{"id":1479,"date":"2020-11-04T16:20:42","date_gmt":"2020-11-04T15:20:42","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1479"},"modified":"2020-10-27T16:23:25","modified_gmt":"2020-10-27T15:23:25","slug":"kautschuk-kakao-und-klaviertasten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1479","title":{"rendered":"Kautschuk, Kakao und Klaviertasten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Hamburger Museum der Arbeit widmet sich der deutschen Kolonialvergangenheit und ihren Folgen<\/strong><\/p>\n<p>Immer wieder sind die konkreten Beispiele f\u00fcr das Fortdauern des Rassismus der Nazis \u00fcberraschend &#8211; an Orten, wo man ihn sp\u00e4testens nach 1968 nicht sofort vermuten w\u00fcrde: an Universit\u00e4ten. So wurde bis 1997 am humanbiologischem Institut der Universit\u00e4t Hamburg eine Vorlesung mit dem Titel \u00bbRassenkunde des Menschen\u00ab abgehalten. Diese irritierende Information gibt die Ausstellung \u00bbGrenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand\u00ab im Hamburger Museum der Arbeit.<!--more--><\/p>\n<p>Die Ausstellung kommt zur richtigen Zeit. Nur wenige Monate, nachdem die Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA Kolonialdenkm\u00e4ler st\u00fcrzte und den rassistischen Normalzustand anprangerte, wartet Hamburg mit einer Ausstellung auf, die die koloniale Vergangenheit nicht nur der Hansestadt ins rechte Licht r\u00fcckt. Sie greift dar\u00fcber hinaus in die Diskussionen \u00fcber Rassismus und die Folgen kolonialer Herrschaft f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige \u00d6konomie ein. Auch der Ort k\u00f6nnte passender nicht sein. Das Museum der Arbeit befindet sich in dem Geb\u00e4ude einer ehemaligen Gummiwarenfabrik im Stadtteil Barmbek. Hamburger Unternehmen waren europaweit f\u00fchrend in der industriellen Verarbeitung von Kautschuk, tropischen \u00d6len und Fetten, Kakao und Elfenbein &#8211; und damit Hauptprofiteure des Kolonialsystems.<\/p>\n<p>Den Betrachtenden empfangen eingangs gro\u00dfe Videoleinw\u00e4nde, auf denen harmlose Alltagsszenen oder -gegenst\u00e4nde zu sehen sind. Eine U-Bahnt\u00fcr schlie\u00dft sich, man sieht Gummireifen oder den Hafen der Kaufmannsstadt Hamburg, das sogenannte Tor zur Welt. Dann &#8211; unvermittelt &#8211; Bilder von get\u00f6teten Elefanten und eine Einblendung der Lyrics von \u00bbStrange Fruits\u00ab, dem ber\u00fchmten Song, den Billie Holliday 1939 erstmals vortrug, der die Lynchmorde in den US-S\u00fcdstaaten anprangert: \u00bbSouthern trees bearing strange fruit \/ Blood on the leaves and blood at the roots \/ Black bodies swinging in the southern breeze\u00ab.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens hier wird klar: Der vermeintlich harmlose Autoreifen, das Gummi zum Abdichten der U-Bahnt\u00fcr &#8211; dies sind Produkte, die ihren Ursprung in kolonialer Ausbeutung und Zwangsarbeit haben, sie beruhen auf Leid und Tod von Menschen andernorts.<\/p>\n<p>Es geht nicht nur um Kautschuk oder die bekannten Kolonialwaren wie Kakao, Tee oder Zucker. Es geht um zahlreiche Produkte des t\u00e4glichen Bedarfs, die in der Schau in Regalen pr\u00e4sentiert werden. Ihnen allen ist gemeinsam, dass die ben\u00f6tigten Rohstoffe nicht aus Europa stammen und keine Assoziationen zur kolonialen Ausbeutung hervorrufen. Wer bringt schon einen Hartgummi-Kamm mit Plantagen in Kamerun zusammen, wer Margarine oder Christbaumkerzen mit Nigeria oder Seife mit Samoa? Wer Billardkugeln oder Klaviertasten mit zu Tausenden get\u00f6teten Elefanten und Elfenbein-Karawanen?<\/p>\n<p>All das ist keineswegs ein Ph\u00e4nomen der Vergangenheit. Damals wie heute beruht der Wohlstand des Globalen Nordens auch auf Rohstoffen und Ausbeutung des Globalen S\u00fcdens. Der Supermarkt ist gewisserma\u00dfen der neue Kolonialwarenladen.<\/p>\n<p>Die im Globalen Norden viel gehegte Hoffnung, dass in den USA und Europa Elektroautos den Verkehr klimaschonender machen, wird in der Ausstellung durch eine Weltkarte konterkariert: Auf ihr sind die Herkunftsorte der ben\u00f6tigten Rohstoffe f\u00fcr die Batterieproduktion verzeichnet. Kein einziger stammt aus Europa. Allerdings werden die gegenw\u00e4rtigen Formen der Ausbeutung eher angedeutet als detailliert aufgezeigt. Eine Ausnahme sind die Fotos von G.M.B. Akash aus Bangladesh, die Szenen aus Werkst\u00e4tten und Fabriken zeigen, in denen Kinder arbeiten.<\/p>\n<p>\u00bbGrenzenlos\u00ab legt gro\u00dfen Wert auf den Widerstand gegen den Kolonialismus. Denn obwohl wenig \u00fcber diesen bekannt ist, gab es ihn fortw\u00e4hrend. Versklavte Arbeiter*innen flohen von den Plantagen, streikten, organisierten gewaltsame Proteste und f\u00fchrten Kriege. Beispielsweise k\u00e4mpften von 1905 bis 1907 20 Gesellschaften im S\u00fcden Deutsch-Ostafrikas gegen das deutsche Kolonialreich. 75 000 bis 300 000 Menschen kamen dabei um. Die Namen dieser Widerst\u00e4ndler sind meist unbekannt, weil die kolonialen (Bild-)Archive sie nicht verraten.<\/p>\n<p>Die Schau konzentriert sich daher auf die literarische, philosophische und politische Verarbeitung dieses Widerstandes. So sind gro\u00dfe Portr\u00e4ts auf Stoffbahnen unter anderem der Schriftsteller James Baldwin, Chinua Achebe oder May Ayim zu sehen &#8211; oder vom kommunistischen Schwarzen Politiker George Padmore, der 1930 die erste Konferenz Schwarzer Arbeiter*innen in Hamburg organisierte, und von Chico Mendes, dem Gr\u00fcnder der Landarbeitergewerkschaft im Acre-Gebiet Brasiliens.<\/p>\n<p>Bewusst nicht gezeigt werden Folter- und Gewaltszenen &#8211; im Gegensatz zu Szenen kolonialer Arbeit. Wo diese Bilder h\u00e4tten sein m\u00fcssen, sieht man lediglich schwarze Fl\u00e4chen, die mit erl\u00e4uternden Bildunterschriften versehen sind. Der Grund daf\u00fcr ist nachvollziehbar: Eine erneute Dem\u00fctigung der Opfer des kolonialen Systems soll vermieden werden. Doch verliert die Ausstellung auf diese Weise an Wirkung, weil das wahre Ausma\u00df des Leids nur angedeutet wird. M\u00f6glich, dass gerade bei Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern ein emotionaler Ansto\u00df unterbleibt, der Ausgangspunkt einer tieferen Besch\u00e4ftigung mit dem Kolonialismus h\u00e4tte sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Beispiel von Abel Meeropol, des Texters und Komponisten des erw\u00e4hnten Songs \u00bbStrange Fruits\u00ab, zeigt, was Bilder bewirken k\u00f6nnen. Als er das 1930 aufgenommene Foto der Lynchmorde an den beiden Schwarzen Thomas Shipp und Abram Smith sah, lie\u00df ihn es f\u00fcr Tage nicht mehr los. In der Folge schrieb er ein Gedicht, aus dem dann der Song entstand, der zum fr\u00fchen Symbol der Anklage gegen die Ungerechtigkeit des rassistischen Systems in den USA wurde.<\/p>\n<p>\u00bbGrenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand\u00ab, Museum der Arbeit, Hamburg, bis 11. April 2021<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1143569.kolonialismus-kautschuk-kakao-und-klaviertasten.html?sstr=Speckmann\">nd \u2013 der Tag<\/a>, 27.10.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Hamburger Museum der Arbeit widmet sich der deutschen Kolonialvergangenheit und ihren Folgen Immer wieder sind die konkreten Beispiele f\u00fcr das Fortdauern des Rassismus der Nazis \u00fcberraschend &#8211; an Orten, wo man ihn sp\u00e4testens nach 1968 nicht sofort vermuten w\u00fcrde: &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1479\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Das Hamburger Museum der Arbeit widmet sich der deutschen Kolonialvergangenheit und ihren Folgen","footnotes":""},"categories":[116],"tags":[176,201],"class_list":["post-1479","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur","tag-hamburg","tag-kolonialismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1479","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1479"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1479\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1480,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1479\/revisions\/1480"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}