{"id":1401,"date":"2019-09-20T21:48:42","date_gmt":"2019-09-20T19:48:42","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1401"},"modified":"2019-09-17T21:52:28","modified_gmt":"2019-09-17T19:52:28","slug":"schweigt-von-flugscham-und-veggieday","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1401","title":{"rendered":"Schweigt von Flugscham und Veggieday!"},"content":{"rendered":"<p>Es mutet seltsam an: Die mediale Aufmerksamkeit f\u00fcr die Treibhausgasemissionen des Luftverkehrs steht im Gegensatz zu seinem prozentualen Anteil an den Gesamtemissionen. Beim Autoverkehr oder Fleischkonsum ist es \u00e4hnlich. F\u00fcr den L\u00f6wenanteil der Emissionen ist vielmehr die Industrie verantwortlich, genau genommen die Energiewirtschaft, das fossile Kapital. Warum wird deren Anteil kaum thematisiert?<!--more--><\/p>\n<p>Eine Antwort k\u00f6nnte sein: Weil der Fokus auf Fliegen, Fleisch und Verkehr suggeriert, dass jede\/r Einzelne einen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten kann. Wenn das Individuum im Vordergrund steht, bleiben die schlimmsten Klimakiller im Hintergrund. In der gegenw\u00e4rtigen Klimadebatte liest man daher nichts von Unternehmen wie Huaneng Power International, American Electric Power oder Eskom, um nur ein paar der Energiekonzerne mit den meisten Emissionen zu nennen. Selten auch ist vom US-Milit\u00e4r die Rede, dem wohl gr\u00f6\u00dften Verbraucher fossiler Energie. Es kommt einem die Aktualisierung des Diktums Max Horkheimers in den Sinn: Wer aber vom fossilen Kapital nicht reden will, sollte auch von Veggieday und Flugscham schweigen.<\/p>\n<p>Dass in der Klimadebatte die Privatisierung gesellschaftlicher Probleme dominiert, ist nicht verwunderlich. Das in der Mainstream\u00f6konomie dominierende Theorem der \u00bbKonsumentensouver\u00e4nit\u00e4t\u00ab ist hierf\u00fcr mitverantwortlich. Dieses besagt, dass Verbraucher*innen oder Konsument*innen durch ihre Kauf- und Konsumentscheidungen Art und Umfang der Produktion steuern. Der oder die Konsument*in bestimme also, wie viel von welchen G\u00fctern hergestellt wird. Die Verbraucher seien \u00f6konomisch die eigentlichen Verursacher der Umweltzerst\u00f6rung, schrieb schon Anfang der 1980er Jahre die Frankfurter Allgemeine Zeitung.<\/p>\n<p>F\u00fcr Marxist*innen freilich ist die These der \u00bbKonsumentensourver\u00e4nit\u00e4t\u00ab lediglich Schein, der aus der Zirkulationssph\u00e4re herr\u00fchrt. Dagegen betonen sie das Primat der Produktion. Der Zweck der Warenproduktion ist nicht die Versorgung der Menschen mit n\u00fctzlichen und angenehmen Dingen, sondern die Akkumulation von Kapital. Der \u00d6komarxist John Bellamy Foster spricht daher vom \u00bbR\u00e4tsel des Konsums\u00ab. Gemeint ist damit, dass zwar das Umweltproblem in erster Linie aus der Produktion erw\u00e4chst, es jedoch in der Umwandlung von Natur durch menschliche Arbeit in wachsendem Ma\u00dfe vollst\u00e4ndig dem Konsum zugeschrieben wird. Der Konsum erscheint als Ursache der Umweltzerst\u00f6rung.<\/p>\n<h3 class=\"zue\">Linke Variante der Konsumkritik<\/h3>\n<p>Gewisserma\u00dfen als linke Variante der \u00bbKonsumentensouver\u00e4nit\u00e4t\u00ab wird das Konzept der \u00bbimperialen Lebensweise\u00ab von Ulrich Brand und Markus Wissen rezipiert. Dieses beschreibt im Kern die M\u00f6glichkeit breiter Bev\u00f6lkerungsschichten nicht nur des Globalen Nordens, \u00fcberproportional auf Natur und Arbeitskraft weltweit zuzugreifen. Kritiker*innen wenden ein, dass das Konzept zu sehr auf Warenzirkulation und Konsum fixiert sei. (1) Da ist ohne Zweifel etwas dran, doch ist zuzugestehen, dass die Autoren zumindest dem erkl\u00e4rten Anspruch nach versuchen, die Lebensweise mit der Produktionsweise zusammen zu analysieren. Dass es ihnen nicht gelingt &#8211; gerade, wenn es konkret wird -, mag auch daran liegen, dass sie zwar die Absicht haben, \u00bbdie hegemoniale Verankerung imperialistischer Politik in den Alltagspraxen und -wahrnehmungen vor allem der Mittel- und Oberklassen in den Gesellschaften des globalen Nordens zu verdeutlichen\u00ab. Doch wird der positive Bezug zum Imperialismusbegriff weder begr\u00fcndet noch n\u00e4her ausgef\u00fchrt. Ein derartiges Unterfangen h\u00e4tte vermutlich die zu starke Konzentration auf den Konsum relativiert. Eine Konzentration im \u00dcbrigen, die in den Publikationen des I.L.A.-Kollektivs noch st\u00e4rker zu finden ist. In ihnen ist die herrschafts- und kapitalismuskritische Sicht weniger ausgepr\u00e4gt als bei Brand und Wissen. Die Wirtschaftsweise basiert dort zwar auf Profit und Wachstum, wird aber nur selten beim Namen Kapitalismus genannt. (2)<\/p>\n<p>Jene, die darauf insistieren, dass es der Kapitalismus, die \u00d6lmultis und die Schwerindustrie sind, die die Welt \u00f6kologisch ruinieren, haben auf den ersten Blick recht. Ganz \u00fcberwiegend vollzogen sich die \u00f6kologisch schwerwiegenden Eingriffe in den Stoffwechsel mit der Natur in der Tat fast ausschlie\u00dflich in kapitalistischen Produktionsweisen. Aber auch jenseits des Kapitalismus k\u00f6nnen die stofflichen und energetischen Grundlagen der Produktion \u00fcber Geb\u00fchr beansprucht werden, vor allem durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe. Das lie\u00df sich im sogenannten Realsozialismus beobachten, der insbesondere in der Sowjetunion unter Stalin ohne R\u00fccksicht auf Verluste bei Mensch und Natur eine nachholende Modernisierung voranpeitschte, dabei aber mittelfristig den Lebensstandard der breiten Bev\u00f6lkerung enorm hob &#8211; diese Dialektik ist mit zu ber\u00fccksichtigen und gegenw\u00e4rtig auch in China zu beobachten. Den globalen Senken, Atmosph\u00e4re, Meere oder Regenw\u00e4lder, ist es egal, ob das Kohlendioxid aus kapitalistischen oder sozialistischen Schornsteinen geblasen wird oder ob Methan in Agrarfabriken in Privat- oder Gemeineigentum freigesetzt wird. Was damit gesagt werden soll: Nicht nur die Frage der Produktionsweise, ob kapitalistisch oder postkapitalistisch, ist entscheidend, sondern deren Zusammenhang mit den Naturbedingungen von Produktion, Konsumtion und Reproduktion. Die Frage der Produktions- und Lebensweise muss die planetaren Grenzen ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<h3 class=\"zue\">Das Kapitaloz\u00e4n erfordert neues Handeln<\/h3>\n<p>Und hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Gro\u00dfteil der Linken dieses immer noch nicht gen\u00fcgend beachtet. Noch immer betrachten die meisten Linken den n\u00f6tigen Systemwechsel nur gesellschaftlich, nicht im Verh\u00e4ltnis zur Natur. Doch die drohende Klimakatastrophe, die Diskussion um das Anthropoz\u00e4n (besser: Kapitaloz\u00e4n) strukturieren alles neu, setzen neue Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr das politische Handeln. Marxist*innen und Sozialist*innen gingen und gehen davon aus, dass die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte allen Menschen ein Leben im \u00dcberfluss erm\u00f6glichen werde und teilten den Technikoptimismus des liberalen Lagers. \u00bbAngesichts der \u00f6kologischen Herausforderungen ist der Zug zum Sozialismus aber nicht aus dem verwirklichten Recht auf Naturaneignung zu begr\u00fcnden, sondern aus der n\u00f6tigen Pflicht zur Naturerhaltung\u00ab, schreibt Hans Thie und f\u00e4hrt fort: \u00bbDas klingt f\u00fcr manchen Marx-J\u00fcnger alter Schule wie eine Zumutung. Das hat den finster-bornierten Beigeschmack von netter Gemeinschaft beim kollektiven Anbau von Bio-Radieschen.\u00ab (3)<\/p>\n<p>Das klingt nach Verzicht und nach Wachstumskritik. Und damit w\u00e4ren wir bei der Degrowth-Bewegung. Sie kritisiert scharf den Produktivismus sowohl des liberalen als auch des marxistischen Lagers. Die stetige Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die vollst\u00e4ndige Entfaltung der Produktivkr\u00e4fte sind ihr ein Graus, weil dadurch Naturverbrauch und Emissionen immer st\u00e4rker zunehmen. Eine absolute Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch hat es tats\u00e4chlich noch nicht gegeben. Insofern lauten die zentralen Forderungen der wachstumskritischen Bewegung f\u00fcr die fortentwickelten Industriel\u00e4nder: weniger und lokal produzieren, um Energieeinsatz und Emissionen bei Produktion und Transport zu minimieren. Wenn weniger produziert wird, kann folglich auch weniger konsumiert werden. Das ist, wenn man so will, eine Verzichtsdebatte, wenngleich in erster Line f\u00fcr den Globalen Norden und eine, die prim\u00e4r den sogenannten Statuskonsum und Luxuskonsum betrifft. Die Staaten des Globalen S\u00fcdens indes &#8211; mit Ausnahme von Schwellenl\u00e4ndern wie China und Indien &#8211; m\u00fcssen weiter wachsen und mehr produzieren. Hier geht Wirtschaftswachstum noch mit einer Steigerung des Wohlstandsniveaus einher. Aber global gesehen f\u00fchrt angesichts des \u00dcberschreitens \u00f6kologischer Grenzen kein Weg daran vorbei, den Stoffwechsel mit der Natur, jegliche Grundlage menschlicher Existenz, zu reduzieren. Allerdings &#8211; auch darauf weist die Degrowth-Bewegung hin &#8211; muss das nicht mit einem Verlust an Lebensqualit\u00e4t und Wohlstand einhergehen. Lebensqualit\u00e4t und Wohlstand ist ja auch anders denkbar als \u00fcber Konsum. Weniger Produktion und weniger Lohnarbeit bedeutet mehr Zeit f\u00fcr Freunde, Hobbys oder Kunst. Zeitwohlstand ist ein Stichwort, unter dem diese Vorstellungen diskutiert werden.<\/p>\n<h3 class=\"zue\">Degrowth: keine Kritik des Kapitals<\/h3>\n<p>Was bei der Wachstumskrititk in fast jeder Schattierung jedoch zu kurz kommt, ist die Dynamik der Kapitalakkumulation. Die Degrowth-Debatte ist zumeist Konsumkritik, womit sie starke \u00dcberschneidungen zum Konzept der imperialen Lebensweise und zum im gr\u00fcn-liberalen Lager \u00fcberwiegende Vorstellungen aufweist. Wachstumskritik ohne eine Kritik der Akkumulation von Kapital ist somit genauso unzureichend wie eine Kapitalismuskritik, die einseitig auf den Verwertungszwang abhebt, ohne die stoffliche Seite von Produktion und Konsum zu ber\u00fccksichtigen. \u00bbWachstumskritik ist mehr als Konsum- oder Lebensweisenkritik, die sich einzelne zu Herzen nehmen k\u00f6nnen oder auch nicht\u00ab, sagte Elmar Altvater in einem seiner letzten Interviews. \u00bbSie ist Gesellschaftskritik oder wirkungslos.\u00ab<\/p>\n<p>Was daraus folgt: zun\u00e4chst der Abschied von einem monet\u00e4ren Verst\u00e4ndnis von \u00d6konomie und die St\u00e4rkung einer biophysikalischen Herangehensweise an Wirtschaft mit stofflichen, energetischen und sozialen Parametern. (4) Der Erfinder der Bio\u00f6konomie, Nicholas Georgescu-Roegen, l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen, aber sein Werk wird kaum diskutiert. Dar\u00fcber hinaus ist \u00fcber eine Obergrenze f\u00fcr den von einem Individuum beanspruchten materiellen Wohlstand nachzudenken. W\u00fcrde das umgesetzt, w\u00e4re es ebenso ein radikal antikapitalistisches und egalit\u00e4res Projekt. Der \u00d6konom Thomas Piketty hat eindrucksvoll gezeigt, dass die einkommensstarksten zehn Prozent der Weltbevolkerung fur 45 Prozent der Emissionen verantwortlich sind, wohingegen die unteren 50 Prozent global lediglich 13 Prozent emittieren. W\u00fcrde man jeder Person eine Obergrenze beim \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck zubilligen, w\u00e4re das ohne eine andere, eine nichtkapitalistische Produktionsweise- und Lebensweise nicht denkbar. Eingriffe in die Eigentumsverh\u00e4ltnisse w\u00e4ren unumg\u00e4nglich. In diesem Sinne haben die Bewegungen, die die Enteignung von Wohnungskonzernen fordern, und die neu entstandenen Klimabewegungen mehr gemeinsam, als man zun\u00e4chst annehmen k\u00f6nnte. Ihre Erfolge h\u00e4ngen auch davon ab, inwieweit sie zueinander finden werden.<\/p>\n<p class=\"anmUE\"><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p class=\"anmUE\">1) Siehe Klaus D\u00f6rre: Imperiale Lebensweise: Uneingel\u00f6ste Anspr\u00fcche und theoretische Schwierigkeiten, in: Sozialismus, Hefte 6 und 7-8\/2018; Thomas Sablowski: Warum die imperiale Lebensweise die Klassenfrage ausblenden muss, in: LuXemburg, Heft 5\/2018.<\/p>\n<p class=\"anm\">2) I.L.A. Kollektiv: Auf Kosten anderer? M\u00fcnchen 2017; Das Gute Leben f\u00fcr Alle, M\u00fcnchen 2019.<\/p>\n<p class=\"anm\">3) Hans Thie: Rotes Gr\u00fcn. Pioniere und Prinzipien einer \u00f6kologischen Gesellschaft. Hamburg 2013, Seite 57.<\/p>\n<p class=\"anm\">4) Max Koch: Degrowth: F\u00fcr eine planetarische Grenzen respektierende solidarische Politik, online unter: www.zeitschrift-luxemburg.de, Januar 2018.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik, <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak652\/index.htm\">Nr. 652<\/a> \/ 16.7.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es mutet seltsam an: Die mediale Aufmerksamkeit f\u00fcr die Treibhausgasemissionen des Luftverkehrs steht im Gegensatz zu seinem prozentualen Anteil an den Gesamtemissionen. Beim Autoverkehr oder Fleischkonsum ist es \u00e4hnlich. 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