{"id":1417,"date":"2019-11-20T11:25:44","date_gmt":"2019-11-20T10:25:44","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1417"},"modified":"2019-12-16T11:28:30","modified_gmt":"2019-12-16T10:28:30","slug":"kurdisches-guernica","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1417","title":{"rendered":"Kurdisches Guernica"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Schwarz sticht ins Auge: Paolo Pellegrins Kriegsfotografien in den Hamburger Deichtorhallen<\/strong><\/p>\n<p>Das Genre der Kriegsfotografie kann man eng und weit fassen. Der italienische Fotograf Paolo Pellegrin fasst es weit. Nicht nur Panzer, Zerst\u00f6rungen und Fl\u00fcchtlinge sind auf den Fotos der Hamburger Schau \u00bbUn\u2019 Antologia\u00ab zu sehen, sondern auch Bilder vom Krieg gegen die Natur und vom Krieg der Reichen gegen die arme Klasse, der sich oft als \u00bbRassen\u00ab-Krieg maskiert.<!--more--><\/p>\n<div id=\"ArticleContentAd\" class=\"Content-Ad\">\n<div class=\"AdsCt\">\n<div id=\"Ad-1205\" class=\"Ad-Inner\">Betritt man die Werkschau des 1964 geborenen, vielfach ausgezeichneten Kriegs- und Dokumentarfotografen, sticht sofort ins Auge: Es dominiert die Farbe Schwarz. Die Bilder kommen bis auf wenige Ausnahmen ohne Farbe aus &#8211; und sie h\u00e4ngen an schwarzen W\u00e4nden. Sodann f\u00e4llt auf, dass die Fotos ohne Texttafeln pr\u00e4sentiert werden. Sie sollen f\u00fcr sich sprechen. Das bricht mit den Konventionen des Fotojournalismus, die Angaben zum Ort, zur Zeit der Aufnahme verlangen. Somit verl\u00e4sst der der renommierten Fotoagentur Magnum angeh\u00f6rende Pellegrin in Hamburg das fotojournalistische Genre und begibt sich auf k\u00fcnstlerisches Terrain. Dazu passt, dass die Ausstellung nicht ausschlie\u00dflich kuratiert wurde. Pellegrin selbst w\u00e4hlte die Fotos aus und nahm Einfluss auf Anordnung und Pr\u00e4sentation. Urspr\u00fcnglich schwebten Pellegrin sogar schwarz gehaltene G\u00e4nge vor, in denen seine Bilder gezeigt werden sollten. Das wurde aus welchen Gr\u00fcnden auch immer nicht realisiert. Doch der Eindruck ist ohnehin schon bedr\u00fcckend genug.<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Zu Beginn der Schau sieht man klassische Kriegsfotos. Einen Panzer, an dem Soldaten lehnen, die H\u00e4nde vor dem Gesicht. Offenbar trauern sie. Wie ein Blick in das Begleitheft verr\u00e4t, um einen gefallenen kurdischen Peschmerga-Kameraden. Auf einer anderen Fotografie ist ein kniender Mann mit verbundenen Augen und zur Fratze verzogenem Mund zu sehen. Zwei Fotos weiter: M\u00e4nner mit Gewehren, die auf den vermutlich zu Exekutierenden gerichtet sind. Ob die Bilder tats\u00e4chlich dieselbe Szene zeigen? Wir wissen es nicht, stellen aber diesen Zusammenhang her.<\/p>\n<p>Die Anordnung dieser und zahlreicher weiterer Fotos, die den Kampf der kurdischen Peschmerga gegen den \u00bbIslamischen Staat\u00ab zeigen, erinnern an Pablo Picassos weltber\u00fchmtes Antikriegsbild \u00bbGuernica\u00ab von 1937. Pellegrin stellt in der Schau noch weitere kunsthistorische Bez\u00fcge her: Das Foto von Erma, Mitglied einer in Rom lebenden bosnischen Roma-Familie, erinnert an Jan Vermeers \u00bbDas M\u00e4dchen mit dem Perlenohrgeh\u00e4nge\u00ab, andere sind unverkennbar Referenzen an die christlich-abendl\u00e4ndische Kunst. Pellegrin ist gl\u00e4ubiger Katholik. Denkbar, dass ihn sein Glaube auch mit gewisser Sympathie auf einen nachts betenden Salafisten in \u00c4gypten blicken l\u00e4sst. Sein Portr\u00e4t des Mannes mit geschlossenen Augen dr\u00fcckt Ergriffenheit aus und ist riesengro\u00df zu sehen. Ein irritierender Anblick. Auf der R\u00fcckseite \u00fcbrigens &#8211; ebenfalls gro\u00dfformatig &#8211; ein zerst\u00f6rtes Geb\u00e4ude in der Hisbollah-Hochburg in Beirut.<\/p>\n<p>Pellegrin zeigt trauernde Menschen auf beiden Seiten der sich Bekriegenden. Die Bilder beziehen somit keine Stellung f\u00fcr eine Kriegspartei, sondern gegen den Krieg an sich, lassen sich als universalistische pazifistische Antikriegsbilder deuten.<\/p>\n<p>Den Krieg der Reichen gegen die arme Klasse zeigt Pellegrin mit Bildern aus den USA, mehrere aus Rochester. Einst besch\u00e4ftigte der Film- und Fotohersteller Kodak hier 60 000 Menschen. Als die Firma 2012 Insolvenz beantragen musste, wurden viele erwerbslos, das soziale Elend breitete sich aus &#8211; und dieses hat oft ein schwarzes Antlitz. Denn von Arbeitslosigkeit in den USA sind \u00fcberproportional People of Color betroffen, von rassistischer Diskriminierung und Gewalt ohnehin. Pellegrin lichtet eine Mutter mit Kindern ab, das erinnert an \u00bbMigrant Mother\u00ab von Dorothea Lange aus der Gro\u00dfen Depression. Gezeigt werden verhaftete Afroamerikaner und Sexarbeiterinnen auf trostlosen, leeren Stra\u00dfen sowie verfallene Geb\u00e4ude. Der Kurzfilm \u00bbBorderline\u00ab schneidet diese Bilder spektakul\u00e4r zusammen. Ein weiterer, \u00bbMigrants\u00ab, zeigt Pellegrins Aufnahmen von Gefl\u00fcchteten auf der griechischen Insel Lesbos oder in Tunesien.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend viele Bilder menschliche Gef\u00fchle angesichts von Gefahr, Leid und Zerst\u00f6rungen festhalten, sind Pellegrins Naturaufnahmen ein Kontrapunkt. Sie zeigen, dass Krieg, Gewalt und Grenzz\u00e4une der Sch\u00f6nheit der Natur nichts anhaben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vom Krieg gegen die Natur erz\u00e4hlt das Zentrum von \u00bbUn\u2019 Antologia\u00ab. Es ist komplett in Wei\u00df gehalten. Wei\u00dfer Fu\u00dfboden, wei\u00dfe W\u00e4nde und eine Installation, die an einen Eisberg erinnert. Zu sehen sind etwa NASA-Fotos von der Antarktis, mit der die Folgen des Klimawandels wissenschaftlich erforscht werden. Die Antarktis &#8211; schneewei\u00df, im allgemeinen Bewusstsein von menschlicher Zerst\u00f6rung noch unber\u00fchrt, wenngleich auch hier bereits Mikroplastik gefunden wurde. Pellegrin zeigt in der Installation Autobiografisches. Notizen aus Tageb\u00fcchern, Skizzen, Cover von renommierten internationalen Zeitschriften mit seinen Bildern, Kontaktabz\u00fcge seiner Arbeiten. Seine Arbeitsweise wird so ein St\u00fcck weit nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Pellegrin geht es nicht darum, ein Foto zu ergattern. \u00bbStattdessen\u00ab, so sagt er, \u00bbbin ich daran interessiert, mit den Menschen, die ich fotografiere, so weit wie m\u00f6glich zusammenzuleben.\u00ab Er geht anthropologisch vor: \u00bbIch finde gerne Themen und Motive, um meine Geschichten zu erz\u00e4hlen.\u00ab Die gezeigten Bilder in der Hamburger Ausstellung beweisen dies eindr\u00fccklich. Allerdings geht ein Teil des k\u00fcnstlerischen Konzeptes &#8211; der Verzicht auf Texttafeln &#8211; nur bedingt auf. Denn am st\u00e4rksten ber\u00fchren die Dutzenden kleinformatigen Fotografien, die Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinenser zeigen, die w\u00e4hrend der israelischen Operation \u00bbCast Lead\u00ab 2009 f\u00fcrs Leben gezeichnet wurden. So zum Beispiel der zur Zeit der Aufnahme 2012 sechs Jahre alte Mohammed Al Kabani. Im Alter von drei erlitt er schwere Verbrennungen durch kochendes \u00d6l, das seine Mutter auf dem Herd hatte, als das Haus von Granatfeuer getroffen wurde. Drei Jahre sp\u00e4ter konnte er noch nicht wieder richtig schlafen &#8211; die Schmerzen zu stark.<\/p>\n<p><em>\u00bbPaolo Pellegrin, Un\u2019 Antologia. Werkschau des Magnum-Fotografen\u00ab, bis 1. M\u00e4rz 2020, Deichtorhallen Hamburg, Haus der Fotografie, Deichtorstr. 1-2, Hamburg-City.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1128502.kriegsfotografie-kurdisches-guernica.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 12.11.2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Schwarz sticht ins Auge: Paolo Pellegrins Kriegsfotografien in den Hamburger Deichtorhallen Das Genre der Kriegsfotografie kann man eng und weit fassen. Der italienische Fotograf Paolo Pellegrin fasst es weit. 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