{"id":1465,"date":"2020-06-22T13:21:03","date_gmt":"2020-06-22T11:21:03","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1465"},"modified":"2020-06-22T13:21:03","modified_gmt":"2020-06-22T11:21:03","slug":"wasserstoff-das-oel-des-21-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1465","title":{"rendered":"Wasserstoff \u2013 das \u00d6l des 21. Jahrhunderts?"},"content":{"rendered":"<p class=\"has-drop-cap\">Die Bundesregierung h\u00e4lt es seit Kurzem mit Jules Verne. Der Begr\u00fcnder der Science-Fiction-Literatur schrieb vor \u00fcber 150 Jahren: \u00bbDas Wasser ist die Kohle der Zukunft. Die Energie von morgen ist Wasser, das durch elektrischen Strom zerlegt worden ist. Die so zerlegten Elemente des Wassers, Wasserstoff und Sauerstoff, werden auf unabsehbare Zeit hinaus die Energieversorgung der Erde sichern.\u00ab<!--more--><\/p>\n<p>Bis dato tun sie es noch nicht, nirgends. Die Bundesregierung will das \u00e4ndern. Die \u00bbnationale Wasserstoffstrategie\u00ab befand sich seit Monaten in der Ressortabstimmung, im Zuge des vom Kabinett verabschiedeten Konjunkturpakets wurde sie nun tats\u00e4chlich beschlossen. Schenkt man Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) Glauben, ist Wasserstoff das Wundermittel schlechthin. Deutschland k\u00f6nne durch ihn klimaneutral werden und die deutsche Industrie ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit erhalten. \u00bbWasserstoff ist das Erd\u00f6l von morgen\u00ab, fasst Karliczek zusammen. Das klingt zu sch\u00f6n, um wahr zu sein. Und ist es auch.<\/p>\n<p>Warum? Wasserstoff (H\u2082) ist nur chemisch gesehen ein Prim\u00e4renergietr\u00e4ger, eine Energiequelle. In der Natur kommt es faktisch nicht als reines, ungebundenes Gas vor, sondern in Verbindungen. Die bekannteste ist die mit Sauerstoff: Wasser (H\u2082O). \u00dcberdies ist Wasserstoff auch Bestandteil von Methan, Erd\u00f6l oder Erdgas. Aus letzterem wird Wasserstoff traditionell gewonnen (\u00bbblauer Wasserstoff\u00ab). Dieses Verfahren hat den Nachteil, dass das Treibhausgas CO\u2082 freigesetzt wird. Das Wirtschaftsressort und Industrieverb\u00e4nde wollten, dass dieses unterirdisch gespeichert wird \u2013 zumindest \u00fcbergangsweise. Das sei dann klimaneutral. Zu Recht wird das als Etikettenschwindel kritisiert. Hinzu kommt, dass die daf\u00fcr notwendige Technik, das Carbon-Capture-and-Storage-Verfahren, h\u00f6chst umstritten ist. Bei Leckagen kann es zu sch\u00e4dlichen Wirkungen auf das Grundwasser kommen; es ist fraglich, ob CO\u2082 tats\u00e4chlich dauerhaft gespeichert werden kann. Und Abscheidung, Transport und Speicherung ben\u00f6tigen enorm viel Energie.<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Es ist unrealistisch, dass ausreichend gr\u00fcner Strom f\u00fcr gr\u00fcnen Wasserstoff zur Verf\u00fcgung stehen kann.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Ein alternatives Verfahren ist die Gewinnung des Wasserstoffs aus Wasser durch Elektrolyse. Dabei wird das Wasser in seine Bestandteile Sauer- und Wasserstoff aufgebrochen. In einem zweiten Schritt wird der abgeschiedene Wasserstoff zu synthetischem Erdgas, Benzin, Diesel oder Kerosin verarbeitet. Bei diesem auch \u00bbPower-to-Gas\u00ab genannten Verfahren wird allerdings wieder CO\u2082 beigef\u00fcgt. Wird bei der Elektrolyse der notwendige Strom aus erneuerbaren Quellen gewonnen, spricht man von \u00bbgr\u00fcnem Wasserstoff\u00ab. Daf\u00fcr setzten sich Umwelt- und Forschungsministerien ein \u2013 mit Erfolg: Die Wasserstoffstrategie wurde etwas gr\u00fcner.<\/p>\n<p>Die Frage, ob es m\u00f6glich ist, ausreichend gr\u00fcnen Strom in Deutschland f\u00fcr die Elektrolyse zu produzieren, war Streitpunkt in der Ressortabstimmung. Die f\u00fcr realistisch angesehene Spanne reichte von drei bis zehn Gigawatt; nun ist davon die Rede, dass bis 2030 eine Elektrolysekapazit\u00e4t von f\u00fcnf Gigawatt einschlie\u00dflich der daf\u00fcr erforderlichen Offshore- und Onshore-Energiegewinnung entstehen soll.<\/p>\n<p>Es ist aber unrealistisch, ob ausreichend gr\u00fcner Strom f\u00fcr dieses Ziel zur Verf\u00fcgung stehen kann. Und dann ist da die Frage: Gibt es gr\u00fcnen Strom \u00fcberhaupt? Zwar emittieren Windr\u00e4der oder Solarpaneele im Gebrauch keine Treibhausgase, bei ihrer Herstellung aber schon, sie sind noch angewiesen auf eine fossile Basis. Wirklich gr\u00fcn w\u00e4ren sie erst, wenn die Produktion mit all ihren Komponenten und deren zyklischer Erneuerung selbst wieder mit Strom aus Sonnen- oder Windenergie hergestellt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\u00dcberdies: Bei jeder Energieumwandlung geht nutzbare Energie verloren. Bei der Elektrolyse ist es rund ein Drittel, bei der weiteren Umwandlung in Kraftstoffe schon die H\u00e4lfte. Zudem m\u00fcsste noch Energie aufgewendet werden, um den Wasserstoff von seinem Ort der Erzeugung zu dem des Verbrauchs zu transportieren. Es gibt Sch\u00e4tzungen (von Autoren wie Richard Heinberg oder Minqu Li), die eine Wasserstoffwirtschaft in gro\u00dfem Stil f\u00fcr undenkbar halten. Stelle man die n\u00f6tigen Umwandlungsprozesse, Verfl\u00fcssigung, Transport etc. in Rechnung, so stehen maximal zehn bis 20 Prozent der aufgewendeten Energie f\u00fcr den Endverbrauch zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Warum dann aber der Hype um den Wasserstoff, der l\u00e4ngst nicht der erste ist? Der Wasserstoff verspricht ein Substitut f\u00fcr das klimasch\u00e4dliche Erd\u00f6l oder die Kohle zu sein. Die Hoffnung auf die Ersetzung eines Antriebsmittels durch ein anderes schlie\u00dft ein, dass sich an dem, was angetrieben wird, nichts \u00e4ndern muss. Fragen nach der H\u00f6he des Energieeinsatzes oder der Produktions- und Konsumweise bleiben ausgeklammert.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/wirkommen.akweb.de\/politik\/wasserstoff-das-oel-des-21-jahrhunderts\/\">analyse &amp; kritik<\/a>, 15.6.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundesregierung h\u00e4lt es seit Kurzem mit Jules Verne. Der Begr\u00fcnder der Science-Fiction-Literatur schrieb vor \u00fcber 150 Jahren: \u00bbDas Wasser ist die Kohle der Zukunft. Die Energie von morgen ist Wasser, das durch elektrischen Strom zerlegt worden ist. 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