":1383,"date":"2019-05-30T10:55:49","date_gmt":"2019-05-30T08:55:49","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1383"},"modified":"2019-06-05T11:00:47","modified_gmt":"2019-06-05T09:00:47","slug":"hinsehen-und-hinhoeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1383","title":{"rendered":"Hinsehen und hinh\u00f6ren!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Frauenhass und Homophobie sind im Pop bereits seit Jahren sichtbar: Jens Balzers neues Buch \u00bbPop und Populismus\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Mit den Wahlerfolgen der AfD hat sich der Umgangston in der deutschen Politik weiter versch\u00e4rft. B\u00f6sartige, hasserf\u00fcllte Rhetorik hat mit dem Siegeszug der Rechtspopulisten Eingang in die politische Debattenkultur gefunden. Findet diese Unkultur ihre Entsprechung auch in der aktuellen Popmusik? Dieser Frage geht der Berliner Popkritiker Jens Balzer in seinem neuen Buch \u00bbPop und Populismus\u00ab nach. Wenig \u00fcberraschend bejaht er diese Frage. Am Mittwochabend stellte er sein Buch in den R\u00e4umen der Hamburger K\u00f6rber-Stiftung vor.<!--more--><\/p>\n<p>Als \u00bbsteile These des Buches\u00ab bezeichnete er die \u00dcberlegung, dass zehn Jahre vor Gr\u00fcndung der AfD 2013 der von ihr artikulierte Patriarchalismus, der Frauenhass, die Homophobie und der Antisemitismus bereits im Pop sichtbar gewesen, ja vorweggenommen worden seien.<\/p>\n<p>Vor allem f\u00e4nden sich diese reaktion\u00e4ren Weltbilder im deutschen Gangsta- und Stra\u00dfenrap. Das habe die Musikkritiker aber kaum interessiert &#8211; bis zur Echo-Preisverleihung 2018 an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang. Bezeichnend sei zudem, dass der erfolgreichste deutschsprachige Schlagers\u00e4nger, der reaktion\u00e4re \u00f6sterreichische \u00bbVolks-Rock \u2019n\u2019 Roller\u00ab Andreas Gabalier, auch in Deutschland gro\u00dfe Stadien mit seinen patriarchalen und heimatt\u00fcmelnden Liedern f\u00fcllt. Aggressiv gewendet findet man diesen Nationalismus auch bei der aus S\u00fcdtirol kommenden Band Frei.Wild.<\/p>\n<p>Mentalit\u00e4tsgeschichtlich ist der Pop-Mainstream also nach rechts ger\u00fcckt. Bedeutet das aber auch das \u00bbEnde der Popmusik als emanzipatorischer Ausdrucksform\u00ab, wie der Kulturkritiker Georg See\u00dflen j\u00fcngst in seinem Buch \u00bbIs this the End?\u00ab analysierte? So einfach macht es sich Balzer nicht. Zwar zeichnet auch er ausf\u00fchrlich die eingangs erw\u00e4hnten und weitere reaktion\u00e4re Ph\u00e4nomene in der aktuellen Popkultur nach. Jedoch begr\u00fcndet er eine weitere zentrale These des Buches: \u00bbDer Brutalisierung der popkulturellen Rhetorik steht eine ebenso starke Sensibilisierung f\u00fcr diskriminierende Sprechweisen und Arten der Kunst gegen\u00fcber.\u00ab Es finden sich also starke Gegenkr\u00e4fte, die in einem ebenfalls historisch neuen Ausma\u00df die misogyne Rhetorik im Pop und die patriarchalen Strukturen der Kulturindustrie kritisierten und bek\u00e4mpften.<\/p>\n<p>Balzer zeigt dies anhand der feministischen Widerstandsbewegungen metoo und timesup, die sexuelle Bel\u00e4stigung und sexualisierte Gewalt in der popul\u00e4ren Kultur anprangern. Er macht sexualemanzipatorische Positionen nicht nur bei K\u00fcnstlern wie Planningtorock oder Anna Calvi aus, die sich gegen eine bin\u00e4re Geschlechteridentit\u00e4t verwahren, sondern auch dort, wo man sie zun\u00e4chst nicht vermutet: im Schlager.<\/p>\n<p>Der Autor verweist auf den Auftritt von Helene Fischer mit der Schlagers\u00e4ngerin Kerstin Ott &#8211; einer bekennenden Lesbe, deren \u00c4u\u00dferes dem traditionellen Geschmack des Mainstream-Publikums widersprechen d\u00fcrfte. 2018 sangen die beiden gemeinsam das Lied \u00bbRegenbogenfarben\u00ab. \u00bbBild\u00ab titelte damals: \u00bbHelene Fischer macht LGBT-Fans gl\u00fccklich\u00ab.<\/p>\n<p>Balzer hat sich \u00fcberdies dem sogenannten Trump- oder Fashwave ausgesetzt, also explizit rechter Musik. Sein Fazit klingt ermutigend: \u00bbMit ein paar im Internet klandestin operierenden Produzenten-Nerds (Xurious, Cyber Nazi etc.), einem Rapper (Komplott) aus Halle und einem franz\u00f6sischen Frauenquintett (Les Brigandes) ist jedenfalls kein neues, rechtes Woodstock zu machen.\u00ab<\/p>\n<p>Daf\u00fcr, dass es keine rechte Popmusik im origin\u00e4ren Sinne gibt, hat Balzer eine Erkl\u00e4rung. Ihm zufolge ist der Kern einer emanzipatorischen Popkultur, dass sie keine Identit\u00e4ten ben\u00f6tigt, sondern Grenzen \u00fcberschreitet und damit hybrid, flexibel und im Werden begriffen ist, \u00bbals f\u00e4nde sich in ihr schon der utopische Aufschein einer wahrhaft grenzenlos gewordenen Welt\u00ab. Was v\u00f6llig unvereinbar mit dem Denken von Trump, Le Pen und Gauland ist, die best\u00e4ndig den R\u00fcckzug auf Herkunft und \u00bbIdentit\u00e4t\u00ab beschw\u00f6ren.<\/p>\n<p>Genauso unvereinbar aber ist dieses Popverst\u00e4ndnis mit linken Identit\u00e4tspolitiken. Denn auch von links wird kulturelle Vielfalt unter dem Stichwort \u00bbkulturelle Aneignung\u00ab kritisiert. Das musste zum Beispiel die kanadische Produzentin Phoeb\u00e9 Guillemot alias Ramzi erfahren. Als sie Anfang des Jahres erste Ausschnitte ihres neuen Albums bei Soundcloud ver\u00f6ffentlichte, gab es einen Shitstorm. Angefeindet wurde ihr Sam<span style=\"font-family: Tahoma;\">\u1806<\/span>pling eines indischen Nationalliedes. Koloniale \u00bbAusbeutung der indischen Musik\u00ab durch wei\u00dfe Usurpatoren sei das, so wurde ihr vorgeworfen. Daraufhin zog sie das Album zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Balzer geht mit dieser sich als links missverstehenden Identit\u00e4tspolitik hart ins Gericht: Das sei Widerspiegelung und F\u00f6rderung des Individualismus, der entfesselten kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaft und \u00bbihrer dialektischen R\u00fcckseite, der Sehnsucht nach identit\u00e4rer R\u00fcckvergewisserung in einer un\u00fcbersichtlich gewordenen Welt\u00ab.<\/p>\n<p>Und die Popkritik? Sie m\u00fcsse wach sein und genau hinsehen und hinh\u00f6ren, auch wenn der Gegenstand der Kritik ihr \u00e4sthetisch noch so uninteressant oder minderwertig erscheinen mag, fordert Balzer. Dass er das auf sich nimmt, daf\u00fcr ist ihm zu danken. N\u00e4her zu diskutieren w\u00e4re indes der Kern seines emanzipatorischen Popverst\u00e4ndnisses. Denn die in diesem Zusammenhang genannten Begriffe wie Grenzenlosigkeit, Flexibilit\u00e4t und Deterritorialit\u00e4t k\u00f6nnte jeder Neoliberale unterstreichen. Balzer ahnt allerdings das Problem und stellt die Frage, ob eine \u00bbverantwortungsvolle Kunst\u00ab in Abgrenzung zum reaktion\u00e4ren Pop \u00bbnicht am Ende nur ein R\u00e4dchen im neoliberalen Getriebe\u00ab w\u00e4re. Mehr aber auch nicht.<\/p>\n<p>Jens Balzer: Pop und Populismus. \u00dcber Verantwortung in der Musik, Edition K\u00f6rber, 206 S., geb., 17 \u20ac.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1119399.hinsehen-und-hinhoeren.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 24.5.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frauenhass und Homophobie sind im Pop bereits seit Jahren sichtbar: Jens Balzers neues Buch \u00bbPop und Populismus\u00ab Mit den Wahlerfolgen der AfD hat sich der Umgangston in der deutschen Politik weiter versch\u00e4rft. 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