{"id":1423,"date":"2020-01-28T16:08:04","date_gmt":"2020-01-28T15:08:04","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1423"},"modified":"2020-01-29T16:10:53","modified_gmt":"2020-01-29T15:10:53","slug":"wieder-struempfe-stopfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1423","title":{"rendered":"Wieder Str\u00fcmpfe stopfen?"},"content":{"rendered":"<h2>Der Technikhistoriker Wolfgang K\u00f6nig macht sich Gedanken, wie man die Wegwerfgesellschaft \u00fcberwinden kann<\/h2>\n<p>\u00bbIch will nicht, dass du in diesem Haus Str\u00fcmpfe flickst! Wirf sie weg!\u00ab Mit diesen Worten herrscht Willy Loman, Hauptfigur in Arthur Millers Roman \u00bbTod eines Handlungsreisenden\u00ab, seine Frau an. Die Aufforderung, Alltagsgegenst\u00e4nde nicht zu flicken, sondern neu zu kaufen, wurde in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in den industrialisierten Staaten zu einem Kennzeichen der Mittelschicht. Der Imperativ zum Wegwerfen hat freilich die Folge, dass immer mehr M\u00fcll entsteht.<!--more--><\/p>\n<p>Die Herausbildung und Geschichte dieser \u00bbWegwerfgesellschaft\u00ab skizziert Wolfgang K\u00f6nig in seinem neuen Buch. Der Technikhistoriker definiert diese als \u00bbextreme Erscheinung und Ausw\u00fcchse der Konsumgesellschaft\u00ab. Sein knappes Buch konzentriert sich auf Deutschland, gelegentlich wird der Blick auf die USA geworfen &#8211; dem Ursprungsland vieler Wegwerfprodukte.<\/p>\n<p>Ein Blick auf die M\u00fcllmengen in Deutschland zeigt, dass diese im Zuge des sogenannten Wirtschaftswunders explosionsartig angestiegen sind. Ab den 1980er Jahren flachte die Zunahme etwas ab, was mit erh\u00f6hten Recyclingbem\u00fchungen zusammenh\u00e4ngt. Nichtsdestotrotz: Deutschland hat im europ\u00e4ischen Vergleich mit das h\u00f6chste Abfallaufkommen pro Kopf. Das steht in Widerspruch zum relativ hohen Umweltbewusstsein. Zu erkl\u00e4ren ist dies damit, dass die BRD eines der h\u00f6chsten Produktions- und Konsumniveaus hat. Wo viel hergestellt und verbraucht wird, wird eben auch viel weggeworfen. Das ist die im Untertitel des Buches angesprochene Kehrseite des Konsums.<\/p>\n<p>Der Fokus auf diesen k\u00f6nnte bedeuten, dass die Schuld an den M\u00fcllbergen beim Konsumenten gesehen wird. Ganz so einfach macht es sich K\u00f6nig jedoch nicht. \u00bbDie Produzenten und Konsumenten wirkten bei der Entwicklung der Wegwerfgesellschaft eintr\u00e4chtig zusammen\u00ab, schreibt er. F\u00fcr die Unternehmen bedeutet schnelleres Wegwerfen mehr Umsatz und folglich mehr Profite. F\u00fcr die Konsumenten bedeutet es Komfort und Bequemlichkeit. Str\u00fcmpfe m\u00fcssen eben nicht mehr m\u00fchselig gestopft werden, sondern werden neu gekauft &#8211; heute per Smartphone vom Sofa aus.<\/p>\n<p>K\u00f6nigs Buch lebt von den vielen Beispielen. So wurde das Bestreben von Firmen, einen l\u00e4nger haltbaren Nylonstrumpf zu entwickeln, von den K\u00e4uferinnen nicht gesch\u00e4tzt. Die erh\u00f6hte Festigkeit ging auf Kosten des Tragekomforts und der Eleganz; die Frauen verschm\u00e4hten ihn. K\u00f6nig schreibt in seinem Kapitel \u00fcber Mode, die Frau als \u00bbKonsumk\u00e4uferin\u00ab habe sich zu einem \u00bbdynamisierenden Wirtschaftselement\u00ab entwickelt. Nicht nur hier wird dann doch bei der Schuldfrage der Fokus auf die Verbraucher gelegt. Das steht im Widerspruch zur Aussage, wonach Produzenten und Konsumenten bei der Entwicklung zusammenwirkten und zu den in K\u00f6nigs Buch aufgef\u00fchrten Zahlen zu den verschiedenen M\u00fcllsorten: Siedlungsabf\u00e4lle, wozu auch der Hausm\u00fcll der Konsumenten geh\u00f6rt, machen lediglich 14 Prozent der Gesamtmenge aus. Der Rest sind Industrieabf\u00e4lle, vor allem Bauschutt. \u00dcber diese spricht K\u00f6nig wenig &#8211; zugegeben, das ist auch nicht seine Absicht. Dennoch entsteht so ein einseitiger Fokus. K\u00f6nigs Buch weicht hier nicht vom vorherrschenden Konsens ab, der die \u00d6kologiefrage individualisiert von der Konsumentenseite her betrachtet.<\/p>\n<p>Gibt es Auswege aus der Wegwerfgesellschaft? Bei dieser Frage r\u00e4umt K\u00f6nig auf mit der Hoffnung, dass es irgendwann einmal eine vollkommene Kreislaufwirtschaft geben kann, in der alles recycelt wird. Diese sei schlicht nicht m\u00f6glich, schreibt er. Das h\u00e4tte man sich etwas ausf\u00fchrlicher gew\u00fcnscht angesichts der hohen Erwartungen, die Politik, Wissenschaft und Publizistik in die Kreislaufwirtschaft setzen. Ebenso relativiert er die Hoffnung, technischer Fortschritt k\u00f6nne durch Effizienzsteigerungen Auswege aus der Wegwerfgesellschaft weisen. Problem hierbei: Effizienzsteigerungen seien nur bei neuen Technologien m\u00f6glich, bei ausgereiften falle es schwer. Unsere Gesellschaft benutze aber eine riesige Menge alter Technologien.<\/p>\n<p>Auswege aus der Wegwerfgesellschaft sieht K\u00f6nig dennoch. Die Handlungsanweisungen lauten: \u00bbweniger produzieren, konsumieren und wegwerfen sowie Produkte l\u00e4nger nutzen\u00ab. Also doch wieder Str\u00fcmpfe stopfen und Stofftaschent\u00fccher nutzen? Die Einbu\u00dfe an Komfort l\u00e4sst das nicht gerade realistisch erscheinen. Aber sind das nicht auch wieder die falschen Beispiele? Weniger zu produzieren &#8211; w\u00e4re das aber nicht nur dann denkbar, wenn es gesetzliche Vorgaben f\u00fcr die Produzenten g\u00e4be?<\/p>\n<p><i>Wolfgang K\u00f6nig: Geschichte der Wegwerfgesellschaft. Die Kehrseite des Konsums, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2019, 168 S., 21,90 Euro.<\/i><\/p>\n<p>aus: neues deutschland, <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1131813.wegwerfgesellschaft-wieder-struempfe-stopfen.html\">22.01.2020<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Technikhistoriker Wolfgang K\u00f6nig macht sich Gedanken, wie man die Wegwerfgesellschaft \u00fcberwinden kann \u00bbIch will nicht, dass du in diesem Haus Str\u00fcmpfe flickst! 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