{"id":1476,"date":"2020-08-14T13:43:42","date_gmt":"2020-08-14T11:43:42","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1476"},"modified":"2020-09-22T13:46:28","modified_gmt":"2020-09-22T11:46:28","slug":"sozialismus-aber-gruen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1476","title":{"rendered":"Sozialismus, aber gr\u00fcn"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nicht das Individuum hat Verantwortung f\u00fcr die \u00f6kologische Umgestaltung, sondern die Gemeinschaft, sagt der Politologe Raul Zelik <\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht ist es alles viel einfacher als gedacht. Vielleicht besteht die linke Utopie in dem, was man bereits Kindergartenkindern beizubringen versucht: teilen, sich einf\u00fchlsam verhalten und zusammenarbeiten. Warum aber erscheinen dann neue B\u00fccher, die den Versuch unternehmen, eine neue linke Erz\u00e4hlung zu pr\u00e4sentieren oder dem Begriff des Sozialismus neues Leben einzuhauchen? Weil die Sache wohl doch etwas komplexer ist. Ein Mindestma\u00df an dialektischer Intelligenz sei vonn\u00f6ten, schreibt der Berliner Politikwissenschaftler und Schriftsteller Raul Zelik. Der Verfasser selbst wird diesem Anspruch in <em>Wir Untoten des Kapitals<\/em> \u00fcber weite Strecken gerecht, nur manchmal schl\u00e4gt die Dialektik in Ratlosigkeit um.<!--more--><\/p>\n<h2 data-aside-score=\"-2\">Reichtum mindern<\/h2>\n<p data-aside-score=\"-2\">Ausgangspunkt f\u00fcr Zeliks \u00dcberlegungen ist die Erkenntnis, dass die gegenw\u00e4rtige kapitalistische Produktions- und Lebensweise aus \u00f6kologischen und sozialen Gr\u00fcnden an ihre Grenzen st\u00f6\u00dft. Aus diesem Grund m\u00fcssten wir \u00fcber Gegenentw\u00fcrfe nachdenken, die \u00fcber den Kapitalismus, aber auch den Sozialismus in seinen bisherigen Auspr\u00e4gungen hinausweisen. Bemerkenswert ist, dass der Autor im Unterschied zu seinem Buch <em>Nach dem Kapitalismus? <\/em>(VSA 2011) ausdr\u00fccklich am Begriff des Sozialismus festh\u00e4lt, obwohl diesem doch etwas Zombiehaftes anhafte. \u201eKaum etwas scheint toter als er, leblos taumeln seine Anh\u00e4nger*innen, unverst\u00e4ndliche Satzfetzen vor sich hinstammelnd, umher. Und noch viel zombiehafter war das untergegangene System. Gesichtslose Massen zogen wie fremdgesteuert unter Trib\u00fcnen vor\u00fcber, auf denen blasse, alte M\u00e4nner zitternd winkten.\u201c<\/p>\n<p data-aside-score=\"-2\">Zelik begr\u00fcndet seinen Sozialismus-Bezug mit dem enormen Erfahrungsschatz, den die sozialistischen Bewegungen bieten. Und damit, dass der Sozialismus die einzige Kraft sei, die die Bedeutung der Eigentumsfrage erkannte. Gemeineigentum ist f\u00fcr ihn zwar noch nicht die L\u00f6sung schlechthin, aber eine unverzichtbare Voraussetzung.<\/p>\n<p data-aside-score=\"-1\">Gleichzeitig grenzt der Verfasser sich von \u2013 nennen wir es traditionellen \u2013 Sozialismus-Vorstellungen ab. Nicht im Sinn hat er die sozialdemokratische Variante der St\u00e4rkung des Staates, und schon gar nichts mit dem, was zwischen 1917 und 1989 in Osteuropa als Sozialismus bezeichnet wurde \u2013 oder gegenw\u00e4rtig in Venezuela existiert. Angenehm hebt sich Zelik aber von anderen sozialistischen Autor*innen ab, die bei der Verdammung des \u201eStalinismus\u201c oder \u201eStaatskapitalismus\u201c stehenbleiben. Er macht sich die M\u00fche der tiefergehenden Analyse. Davon zeugen die Abschnitte zu den sozialistischen Revolutionen in Russland, China und Jugoslawien, die Kenntnis marktsozialistischer Debatten in der DDR sowie der lange Exkurs zur Bolivarischen Revolution in Venezuela.<\/p>\n<p data-aside-score=\"-1\">Keine dieser Sozialismen konnte die Akkumulation politischer Macht verhindern, l\u00f6ste mithin das Demokratieproblem. F\u00fcr Zelik ist daher klar: \u201eDie Herausforderung f\u00fcr ein sozialistisches Demokratiekonzept besteht in diesem Sinne darin, netzwerkartige Machtstrukturen zu schaffen, die nicht hinter die Errungenschaften des liberalen Staates zur\u00fcckfallen.\u201c Was in der Zusammenfassung recht allgemein klingt, wird in Passagen \u00fcber r\u00e4tedemokratische Modelle n\u00e4her ausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p data-aside-score=\"-1\">Zeliks positive Bestimmung lautet: Sozialismus ist eine Bewegung zur Dekommodifizierung des Lebens, die bereits bestehende sozio\u00f6konomische Praktiken miteinander verbinde. Er betrachtet ihn als dreifache Bewegung. Erstens als St\u00e4rkung des Gemeineigentums, zweitens als Demokratisierung vor allem von Produktion, Konsum und Entwicklung und drittens als Kritik des Eigentumsbegriffs zugunsten von Nutzungsregeln ohne Eigentumsverf\u00fcgung. Auch das wird ausf\u00fchrlich, kenntnisreich und mit zahllosen Verweisen auf die relevante linke Literatur ausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p data-aside-score=\"-2\">Gr\u00fcn wird Zeliks Sozialismus, weil er die biophysikalischen Schranken der Erde zum materiellen Ausgangspunkt seiner \u00f6konomischen \u00dcberlegungen macht \u2013 ein Herangehen mit weitreichenden Folgen. Denn klar ist ja, dass der Energie- und Ressourcenverbrauch und damit der Stoffwechsel mit der Natur immer weitere planetarische Grenzen zu \u00fcberschreiten droht. Die Aufgabe des gr\u00fcnen Sozialismus sei daher nicht, den Reichtum zu mehren, sondern ihn gewisserma\u00dfen zu mindern \u2013 ein radikaler Bruch mit bisherigen sozialistischen Bewegungen vor allem marxistischer Herkunft. Auch zu gegenw\u00e4rtigen linken Beitr\u00e4gen steht Zeliks Argumentation im Gegensatz.<\/p>\n<p data-aside-score=\"0\">Man denke etwa an den voll automatisierten Luxuskommunismus (<em>der Freitag<\/em> 30\/2019) oder den Akzelerationismus. Im Widerspruch zu Letzterem geht es Zelik um die Verlangsamung der Einf\u00fchrung von neuen Techniken und die Begrenzung und globale Umverteilung der Reichtumsproduktion. Zum gr\u00fcnen Sozialismus geh\u00f6re somit auch die Regionalisierung und Dezentralisierung von Infrastrukturen und Wirtschaftskreisl\u00e4ufen. Im Fokus m\u00fcsse anstatt Lohnarbeit und Effizienz das Caring, die Sorge um Leben, Mensch und Gemeinschaft stehen.<\/p>\n<h2 data-aside-score=\"0\">Erfolg z\u00e4hlt, nicht Radikalit\u00e4t<\/h2>\n<p data-aside-score=\"-1\">Das klingt nach Wachstumskritik. Aber es ist eine Wachstumskritik, die anders als die dominierenden Str\u00f6mungen der Degrowth-Bewegung nicht den individuellen Konsumverzicht ins Zentrum stellt, sondern den Gesamtzusammenhang von kollektiver Bescheidenheit, technischen Verfahren, Zwang zur Kapitalakkumulation sowie einer neuen Eigentumsordnung.<\/p>\n<p data-aside-score=\"0\">Ob der Markt oder der Plan besser geeignet ist, die notwendige \u00f6kologische Konversion der Produktions- und Lebensweise zu vollziehen, l\u00e4sst der Autor nach Abw\u00e4gung von Vor- und Nachteilen beider Prinzipien offen. Stattdessen \u00fcbt er sich mit Karl Polanyi in Bescheidenheit.<\/p>\n<p data-aside-score=\"0\">Die Alternative zum Kapitalismus m\u00fcsse sich mit dessen Definition begn\u00fcgen: \u201eSozialismus ist dem Wesen nach die einer industriellen Zivilisation innewohnende Tendenz, \u00fcber den selbstregulierenden Markt hinauszugehen, indem man ihn bewusst einer demokratischen Gesellschaft unterordnet.\u201c Das klingt \u2013 nun ja \u2013 politisch recht zahm. Aber m\u00f6glicherweise hat Zelik recht damit, dass sich Radikalit\u00e4t nicht an m\u00f6glichst weitreichenden Forderungen, sondern an den m\u00f6glichst weitreichenden Erfolgen misst.<\/p>\n<p data-aside-score=\"0\">Insgesamt wei\u00df Raul Zelik mit seiner \u00f6kosozialistischen Reformulierung des Sozialismus zu \u00fcberzeugen, f\u00fcr manches jedoch h\u00e4tte man sich eine vertiefendere Darstellung gew\u00fcnscht. Zum Beispiel f\u00fcr die Aussage, dass wir mehr arbeiten werden m\u00fcssen, wenn wir die \u00d6konomie \u00f6kologisch umgestalten wollen. Geschmackssache ist allerdings die Rahmung des Themas \u00fcber die Figur des Zombies mit ihren vielen ausf\u00fchrlichen popkulturellen Bez\u00fcgen. Wer die Serien, Filme oder Romane nicht gesehen oder gelesen hat, neigt zum \u00dcberbl\u00e4ttern.<\/p>\n<p data-aside-score=\"0\">aus: <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/sozialismus-aber-gruen\">der Freitag<\/a> 30\/2020, 23.07.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht das Individuum hat Verantwortung f\u00fcr die \u00f6kologische Umgestaltung, sondern die Gemeinschaft, sagt der Politologe Raul Zelik Vielleicht ist es alles viel einfacher als gedacht. 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