{"id":1472,"date":"2020-08-02T13:37:09","date_gmt":"2020-08-02T11:37:09","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1472"},"modified":"2020-09-22T13:39:08","modified_gmt":"2020-09-22T11:39:08","slug":"daemonen-der-digitalen-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1472","title":{"rendered":"D\u00e4monen der digitalen Gegenwart"},"content":{"rendered":"<h2>Die Ausstellung \u00bbGute Aussichten 2019\/2020\u00ab in den Hamburger Deichtorhallen fragt, welchen Bildern \u00fcberhaupt noch zu trauen ist<\/h2>\n<p>Im ersten Moment wirken die Bilder wie Schlachtengem\u00e4lde der alten Meister. Tritt man n\u00e4her, bemerkt man jedoch, dass nichts klar zu erkennen ist. Hier der Umriss eines Maschinengewehrs, dort der eines Pick-ups mit bewaffneten M\u00e4nnern. Aber es k\u00f6nnte auch etwas anderes sein. Man ist f\u00f6rmlich gezwungen, in das Bild hineinzutauchen. Aber selbst dann: keine klaren Antworten, nur weitere offene Fragen.<!--more--><\/p>\n<p>Damit hat Lisa Hoffmann, die Erschafferin der Werkreihe \u00bbAtlas der Essenz\u00ab erreicht, was sie wollte: uns zu zwingen, Bilder von Konflikten und Kriegen zu hinterfragen. Hoffmann, die selbst als Kriegsfotografin t\u00e4tig war, ist sich der Macht von Bildern aus Afghanistan, Syrien oder Libyen bewusst. Diese pr\u00e4sentieren nur einen Ausschnitt einer vielschichtigen Wahrheit; oft sind sie manipuliert und Teil einer politischen Inszenierung &#8211; schlicht Propaganda. Die Bilder dienen nicht der Aufkl\u00e4rung, sondern der T\u00e4uschung und Verschleierung, werden zu Waffen im Medienkrieg.<\/p>\n<p>Um das deutlich zu machen, hat die junge K\u00fcnstlerin von der Muthesius Kunsthochschule Kiel in sozialen Netzwerken, im Internet und Bilddatenbanken nach Fotos von Kriegen und Katastrophen recherchiert und dann je 50 bis 100 Bilder \u00fcbereinandergelegt. Ihr Gedanke dabei: Wenn jedes Bild einen spezifischen Ausschnitt, eine besondere Sichtweise, Position, Absicht festh\u00e4lt, m\u00fcsste die Summe aller Abbildungen ein vielschichtiges Bild erzeugen. Doch dem ist nicht so. Hoffmann stellt damit die M\u00f6glichkeit infrage, sich ein \u00bbwahres Bild\u00ab von Ereignissen zu machen.<\/p>\n<p>Diese Skepsis teilt sie mit anderen jungen Fotograf*innen und K\u00fcnstler*innen, deren Werke derzeit in der Ausstellung \u00bbGute Aussichten 2019\/2020\u00ab in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen sind. Das Motto, das verbindende Thema der neun Preistr\u00e4ger des renommierten Nachwuchspreises f\u00fcr Fotografie lautet daher: \u00bbKrieg und Frieden in Zeiten globaler Desinformation\u00ab. Und Hoffmanns \u00bbAtlas der Essenz\u00ab ist das paradigmatische Werk dieses roten Fadens. Die Werke der diesj\u00e4hrigen Preistr\u00e4ger*innen beschr\u00e4nken sich dabei nicht auf Fotos, sondern beinhalten auch multimediale wie klassische Installationen, Videos oder statistisches Material.<\/p>\n<p>Larissa Rosa Lackner von der Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst Leipzig zum Beispiel pr\u00e4sentiert ihr Werk \u00bbHeide\u00ab vornehmlich als Video, neben Archivmaterial, Fotos und Objekten. Vordergr\u00fcndig geht es um die Frage, wer die junge Frau namens Heide Pleschke ist, die in der DDR der 1980er Jahre Steine auf den \u00c4ckern der LPG Gro\u00dfe Fredenwalde auflesen musste. In dem Video sieht man Zeitgenossen von Heide, die \u00fcber die als unnahbar charakterisierte Frau zu berichten wissen, dass sie offenbar bestraft worden ist, weil sie mit einem Mann angeb\u00e4ndelt hat. Doch eigentlich geht es \u00e4hnlich wie bei Hoffmann um die Frage, wem oder was man \u00fcberhaupt noch glauben kann. Die K\u00fcnstlerin wird im Katalog der Ausstellung mit den Worten zitiert: \u00bbMich besch\u00e4ftigt schon lange die Frage danach, wie Geschichten erz\u00e4hlt werden, und welcher Erz\u00e4hlformen es bedarf, um einer Geschichte zu glauben. Immer mehr Dokus und Serien erscheinen beispielsweise auf Netflix, die f\u00fcr wahr gehalten werden, weil man den \u203aoriginalen Tonbandmitschnitt\u2039 mit anh\u00f6ren kann.\u00ab<\/p>\n<p>Am irritierendsten sind ohne Zweifel die Fotos Malte S\u00e4ngers. Mit einer Infrarotkamera hat er den Augenblick abgelichtet, in dem Benutzer*innen von Handys mit Gesichtserkennung ihr Smartphone entsperren. Normalerweise unsichtbar wird auf diese Weise sichtbar, wie die moderne digitale Technik uns permanent \u00fcberwacht. Das Ergebnis: Aufnahmen von r\u00f6tlichen Gesichtern, die von Tausenden Lichtstrahlen angestrahlt werden. S\u00e4nger hat diese Arbeit in Anlehnung an die griechische Mythologie \u00bbDAEMONs\u00ab genannt. Daimones galten als Geisterwesen, die unsichtbar Einfluss auf das Handeln und Sein der Menschen nahmen. Sind die Algorithmen die D\u00e4monen der digitalen Gegenwart, scheint uns S\u00e4nger zu fragen. Ja mag die Antwort lauten &#8211; zumal in der IT-Fachsprache Betriebssystem-Programme, die das Verhalten der Nutzer*innen \u00fcberwachen, DAEMON genannt werden.<\/p>\n<p>Explizit politisch &#8211; der Ausstellungstext spricht gar vom \u00bbfotografischen Aktivismus\u00ab &#8211; nimmt sich die Arbeit von Markus Seibel von der Hochschule Darmstadt aus. In \u00bbEuropas Herbst\u00ab zeigt er mit k\u00fcnstlerischen Mitteln, was sp\u00e4testens seit 2015 immer offenkundiger geworden ist: Die EU schreibt sich Menschenrechte, Demokratie und Freiheit auf die Fahnen, baut aber die Festung Europa weiter aus &#8211; und ist so mitschuldig an den laut UNHCR j\u00e4hrlich rund 1500 Menschen, die auf ihrem Weg nach Europa sterben.<\/p>\n<p>Was bleibt von den Toten, was lassen sie zur\u00fcck? Manchmal nur Decken, Schlafs\u00e4cke oder Wasserflaschen. Diese Gegenst\u00e4nde sind als Stillleben auf Seibels Fotos zu sehen. Zwei weitere Elemente seiner Pr\u00e4sentation k\u00f6nnten gegens\u00e4tzlicher nicht sein. Eine Wandtapete listet in statistischer Form auf, wann, wo und wie Gefl\u00fcchtete gestorben sind. D\u00fcrre Fakten, die das Schrecken nur erahnen lassen. In Videofilmen und Diaprojektionen bekommt dieses dann ein Gesicht. Pl\u00f6tzlich ist der Betrachter mitten im Geschehen, wird Zeuge, wie der \u00bbDschungel\u00ab von Calais von der franz\u00f6sischen Polizei ger\u00e4umt wird, sieht, wie Gefl\u00fcchtete schlecht ausger\u00fcstet im Schnee versuchen, die Alpen zu \u00fcberqueren, in Lagern leben oder es auf Schlauchbooten endlich an die K\u00fcste Europas schaffen.<\/p>\n<p>Auch die Exponate der weiteren K\u00fcnstler*innen sind \u00fcberaus sehenswert. Mit Themen wie jugendliche Identit\u00e4ten oder feminine Ideale spiegeln sie ebenfalls aktuelle gesellschaftspolitische Debatten wider.<\/p>\n<p>\u00bbGute Aussichten. Junge deutsche Fotografie 2019\/2020\u00ab, bis 30. August, Deichtorhallen, Deichtorstra\u00dfe 1-2, Hamburg.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1139091.daemonen-der-digitalen-gegenwart.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 14.07.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ausstellung \u00bbGute Aussichten 2019\/2020\u00ab in den Hamburger Deichtorhallen fragt, welchen Bildern \u00fcberhaupt noch zu trauen ist Im ersten Moment wirken die Bilder wie Schlachtengem\u00e4lde der alten Meister. Tritt man n\u00e4her, bemerkt man jedoch, dass nichts klar zu erkennen ist. &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1472\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[116],"tags":[199],"class_list":["post-1472","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur","tag-fotografie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1472","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1472"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1472\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1473,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1472\/revisions\/1473"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1472"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1472"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1472"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}