{"id":1388,"date":"2019-07-15T15:38:27","date_gmt":"2019-07-15T13:38:27","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1388"},"modified":"2019-07-08T16:07:09","modified_gmt":"2019-07-08T14:07:09","slug":"liegt-unter-dem-beton-utopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1388","title":{"rendered":"Liegt unter dem Beton Utopie?"},"content":{"rendered":"<h2>In Hamburg will eine Ausstellung die Geschichte der Neuen Heimat neu bewerten<\/h2>\n<p>Mit gl\u00fccklichen Gesichtern schaukeln Kinder in G\u00e4rten, springen in Schwimmbecken oder verausgaben sich beim Sport in der Turnhalle. Die Werbevideos des einst gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen nichtstaatlichen Wohnungsbaukonzerns Neue Heimat transportieren die erf\u00fcllte Hoffnung auf ein besseres Leben in der von Wohnungsnot gepr\u00e4gten Nachkriegszeit der Bundesrepublik. Aber daf\u00fcr ist die Neue Heimat nicht bekannt, in Erinnerung blieb ihr unr\u00fchmliches Ende. Das gewerkschaftseigene Unternehmen wurde abgewickelt, nachdem der \u00bbSpiegel\u00ab 1982 \u00fcber Korruption, Veruntreuung und Bereicherung der Neue-Heimat-Manager berichtet hatte.<!--more--><\/p>\n<p>Doch wird man der Geschichte der Neuen Heimat gerecht, wenn man sie auf Korruption und Veruntreuung reduziert? Zur Neubewertung regt derzeit die im Museum f\u00fcr Hamburgische Geschichte zu sehende Ausstellung \u00bbDie Neue Heimat (1950 &#8211; 1982). Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten\u00ab an, die in Kooperation mit dem Architekturmuseum der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen und der Hamburgischen Architektenkammer entstand.<\/p>\n<p>Sozialdemokratische Utopie? Das mutet etwas hochgegriffen an. Doch zumindest f\u00fcr ein sozialdemokratisches Prinzip stand die 1950 vom Deutschen Gewerkschaftsbund wiedergegr\u00fcndete Neue Heimat: f\u00fcr preisg\u00fcnstiges Wohnen f\u00fcr alle, insbesondere f\u00fcr Arbeiterfamilien.<\/p>\n<p>Dass die Wohnungsfrage in der Bundesrepublik zwischenzeitlich als gel\u00f6st galt &#8211; ganz im Gegensatz zu heute &#8211; ist auch ein Verdienst der Neuen Heimat. Seit ihrer Gr\u00fcndung machte sie sich von Hamburg aus daran, zerst\u00f6rte Wohnungen wieder herzurichten, dann an die Schaffung von neuem g\u00fcnstigen Wohnraum. Die Devise lautete \u00bbWohnungen, Wohnungen und nochmals Wohnungen\u00ab. Schnell expandierte das Unternehmen in alle westlichen Bundesl\u00e4nder. 1960 hatte die Neue Heimat, inzwischen ein Konzern mit 27 Tochterunternehmen, bereits 100 000 Wohnungen gebaut, zwei Jahre sp\u00e4ter doppelt so viele. Insgesamt schuf die Neue Heimat in rund drei Jahrzehnten 460 000 Wohneinheiten. Mitte der 60er Jahre allerdings war die Nachfrage weitgehend gedeckt.<\/p>\n<p>Obwohl der Gemeinn\u00fctzigkeit verpflichtet, wurde die Neue Heimat nach privatwirtschaftlichen Methoden gef\u00fchrt. Die Manager scheuten sich nicht, sich \u00fcber den Kapitalmarkt zu finanzieren. \u00bbWir bauen unsere H\u00e4user mit anderer Leute Geld, und wenn wir es vom Teufel holen\u00ab, sagte Heinrich Plett, erster Vorstandsvorsitzender.<\/p>\n<p>Dem Wachstumsdiktat entzog sich die Neue Heimat somit nicht. Die Folge: Mit eigens daf\u00fcr gegr\u00fcndeten Tochterunternehmen expandierte die Neue Heimat ins Ausland, stieg in das Gesch\u00e4ft mit Gewerbeimmobilien, Kommunalbauten und in die Stadtentwicklung ein. Schon 1962 wurde die Gewerbebautr\u00e4ger GmbH gegr\u00fcndet, die nicht an die Gemeinn\u00fctzigkeit gebunden war. 1978 begann die Neue Heimat NRW damit, Wohnungen an Versicherungen, Anleger und Mieter zu verkaufen. Alles Faktoren, die zum Ende der Erfolgsgeschichte beitrugen.<\/p>\n<p>Hinzu kam: Mittels einer industrialisierten Bauproduktion aus dem Boden gestampfte Stadtviertel wie M\u00fcmmelmannsberg in Hamburg, Ebertsgrund in Heidelberg oder Neuperlach in M\u00fcnchen entpuppten sich rasch als soziale Problemviertel. In Hamburg zu sehende Fotografien Herlinde Koelbls von der f\u00fcr 80 000 M\u00fcnchener als Entlastungsstadt konzipierten Siedlung Neuperlach dokumentieren das eindr\u00fccklich. Auf abweisenden Betonschluchten liest der Betrachter Parolen wie \u00bbBeton kann t\u00f6ten\u00ab, \u00bbMenschensilo\u00ab oder \u00bbWohnhaftiert\u00ab.\u00bbWir bauen alles, wenn Sie wollen, k\u00f6nnen sie bei uns eine ganze Stadt bestellen\u00ab, brachte Albert Vietor, der seit 1963 dem Konzern vorstand, die neue Devise auf den Punkt.<\/p>\n<p>Der Umschlag in den Gr\u00f6\u00dfenwahn ist nicht fern. Davon zeugen die nicht realisierten Pl\u00e4ne zum Alsterzentrum in Hamburger Stadtteil St. Georg. 20 000 Menschen sollten dort in f\u00fcnf bis zu 200 Meter hohen Wohnpyramiden leben, unterirdisch 16 500 Parkpl\u00e4tze geschaffen werden. Die Neue Heimat lobbyierte daher f\u00fcr das St\u00e4dtebauf\u00f6rderungsgesetz von 1971, das die Enteignung von Kleineigent\u00fcmern erm\u00f6glichen sollte. Denn zur Errichtung des Alsterzentrums w\u00e4ren umfangreiche sogenannte Fl\u00e4chensanierungen, sprich der Abriss von Altbauten, notwendig gewesen.<\/p>\n<p>In der Hamburger Schau sind Fotografien, Modelle, Planmaterialien und Videoaufnahmen zahlreicher Neue-Heimat-Bauten zu sehen. Die meisten von ihnen stehen auch heute noch, manche wie die Neutra-Siedlung in Walldorf, die Gartenstadt Farmsen oder die Uniklinik Aachen sind sogar unter Denkmalschutz gestellt. Ein erstes Anzeichen, das auf eine Neubewertung der Neuen Heimat hinweist.<\/p>\n<p>Ein viel deutlicheres ist jedoch das Instrument, mit dem die Neue Heimat es in den ersten 15 Jahren ihrer Existenz vollbrachte, g\u00fcnstigen Wohnraum zu schaffen: die Wohnungsgemeinn\u00fctzigkeit. Das war ein zentraler Hebel, der die alte Bundesrepublik zu einer Hochburg des sozialen Wohnungsbaus machte. Mit dieser war es m\u00f6glich, Wohnungen \u00fcber einen langen Zeitraum zu f\u00f6rdern und eben nicht wie gegenw\u00e4rtig nach ein paar Jahren aus der Sozialbindung fallen zu lassen.<\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigten der Neuen Heimat, insbesondere ihres Thinktanks, der GEWOS, verstanden das ausdr\u00fccklich als Mittel gegen einen ungez\u00fcgelten Kapitalismus. Entsprechend stolz war man auf das gemeinwirtschaftliche Unternehmen. Um so gr\u00f6\u00dfer dann der Schock, als die Veruntreuung und Bereicherung der Vorstandsmitglieder bekannt wurde. Ohne das skandal\u00f6se Ende der Neuen Heimat h\u00e4tte die Regierung Kohl 1988 nicht die Wohnungsgemeinn\u00fctzigkeit abgeschafft &#8211; der Startschuss f\u00fcr die Umstrukturierung des Immobilienmarktes nach neoliberalen Kriterien.<\/p>\n<p>Mit gutem Grund wird daher zur L\u00f6sung der gegenw\u00e4rtigen Mietenmisere als ein Instrument die Wiedereinf\u00fchrung der Wohnungsgemeinn\u00fctzigkeit vorgeschlagen. In der Hamburger Ausstellung \u00bbDie Neue Heimat\u00ab wird klar, dass sie schon einmal mit zur L\u00f6sung der Wohnungsfrage beigetragen hat.<\/p>\n<p>Allerdings wir auch deutlich: Ein riesig gewordenes gemeinn\u00fctziges Unternehmenskonglomerat, das nach Erf\u00fcllung seiner eigentlichen Aufgabe auf den freien Markt und Expansion setzt, ist vor Korruption nicht gefeit. Wohl auch ohne die Recherche des \u00bbSpiegels\u00ab w\u00e4re die Neue Heimat untergegangen. Denn im Zuge dessen kam hervor, dass es insbesondere durch seinen Expansionskurs im Ausland ein riesigen Verlustberg angeh\u00e4uft hatte.<\/p>\n<p><i>Die Neue Heimat 1950 &#8211; 1982. Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. Museum f\u00fcr Hamburgische Geschichte, Holstenwall 24, 20355 Hamburg, bis 6.10.<\/i><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1122493.neue-heimat-liegt-unter-dem-beton-utopie.html\">neues deutschland<\/a>, 8.07.2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Hamburg will eine Ausstellung die Geschichte der Neuen Heimat neu bewerten Mit gl\u00fccklichen Gesichtern schaukeln Kinder in G\u00e4rten, springen in Schwimmbecken oder verausgaben sich beim Sport in der Turnhalle. 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