{"id":1406,"date":"2019-09-18T21:56:23","date_gmt":"2019-09-18T19:56:23","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1406"},"modified":"2019-09-17T21:59:34","modified_gmt":"2019-09-17T19:59:34","slug":"druck-weicht-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1406","title":{"rendered":"Druck weicht nicht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Roboter ver\u00e4ndern alles. Und selbstredend sind Jobs in Gefahr. Ein Sammelband untersucht den Mythos<\/strong><\/p>\n<p>Wuppertal, M\u00e4rz 1978: Die IG Druck und Papier streikt. Ein Modellschreiner fragt einen Streikposten, was die Druckarbeiter gegen die Einf\u00fchrung neuer Technologien h\u00e4tten. Die Antwort: \u201eStellen Sie sich vor, ein neues Werkst\u00fcck wird gebraucht und die frechen rechnergesteuerten Systeme sind auch in Ihrem Bereich vorhanden. Sie nehmen dann nur noch das Holz, den Leim und die Zeichnung des Modellst\u00fccks, geben das in den Computer, das fertige St\u00fcck kommt heraus.\u201c Der Schreiner ist geschockt: \u201eUm Gottes willen, so geht das doch nicht!\u201c \u2013 und spendet f\u00fcnf Mark f\u00fcr die Streikkasse.<!--more--><\/p>\n<p>Diese Anekdote aus einer Notzeitung gibt der Historiker Karsten Uhl im Sammelband Marx <em>und die Roboter<\/em> wieder. Sie ist bezeichnend. Zun\u00e4chst daf\u00fcr, dass die derzeit kursierende Angst davor, in B\u00e4lde seinen Job an Maschinen zu verlieren, alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen ist. Uhl zeigt, dass die Furcht vor der menschenleeren Fabrik seit dem sp\u00e4ten 18. Jahrhundert, also seit der Industrialisierung, virulent ist. Selbst das Thema der Computerisierung ist Jahrzehnte alt. Die Druckerbranche war sehr fr\u00fch, ab Mitte der 1970er, von Computertechnik betroffen. Der traditionelle Ausbildungsberuf des Schriftsetzers verschwand. Doch keineswegs wurden Zehntausende Schriftsetzer erwerbslos. Die Gesamtbesch\u00e4ftigung in der Druckbranche blieb in der BRD zwischen 1976 und 2000 stabil bei etwa 225.000. Wie das?<\/p>\n<p>Klassenkampf war ein Faktor. Gewerkschaften gelang es, tariflich zu regeln, dass Schriftsetzer acht Jahre nach Einf\u00fchrung der neuen Technik besch\u00e4ftigt blieben. Zudem hielt sich die alte Technik gerade in kleinen Betrieben bis in die 80er. Und neue Jobs entstanden \u2013 allerdings \u00fcberwiegend gering qualifizierte. Auch Kim Moody zeigt anhand der USA, dass Jobverluste niedriger ausfielen als angenommen. Er hat eine theoretische Erkl\u00e4rung daf\u00fcr: kapitalistische Akkumulation. Es komme weniger darauf an, ob eine T\u00e4tigkeit durch eine neue Technik automatisiert werden k\u00f6nne. Entscheidend sei, ob deren Einsatz profitabel sei.<\/p>\n<h2>Marxy Marx<\/h2>\n<p>Moody erkl\u00e4rt die Ab- oder Zunahme der Besch\u00e4ftigung deshalb nicht unmittelbar mit dem nur langsamen Einsatz von Robotern. Wichtig seien Schwankungen an den Absatzm\u00e4rkten und Methoden der Arbeitsintensivierung. \u201eAllgemein gesagt ist nach wie vor der Umfang der Produktion und der Verk\u00e4ufe, also der Realisierung von Mehrwert, ein entscheidender Faktor des Besch\u00e4ftigungsniveaus.\u201c<\/p>\n<p>Ein marxistische Ansatz pr\u00e4gt die meisten Beitr\u00e4ge. Florian Butollo und Sabine Nuss gehen vom Begriff der Produktivkraft aus. Die sei kein Selbstzweck, sondern Mittel der Kapitalakkumulation. Die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte sei nicht exogen, sondern in das Kapitalverh\u00e4ltnis eingeschrieben, Entwicklung und Einsatz neuer Technologien stark von diesem Verh\u00e4ltnis gepr\u00e4gt. Der aktuelle Technologieschub m\u00fcsse im Rahmen der Strategie des Kapitals verstanden werden. Der Produktivkraftbegriff verweist \u201edie Digitalisierung auf einen, materialistisch betrachtet, bescheideneren Platz. Sie bietet sozio-technische L\u00f6sungen, die in historisch spezifische Akkumulationsstrategien integriert werden. Sie passt sich ein in Tendenzen der Flexibilisierung, Finanzialisierung, Prekarisierung und der systemischen Rationalisierung ganzer Wertsch\u00f6pfungsketten &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Man ist aber auch nicht unkritisch gegen\u00fcber Marx. Die Historikerin Dorothea Schmidt zeigt, dass dieser selbst die Folgen der Automatisierung \u00fcbersch\u00e4tzte. So hielt etwa ein gro\u00dfer Teil der Unternehmen auch nach Erfindung der Dampfkrafttechnologie noch lange an Handarbeit fest.<\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre dieses Buches wissen wir, dass der Mainstream-Diskurs zur Automatisierung ein Technikdeterminismus ist: \u201eDer Industrie-4.0-Diskurs ist in weiten Teilen vor allem Hype und interessegeleitete Werbeveranstaltung von Kapitalseite\u201c, so Christian Meyer. Wer \u00fcber Industrie 4.0 redet, braucht \u00fcber Lean Production, niedrigere L\u00f6hne, Prekarisierung und ungleiche Verteilung von Arbeit, Zeit und Geld nicht zu sprechen. Der Digitalisierungs-Diskurs ist eine Zuchtrute f\u00fcr Lohnabh\u00e4ngige. Auch deshalb mag das Geld in der Streikkasse heute seltener klimpern. Aber bietet das digitale Zeitalter keinerlei emanzipatorisches Potenzial? Doch, zeigen Simon Schaupp und Georg Jochum. Dass der Markt am effektivsten Informationen sammeln und wirtschaftliche Prozesse steuern k\u00f6nne, war schon immer Ideologie. Obsolet in Zeiten von Big Data: Im Scho\u00dfe des kybernetischen Kapitalismus haben sich Steuerungsmittel entwickelt, die neue Formen des bed\u00fcrfnisorientierten und demokratischen Wirtschaftens erm\u00f6glichen.<\/p>\n<div class=\"placeholder-infobox clearfix\">\n<p><strong>Marx und die Roboter: Vernetzte Produktion, K\u00fcnstliche Intelligenz und lebendige Arbeit<\/strong> <em>Sabine Nuss \/ Florian Butollo<\/em> (Hrsg.), Dietz Berlin 2019, 352 S., 20 \u20ac<\/p>\n<p>aus: der freitag, <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/druck-weicht-nicht\">Ausgabe 36\/2019<\/a>, 4.9.2019<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roboter ver\u00e4ndern alles. Und selbstredend sind Jobs in Gefahr. Ein Sammelband untersucht den Mythos Wuppertal, M\u00e4rz 1978: Die IG Druck und Papier streikt. Ein Modellschreiner fragt einen Streikposten, was die Druckarbeiter gegen die Einf\u00fchrung neuer Technologien h\u00e4tten. 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