{"id":1438,"date":"2020-03-27T15:31:56","date_gmt":"2020-03-27T14:31:56","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1438"},"modified":"2020-03-27T15:31:56","modified_gmt":"2020-03-27T14:31:56","slug":"wenn-finanzanleger-tote-zaehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1438","title":{"rendered":"Wenn Finanzanleger Tote z\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mithilfe von Anleihen sollen in armen L\u00e4ndern beim Ausbruch von Pandemien Menschenleben gerettet werden. Doch auch im Fall des Coronavirus d\u00fcrften am Ende die Investoren die zynischen Wetten gewinnen.<\/strong><\/p>\n<p>Den \u00e4rmsten Staaten im Fall von Seuchen und Pandemien fr\u00fchzeitig und umfassend helfen: So lautete das grosse Versprechen der Weltbank, als sie 2017 Pandemieanleihen auf den Weg brachte. Mit der globalen Verbreitung des Coronavirus sind diese Anlagevehikel in den Fokus einer breiteren \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt. Und damit auch die Frage: Halten die Wertpapiere tats\u00e4chlich, was sie versprechen?<!--more--><\/p>\n<p>Der Hintergrund f\u00fcr die Schaffung der Pandemieanleihen war die Erfahrung der Ebolaepidemie mit \u00fcber 11\u2009000\u00a0Toten in mehreren afrikanischen L\u00e4ndern. Als sie 2016 f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt wurde, kritisierte Jim Yong Kim, damaliger Pr\u00e4sident der Weltbank, das \u00abkollektive Versagen\u00bb der Weltgemeinschaft. Zu langsam sei die Hilfe angelaufen, zu gering sei sie ausgefallen. Um Abhilfe zu schaffen, richtete die Weltbank die Pandemic Emergency Financing Facility (PEF) ein, einen Soforthilfefonds f\u00fcr Seuchenkrankheiten wie Ebola, das Lassafieber oder auch Coronaviren (siehe <a title=\"Wetten auf den Seuchentod\" href=\"https:\/\/www.woz.ch\/1727\/g20-gipfel\/wetten-auf-den-seuchentod\">WOZ Nr. 27\/2017<\/a>).<\/p>\n<p>Die Wertpapiere, die aufgrund dieser Entstehungsgeschichte auch \u00abEbola-Bonds\u00bb genannt werden, sind Wetten gegen Pandemien. Sie funktionieren \u00e4hnlich wie die schon l\u00e4nger existierenden Katastrophen-Bonds, die Cat-Bonds. Ein Investor zeichnet dabei eine Anleihe von einem Versicherungsunternehmen oder R\u00fcckversicherer f\u00fcr eine bestimmte Zeit. Tritt in diesem Zeitraum die definierte Katastrophe nicht ein, bekommt der Investor sein Geld zur\u00fcck. Tritt sie jedoch ein, muss er auf einen Teil seines Geldes oder auf alles verzichten. Als Ausgleich f\u00fcr das Risiko erh\u00e4lt der Investor einen Zins. Die Wertpapiere sind weder f\u00fcr PrivatanlegerInnen konstruiert, noch werden sie an einer B\u00f6rse gehandelt, sondern richten sich an institutionelle Investoren wie Pensionskassen oder Hedgefonds. Die Mindestanlage liegt bei 250\u2009000 US-Dollar.<\/p>\n<h4>Pech f\u00fcr den Kongo<\/h4>\n<p>Bei den Pandemieanleihen emittierte die Weltbank mit den deutschen und Schweizer R\u00fcckversicherern Munich Re beziehungsweise Swiss Re Anleihen in zwei Tranchen im Wert von insgesamt 320\u00a0Millionen Dollar. Pensionskassen, Stiftungen und Verm\u00f6gensverwalter rissen sich f\u00f6rmlich um die Wertpapiere. Der Grund liegt in den vergleichsweise \u00fcppigen Zinsen von teils \u00fcber zehn Prozent, f\u00fcr die es zudem noch von Deutschland, Australien und Japan eine Garantie gab.<\/p>\n<p>2018 gerieten die Pandemieanleihen erstmals in die Kritik. Damals brach erneut das Ebolavirus aus\u00a0\u2013 diesmal im Kongo. Mehrere Tausend Menschen erkrankten, \u00fcber 2000 starben. Es war der zweitschwerste Ausbruch der Erkrankung, doch es floss kein Geld, das durch die Ebola-Bonds eingesammelt worden war. Denn das Kleingedruckte der Anleihen besagt: Geld gibt es erst, wenn die Krankheit die Landesgrenze zu zwei Nachbarstaaten \u00fcberschreitet und dort binnen eines bestimmten Zeitraums mindestens zwanzig Opfer zu beklagen sind. Mit Uganda breitete sich die Krankheit aber in lediglich ein Nachbarland der Demokratischen Republik Kongo aus, wo auch weniger als zwanzig Menschen starben: Pech f\u00fcr den Kongo, Gl\u00fcck f\u00fcr die Investoren. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat das Coronavirus offiziell noch nicht zur Pandemie erkl\u00e4rt. Die FinanzmanagerInnen d\u00fcrften allerdings bereits die Toten z\u00e4hlen. Gem\u00e4ss den Kriterien des Fonds m\u00fcssen mindestens acht Entwicklungsl\u00e4nder betroffen und 2500 Menschen gestorben sein, damit sie zahlen m\u00fcssen. Auf den knapp 400 Seiten der Fondsbestimmungen werden weitere Kriterien exakt definiert: so etwa, dass die Gelder erst drei Monate nach Ausbruch einer Epidemie fliessen d\u00fcrfen. Ob die Wette der Investoren auch beim Coronavirus aufgeht, wird sich bald zeigen. Mitte M\u00e4rz soll entschieden werden, ob Entwicklungsl\u00e4nder Geld aus den Anleihen erhalten.<\/p>\n<h4>\u00abFinanzielle Verbl\u00f6dung\u00bb<\/h4>\n<p>Olga Jonas, eine Gesundheits\u00f6konomin, die lange f\u00fcr die Weltbank arbeitete, bezweifelt dies angesichts der \u00abverworrenen Kriterien\u00bb. Es sei nicht klar, ob \u00fcberhaupt Geld ausgezahlt werde. \u00abEs ist obsz\u00f6n, dass die Weltbank die Anleihen auf diese Weise eingerichtet hat. Sie wartet ab, w\u00e4hrend Menschen sterben.\u00bb<\/p>\n<p>Unsinn sind die Pandemieanleihen aufgrund der Entwicklung der Kapitalm\u00e4rkte ohnehin: Dort wird zumindest den Industriestaaten das Geld hinterhergeworfen, Mittel zur Bek\u00e4mpfung des Coronavirus w\u00e4ren somit g\u00fcnstiger und schneller zu haben. Von \u00abfinanzieller Verbl\u00f6dung\u00bb sprach denn auch Larry Summers, ehemaliger Chefvolkswirt der Weltbank.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2011\/finanzkapitalismus\/wenn-anleger-tote-zaehlen\">WOZ,<\/a> Nr. 11, 12.3.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mithilfe von Anleihen sollen in armen L\u00e4ndern beim Ausbruch von Pandemien Menschenleben gerettet werden. Doch auch im Fall des Coronavirus d\u00fcrften am Ende die Investoren die zynischen Wetten gewinnen. 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