{"id":1474,"date":"2020-07-30T13:40:42","date_gmt":"2020-07-30T11:40:42","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1474"},"modified":"2020-09-22T13:43:21","modified_gmt":"2020-09-22T11:43:21","slug":"leute-wie-heinz-georg-bederitzky","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1474","title":{"rendered":"Leute wie Heinz-Georg Bederitzky"},"content":{"rendered":"<p><strong>F\u00fcr seinen Roman \u201eArbeit\u201c hat Thorsten Nagelschmidt Dutzende von Interviews gef\u00fchrt. Ein tolles Buch!<\/strong><\/p>\n<p>Die t\u00e4gliche Arbeit am Band von VW, die eines Programmierers in einem IT-Unternehmen oder der Alltag hinter der Theke einer B\u00e4ckerei \u2013 das k\u00f6nnen sich Schriftsteller offenkundig nur schwer als Romanstoff vorstellen. Dass sich aus der vermeintlich langweiligen Welt der Lohnarbeit durchaus \u2013 und zwar hervorragende \u2013 Werke stricken lassen, hat zuletzt der Niederl\u00e4nder J.J. Voskuil mit seinem siebenb\u00e4ndigen Werk <em>Das B\u00fcro<\/em> gezeigt, in dem er den Arbeitsalltag in einem Volkskunde-Institut schildert.<!--more--><\/p>\n<p data-aside-score=\"-2\">Die Arbeitswelt hat der Soziologe Oskar Negt einmal eine \u201eunterschlagene Wirklichkeit\u201c genannt. In der Corona-Krise hat zumindest die mediale \u00d6ffentlichkeit ein Licht auf die \u201esystemrelevanten\u201c, aber meist schlecht bezahlten Berufe wie Kassiererin und Krankenpflegerin geworfen. Ob Schriftsteller dies auch tun werden, ist angesichts der derzeit verfassten Corona-Tageb\u00fccher eher fraglich.<\/p>\n<p data-aside-score=\"-1\">Nun wird als erster \u2013 wenngleich unfreiwilliger \u2013 Corona-Roman das gerade erschienene Buch <em>Arbeit<\/em> des in Berlin lebenden Autors Thorsten Nagelschmidt bezeichnet. Das ist etwas \u00fcbertrieben, weil es entstand, als Corona \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 als Bier bekannt war; aber auch nicht aus der Luft gegriffen, weil der Autor tiefe Einblicke in wichtige, aber unbeachtete Berufe gew\u00e4hrt. Alle der fast ein Dutzend Protagonisten lernt der Leser bei der Arbeit kennen. Es kommen vor: ein Taxifahrer, zwei Drogendealer, eine Fahrradkurierin, zwei Notfallsanit\u00e4ter, eine Sp\u00e4ti-Betreiberin, zwei Polizisten, ein Hostel-Nachtw\u00e4chter, eine Pfandsammlerin, ein T\u00fcrsteher und eine Stra\u00dfenreinigerin. Es sind jene, die den Touristen und Party People das Bier im Sp\u00e4ti f\u00fcr den Fu\u00dfweg zum n\u00e4chsten Club verkaufen, sie mit dem Taxi ins Hostel bringen, sie dort einchecken und morgens den Partym\u00fcll auf der Stra\u00dfe zusammenkehren.<\/p>\n<p data-aside-score=\"-1\">Nagelschmidts Protagonisten arbeiten in Berlin, \u00fcberwiegend in Kreuzberg. Die erz\u00e4hlte Zeit des Romans umfasst nur die zw\u00f6lf Stunden einer Nacht Ende M\u00e4rz, in der die Nacht genauso lang ist wie der Tag.<\/p>\n<p data-aside-score=\"0\">Eine der Hauptfiguren ist der musikbegeisterte Taxifahrer Heinz-Georg Bederitzky aus Hohensch\u00f6nhausen, der seinen Fahrg\u00e4sten Demoaufnahmen seiner Krautrock-Kompositionen vorspielt. Ihm hat das Leben schon vor Jahren ein Bein gestellt. Einmal verschuldet, kommt er aus dem Schuldensumpf nicht wieder heraus (\u201eDiese Schulden. Diese Schuldgef\u00fchle ewig, er hat\u2019s so satt.\u201c) Ein paar Jahre lebte er von der St\u00fctze, die Armutserfahrung pr\u00e4gte ihn. In jener Nacht muss er 150 Euro einnehmen, um einem Kollegen eine Rate zur\u00fcckzahlen zu k\u00f6nnen. Eine \u00dcberlandfahrt nach Halle kommt ihm da wie gerufen. Doch der Kunde prellt die Zeche, Bederitzky steht mit leeren H\u00e4nden da \u2013 und hat auch noch seine Freundin, die Sp\u00e4ti-Betreiberin Anna, im Stich gelassen, als diese nach einem \u00dcberfall auf ihren Sp\u00e4ti um Hilfe bat.<\/p>\n<h2 data-aside-score=\"0\">Undercover als Nachtw\u00e4chter<\/h2>\n<p data-aside-score=\"-1\">W\u00e4hrend Bederitzky in mehreren k\u00fcrzeren Kapiteln die Hauptperson ist, werden die anderen Protagonisten in je einem, l\u00e4ngeren Abschnitt vorgestellt. Nagelschmidt l\u00e4sst seine Hauptfiguren jedoch in sp\u00e4teren Kapiteln als Randfiguren vorkommen. So etwa Anna, die ehemalige Grafikerin einer Agentur, die es satt hatte, ihr grafisches Talent damit zu verschwenden, Menschen Mist anzudrehen, und in ihrem Sp\u00e4ti durch eine ausgefallene Zeitschriften-Auswahl Akzente setzt. Sie wird von Osman an ihrem Arbeitsort \u00fcberfallen. Den Jugendlichen mit Migrationshintergrund lernen wir ausf\u00fchrlich in einem anderen Kapitel kennen. Es ist das einzige, in dem Nagelschmidt von seinem Konzept abweicht. Denn Osman, der begeisterte Stra\u00dfenfu\u00dfballer und Taschendieb, wird nicht bei der Arbeit, sondern beim <em>Grand<\/em>&#8211;<em>Theft<\/em>&#8211;<em>Auto<\/em>-Zocken in der Wohnung eines Bekannten geschildert. Nach einem Vorfall \u2013 was genau, bleibt offen \u2013 irrt Osman leicht verletzt durch die Stra\u00dfen Kreuzbergs. Osman beschlie\u00dft, dass er heute dabei sein will, genauso gut drauf sein will wie die Studenten und Touristen, die er am \u201eAbziehfreitag\u201c normalerweise beklaut. \u201eEr will dieselbe Musik h\u00f6ren, dasselbe Bier trinken und dieselben Frauen anglotzen.\u201c Das klappt nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p data-aside-score=\"0\">Es ist beeindruckend, wie es Nagelschmidt gelingt, jeder Hauptfigur durch sprachliche und stilistische Mittel ihren eigenen Sound zu geben. Hinzu kommt ein Detailreichtum, der die jeweiligen Mikrowelten der Arbeit atmosph\u00e4risch dicht und authentisch erscheinen l\u00e4sst. Man merkt dem Text an, dass ihr Autor wie ein Soziologe, wie ein teilnehmender Beobachter vorgegangen ist. Nagelschmidt hat Interviews mit Dutzenden von Leuten gef\u00fchrt, mit Polizisten, Notfallsanit\u00e4tern und Besch\u00e4ftigten der Berliner Stra\u00dfenreinigung, wie er auf der Online-Buchpremiere im Festsaal Kreuzberg erl\u00e4uterte. Vorabfassungen hat er den Gespr\u00e4chspartnern im Hinblick auf Stimmigkeit der Details lesen lassen. Nagelschmidt hat sich als T\u00fcrsteher versucht und gar vier Wochen undercover als Nachtw\u00e4chter in einem Hostel gearbeitet. Zum Schriftsteller wird man aber nur, wenn man diese soziologischen Beobachtungen zu einem literarischen Text verdichten kann. Thorsten Nagelschmidt ist dies ohne Zweifel gelungen; <em>Arbeit<\/em> ist ein gro\u00dfartiger Roman \u2013 wenn er auch nicht die ganz normale Lohnarbeit zum Gegenstand hat, sondern die des \u201eArm, aber sexy\u201c-Nachtlebens von Berlin.<\/p>\n<p data-aside-score=\"0\">aus: <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/leute-wie-heinz-georg-bederitzky\">der Freitag<\/a> 29\/2020, 16.07.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr seinen Roman \u201eArbeit\u201c hat Thorsten Nagelschmidt Dutzende von Interviews gef\u00fchrt. Ein tolles Buch! 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