{"id":1481,"date":"2020-10-24T16:23:40","date_gmt":"2020-10-24T14:23:40","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1481"},"modified":"2020-10-27T16:25:53","modified_gmt":"2020-10-27T15:25:53","slug":"das-epizentrum-touristischer-dystopien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1481","title":{"rendered":"Das Epizentrum touristischer Dystopien"},"content":{"rendered":"<h2>Lois Hechenblaikners Bildband \u00fcber den Tiroler Party-Skiort Ischgl<\/h2>\n<p>Wer grenzenlose Enthemmung im Winterurlaub suchte, f\u00fcr den war Ischgl in Tirol eine der Top-Adressen. Und dann kam Corona &#8230; Eine wunderbare Alpenlandschaft, die besten Pisten und modernsten Skilifte &#8211; alles ganz nett und eine notwendige Voraussetzung, aber keineswegs ausreichend f\u00fcr hormonelle und alkoholbedingte Exzesse. Dazu braucht es das gewisse Etwas, sprich: Etablissements wie \u00bbKuhstall\u00ab, \u00bbKitzloch\u00ab oder \u00bbSchatzi Bar\u00ab, in denen der Alkohol in Str\u00f6men flie\u00dft. <!--more--><\/p>\n<p>Gelockt werden die G\u00e4ste schon mal mit Plakaten, auf denen zur Jagd auf leicht bekleidete \u00bbSchihaserl\u00ab geblasen wird. Sind die Urlauber erst einmal auf Betriebstemperatur, k\u00f6nnen sie ordentlich gemolken werden. Die Rechnung f\u00fcr den Champagner kann sich bei den neureichen Besuchern aus ganz Europa durchaus auf mehrere Tausend Euro belaufen.<\/p>\n<p>Bis in die 1960er Jahre waren die Bewohner des Paznaun im Westen \u00d6sterreichs, wo Ischgl liegt, bettelarm. 100 Jahre zuvor hatten sie noch ihre Kinder als Billigarbeiter in den S\u00fcden Deutschlands geschickt. Dort hatten sie zumindest einmal am Tag eine warme Mahlzeit. Als Mitte der 60er Jahre mit dem ersten Skilift der Grundstein f\u00fcr den Massentourismus gelegt wurde, werden die Bauern nicht geahnt haben, welches Schreckensausma\u00df dieser in ihrem Dorf einmal annehmen w\u00fcrde. Sie erhofften sich durch den Tourismus einen Weg aus der Armut. Das ging in Erf\u00fcllung. 250 Millionen Euro Umsatz werden heute in Ischgl j\u00e4hrlich gemacht. 1,4 Millionen \u00dcbernachtungen z\u00e4hlt das Dorf mit seinen nur 1600 Einwohnern.<\/p>\n<p>Lois Hechenblaikner, 1958 in der N\u00e4he von Ischgl geboren, hat die \u00bbDisneylandisierung\u00ab seiner Heimat, die damit einhergehende \u00bbschrankenlose Industrialisierung\u00ab der Berge selbst erlebt und fotografisch dokumentiert. Sein j\u00fcngstes Buch \u00bbIschgl\u00ab versammelt eine Auswahl aus 26 Jahren und rund 9000 Fotos. Es zeigt, wie aus dem ehemaligen Bergbauerndorf eine \u00bbPartnergemeinde von Sodom und Gomorrha\u00ab, ein \u00bbalpiner Ballermann\u00ab werden konnte.<\/p>\n<p>Es sind Bilder voller enthemmter, feucht-fr\u00f6hlicher Partyszenen. Es werden Trinkspiele veranstaltet, mit Bier und Sekt herumgespritzt und T\u00e4nzerinnen begrapscht. Hechenblaikner hat Bilder von Alkoholleichen ausgesucht, von jeder Menge Partym\u00fcll und von Massenevents. Auf manchen seiner Fotos tragen M\u00e4nner Dildos in der Hand und leben ihre Vergewaltigungsfantasien an einer Sexpuppe aus. M\u00e4nnergruppen haben sich einheitlich gekleidet &#8211; mit T-Shirt-Aufschriften wie \u00bbFotzen Ischgl Wo\u00ab, \u00bbSkiing and Beer &#8211; Thats why Im here\u00ab oder \u00bbBei Orientierungslosigkeit bitte abliefern in Pension Bergfrieden\u00ab.<\/p>\n<p>Diese Bilder irritieren, aber der Fotograf f\u00fchrt die Personen nicht vor, er dokumentiert, und man kann sogar so etwas wie Entfremdungskritik herauslesen. Menschen, die diese Art Urlaub n\u00f6tig haben, scheint offensichtlich etwas Essenzielles zu fehlen. Treffend ist es daher, dass Stefan Gm\u00fcnder in seinem Nachwort aus Hans Magnus Enzensbergers \u00bbTheorie des Tourismus\u00ab zitiert: \u00bbDer Tourismus, ersonnen, um seine Anh\u00e4nger von der Gesellschaft zu erl\u00f6sen, nahm sie auf die Reise mit. Von den Gesichtern ihrer Nachbarn lasen die Teilnehmer fortan ab, was zu vergessen ihre Absicht war. In dem, was mitfuhr, spiegelte sich, was man zur\u00fcckgelassen hatte.\u00ab<\/p>\n<p>G\u00fcnther Aloys, Hotelier aus Ischgl und gesegnet mit dem Talent, die Apr\u00e8s-Ski-Unkultur auf griffige Formeln zu bringen (die Manager sollten mit dem Penis denken), charakterisierte den \u00bbneuen Gast\u00ab einmal als \u00bbeitlen, k\u00f6rperbewussten, ungehorsamen, sch\u00f6nheitsfanatischen Egoisten\u00ab. Aus seiner Vision, Ischgl zu einem \u00bbEpizentrum touristischer Utopien\u00ab zu machen, ist eine Dystopie geworden &#8211; und nicht erst seit Corona, als Ischgl zur Drehscheibe der Verbreitung des Sars-CoV-2-Virus wurde.<\/p>\n<p>Gelegentlich setzt Hechenblaikner auch andere Akzente. Doppelseitige Bilder von Skifahrern auf der Piste zeigen die Sch\u00f6nheit der winterlichen alpinen Bergwelt. Das ist wohltuend angesichts der massiven Traurigkeit, die die meisten hier versammelten Bilder vermitteln. Doch nat\u00fcrlich weist der Fotograf umgehend auf die Schattenseite dieses Skivergn\u00fcgens hin: Man sieht Bagger, die die Landschaft dem Skisport gem\u00e4\u00df zurichten.<\/p>\n<p>\u00bbRelax. If you can\u00ab &#8211; dieser offizielle Slogan, mit dem Ischgl wirbt, wirkt wie ein Warnruf. Die Gemeinde versuchte bereits vor Corona umzusteuern, wegzukommen vom exzessiven Massentourismus. Ob es ihr gelingt, bleibt abzuwarten. 250 Millionen Euro Jahresumsatz &#8211; da d\u00fcrften die Widerst\u00e4nde erheblich sein.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1142954.beilage-zur-buchmesse-frankfurt-main-das-epizentrum-touristischer-dystopien.html?sstr=Speckmann\">nd \u2013 der Tag<\/a>, 13.10.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lois Hechenblaikners Bildband \u00fcber den Tiroler Party-Skiort Ischgl Wer grenzenlose Enthemmung im Winterurlaub suchte, f\u00fcr den war Ischgl in Tirol eine der Top-Adressen. 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