{"id":1446,"date":"2020-04-30T08:38:58","date_gmt":"2020-04-30T06:38:58","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1446"},"modified":"2020-05-03T08:44:20","modified_gmt":"2020-05-03T06:44:20","slug":"wenn-ein-virus-die-wirtschaft-infiziert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1446","title":{"rendered":"Wenn ein Virus die Wirtschaft infiziert"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"article__title s-m-t-20\">Die Corona-Pandemie legt die Sollbruchstellen des neoliberalen Kapitalismus offen \u2013 erste Tendenzen der Reparaturma\u00dfnahmen zeichnen sich ab<\/h1>\n<p class=\"article__title s-m-t-20\">Die Welt hat sich in den vergangenen drei Monaten dramatisch ver\u00e4ndert\u00ab, so zitieren Medien kurz nach Ostern den Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF). Es ist nur eine von vielen Aussagen, die verdeutlichen sollen, dass die wirtschaftliche Krise infolge der Corona-Pandemie anders ist als alle anderen zuvor. IWF und Weltbank rechnen mit einer globalen Rezession. Wie tief diese sein wird, bleibt trotz zahlreicher Prognosen ein Stochern im Nebel. Wir wollen trotzdem einen Blick in die Zukunft wagen.<!--more--> Denn jenseits wirtschaftlicher Rechenexempel mit vielen Unbekannten lassen sich bereits jetzt einige Tendenzen ablesen: Der Neoliberalismus ist in erster Linie ideologisch angeschlagen, die EU riskiert weitere Schuldenkrisen, auf den Finanzm\u00e4rkten erh\u00f6ht sich die Crash-Gefahr, und die Tendenz zur Deglobalisierung verst\u00e4rkt sich.<\/p>\n<p>Es ist eine heilsame Vorstellung: dass sich Covid-19 bei aller Zerst\u00f6rungskraft auch als Beschleuniger f\u00fcr den Aufbruch in eine post-neoliberale Ordnung erweisen k\u00f6nnte. Und tats\u00e4chlich fanden in den letzten Wochen klassische linke Forderungen scheinbar von selbst Eingang in das bundesdeutsche \u00bbKrisenmanagement\u00ab.<\/p>\n<p>So wurde etwa marktwirtschaftliches Konkurrenz- und Profitstreben punktuell au\u00dfer Kraft gesetzt, und Unternehmen stellten auf eine bedarfsorientierte Produktion von Atemschutzmasken oder Desinfektionsmitteln um. Der Begriff der Systemrelevanz erhielt mit der erh\u00f6hten Anerkennung von Pfleger*innen oder Supermarktpersonal eine neue, sozial konnotierte Bedeutung. Und die Politik schn\u00fcrte mit dem \u00bbWirtschaftsstabilisierungsfond\u00ab ein milliardenschweres Hilfspaket, von dem industrielle Schl\u00fcsselunternehmen, Kleinstbetriebe, aber auch Soloselbstst\u00e4ndige, Kulturschaffende oder Eltern in Kurzarbeit profitieren sollen. Ein Schutzschirm f\u00fcr Krankenh\u00e4user wurde beschlossen, der h\u00f6here Kosten f\u00fcr den Zeitraum der Krise abfedern soll, der wankende Arbeitsmarkt durch das Kurzarbeitergeld vor\u00fcbergehend staatlich gest\u00fctzt. Das haushaltspolitische Dogma der schwarzen Null, die Schuldenbremse \u2013 beides auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Und Unternehmensverstaatlichungen erscheinen pl\u00f6tzlich als probates Mittel, um Arbeitspl\u00e4tze zu retten.<\/p>\n<h2>Der Neoliberalismus ist (noch) nicht am Ende<\/h2>\n<p>Allein: Es war nicht die Linke, die der Bundesregierung diese Ma\u00dfnahmen in die Feder diktiert hat, vieles davon ist auf \u00dcberlegungen aus der Wirtschaft zur\u00fcckzuf\u00fchren. In einem gemeinsamen <a href=\"https:\/\/www.ifo.de\/DocDL\/PM-COVID-19_2020-03-11.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gutachten<\/a> forderten mehrere Wirtschaftsinstitute schon Anfang M\u00e4rz \u2013 vor Beschluss der Hilfsma\u00dfnahmen \u2013 mehr Geld f\u00fcr den Gesundheitssektor (um die Wirtschaft schnell wieder zum Laufen zu bringen), eine St\u00fctzung des Arbeitsmarktes sowie die Aussetzung der Schuldenbremse. Sie regten zudem an, dass Unternehmen durch Nachfrage des Staates dazu gebracht werden k\u00f6nnten, dringend ben\u00f6tigte G\u00fcter wie Atemschutzmasken zu produzieren.<\/p>\n<p>Somit scheint Skepsis dringend geboten, was den potenziell transformativen Charakter der staatlichen Interventionen betrifft. F\u00fcr \u00c4rzt*innen, Pfleger*innen sowie andere \u00bbHeld*innen der Krise\u00ab werden zwar einmalige Bonuszahlungen diskutiert \u2013 von dauerhaft h\u00f6heren L\u00f6hnen oder mehr Personal ist bis dato indes kaum die Rede. Und auch die Debatte um das Instrument der Unternehmensverstaatlichung hat mit dem linken, antikapitalistischen Ziel einer Vergesellschaftung der Produktion nichts zu tun.<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Der \u00bbfreie Markt\u00ab soll nicht begrenzt, sondern vorr\u00fcbergehend staatlich protegiert werden, um ihn in seiner jetzigen Gestalt zu erhalten.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Als \u00bbultima ratio\u00ab, so ist ebenfalls in dem oben erw\u00e4hnten Gutachten zu lesen, sei analog zum Bankenrettungsschirm in der Finanzkrise 2008\/09 \u00bban Ma\u00dfnahmen zu denken, bei denen sich der Staat mit Eigenkapital an Unternehmen beteiligt\u00ab. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) d\u00fcrfte sich \u00fcber dieses Signal der Wirtschaft gefreut haben, hatte er die Idee eines Staatsfonds doch schon im letzten Jahr im Rahmen seiner \u00bbNationalen Industriestrategie\u00ab ins Spiel gebracht. (ak 647) Damals war er daf\u00fcr wegen wettbewerbspolitischer Bedenken von der Wirtschaft noch ger\u00fcgt worden.<\/p>\n<p>Im Zeichen der Krise scheint es den Unternehmen nun genehm, auf derlei Formen des Staatsinterventionismus zur\u00fcckzugreifen. Die staatliche KfW-Bank soll die Konzerne angesichts sinkender B\u00f6rsenkurse mit Liquidit\u00e4t versorgen, um sie vor feindlichen \u00dcbernahmen \u2013 etwa aus China \u2013 zu sch\u00fctzen. Der \u00bbfreie Markt\u00ab soll so nicht begrenzt, sondern vor\u00fcbergehend staatlich protegiert werden, um ihn in seiner jetzigen Gestalt zu erhalten: mit einer Unternehmensstruktur, die den gr\u00f6\u00dften wirtschaftlichen Profit und nicht den gr\u00f6\u00dften gesellschaftlichen Nutzen verspricht. V\u00f6llig offen \u2013 und wenig wahrscheinlich \u2013 ist dagegen, dass der Staat seine Eigent\u00fcmerposition nutzen wird, um Tarifvertr\u00e4ge fl\u00e4chendeckend durchzusetzen. Einzig die Zahlungen von Dividenden, Boni, Aktienpaketen oder anderen Sonderbez\u00fcgen f\u00fcr die Vorst\u00e4nde und Manager*innen (teil-)verstaatlichter Unternehmen sollen zeitweilig unterbunden werden.<\/p>\n<p>Auch im Fahrwasser der Corona-Pandemie \u2013 dies ist die schlechte Nachricht \u2013 erfolgt der \u00dcbergang in die post-neoliberale \u00c4ra kaum von selbst. Die gute Nachricht ist, dass die Bedingungen f\u00fcr eine gesamtgesellschaftliche Debatte um die fatalen Folgen der neoliberalen Profitlogik derzeit wohl besser sind als je zuvor. Denn die Wucht, mit der das Virus die wirtschaftlichen und sozialen Betriebssysteme praktisch aller Staaten zum Absturz bringt, legt die Sollbruchstellen dieser Systeme offen. Immer weniger Menschen wird einleuchten, warum dieses br\u00fcchige Fundament nun mit Milliardenhilfen wieder auf den alten Stand gebracht werden soll.<\/p>\n<h2>Die EU driftet weiter auseinander \u2013 auch finanziell<\/h2>\n<p>Um die Rettungspakete und die noch zu erwartenden Konjunkturprogramme zu finanzieren, verschulden sich die EU-Staaten neu. Daf\u00fcr setzte die EU-Kommission sogar die Schuldengrenze aus \u2013 wenige Wochen zuvor noch undenkbar. Zudem wird durch die kommende Rezession das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Staaten sinken, was ihre Schuldenquoten (Staatsschulden im Verh\u00e4ltnis zum BIP) nach oben schnellen l\u00e4sst. Das beschw\u00f6rt die Gefahr einer neuen Staatsschuldenkrise und damit das Auseinanderbrechen der Eurostaaten herauf.<\/p>\n<p>Dabei muss eine hohe Schuldenquote nicht per se ein Problem sein. Japan hat seit \u00fcber zehn Jahren eine Quote von \u00fcber 200 Prozent, gilt den Akteuren auf den Finanzm\u00e4rkten aber alles andere als ein Pleitekandidat. Anders das durch die sogenannte Eurokrise (2010\/11) arg gebeutelte Italien. Dessen Banken leiden noch immer unter verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig vielen faulen Krediten. Auf den Kreditm\u00e4rkten k\u00f6nnte das Land bald kein frisches Kapital mehr bekommen \u2013 oder nur zu hohen Zinsen.<\/p>\n<p>Um das zu verhindern, fordert die italienische Regierung im Verbund mit weiteren acht EU-Staaten die Einf\u00fchrung von gemeinschaftlichen EU-Anleihen, von Corona-Bonds. Sie w\u00e4ren ein gutes Mittel, um die Zinskosten f\u00fcr Anleihen hoch verschuldeter L\u00e4nder deutlich zu senken, w\u00e4hrend sie f\u00fcr Deutschland und andere Staaten mit wenig Schulden steigen w\u00fcrden. F\u00fcr Deutschland w\u00e4re das kein Problem, denn es bekommt f\u00fcr seine zehnj\u00e4hrigen Staatsanleihen zurzeit sogar Geld geschenkt, weil sie Geldanlegern als sicherer Hafen gelten. Seit der Finanzkrise von 2008, dem Beginn der Niedrigzinsphase, hat der deutsche Staatshaushalt Abermilliarden an Zinskosten gespart, die letzte Sch\u00e4tzung belief sich auf 440 Milliarden Euro.<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>W\u00e4hrend sich Deutschland Hilfspakete von \u00fcber einer Billion Euro genehmigt, sollen f\u00fcr den Rest der EU nicht mal die H\u00e4lfte reichen.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Das ist fast so viel Geld wie das von den EU-Finanzminister*innen nach z\u00e4hem Ringen Anfang April geschn\u00fcrte Hilfspaket zur Bew\u00e4ltigung der Corona-Pandemie. Dieses bel\u00e4uft sich auf eine halbe Billion Euro und besteht aus Krediten aus dem Euro-Rettungsschirm (ESM), B\u00fcrgschaften der Europ\u00e4ischen Investitionsbank sowie Krediten der EU-Kommission f\u00fcr Kurzarbeitergeld. Anlass zu heftigem Streit war die Frage, ob die ESM-Kredite mit harten Spar- und Reformauflagen verbunden werden sollten. \u00dcber deren Umsetzung hatte in der Eurokrise die verhasste Troika gewacht.<\/p>\n<p>Offiziell hei\u00dft es, dass die Bedingung zun\u00e4chst lediglich die sei, die Kredite in H\u00f6he von maximal zwei Prozent des BIP f\u00fcr die erh\u00f6hten Kosten infolge von Covid-19 im Gesundheitssystem einzusetzen. Aber: Im Papier der Minister*innen <a href=\"https:\/\/jacobin.de\/artikel\/eurogroup-coronabonds-ezb-eib-sure\/\">steht<\/a> auch das Ziel, nach dem Ende der Pandemie \u00bbdie wirtschaftlichen und finanziellen Grundlagen in einer Weise zu st\u00e4rken, die mit dem Rahmen der europ\u00e4ischen Verpflichtungen in Einklang steht\u00ab. Und da w\u00e4ren sie dann wieder: Sozialk\u00fcrzungen und Sparma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Italien und Spanien haben aus Angst vor diesem Spardiktat \u2013 in Italien auch auf Druck der mit den Sozialdemokrat*innen regierenden F\u00fcnf-Sterne-Bewegung \u2013 angek\u00fcndigt, wenn m\u00f6glich auf ESM-Kredite verzichten zu wollen. Der Streit \u00fcber Corona-Bonds d\u00fcrfte damit an Sch\u00e4rfe gewinnen, wenn die EU-Regierungschefs in K\u00fcrze dar\u00fcber entscheiden, wie der von den Finanzminister*innen beschlossene Wiederaufbaufonds finanziert werden soll.<\/p>\n<p>Fest steht, dass der gefundene Kompromiss der Finanzminister*innen kein \u00bbgro\u00dfer Tag f\u00fcr Europa\u00ab (Olaf Scholz) ist. Die beschlossenen Ma\u00dfnahmen sind zu gering. W\u00e4hrend sich Deutschland Hilfspakete von \u00fcber einer Billion Euro genehmigt, sollen f\u00fcr den Rest der EU nicht mal die H\u00e4lfte reichen. \u00dcberdies haben ESM-Kredite den Nachteil, dass sie von kurzer Laufzeit <a href=\"https:\/\/www.iwkoeln.de\/studien\/iw-kurzberichte\/beitrag\/markus-demary-juergen-matthes-hilfsinstrumente-gegen-die-corona-krise-im-vergleich-464926.html\">sind<\/a>; die L\u00e4nder st\u00fcnden daher in wenigen Jahren vor gro\u00dfen Refinanzierungsprobleme.<\/p>\n<p>Der Widerstand gegen gemeinsame Staatsanleihen und das Gezerre um die ESM-Auflagen bedrohen wohl nicht die EU an sich. Aber die Gefahr ist sehr real, dass mangelnde Solidarit\u00e4t Italien und Spanien eine neue Schuldenkrise und eine lange Phase wirtschaftlicher Depression aufzwingt. Das d\u00e4mmert selbst einigen (neo-)liberalen Wirtschaftsforscher*innen. Viele geben ihren Widerstand gegen Corona-Bonds auf und <a href=\"https:\/\/www.ifw-kiel.de\/de\/publikationen\/medieninformationen\/2020\/coronabonds-eu-gemeinschaftsanleihen-sind-bewaehrtes-kriseninstrument\/\">weisen<\/a> darauf hin, dass sie keineswegs etwas Neues w\u00e4ren. Seit den 1970er Jahren hat die Europ\u00e4ische Kommission infolge der \u00d6lkrise wiederholt Anleihen auf dem privaten Kapitalmarkt ausgegeben, die durch die Mitgliedsl\u00e4nder garantiert und an Krisenl\u00e4nder ausgesch\u00fcttet wurden.<\/p>\n<p>Das Wissen um dieses solidarische Handeln scheint mit dem Siegeszug des neoliberalen Denkens und konservativer fiskalpolitischer Ansichten versch\u00fcttet worden zu sein. Dabei erscheint der Widerstand gegen gemeinsame Anleihen auch aus \u00f6konomischer Perspektive widersinnig. Wenn etliche L\u00e4nder in eine wirtschaftliche Depression verfallen, m\u00fcssen auch die Exportnationen Deutschland und die Niederlande mit Einbu\u00dfen rechnen. Aber offenkundig ist diesen Staaten ihr Fiskal-Nationalismus wichtiger als die Idee eines gemeinsamen europ\u00e4ischen Wirtschaftsraums.<\/p>\n<h2>Das globale Finanzsystem steht auf wackeligen F\u00fc\u00dfen<\/h2>\n<p>Vorerst wurde ein Totalcrash infolge der Corona-Krise an den Finanzm\u00e4rkten abgewendet, die Panik gestoppt. Der Hauptgrund: Die Notenbanken, vorneweg die US-amerikanische FED und die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB), intervenierten massiv. Die EZB, zun\u00e4chst noch etwas z\u00f6gerlich, k\u00fcndigte an, f\u00fcr 750 Milliarden Euro Anleihen zu kaufen, darunter auch Unternehmensanleihen au\u00dferhalb des Finanzsektors (PEPP). In der Folge sank der zuvor gestiegene Zinsaufschlag (Spread; ak 639) f\u00fcr italienische Staatsanleihen wieder. Ein weiteres Mittel zur Abfederung der durch die Corona-Pandemie zu erwartenden Rezession steht der EZB nicht mehr zur Verf\u00fcgung. Seit 2016 verharrt der Leitzins bereits bei null Prozent \u2013 eine Sp\u00e4tfolge der globalen Finanzkrise von 2008\/09, nach der die \u00d6konomien nur noch ein m\u00e4\u00dfiges BIP-Wachstum hatten und sich die Gefahr von deflation\u00e4ren Tendenzen verst\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft: Die zu beobachtenden heftigen Schwankungen an den US-Anleihem\u00e4rkten zeigen, dass infolge der letzten Krise spekulative Akteure in das enorm wichtige Segment der US-Staatsanleihen vorgedrungen sind. Da aber die Geldpolitik weiter auf expansiven Kurs setzt, d\u00fcrfte sich der Druck hier noch erh\u00f6hen oder zur Blasenbildung in anderen Bereichen f\u00fchren. Marxistisch gesprochen wird die strukturelle \u00dcberakkumulation \u2013 eine Situation, in der Anspr\u00fcche auf Gewinne aus Finanzverm\u00f6gen st\u00e4rker steigen als aus der Wertsch\u00f6pfung \u2013 auf neuer Stufenleiter fortgef\u00fchrt. Mit ihren j\u00fcngsten Interventionen legen die Notenbanken somit erneut die Ausweglosigkeit des deregulierten finanzmarktgetriebenen globalen Kapitalismus offen. Tun sie nichts, kommt es zum Totalcrash, auch der Realwirtschaft. Setzen sie ihre lockere Geldpolitik fort, wird dieser vorerst vermieden, aber um den Preis eines erh\u00f6hten Crash-Potenzials.<\/p>\n<p>Auch die FED begann angesichts von Covid-19 mit beispiellosen Kaufprogrammen von Wertpapieren und intensivierte die Kreditvergabe. Zudem weitete sie ihre Vereinbarungen mit Zentralbanken anderer W\u00e4hrungsr\u00e4ume \u00fcber die Versorgung mit US-Dollar auf jetzt 14 Notenbanken aus. Sie hat damit ihre Funktion als globaler \u00bbKreditgeber der letzten Instanz\u00ab gefestigt. Diese Kreditgeberfunktion hatte sich in der letzten Krise als Rettungsanker der globalisierten Finanzm\u00e4rkte erwiesen, um die in Krisenzeiten steigende Nachfrage nach Dollar \u2013 insbesondere US-Staatsanleihen gelten als sicherer Hafen \u2013 zu befriedigen.<\/p>\n<p>In \u00bbnormalen\u00ab Zeiten besorgen sich die au\u00dferhalb der USA angesiedelten, aber in Dollar investierenden institutionellen Geldanleger die ben\u00f6tigten Dollarmittel bei US-Banken und Geldmarktfonds. In Krisenzeiten drohen diese Quellen auszutrocknen, weil amerikanische Unternehmen zum Beispiel zugesagte Kreditlinien bei heimischen Banken in Anspruch nehmen. Diese sind dann weniger gewillt, an ausl\u00e4ndische Geldh\u00e4user Dollarkredite zu vergeben, die FED springt dann als globaler Kreditgeber letzter Instanz ein.<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Mit ihren j\u00fcngsten Interventionen legen die Notenbanken erneut die Ausweglosigkeit des deregulierten finanzmarktgetriebenen globalen Kapitalismus offen.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Dar\u00fcber hinaus schuf die US-Notenbank ein weiteres Mittel, um den globalen Hunger nach Dollar zu stillen. Ausl\u00e4ndische Zentralbanken k\u00f6nnen nun bei der FED zeitlich befristet US-Staatsanleihen hinterlegen und bekommen daf\u00fcr Dollar. Das hat den Vorteil, dass die Zentralbanken vom Druck befreit sind, ihre US-Anleihen abzusto\u00dfen und in Dollar-Reserven umzuwandeln. Auf dem Markt f\u00fcr amerikanische Staatsanleihen, der als Fundament des globalen Finanzsystems gilt, hatte es im M\u00e4rz ungew\u00f6hnlich heftige Schwankungen gegeben. Offenbar haben etliche institutionelle Anleger US-Anleihen verkauft. Ein beunruhigendes Zeichen, denn diese Wertpapiere gelten wie erw\u00e4hnt als sicherer Hafen.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr ist ironischerweise in der lockeren Geldpolitik der FED zu suchen. Niedrige Zinsen und eine gro\u00dfz\u00fcgige Bereitstellung von Liquidit\u00e4t haben institutionellen Investoren laut einer Analyse der Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in den letzten Jahren ein neues Bet\u00e4tigungsfeld verschafft. Hedgefonds kaufen mit geliehenem Geld US-Staatsanleihen, um sie dann am Terminmarkt wieder zu verkaufen. In normalen Zeiten bietet die geringe Renditedifferenz zwischen diesen beiden M\u00e4rkten die Grundlage f\u00fcr Profite.<\/p>\n<section class=\"wp-block-ak-kasten wp-block-ak-kasten--is-collapsed\">\n<h3>Globaler S\u00fcden: Wahl zwischen Pest und Cholera<\/h3>\n<div class=\"wp-block-ak-kasten__content-container\">\n<p>Es ist der gr\u00f6\u00dfte Kapitalabfluss aller Zeiten: Seit Beginn der Corona-Krise wurden rund 100 Milliarden US-Dollar aus dem Globalen S\u00fcden abgezogen. Das stellt diesen vor gro\u00dfe Probleme: Es droht eine massive Verschuldungskrise. Denn die Flucht in den US-Dollar wertet die amerikanische W\u00e4hrung auf. In Fremdw\u00e4hrung aufgenommene Kredite sind dann schwerer zu bedienen, neue Kredite nur noch, wenn \u00fcberhaupt, zu hohen Zinsen aufzunehmen. Hinzu kommen Einnahmeverluste aus dem Tourismus und durch den Absturz der Rohstoffpreise. Dabei sind die L\u00e4nder des Globalen S\u00fcdens ohnehin schon massiv verschuldet, worauf Papiere von Weltbank und IWF erst vor wenigen Monaten hingewiesen haben. Schon haben in k\u00fcrzester Zeit \u00fcber 100 L\u00e4nder beim IWF Kredithilfen beantragt. Auch das ist ein Rekord. Immerhin haben IWF, G7 und G20 zumindest den \u00e4rmsten L\u00e4ndern Schuldenerlasse oder -moratorien gew\u00e4hrt, was aber nicht ausreichend sein d\u00fcrfte. Expert*innen bringen neben einer Mittelaufstockung f\u00fcr den IWF bereits ein Instrument ins Spiel, das auch w\u00e4hrend der globalen Finanzkrise eingesetzt worden war: die Ausgabe von Sonderziehungsrechten. Die Schwellenl\u00e4nder haben derweil geldpolitisch nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: Sie k\u00f6nnen ihre Leitzinsen senken, um die Konjunktur zu st\u00fctzen. Der Nachteil: Ihre W\u00e4hrung wertet ab, was den Schuldendienst erschwert. Sie k\u00f6nnen die Zinsen anheben, um ihre W\u00e4hrung zu st\u00fctzen, das w\u00fcrde jedoch die Konjunktur abw\u00fcrgen.<\/p>\n<\/div>\n<footer class=\"wp-block-ak-kasten__footer\"><\/footer>\n<\/section>\n<p>Im M\u00e4rz jedoch ging die Wette nicht mehr auf, die Hedgefonds mussten ihre Wertpapiere verkaufen, um ihre Kredite zur\u00fcckzahlen zu k\u00f6nnen. Der Verkaufsdruck sprang in der Folge auf andere Finanzmarktakteure mit anderen Strategien \u00fcber. Das Muster, dass hoch verschuldete Gro\u00dfanleger auf kleine Zinsdifferenzen wetten, ist aus der Krise von 2008\/09 bekannt, betraf damals jedoch ein eher unbedeutendes Segment. Jetzt sind US-Staatsanleihen betroffen. Kleine Marktst\u00f6rungen breiten sich hier \u00fcber andere Finanzm\u00e4rkte auf die Realwirtschaft aus, so die BIZ. Deren \u00d6konomen sprechen daher von einer Janusk\u00f6pfigkeit der derzeitigen Geldpolitik.<\/p>\n<h2>Deglobalisierung wird zum politischen Kampfbegriff<\/h2>\n<p>Globalisierung, freier Handel und Wohlstandsgewinne f\u00fcr (fast) alle auf der einen, Protektionismus, Kleinstaaterei und massive Wohlstandsverluste auf der anderen Seite: Zwischen diesen beiden Polen, so wird suggeriert, pendelt die Welt in Zeiten der Corona-Krise. Die Debatte um ein drohendes Ende der Globalisierung ist nicht neu, sie erh\u00e4lt dieser Tage aber gewaltigen Auftrieb. Das Szenario der Deglobalisierung spielt sich ab vor dem Hintergrund einer schon vor Corona abnehmenden Wachstumsdynamik der Weltwirtschaft, zunehmender Handelskonflikt, dem Brexit sowie einer absehbaren teilweisen S\u00e4ttigung wichtiger M\u00e4rkte wie dem <a href=\"https:\/\/wirkommen.akweb.de\/2019\/06\/wird-china-die-neue-weltmacht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">chinesischen. <\/a>Die Absatzzahlen deutscher Autos beispielsweise sind in China schon seit zwei Jahren leicht r\u00fcckl\u00e4ufig. Zudem beklagen deutsche Unternehmen, die Produktionsst\u00e4tten vielfach nach Fernost ausgelagert haben, dass sich dort die \u00bb<a href=\"https:\/\/www.gtai.de\/gtai-de\/trade\/wirtschaftsumfeld\/lohn-und-lohnnebenkosten\/china\/lohn-und-lohnnebenkosten-china-112694\">Lohnspirale<\/a>\u00ab immer weiter nach oben drehe. Etwa ein Drittel der deutschen Unternehmen plane deshalb laut der Wirtschaftsf\u00f6rderungsgesellschaft der Bundesrepublik GTAI in den n\u00e4chsten Jahren keine weiteren Investitionen in China. So leicht l\u00e4sst sich der Globalisierungsprofit in Zeiten nachholender kapitalistischer Entwicklung der sogenannten Schwellenl\u00e4nder also nicht mehr absch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Im Zuge der Corona-Krise treten auch aus Unternehmenssicht die unmittelbaren Gefahren der neoliberalen Globalisierung offen zutage: Das Virus funktionierte wie ein Steinhagel, der auf eine Reihe Dominosteinchen traf \u2013 internationale Liefer- und Produktionsketten wurden vielerorts unterbrochen und l\u00f6sten so eine Kettenreaktion aus. Es wurde deutlich, wie st\u00f6rungsanf\u00e4llig eine \u00fcber mehrere L\u00e4nder und Kontinente gespannte und diversifizierte internationale Arbeitsteilung ist. Global agierende Unternehmen, so die Prognose vieler Beobachter*innen, k\u00f6nnten nun ihre Produktionsstrategien \u00fcberdenken und versuchen, Abh\u00e4ngigkeiten von einzelnen M\u00e4rkten und Zulieferstrukturen zu reduzieren.<\/p>\n<p>Die hiesige Industrieproduktion etwa ist in hohem Ma\u00dfe auf Vorprodukte aus europ\u00e4ischen L\u00e4ndern und China angewiesen. Oftmals handelt es sich dabei um sehr spezialisierte Produkte, die nicht einfach durch alternative Anbieter ersetzt werden k\u00f6nnen. Unter den Bedingungen einer Just-in-time-Produktion, die auf niedrige Lagerbest\u00e4nde setzt, k\u00f6nnen die Lieferketten zwischen China oder Italien und Deutschland somit schnell kollabieren, was sich in der aktuellen Krise vielerorts zeigt.<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>W\u00e4hrend die einen im Lichte der Corona-Krise lieber den heimischen Markt wettbewerbsf\u00e4higer machen wollen, warnen die anderen in dunkelsten T\u00f6nen vor einer Welt der Grenzen, des Nationalismus und der Blockbildung.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Mit dieser Erfahrung im Nacken k\u00f6nnten Unternehmen nun versuchen, zumindest Teile der Produktion wieder an den heimischen Standort zu verlagern oder ihre Lieferbeziehungen mit den europ\u00e4ischen Nachbarstaaten noch weiter auszubauen. Tats\u00e4chlich haben laut einer <a href=\"https:\/\/assets.ey.com\/content\/dam\/ey-sites\/ey-com\/en_gl\/topics\/ey-capital-confidence-barometer\/pdfs\/22\/ey-22nd-global-capital-confidence-barometer-march-2020.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Studie <\/a>der Wirtschaftspr\u00fcfungsgesellschaft Ernst &amp; Young, f\u00fcr die weltweit k\u00fcrzlich 2.900 F\u00fchrungskr\u00e4fte befragt wurden, 52 Prozent der Unternehmen bereits Schritte eingeleitet, um ihre Lieferketten neu zu justieren. Ob damit auch eine st\u00e4rkere Regionalisierung verbunden ist, geht aus der Studie allerdings nicht hervor.<\/p>\n<p>F\u00fcr die deutsche Wirtschaft, die sich j\u00e4hrlich ihrer enormen Exporterfolge r\u00fchmt, k\u00f6nnte ein solcher Schritt \u00e4u\u00dfert problematisch sein. Die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Exporte ist auch abh\u00e4ngig von dem Bezug g\u00fcnstiger Vorleistungen, etwa aus China. Der \u00bbAnteil ausl\u00e4ndischer Wertsch\u00f6pfung\u00ab an deutschen Exporten betr\u00e4gt derzeit rund ein F\u00fcnftel. Und die Bundesregierung hat in den letzten Jahrzehnten viel daf\u00fcr getan, dass sich nicht nur die gro\u00dfen Global Player aus der Automobil-, Elektro-, Maschinenbau- und Chemieindustrie auf den Weltmarkt orientieren, sondern auch kleine und mittelst\u00e4ndische Unternehmen. Staatliche Exportf\u00f6rderkredite (Hermes-B\u00fcrgschaften) spielten in diesem Zusammenhang eine ebenso wichtige Rolle wie eine restriktive W\u00e4hrungs- und Lohnpolitik, die das Ziel hatte, Inflationsrate und Arbeitskosten niedrig zu halten.<\/p>\n<p>Mit Erfolg: Deutschland erwirtschaftet j\u00e4hrlich Export\u00fcbersch\u00fcsse. Allein das Volumen der deutschen Exporte nach China betrug 2018 knapp 100 Milliarden Euro. Die Weltmarktausrichtung der deutschen Wirtschaft spiegelt sich auch in zahlreichen Unternehmensbeteiligungen und dem Aufbau von Tochterunternehmen wieder. 2017 flossen 123 Milliarden Euro in ausl\u00e4ndische Unternehmensbeteiligungen. <a href=\"https:\/\/www.ey.com\/de_de\/covid-19\/wie-sich-covid-19-auf-den-m-a-markt-auswirkt\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Fusionen und \u00dcbernahmen<\/a> k\u00f6nnten angesichts sinkender Unternehmensbewertungen nach der Krise noch deutlich zunehmen.<\/p>\n<p>Entsprechend hoch schlagen die Wellen, wenn es um das Thema Deglobalisierung geht. W\u00e4hrend die einen im Lichte der Corona-Krise ein Nachjustieren fordern und lieber den heimischen Markt wettbewerbsf\u00e4higer machen wollen, warnen die anderen in dunkelsten T\u00f6nen vor einer Welt der Grenzen, des Nationalismus und der Blockbildung. Damit treffen sie offensichtlich auch bei Linken einen Nerv, die sich in der aktuellen Debatte auff\u00e4llig still verhalten.<\/p>\n<p>In Zeiten einer starken rechten Bewegung, die die \u00bbGlobalisierungskritik\u00ab nationalistisch aufgeladen und mit der Forderung nach geschlossenen Grenzen und dem Schutz eines imagin\u00e4ren \u00bbVolksk\u00f6rpers\u00ab verbunden hat, tut sich die Linke offenbar schwer, in diese Debatte zu intervenieren. Dabei war Globalisierungskritik mal ein <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak654\/45.htm\">Gr\u00fcndungsmoment<\/a> einer weltweiten, global vernetzten, \u00fcber Grenzen hinweg denkenden, solidarischen Bewegung. Diese machte nicht zuletzt deutlich, dass die neoliberale Variante einer globalisierten Welt mit einer nationalistischen Machtpolitik und der Festschreibung eines hierarchischen Weltsystems, wie es den rechten Machtfantasien entspricht, weit mehr zu tun hat, als uns das wirtschaftsliberale Apologet*innen heute glauben machen wollen.<\/p>\n<p>Trotz der mies anmutenden Situation \u2013 die Bedeutung der Schw\u00e4chung der marktgl\u00e4ubigen Ideologie infolge der Corona-Pandemie sollte von der Linken nicht untersch\u00e4tzt werden. Ob das tats\u00e4chlich eine Chance ist, h\u00e4ngt auch davon ab, ob es ihr gelingt, die wirtschaftliche Krise infolge der Corona-Pandemie nicht nur als externen Schock, sondern auch als eine durch Kapitalismus und Wachstumszwang verursachte und verst\u00e4rkte Krise zu interpretieren.<\/p>\n<p>zusammen mit Lene Kempe aus: <a href=\"https:\/\/wirkommen.akweb.de\/politik\/wenn-ein-virus-die-wirtschaft-infiziert\/\">analyse &amp; kritik<\/a> 659, 21.4.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Corona-Pandemie legt die Sollbruchstellen des neoliberalen Kapitalismus offen \u2013 erste Tendenzen der Reparaturma\u00dfnahmen zeichnen sich ab Die Welt hat sich in den vergangenen drei Monaten dramatisch ver\u00e4ndert\u00ab, so zitieren Medien kurz nach Ostern den Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF). 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