{"id":1414,"date":"2019-10-22T11:21:51","date_gmt":"2019-10-22T09:21:51","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1414"},"modified":"2019-12-16T11:25:19","modified_gmt":"2019-12-16T10:25:19","slug":"sekt-hat-das-sagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1414","title":{"rendered":"Sekt hat das Sagen"},"content":{"rendered":"<p><strong>J\u00f6rg Fausers Kolumnen f\u00fcr das Berliner Stadtmagazin \u00abTip\u00bb sind politisch nicht leicht einzuordnen<\/strong><\/p>\n<p>War J\u00f6rg Fauser ein Rechter, ein Vordenker der AfD? Er gilt doch gemeinhin als Rebell des Literaturbetriebs, als Kneipenliterat mit sympathisierendem Blick auf die Underdogs oder als Vorl\u00e4ufer der Pop-Literatur. Aber nicht als Rechter.<\/p>\n<p>Und doch wird genau diese Frage im Nachwort des Bandes \u00abCaliban Berlin. Kolumnen 1980 &#8211; 84\u00bb aufgeworfen. Der Band ist Teil der Fauser-Werkausgabe, die der Diogenes-Verlag neu herausgibt. Er versammelt die Kolumnen, die Fauser unter dem Pseudonym \u00abCaliban\u00bb f\u00fcr das Berliner Stadtmagazin \u00abTip\u00bb verfasste. Im Nachwort fragt der Fauser-Biograf Ambros Waibel: \u00abW\u00e4re Fauser heute vielleicht eine Art Matthias Matussek?\u00bb<!--more--><\/p>\n<p>Der Stein des Ansto\u00dfes ist vor allem eine Stelle, in der Fauser auf Bo Gritz eingeht, einen US-Offizier, der in den 1980er Jahren in abenteuerlichen Missionen beweisen wollte, dass in Laos und Vietnam noch US-Gefangene einsitzen: In der Kolumne \u00abClint Eastwood ist Hamlet\u00bb ist etwa die Rede von einer \u00absterilen Kopf- und Zopfwelt einer von Feminismus und \u00e4hnlichen Gesinnungsdiktaturen genormten Kultur\u00bb.<\/p>\n<p>Feminismus als \u00abGesinnungsdiktatur\u00bb? &#8211; ja, das k\u00f6nnten die von der AfD auch unterschreiben. Die rechtsextreme Zeitung \u00abJunge \u00bbFreiheit\u00ab hat es schon getan und sich positiv insbesondere auf Fausers Dissidententum bezogen, der Ex-Maoist und heutige Identit\u00e4ren-Sympathisant Matussek ebenso. Die Journalistin Katja Kullmann spricht schon von einem neuen Schwenk in der Fauser-Rezeption: der rechten Vereinnahmung.<\/p>\n<p>\u00bbCaliban Berlin\u00ab bietet eine hervorragende M\u00f6glichkeit, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. In der Tat wurde besagte Eastwood-Kolumne schon damals scharf kritisiert. Von faschistoiden Dschungel-Kriegsabenteuern \u00bbals das, was M\u00e4nnern einmal Spa\u00df gemacht hat\u00ab, ist in einer Leserzuschrift an die \u00bbTip\u00ab-Redaktion die Rede. Fauser setzt sich mit dieser Kritik auseinander und bekennt in der Tat Irritierendes: zum Beispiel ein konservativer Mensch und an \u00bbKameradschaft\u00ab interessiert zu sein. Und er schlie\u00dft sich George Orwell an, der die Linke eindringlich davor gewarnt haben soll, Begriffe wie Kameradschaft, Treue, Mut, Ehre, W\u00fcrde, Nation oder Kampf preiszugeben.<\/p>\n<p>Da darf man allerdings gern anderer Meinung sein, wie auch bei Fausers Sozialstaatskritik. Er bekennt, den Gr\u00fcnen ihren Widerstand gegen die schon Anfang der 80er Jahre geplante Volksz\u00e4hlung nicht so recht abzunehmen. Und w\u00f6rtlich: \u00bbSind es nicht sie, die sich starkmachen f\u00fcr den totalen Ausbau des Sozialstaates? Sozialstaat hei\u00dft aber auch Statistik, hei\u00dft Plan, hei\u00dft Kontrolle und Wohlfahrtskomitee.\u00ab Mit Blick auf den sp\u00e4teren Neoliberalismus in der BRD, den der 1987 im Alter von 43 Jahren verstorbene Fauser nicht mehr miterlebte, stellt sich indes die Frage: K\u00f6nnte seine linksradikal anmutende Sozialstaatskritik nicht auch von Neoliberalen geteilt werden, die den Abbau des Sozialstaates vorangetrieben haben?<\/p>\n<p>Fauser selbst findet an anderer Stelle durchaus lobende Worte f\u00fcr den Ausbau des Sozialstaates: \u00bbWas da seit 1969 scheibchenweise an sozialen Erleichterungen in Gang gesetzt wurde (&#8230;), das hei\u00dft also an M\u00f6glichkeiten, am Leben teilzunehmen, an Kultur, das hat zur Versch\u00f6nerung und zur Verbesserung des deutschen Milieus bis in die miefigsten Ecken der Provinz mehr beigetragen, als es der politischen Rechten lieb sein konnte.\u00ab Und so kann man noch mehrere Stellen anf\u00fchren, die mal als Argument f\u00fcr, mal als eines wider den rechten Fauser gelesen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ambros Waibel meint nach Hinweis auf eine Briefstelle, in der Fauser 1976 das Schweigen in der Zeitung \u00fcber den Jahrestag der Reichspogromnacht kritisiert: \u00bbDieser Fauser h\u00e4tte sich mit den die Gr\u00e4uel der Nazis relativierenden AfD-Leuten und ihren nazistischen Schl\u00e4gern im Hintergrund nie und nimmer eingelassen.\u00ab Und wenn einer mit Blick auf die gef\u00e4lschten Hitler-Tageb\u00fccher schreibt: \u00bbOhne Scham vor ihrer Geschichte haben die Deutschen nach 50 Jahren ihren Hitler wieder gro\u00df rausgebracht; statt in diesem Jahr die Geschichte der Opfer zu schreiben\u00ab, so kann man sich dessen sicher sein.<\/p>\n<p>Fauser selbst hat sich \u00fcbrigens einmal als \u00bbAnarcho-Monarchist\u00ab bezeichnet. Ein Widerspruch in sich. Aber es sind doch gerade die Widerspr\u00fcche, die das Werk eines Autors interessant machen. Und davon findet man in den Caliban-Kolumnen jede Menge. Vor allem so wunderbare Formulierungen wie: \u00bbden Himmel zwischen den Slips, die an den W\u00e4scheleinen schaukeln\u00ab oder: \u00bbder ganze Plunder, den die Stadt aufs Land kippt, um es sich einzuverleiben\u00ab. Oder eine hervorragende Anti-Sekt-Polemik: \u00bbOb im Fr\u00fchausschank oder beim Art-Director, ob im Bummelzug oder im Airbus, Sekt hat das Sagen, dieser miese Muntermacher, der genau jene Gem\u00fctslage herstellt, in der man die Deutschen schon immer am meisten zu f\u00fcrchten hatte: Stimmung.\u00ab<\/p>\n<p><em>J\u00f6rg Fauser: Caliban Berlin: Kolumnen 1980\u201384. Diogenes, 368 S., geb., 24 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1127015.buchmesse-frankfurt-main-sekt-hat-das-sagen.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 15.10.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00f6rg Fausers Kolumnen f\u00fcr das Berliner Stadtmagazin \u00abTip\u00bb sind politisch nicht leicht einzuordnen War J\u00f6rg Fauser ein Rechter, ein Vordenker der AfD? 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