{"id":1399,"date":"2019-08-29T21:45:29","date_gmt":"2019-08-29T19:45:29","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1399"},"modified":"2019-09-17T21:48:18","modified_gmt":"2019-09-17T19:48:18","slug":"zeit-fuer-eine-neue-kritik-am-bruttoinlandsprodukt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1399","title":{"rendered":"Zeit f\u00fcr eine neue Kritik am Bruttoinlandsprodukt"},"content":{"rendered":"<p>Sind wir schon wieder in der Krise? Wer Mitte August die Tagesschau guckte, sah und h\u00f6rte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), wie dieser von Kurzarbeit und Weiterbildung sprach. Gerade die Kurzarbeit sollte gest\u00e4rkt werden, um f\u00fcr die n\u00e4chste Krise gewappnet zu sein. Man erinnere sich: Mit der Kurzarbeit, so eine gerne verbreitete Ansicht, gelang es Deutschland, den massiven Wirtschaftseinbruch infolge der Finanzkrise von 2008 abzufedern. Tats\u00e4chlich d\u00fcrfte die rasch wieder steigende Nachfrage ein weitaus bedeutsamerer Faktor gewesen sein.<!--more--><\/p>\n<p>Dass aber Hubertus Heil sich hinstellt und von Kurzarbeit und wirtschaftlicher Krise spricht und f\u00fcr den Herbst einen entsprechenden Gesetzentwurf mit dem h\u00fcbschen Titel \u00bbArbeit-von-morgen-Gesetz\u00ab ank\u00fcndigt, von dem bisher kaum Details bekannt sind, zeugt von aufkommender Unruhe, ja Panik. Droht nach Jahren stetigen, wenngleich geringen Wachstumsraten nun eine Delle, gar eine Rezession?<\/p>\n<p>Anlass vieler Berichte, die sich dieser Frage widmeten, war folgende Mitteilung des Statistischen Bundesamtes: \u00bbDas reale (preisbereinigte) Bruttoinlandsprodukt in Deutschland war im 2. Quartal 2019 saison- und kalenderbereinigt um 0,1% niedriger als im 1. Quartal 2019.\u00ab Im ersten Quartal 2019 hatte es noch einen Anstieg von 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gegeben.<\/p>\n<p>Ein R\u00fcckgang des Bruttoinlandsprodukt (BIP) in einem Quartal, also eine Reduktion des Gesamtwertes aller G\u00fcter, die w\u00e4hrend dieses Zeitraumes in Deutschland hergestellt wurden &#8211; das klingt nach einer halben Rezession. Laut Definition ist diese gegeben, wenn es in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen eine Schrumpfung des Wachstums gibt. \u00d6konom*innen sprechen auch von einer \u00bbtechnischen Rezession\u00ab. Damit soll der Unterschied zu einer echten Rezession im Jahresvergleich kenntlich gemacht werden. Das macht Sinn. Selbst wenn das dritte Quartal ebenfalls niedriger ausf\u00e4llt, gehen alle Prognosen f\u00fcr das gesamte Jahr 2019 von einem h\u00f6heren BIP im Vergleich zum Vorjahr aus. Die Bundesregierung rechnet mit 0,5 Prozent, der Internationale W\u00e4hrungsfonds korrigierte im Juli seine Prognose auf 0,7 Prozent herunter. Der Weltkonjunktur sagte er zwar mit 3,2 Prozent die niedrigste Zuwachsrate seit 2009 voraus. Aber eine Rezession sieht dann doch anders aus.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz: Gerade f\u00fcr Deutschland tr\u00fcben sich die \u00f6konomischen Aussichten nicht erst seit gestern ein. Zahlreiche Indikatoren belegen das, vor allem die aus dem verarbeitenden Gewerbe. Im Juni lag die Industrieproduktion um nicht weniger als sechs Prozent unter ihrem Vorjahresniveau. Das liegt an der extremen Exportorientierung der Bundesrepublik. Wer Lohndumping betreibt, den Binnenmarkt vernachl\u00e4ssigt und einseitig auf Ausfuhren setzt, der macht sich extrem abh\u00e4ngig von der Weltkonjunktur. Steht es gut um diese, freut sich das exportorientierte deutsche Kapital; kriselt sie, droht es besonders hart getroffen zu werden. So war es im Jahr 2009, als das deutsche BIP im Zuge der globalen Krise um 5,6 Prozent einbrach. Der Handels- und Technologiestreit zwischen China und den USA, der drohende harte Brexit, die damit ungewisse Zukunft der EU &#8211; das sind die wichtigsten Faktoren f\u00fcr die schlechteren Prognosen f\u00fcr die globale Wirtschaft. Und sie schlagen sich f\u00fcr Deutschland bereits nieder. Die deutsche \u00d6konomie war im zweiten Quartal Schlusslicht im Euroraum, was das Wachstum anbelangt.<\/p>\n<p>Doch man sollte nicht in die simple Logik von Wachstum gut, Schrumpfung schlecht einstimmen. Denn das Konzept des BIP, dessen Zu- oder Abnahme im herrschenden Verst\u00e4ndnis \u00fcber die Verfassung einer \u00d6konomie Aufschluss gibt, ist hoch problematisch. Keine ganz neue Erkenntnis, denn selbst ein \u00bbMiterfinder\u00ab des BIP, Simon Kuznets, wies auf die Nachteile seiner Erfindung hin. Es lasse vollkommen au\u00dfer Acht, wie die G\u00fcter und Dienstleistungen verteilt werden. Nicht umsonst spricht man schon l\u00e4nger vom besch\u00e4ftigungslosen Wachstum (\u00bbjobless growth\u00ab) und zunehmender Ungleichheit. Zudem wird am BIP kritisiert, dass es nur \u00fcber den Markt vermittelte T\u00e4tigkeiten ber\u00fccksichtigt. Unbezahlte Hausarbeit, essenziell f\u00fcr die Reproduktion von \u00d6konomien, spielt in der hoch aggregierten, komplexen Zahl keine Rolle. Wer \u00fcberdies mit dem Auto t\u00e4glich zur Arbeit f\u00e4hrt, es wom\u00f6glich auch noch zu Schrott f\u00e4hrt, tr\u00e4gt erheblich mehr zum BIP bei als jemand, der t\u00e4glich das Fahrrad benutzt. Insofern ist das BIP auch auf dem \u00f6kologischen Auge blind. Umweltverschmutzung spielt in ihm keine Rolle. Wirtschaftswachstum ging insofern bis dato immer mit mehr Umweltverschmutzung und Treibhausgasemissionen einher &#8211; und umgekehrt. Nur 2009, als das BIP einbrach, wurde weniger CO2 ausgesto\u00dfen.<\/p>\n<p>Zurzeit dominiert im Zuge der Fridays-for-Future-Bewegung die Klimadiskussion die politische Debatte. Das w\u00e4re auch eine Chance, die Kritik am Konzept des Bruttoinlandsprodukts zu erneuern.<\/p>\n<p class=\"autorin\">aus: analyse &amp; kritik, <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak651\/index.htm\">Nr. 651<\/a> \/ 20.8.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sind wir schon wieder in der Krise? Wer Mitte August die Tagesschau guckte, sah und h\u00f6rte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), wie dieser von Kurzarbeit und Weiterbildung sprach. Gerade die Kurzarbeit sollte gest\u00e4rkt werden, um f\u00fcr die n\u00e4chste Krise gewappnet zu &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1399\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[95],"tags":[159],"class_list":["post-1399","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-bruttoinlandsprodukt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1399","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1399"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1399\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1400,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1399\/revisions\/1400"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1399"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1399"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1399"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}