{"id":1443,"date":"2020-03-17T15:37:16","date_gmt":"2020-03-17T14:37:16","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1443"},"modified":"2020-03-27T15:39:28","modified_gmt":"2020-03-27T14:39:28","slug":"was-sind-pandemie-anleihen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1443","title":{"rendered":"Was sind Pandemie-Anleihen?"},"content":{"rendered":"<p>Es klingt nach einer genialen Idee, fragt sich nur f\u00fcr wen. Als die Ebola-Epidemie mit \u00fcber 11.000 Toten in mehreren afrikanischen L\u00e4ndern 2016 f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt wurde, kritisierte der damalige Weltbankpr\u00e4sident Jim Yong Kim das \u00bbkollektive Versagen\u00ab der Weltgemeinschaft. Zu langsam und zu wenig sei an Hilfe geleistet worden. Um Abhilfe bei zuk\u00fcnftigen Pandemien zu schaffen, legte die Weltbank 2017 eine sogenannte Pandemic Emergency Financing Facility (PEF) auf, einen Soforthilfe-Fonds f\u00fcr Seuchenkrankheiten wie Ebola, das Lassafieber oder Coronaviren. <!--more--><\/p>\n<p>Herzst\u00fcck des Fonds sind die sogenannten Pandemie-Anleihen. Kim sparte nicht mit gro\u00dfen Worten: \u00bbWir verlassen nun den Zyklus der Panik und Vers\u00e4umnisse.\u00ab Der PEF sei ein bedeutender Schritt, der \u00bbMillionen Menschen retten und Volkswirtschaften vor einer der gr\u00f6\u00dften Bedrohungen der Menschheit bewahren kann\u00ab.<\/p>\n<p>Was aber sind Pandemie-Anleihen, und wie funktionieren sie? Im Grunde \u00e4hnlich wie die schon seit 1994 existierenden Katastrophen-Bonds. Ein Investor zeichnet eine Anleihe von einem Emittenten, meist Versicherungsunternehmen oder R\u00fcckversicherer, f\u00fcr eine bestimmte Zeit. Tritt in diesem Zeitraum die bestimmte Katastrophe, ein Erdbeben oder eine \u00dcberschwemmung, nicht ein, bekommt der Investor sein Geld zur\u00fcck. Tritt sie jedoch ein, muss er auf einen Teil seines Geldes oder auf alles verzichten. Als Ausgleich f\u00fcr das Risiko erh\u00e4lt der Investor vom R\u00fcckversicherer einen Zins.<\/p>\n<p>Bei den Pandemie-Anleihen emittierte die Weltbank zusammen mit den deutschen und Schweizer R\u00fcckversicherern Munich Re und Swiss Re 2017 Anleihen im Wert von insgesamt 320 Millionen US-Dollar. Das Interesse war riesig. Pensionskassen, Verm\u00f6gensverwalter und Stiftungen rissen sich f\u00f6rmlich um die Wertpapiere und gaben Gebote in doppelter H\u00f6he aus. Der Grund: Die Zinsen f\u00fcr das neue Finanzprodukt sind mit bis zu elf Prozent recht \u00fcppig &#8211; zumal Deutschland, Australien und Japan zugesagt haben, f\u00fcr die Zinszahlungen zu garantieren. Das PEF enth\u00e4lt neben den Anleihen noch eine Bargeldkomponente, die vor allem von Deutschland finanziert wurde<\/p>\n<p>Die Investoren m\u00fcssen dann ihr Geld abschreiben, wenn zahlreiche der auf mehreren Hundert Seiten exakt definierten Ereignisse eintreten. Diese rigiden Kriterien f\u00fchrten dazu, dass die Pandemie-Anleihen 2018 \u00f6ffentlich in Verruf gerieten. Damals w\u00fctete im Kongo das Ebola-Virus, mehrere Tausend Menschen erkrankten, \u00fcber 2.000 starben. Es war der zweitschwerste Ausbruch der Erkrankung \u00fcberhaupt. Aber es wurde kein Geld ausgezahlt, das durch die Ebola-Bonds eingesammelt worden war. Denn das Kleingedruckte der Anleihen besagt: Geld flie\u00dft erst, wenn die Seuche die Landesgrenze zu zwei Nachbarstaaten \u00fcberschreitet und dort binnen eines bestimmten Zeitraumes mindestens 20 Opfer zu beklagen sind. In Uganda, einem Nachbarland des Kongo, starben drei Menschen. Gl\u00fcck f\u00fcr die Investoren. Der Kongo erhielt lediglich 61 Millionen Dollar aus der Barreserve des PEF.<\/p>\n<p>\u00bbWenn die Welt wirklich ein Interesse daran hat, die Epidemie einzud\u00e4mmen, dann m\u00fcssen jetzt alle verf\u00fcgbaren Mittel eingesetzt werden\u00ab, forderte Gisela Schneider vom Deutschen Institut f\u00fcr \u00c4rztliche Mission 2018. Es sei ein Skandal, dass auf dem R\u00fccken der Menschen im Kongo Zinsen verdient werden.<\/p>\n<p>\u00dcberdies wird kritisiert, dass das Geld aus den Pandemie-Anleihen erst drei Monate nach Ausbruch der Epidemie ausgezahlt wird. Viel zu sp\u00e4t, sagen Mediziner*innen. Gerade bei Epidemien komme es darauf an, m\u00f6glichst schnell zu handeln, um die Ausbreitung einzud\u00e4mmen.<\/p>\n<p>Das zeigt sich nun auch im Rahmen der Corona-Krise. Noch sind die Kriterien nicht erf\u00fcllt, noch wurde kein Geld an die betroffenen \u00e4rmeren Staaten \u00fcberwiesen. Ob es \u00fcberhaupt dazu kommt, wird bezweifelt Olga Jonas, eine Gesundheits\u00f6konomin mit Vergangenheit bei der Weltbank, angesichts der \u00bbverworrenen Kriterien\u00ab. &#8211; \u00bbEs ist obsz\u00f6n, dass die Weltbank die Anleihen auf diese Weise eingerichtet hat. Sie wartet ab, w\u00e4hrend Menschen sterben.\u00ab<\/p>\n<p>Abgesehen davon machen die Pandemie-Anleihen ohnehin keinen Sinn. Industriestaaten wie Deutschland k\u00f6nnen sich in Zeiten von niedrigen Zinsen schnell und g\u00fcnstig Geld an den Kapitalm\u00e4rkten beschaffen und damit Hilfe f\u00fcr betroffene Staaten in die Wege leiten. Der Weg \u00fcber Pandemie-Anleihen ist kompliziert und teuer. Eine Studie ergab, dass bis dato mehr Geld f\u00fcr die Zinsen aufgewendet wurde als f\u00fcr von Ebola betroffene Staaten. \u00bbFinanzielle Verbl\u00f6dung\u00ab nannte das der fr\u00fchere Chefvolkswirt der Weltbank, Larry Summers. Damit ist klar: Pandemie-Anleihen sind ziemlich genial &#8211; f\u00fcr Finanzinvestoren.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik 658, 17.3.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es klingt nach einer genialen Idee, fragt sich nur f\u00fcr wen. Als die Ebola-Epidemie mit \u00fcber 11.000 Toten in mehreren afrikanischen L\u00e4ndern 2016 f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt wurde, kritisierte der damalige Weltbankpr\u00e4sident Jim Yong Kim das \u00bbkollektive Versagen\u00ab der Weltgemeinschaft. 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